kay.kloetzer

robinson

13.08.2011 | 00:48

Phantomschmerz

Aus gegebenem Anlass und bevor ich aus Versehen "Lanz kocht" schaue oder "Unter uns", denke ich: Siehste! Vor 50 Jahren kam meine Mutter mit ihren Eltern am 13. August gerade von der Ostsee heim, und sie fuhren wie gewohnt seitlich an Berlin vorbei.  Vor 22 Jahren habe ich an der Ostsee die ersten Neonazis erlebt. In diesem Jahr war ich wieder an der Ostsee. Immer der gleiche Ort. 1961 - 1989 -2011. Immer der gleiche Ort. Ist das Freiheit?

Denke ich und benutze eine Errungenschaft, ein Freiheits-Vehikel: google.de. Ich tippe: osten. Und ernte freie Vorwahl:
ostende
ostentativ
ostendorf
ostende leipzig
ostenil

Das überrascht. Ich habe mit
ostdeutsch
ostalgie
und ostprodukte gerechnet.

Also Gegentest westen:
westend leipzig
westend
westendorf
westen
westend sport plauen

Das ist interessant, irgendetwas trennt die Klischees voneinander. Also tippe ich mauer:
mauersegler
mauerfall
mauerbau
mauersberger
mauerpark

Ich fühle mich unverstanden und unterrepräsentiert und lehne alle Angebote ab und entere meinungslos:

1. "Der Osten ist die in Richtung der Erdrotation verlaufende Himmelsrichtung und wird kulturhistorisch mit dem Sonnenaufgang assoziiert." Danke,Wikipedia! So entspannt habe ich das noch nie gesehen.

2. Die Firma "superdry" bietet Westen an von S bis XL in Schwarz und Rot und: Grün! So steht es also um's Gold: Es kupfert stark vor sich hin und träumt von gestern. 

3. Die Gemeinde Mauer lädt "herzlich" zum "Rundgang mit dem Bürgermeister". Am 13. August, 15 Uhr ab Rathausplatz. Es gibt "Informationen zu allen Themen, die unsere Gemeinde betreffen", und hintenraus wird  "im Bauhof für das leibliche Wohl gesorgt".

Da ist schon viel Schönes dabei, noch immer aber fühle ich mich nicht gemeint und folge dem google-Vorschlag "ostenil" nun doch. Weil es nach Osten klingt und nach senil, mithin irgendwie nach Angst. Dem stelle ich mich, seit meine Therapeutin gesagt hat, eine schwere Kindheit könne auch einfach nur eine leichte Macke sein. Und ich lese: Ostenil enthält 20 mg Hyaluronsäure. Und weiter: "Mit OSTENIL kommt die Hyaluronsäure dort hin, wo sie benötigt wird." Und wo wird sie benötigt? In dem Gelenkspalt "!"

Ich weiß nicht genau, was ein Gelenkspalt ist, aber ich assoziiere: Wirbelsäule - Hexenschuss - Rückgrat. Und Rückgrat hat seit '89 der eine oder andere als, nun ja, Phantomschmerz.  

 

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.08.2011 um 01:01
Ich meine, der Blogger Poor on Ruhr oder so hat heute einen Genesungswunsch an eine Bloggerin aus dem Osten gerichtet. Wegen Hexenschuss.
Es gibt übrigens ein altes Lied von Herwig Mitteregger, "Immer Mehr", "und der Wind weht wieder übers Meer." So heißt es dort.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.08.2011 um 01:03
Ganz guter Beitrag übrigens.
kay.kloetzer schrieb am 13.08.2011 um 01:06
ja, poor hat sich um magda gesorgt. das hat aber nix mit dem osten zu tun sondern mit dem rücken.
der song ist voll 80er. wunderbar.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.08.2011 um 01:14
Warum hat das "nix mit dem osten" zu tun? Die Hälfte meiner familie mußte dort Buckeln und geschlichen herumlaufen, sich ducken. (Psychosomatische) Rückenbeschwerden wurden im Osten damals oft nicht wahrgenommen, außer von ehemaliligen russischen Ärzten.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.08.2011 um 01:17
Sie reden so kurz angebunden, wie manche Leute mit Fremden.
kay.kloetzer schrieb am 13.08.2011 um 01:27
naja, ich will jetzt nicht magdas hexenschuss deuten, aber es war nicht mein erster gedanke, dass sie da jetzt DDR-opfer ist.
interessant, dass Sie die russischen ärzte erwähnen. das war doch ein phänomen: dass aus dem reich der gewissheit das fußvolk der spürnasen kam. markus wolfs letzte frau war russische heilerin. mit bäume umarmen und allem.
kay.kloetzer schrieb am 13.08.2011 um 01:30
liebe zimmerfrau, zum kurzangebundenem: Sie haben mich noch nicht sprechen gehört. ich habe erst mit sechs jahren sprechen gelernt, nach dem schreiben. ich habe immer das Gefühl, man kann es auch schneller sagen. oder eben kürzer.
apatit schrieb am 13.08.2011 um 09:32
kay.kloetzer... Auch Atheisten haben manchmal ihr Kreuz zu tragen. Und in dienen Land immer mehr, sag ich mal so. Stichwort Markus Wolf, habe ich alle Bücher und von dessen Vater Friedrich auch fast alle. Wussten Sie, dass Markus Wolf seinen Vater einen kleinen Hund namens “Bummi“ schenkte? Der Hund erscheint als Titel und Held von Tiergeschichten. Später erhält die beliebte Kinderzeitschrift für Vorschulkinder der DDR seinen Namen. (Die hab ich auch gelesen, bei manchen macht mich das heute verdächtig)
apatit schrieb am 13.08.2011 um 09:42
“Wir haben in diesen letzten Wochen unsere Sprachlosigkeit überwunden und sind jetzt dabei, den aufrechten Gang zu erlernen!“
– Stefan Heym auf der Demonstration am 4. November 1989. Und heute, wie viele laufen heute krumm und bucklig und kommt man in dessen Nähe riechen sie alt und muffig unter den Talaren!
… Ein toller gesellschaftlicher Fortschritt da bekomme ich Phantomschmerzen ...
Magda schrieb am 13.08.2011 um 11:27
kay.kloetzer - "naja, ich will jetzt nicht magdas hexenschuss deuten, aber es war nicht mein erster gedanke, dass sie da jetzt DDR-opfer ist."

Es ist ein Elend, dass ich nicht Dein erster Gedanke bin. :-((

Da gibs auch nichts zu deuten. Ich denke, der Hexenschuss ist eine Folge des aufrechten Ganges, als des Bückens - rein anatomisch betrachtet. Kostet halt manchmal was, der aufrechte Gang.
Magda schrieb am 13.08.2011 um 11:30
@ zimmerfrau - Sie haben die "Die-da-drüben"- Krankheit.
Gucken Sie mal auf den eigenen Rücken, das rückt dann einiges wieder gerade, was vorher krumm war.
Matto schrieb am 13.08.2011 um 21:16
@Zimmerfrau,

Sie scheinen Ihre Umwelt nicht wahr zu nehmen, sonst müßten Sie wissen, dass die Rückenbeschwerden enorm zugenommen haben!!
Gerade in diesem Systenm muss noch mehr geschlichen und gebuckelt werden. Jeder hat sogar wieder seine eigene Nische. Es hat sich nicht geändert, ganz im Gegenteil. Die sowjetischen Ärzte sind weg, dafür werden wir aber von den deutschen Ärzten und Krankenkassen geschröpft. Die Reichen können sich die Schmerzen behandeln lassen, die Armen müssen sie ertragen.
archinaut schrieb am 13.08.2011 um 01:40
Liebe kay,

wie schön, dass Du nicht "Lanz kocht" oder ähnlich nahrhafte Aufgüsse angesehen hast, so kommen wir in den Genuss Deiner Forschungen....
wer weiß, vielleicht findest Du bei google
auch mal was gegen Haarspalt...

"Immer der gleiche Ort"
ist bestimmt ein besonders schöner Ort.....

Herzlichst
archie
kay.kloetzer schrieb am 13.08.2011 um 01:50
lieber archie,
es ist prerow, und hiddensee ist es auch, und nicht erst wenn der schweizer franke so viel wert ist wie ein pfund, randaliere ich vor dem hauptmannhaus auf hiddensee, weil sie drei klarinetten-trios einladen und nicht christoph hein (der neue roman ist der hammer!), und weil meine zeitgenossen meine zeit verraten ...
archinaut schrieb am 13.08.2011 um 02:16
Pass gut auf Dich auf, liebe kay.k.,
auf Randale reagieren Zeitgenossen ungenießbar
(vielleicht noch nicht auf Hiddensee?)

Für Christoph Hein muss ich mir'n Knoten in's Taschentuch binden....
jayne schrieb am 13.08.2011 um 09:34
... die Gemeinde Mauer, weit ab von "der Mauer", unverdächtig also, wenn der ansässige Bauhof einlädt, zum 13. August, und weder Freimaurer noch solche mit Dienstausweis zu erwarten ... - schöner Text, und insbesondere auch die Sache mit dem Rückgrat ...
Magda schrieb am 13.08.2011 um 11:23
Osten - Achja, ex oriente lux.
Phantomschmerz - ach, wenns das wäre, obwohl der auch sehr peinvoll sein soll.
Mich schmerzt die Gegenwart mehr als die Vergangenheit. Und wenn ich das sage, meinen einige, das läge an der Vergangenheit. Seltsam, wa?

Zum Hexenschuss - der ist eine Verschleißerscheinung - tritt alle paar Jahre mal auf und dann wieder ab und hat mich noch nie zu tiefenpsychologischen Überlegungen veranlasst.
Lee Berthine schrieb am 13.08.2011 um 14:07
Mir gefällt die Assoziation von Rückgrat und Phantomschmerz im letzten Satz sehr gut:

"Und Rückgrat hat seit '89 der eine oder andere als, nun ja, Phantomschmerz.

Allerdings verstehe ich nicht ganz, warum der Schmerz erst seit 1989 bestehen sollte.
Was aber wiederum daran liegen kann, dass ich in "Westdeutschland" aufgewachsen bin, meine Eltern und Großeltern jedoch in "Ostdeutschland" wurzeln.

Mir schmerzte der Rücken meist dann, wenn ich unbewusst gegen meine ureigenen Interessen handelte, also Dinge tat, (politisch oder einfach alltäglich), die ich "eigentlich" nicht tun wollte.
Lee Berthine schrieb am 13.08.2011 um 14:09
"Und Rückgrat hat seit '89 der eine oder andere als, nun ja, Phantomschmerz. "

...da hat das Endungs-Anführungszeichen oben gefehlt...
paulart schrieb am 13.08.2011 um 15:11
Also, kay.kloetzer,
ich finde, Ihnen ist ein sehr gelungener Text aus der Feder geflossen. Kompliment! Mit feiner Ironie, gar nicht larmoyant und übergangslos von Ost bis West und Nord bis Süd!

Wie gekonnt - "ich habe Rücken" in eine Verstümmelung der eigenen Gesinnung umzuwandeln, ohne anklagend mit dem Finger "auf die" zu zeigen. Gekonnt!

Ich habe den Text gern gelesen. Besonders heute, am 13. August.
kay.kloetzer schrieb am 13.08.2011 um 16:08
Nachtrag, soeben aus Berlin gekabelt:

Heute, Punkt 12, in der U8 am Bahnhof Rosenthaler Platz sagt eine U-Bahnfahrerin über Lautsprecher in den Waggons: "Wir halten eine Gedenkminute für die Opfer des Mauerfalls!".
Bei so viel Gedenken kann man schon mal durcheinanderkommen.
paulart schrieb am 13.08.2011 um 17:37
Oder hat die Untergrund-Fahrerin an Modrow, Krenz und Konsorten gedacht?
Ich bin auch - als Fußgänger - eine Minute stehen geblieben. Dadurch kam es zu einem Stau auf dem Bürgersteig.
apatit schrieb am 13.08.2011 um 20:12
goedzak schrieb am 13.08.2011 um 21:32
Um genau 11:52 h habe ich heute die Gartendusche meines Urlaubsquartiers betreten, mit rundum befeuchtet, eingeseift und abgeduscht. Pünktlich um 12:00 h stellte ich - ohne dazu extra aufgefordert werden zu müssen - die Dusche ab.

Dann begann ich mit bedächtigen Bewegungen das Abfrottieren meines Körpers. Ich zwang mich aus Gründen der Besinnlichkeit dabei ohne Hast vorzugehen, obwohl es recht kühl war (wie gesagt, Gartendusche!)

Um 12:01 h war dies beendet und ich kleidete mich an (nicht im Garten).
Lee Berthine schrieb am 14.08.2011 um 12:46
"Wir halten eine Gedenkminute für die Opfer des Mauerfalls!".

Stelle mir gerade bildlich vor, wie beim Abriss der Mauer einige unter dem Schutt begraben wurden - wie gemein.

Anlässlich der Ereignisse vor 50 Jahren zeigten einige TV-Sender Dokumentationen, unter anderem auch über die jungen Leute, meist junge Männer, die bei Fluchtversuchen direkt an der Grenze erschossen wurden.
Das ging mir doch immer noch ganz schön nahe und es zeigt ganz deutlich, dass es sinnvoll sein kann, einige Anordnungen oder "Befehle" zu hinterfragen.

Auch heute noch gibt es Denkverbote und Leute, die sich daran halten.
kay.kloetzer
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