kay.kloetzer

robinson

26.03.2010 | 21:20

Prekäre Dramatisierung

Sascha Hawemann bringt Clemens Meyers Erzählungsband "Die Nacht, die Lichter" auf die Bühne des Leipziger Centraltheaters. Zur Uraufführung am 25.März jubelt auch der Autor. Wie prekär kann eine Inszenierung der Wirklichkeit sein, ohne den Text zu verraten? Oder das Theater?

Die Leipziger sind stolze Bürger. Und wenn bei ihnen ein Buchpreisträger lebt, dann ist es ziemlich egal, ob er unter Sakko und Hemd Tattoos trägt. Dann ist er ihr Held. Dabei: Dieser Clemens Meyer, Jahrgang 1977, hat es wirklich drauf. Er steht mit seinen Bildern auf dem Arm am Tresen, bis der Wirt aufgibt. Er liest gefühlt 50 Mal auf der Leipziger Buchmesse - und die Menschen hören ihm zu. Lächeln über seine rabiate Art, sich dem Ruhm entziehen zu wollen, mehr noch den Vorurteilen. Auch sein jüngstes Buch, "Gewalten", es könnte sein bisher bestes sein, ist eine Auseinandersetzung mit Lebensumständen, die mal mehr, mal weniger endgültig aus der Bahn werfen. Auseinandersetzungen sind bei Meyer Kampf.

Und so sind seine Stories "Die Nacht, die Lichter" (2008) ein Gefecht mit eben jenen: der Nacht, den Lichtern. Nach Armin Petras' Inszenierung des Romandebüts "Als wir träumten" bringt nun Sascha Hawemann diese preisgekrönten Prosa auf die Bühne. Fünf der sechzehn Geschichten haben Hawemann und Dramaturg Johannes Kirsten ausgewählt. Der so genannte Rand der Gesellschaft bricht ein in die Stadt, deren Ränder die ihrer Narben sind.

Die Bühne erinnert eine Häuserfront, weit hineingeschoben in den Zuschauerraum. Droben eine Leuchtschrift simuliert Welt. Hinter Individualität markierenden Vorhängen verbergen sich drei identische Zimmer, karge Zellen, in einer ein Kühlschrank. Im Raum steht ein Mann, aus seinen Taschen quellen Bierflaschen. Das Arbeitsamt heißt jetzt Jobcenterprüfstelle, jammert er, und wühlt aus seinem Briefkasten Post von Wolfgang, aus Kuba. Ein Licht vielleicht in der Nacht. Dann schreibt er aus Brasilien, zu Geld gekommen sei er. An Erinnerungen aber hängt er. Und so zelebriert jeder auf seine Weise das Warten und träumt von seiner Chance, noch einmal davon zu kommen. Raus aus dem Osten, raus aus der Tristesse, raus aus einem Kreislauf zwischen Hoffen und Aufgeben. Aber niemals raus aus dem Traum.

Das heißt: Bei Meyer träumen sie. Auf der Bühne aber schreien sie ihre Einsamkeit gegen Pressspanplatten, zappeln, zittern, stammeln. Ihre Verzweiflung bleibt körperlich. Was der Autor offen lässt - seine Geschichten schleichen sich mit Andeutungen in den Kopf und verzweigen sich dort in Möglichkeiten -, das deckt die Regie hier zu. Weil die Figuren viel zu besoffen, viel zu überdreht, viel zu einschichtig agieren. Das schleift ihnen die Kanten, die sie bräuchten, um etwas von der Ausweglosigkeit zu zeigen. Fünf Männer und eine Frau teilen sich in die Rollen, in ihrer oft hautfarbenen Wäsche stehen sie nackt und austauschbar. Während Meyers Figuren vor allem Verlorene sind, leuchtet Hawemann einen Käfig voller Verlierer aus.

Vielleicht liegt das Grundproblem im Text. Die fünf Prosastücke bleiben fünf Prosastücke. Manches funktioniert dialogisch, zu viel wird von den Protagonisten erzählt. Da wird beschrieben, was auch zu sehen ist. Oder wird behauptet, was in den Köpfen passiert. Das Unausgesprochene aber darf nicht mitspielen.

Mal ist es der hüftkranke Hund Piet, der (mit)spricht und hechelnd daneben sitzt, wenn Rolf versucht, beim Pferdewetten Geld für die teure Operation zu gewinnen. Albern. Dann teilen sich Mann und Frau, die sich im Restaurant von zwei Seiten – der hoffenden und der wissenden - dem Abschied nähern, eine Abschiedszigarette. Eine sehr schöne, poetische Szene ergibt das, die Sentiment erkauft, indem sie den Text verrät. Darin nämlich gibt der Mann ihr nach kurzem Zögern seine Zigarette nicht, sondern hält ihr die Schachtel hin. So bleibt oft das Gefühl, Meyer habe etwas anderes malen wollen, als hier abfotografiert wird.

Die Zuständlichkeit ist es, die, durch die Inszenierung illustriert, zwischenzeitlich ermüdet. Trotz weiterer sinnlicher Bilder immer dann, wenn Besinnung Raum greift,die Figuren zur Ruhe kommen, um ihre Worte und Gesten aus dem Innersten zu entwickeln. Vor allem Andreas Keller gewinnt an Tiefe, wenn er als Stammgast oder Boxer oder Tunte seinen Figuren jene Tragik auflädt, die sie ja glaubwürdig macht. Auch Anna Blomeier gelingen diese Momente.

Wirklich uneingeschränkt berühren Auftakt und Abgesang. Zunächst: Ein Bär, halb braun, halb weiß, mit einem Gotcha-Treffer-Fleck am Hintern, schaut von ganz vorn an der Rampe lange und stumm ins Publikum. Stark und melancholisch. Sein Blick bereitet vor auf das, was da kommen könnte. Am Ende dann überschneiden sich die Texte, werden so Bezüge hergestellt zwischen den Geschichten, wird deutlich, wie alles zusammenhängt, ohne sich zu berühren. Und wie andererseits Haut an Haut liegen, die sich nicht zu wärmen vermögen. Dann lädt der Bär ohne Fell all die Außenseiter auf Gabelstapler, und sie fahren in die Nacht.

Nach gut zwei Stunden gibt es langen Applaus für die Schauspieler und Jubel des Autors, unter dessen Sitz eine leere Flasche Whisky zurückbleibt. Mit zwei Gläsern. Darin ein Rest Wirklichkeit.

 

mit Anna Blomeier, Martin Brauer, Edgar Eckert, Manuel Harder, Andreas Keller, Hagen Oechel

Regie: Sascha Hawemann

Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Hildegard Altmeyer
Licht: Carsten Rüger
Dramaturgie: Johannes Kirsten

www.schauspiel-leipzig.de

Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter. Stories. Fischer Verlag, 265 Seiten, 9.95 Euro

 

 

 
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Kommentare
Magda schrieb am 26.03.2010 um 21:36
"Was der Autor offen lässt - seine Geschichten schleichen sich mit Andeutungen in den Kopf und verzweigen sich dort in Möglichkeiten -, das deckt die Regie hier zu."

Das ist sehr einleuchtend. Aber ist sicherlich oft ein Problem bei solchen Umsetzungen.

Und der Autor hat wirklich Whisky getrunken? Na, der war sicherlich auch aufgeregt. Aber, Sitten sind das. Also wirklich. Ach nee, Wirklichkeit...
:-))
kay.kloetzer schrieb am 26.03.2010 um 21:43
Und Sekt, liebe Magda. Bei Bier hätten sicher nicht alle Flaschen unter den Sitz gepasst. Aber ich verstehe ihn auch. Und aufgeregt war er ganz gewiss, der ist ja nicht abgebrüht oder so, sondern ein sehr normaler Mitmensch. So unsicher, wie er sich dann verbeugt hat - da hätte ich ihm am liebsten sofort einen Schal gestrickt. Zum drin verstecken.
liebe Grüße
luggi schrieb am 26.03.2010 um 22:00
kay, für viele Dinge, die du ansprichst, brauche ich nicht in ein Theater zu gehen. Das habe ich live, und echt, und dramatisch. Ich wohne in einem sozialen Brennpunkt. Der Bär ist ein Obdachloser, der täglich stumm um Menschlichkeit bettelt. Er ist nicht der einzige. Einsamkeit macht krank und stumpf. Zur Deckelung gibt's dann soziale Hilfswerke, Hauptsache, ihr muckt nicht auf.
Theater bei mir ist dann mehr Schwanensee oder anderes im KuKo Rosenheim, oder Bauernschwänke, oder...
kay.kloetzer schrieb am 26.03.2010 um 22:10
Lieber Luggi,
das finde ich auch schade, dass die inszenierung nicht über das hinausgeht, was wir wissen. Oder sehen. Meyers Erzählungen sind aber mehr als ein Abziehbild der Wirklichkeit. Er benutzt weder die Menschen am so genannten Rand der Gesellschaft (für ihn ist es die Mitte)noch bleibt er da stehen, wo's weh tut. Die Idee, das auf die Bühne zu bringen, finde ich gut. Dramaturg und Regisseur haben es nur nicht so vermocht, dass etwas Neues daraus entsteht, etwas, das eben darüber hinausgeht ... Also wenn ein Schauspieler in mir überraschend etwas auslöst - ein Gefühl oder einen Gedanken,gern auch zwei, dann würde sich für mich schon erfüllen, was ich imMoment vom Theater erwarte. Das ist natürlich nicht mehr sehr viel.
herzlich
kk
luggi schrieb am 26.03.2010 um 22:31
Liebe Kay,
mit Wehmut denke ich an die Situation in den Theatern kurz vor ilewen-nein-89. Schatrow habe ich gesehen, und Magdeburg auch einige interessante Aufführungen. Danach hatte ich Theater mit dem wirklichen Leben. Du hast recht, Theater ist Abbild oder Abziehbild, aber auch ein Bild benötigt die künstlerische Hand.
kay.kloetzer schrieb am 26.03.2010 um 22:39
Ich wäre auch lieber nur gestrig als ewiggestrig, wenn ich mir so etwas zurückwünsche. Es kann doch nicht sein, dass es die Themen nicht mehr gibt und auch nicht, dass es die Künstler nicht mehr gibt. Selbst das Publikum ist noch da. Wem genau wird wohl nicht mehr vertraut? Oder trauen wir selbst uns nicht mehr über den Weg? Vielleicht habe ich einfach Pech mit Leipzig im Moment. In Berlin sah ich vor einem Jahr einen sehr guten Richard III, Bekannte waren neulich von Onkel Wanja dort sehr angetan.
liebe grüße
archinaut schrieb am 27.03.2010 um 10:12
"Auf der Bühne aber schreien sie ihre Einsamkeit gegen Pressspanplatten, zappeln, zittern, stammeln. Ihre Verzweiflung bleibt körperlich." - das klingt, als ob das Klischhee vom artikulationsunfähigen Prekariat genährt werden soll, schade eigentlich, Meyer selbst ist ja wohl auch ein geeignetes Gegenbeispiel.

Ich muss endlich mal was von ihm lesen, glaube ich, der Freitag-Artikel neulich hatte mich schon sehr neugierig gemacht.
kay.kloetzer schrieb am 27.03.2010 um 12:40
meine ersten begegnungen mit meyers büchern waren gar nicht so von begeisterung begleitet, das hat sich erst mit der zeit ergeben, so richtig eigentlich erst jetzt mit "gewalten", einer art tagebuch des jahres 2009. und nun kann ich auch in seinen älteren texten mehr für mich finden. wahrscheinlich musste ich ihn erst von dem bild lösen, das die öffentlichkeit für ihn erfunden hat. (woran er freilich nicht ganz unbeteiligt war)
es gibt ja schon petras' inszenierung "als wir träumten", gemeinsam mit dem gorki-theater. da finde ich das text-auf-bühne-bring-problem besser gelöst.
herzlich
kk
archinaut schrieb am 27.03.2010 um 20:24
Liebe herzliche kk,

vielen Dank für den Lesetip, was Du über das öffentliche Bild von Meyer sagst.macht mich jetzt erst recht neugierig..... die PR-Schubladen der Verlage etc. sind wirklich manchmal hinderlich, eine eigeneb Zugang zu finden.

Vielen Dank und herzliche Grüße nach Leipzig
sendet archie
kay.kloetzer schrieb am 28.03.2010 um 10:31
ich weiß nicht, ob der verlag in diesem fall beteiligt ist. mir scheint, dieses proleten-image, das er hat (oder hatte) hat ihn interessant gemacht: der junge von der schiefen bahn, der aber schreiben kann und uns (dem Publikum) mal so richtig die unterschichten zeigt. so einfach ist das natürlich nicht. Anfangs hat er ironisch damit gespielt, hat auch falsche fährten gelegt,um erwartungen zu bedienen und dann zu schauen, wie das klischee sich bahn bricht. eigentlich verweigert er sich, noch immer. tut dies aber so, dass es wie eine offenbarung aussieht.
liebe grüße
kay.kloetzer schrieb am 28.03.2010 um 10:39
ich weiß nicht, archie, ob der verlag in diesem fall beteiligt ist. mir scheint, dieses proleten-image, das er hat (oder hatte) hat ihn interessant gemacht: der junge von der schiefen bahn, der aber schreiben kann und uns (dem Publikum) mal so richtig die unterschichten zeigt. so einfach ist das natürlich nicht. Anfangs hat er ironisch damit gespielt, hat auch falsche fährten gelegt,um erwartungen zu bedienen und dann zu schauen, wie das klischee sich bahn bricht. eigentlich verweigert er sich, noch immer. tut dies aber so, dass es wie eine offenbarung aussieht.
liebe grüße
archinaut schrieb am 28.03.2010 um 18:38
Liebe kk,
die Kritiker geben sich ja fasziniert vom "wahren Stoff Leben", wie auch die aktuelle Hegemann/Airen-Medienpräsenz zeigt, da ist es für einen Autor gewiss wichtig, etwas ironische Distanz zum Außenbild zu bewahren...

Herzliche Grüße in die Heldenstadt :-))
kay.kloetzer schrieb am 28.03.2010 um 18:45
Und hier noch ein Satz, lieber Archie, zu dem Erich Loest sich in der aktuellen "ZEIT" hinreißen lässt, ,natürlich nur auf den Sachsen-Seiten:
"Im Umfeld der Eisenbahnstraße lehnen Drogendealer in den Hausfluren, dort wuchert, was man Szene nennt, dort wohnt Clemens Meyer, der aus dem Zille- und Biberkopf-Milieu seine Stoffe saugt und zu wüsten, preiswürdigen Erzählungen verdichtet, feilt, ziseliert. Der Mann lebt gefährlich, zu starke Nähe zum Stoff zehrt, schlaucht, und er weiß es."
liebe grüße
(sollte auch dieser Kommentar doppelt,vielleicht sogar deifach erscheinen, bitte ich schon jetzt um Verzeihung. Seit den Wartungsarbeiten gestern ist hier nicht mehr alles, wie es war. Und manches, wie es vor Monaten mal war)
archinaut schrieb am 30.03.2010 um 01:56
.... machismo à la saxe...?

Deine Kommentare lese ich übrigens
auch doppelt gern:-))
goedzak schrieb am 01.04.2010 um 17:08
kay.kloetzer
meer ist mehr
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