kay.kloetzer

robinson

13.02.2011 | 00:08

Reiz ist geil

Irgendwo im Grundgesetzes versteckt sich der Artikel (08)15. Er regelt das Spaßgewerbe. Der Humor der Deutschen ist unverzichtbar, heißt es da. Und: Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Rücksicht auf Verluste auf die (eigenen) Schenkel zu klopfen. Zudem: Alle Spaßmacher genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet. Das erklärt natürlich eine Menge. Zum Beispiel, warum Amnesty International keine Handhabe hat gegen den Freitagabend bei RTL oder Sat.1. Und auch nicht gegen den MDR-Samstag

Mit Komödien ist es wie mit den Kabaretts ist es wie mit den Theatern ist es wie mit den Verhältnissen: die waren auch mal besser. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Zwei Premieren in Leipzig illustrieren das Dilemma und zeigen: Wo Vertrauen in die Kunst fehlt, wird der vermeintliche Teufel mit dem Beelzebub gejagt, Humor verlacht.

Im Kabarett Academixer ist es der neue künstlerische Leiter Frank Voigtmann, der neue Zuschauer ins bisher durchaus erfolgreiche Haus holen will, ihm allerdings einen Bärendienst erweist, wenn er das Rad zurückdreht. „Staatsratsvorsitzende küsst man nicht“ heißt die Neuinszenierung (Dominik Paetzholdt) eines Programms der Berliner Distel, Textbuch: Martin Maier-Bode.

Die Grundidee ist witzig, aber 20 Jahre zu spät und rasch ausgereizt: Was wäre passiert, wenn 1990 die Bundesrepublik der DDR beigetreten wäre. Dann müssen die drei Gast-Protagonisten ganz lustig FDJ-Hemden tragen und die beiden Musiker Pionierhalstücher. Im Parkett werden Wink-Elemente verteilt und Sprechchöre geübt. Das „Lied von der Arbeitereinheitsfront“ geht auf in „A La La La La Long“.

Ironie muss leider draußen bleiben. Logik auch. Im bunten Durcheinander spielen die Szenen mal im Osten (wie er 1970 war), mal im Westen (von heute). Die Figuren bleiben farblose „Genossen“ und „Jugendfreunde“, was sie zu sagen haben, unterscheidet sich von den Erkenntnissen der 90er Jahre nur durch den Bart, der inzwischen auf den Boden reicht. „Wir surfen nicht im Internet, sondern brettsegeln im Zwischennetz“.

Text wie Regie setzen Figuren der Gegenwart (Gundula Gause) in das Szenario von damals (Aktuelle Kamera). Und behaupten es umgekehrt (Margot Honecker in einer Kochshow). Doch sie entwickeln daraus nichts bis wenig. Einen der Tiefpunkte erreicht das Programm beim La-Ola-Training: „Das ist doch keine Welle, das ist eine Westerwelle.“ Das Kabarett, es muss nicht neu erfunden werden, schon gar nicht in den Grenzen der Comedy: Reiz ist geil.

Dass die Zuschauer darüber lachen wie auch über die Stichwörter „Milchgeldkassierer“, „Aufbauhelfer West“ und „Ich krieg ne Latte (macchiato)“ lässt sich durchaus als Verzweiflung deuten. Zwei Nummern allerdings korrespondieren mit dem Academixer-Niveau, dann überzeugen Stefan Bergel und Thorsten Giese auch spielerisch. Ansonsten aber, die Dritte im Bunde ist Angela Schlabinger, schlägt in zwei Erklär-Kabarett-Stunden Hysterie Historie und das eine oder andere Schlager-Medley jedem Fass den Boden aus („Erich hat euch lieb“).

Natürlich kann nicht jedes Programm ein großer Wurf sein, woran dieses krankt, sind grundsätzliche Missverständnisse: Was in der Berliner Distel vorgekocht wird, müsse auch den Leipzigern schmecken. Ein junger Regisseur mache frische Brett'l-Kunst. Schauspieler könnten automatisch auch Kabarett spielen.

Etwas Ähnliches passiert Schauspiel-Intendant Sebastian Hartmann mit seiner Inszenierung des Schwanks „Pension Schöller“, die am Donnerstag im Centraltheater Premiere feierte: Er misstraut dem Klassiker - so weit, so üblich-, aber er misstraut auch dem Publikum, womöglich sich selbst. Oder was ist der Grund, den Abend zu teilen in eine originalkostümierte Haudrauf-Klamotte (Subtext: Schaut mal, wie albern und überholt) und Lamento (Die Welt ist aus den Fugen und ihr wollt hier nur Spaß). Statt die im Stück thematisierte Ambivalenz des Irrsinns dort auszuloten, wo sie alles überleben wird: unter uns.

Wer ein Lustspiel inszeniert, muss zum Lachen nicht in den Fundus gehen. Doch bedarf er souveränen Humors, eines Gefühls für Timing und Situationskomik. All das haben die Schauspieler, Holger Stockhaus darf es sogar richtig ausspielen in der Rolle des Möchtegern-Schauspielers Eugen Rümpel, der kein L sprechen kann. Er bricht in einem famosen Monolog durch die vierte Wand und zieht  in den Klassenkampf, geißelt die „Kunturponitik“ der Stadt, um sich selbst zur „Wahn“ stellen. Stockhaus ist ein grandioser Komödiant, dem Text überlegen, den er zu sprechen hat.

Anders als seine neue Kollegin Linda Pöppel, die eine wütende Rede über global vergiftete Zustände von der Rampe brüllen muss und von den Zuschauern mundtot geklatscht wird, bis jemand aus den hinteren Reihen ruft „Wir haben es geschafft!“. Da ist die Tortenschlacht schon geschlagen, das Ensemble sitzt am Bühnenrand, denn fort kommt auf dem glitschigen Boden keiner mehr. Die illustre Gesellschaft hat sich selbst lahmgelegt, des Spielraums beraubt.

Die Kritik feiert „das Problematisieren des Theaterraumes“, „Abgründigkeiten, Mut zum Kontext, Gegenwartsbezüge“ sowie „feinen Hintersinn“. Hartmann erfüllt die Erwartung, dem Original aus dem Jahr 1890 eine Nase zu drehen. Er nutzt die Mittel der Komödie (Drehtür, Sprachfehler, Verwechslung) zur Demontage des Genres, um etwas Neues zu schaffen, für das er sich genau der gleichen Mittel bedient. Das Rad muss nicht neu erfunden werden, sondern den Wagen ziehen.

 

 

www.academixer.de
www.centraltheater-leipzig.de

 
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Kommentare
luggi schrieb am 13.02.2011 um 00:25
Den letzten Satz halte ich formallogisch für bedenklich.
Tja, die Revolution frisst nicht nur ihre Kinder, sondern auch die Leipziger Kabarettszene.
kay.kloetzer schrieb am 13.02.2011 um 00:33
stimmt, zwei räder sollten es schon sein, mindestens ...
kay.kloetzer schrieb am 13.02.2011 um 00:33
stimmt, zwei räder sollten es schon sein, mindestens ...
GeroSteiner schrieb am 13.02.2011 um 17:20
Wir werden den Wagen schon rädern.
hadie schrieb am 13.02.2011 um 09:14
Leipziger jammern immer noch auf hohem Niveau - ich war gestern in Halle auf dem Markt zum Wetten-dass-Flaschentröten. Das ist die Zukunft der mittelostdeutschen Kultur!
goedzak schrieb am 13.02.2011 um 10:14
Auch im Westen platzt jede Provinzstadt vor Stolz, wenn der Thomas dort mal aufschlägt.

Du warst also gestern ein Teil der Volksmasse?
kay.kloetzer schrieb am 13.02.2011 um 16:25
wenn die schlimmsten befürchtungen wahr werden, moderiert beim nächsten mal "wetten, dass ...?" in halle jörg pilawa. und die außenwette? um die kümmert sich dann vielleicht kai pflaume. oder oliver geissen. oder germanys last top-model ...
GeroSteiner schrieb am 13.02.2011 um 18:50
Ich schau mir das erst wieder an, wenn Homer Simpson moderiert.
goedzak schrieb am 13.02.2011 um 10:15
"Im bunten Durcheinander spielen die Szenen mal im Osten (wie er 1970 war), mal im Westen (von heute)." - Dieser dusselige Osten hatte ja nicht mal Internet.
kay.kloetzer schrieb am 13.02.2011 um 16:17
genau! und mobiltelefone mit wählscheiben ...
KalleWirsch schrieb am 13.02.2011 um 10:22
Ohne es gesehen zu haben - politisches Kabarett mit Comedy zu mixen funktioniert einfach nicht. Die Ursünde war da wohl "Sieben Tage, sieben Köpfe", wo selbst lustige Zeitvertreter zum Fremdschämen animierten.
Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass die Grundidee ohne Schenkelklopfhumor durchaus funktioniert.
Das Problem am Theater mit Persiflagen auf ein Genre ist, dass man lieben muss, was man verarscht, die meisten Regisseure aber leider sich und ihre Kunst mehr lieben als alles andere. Göttin schmeiß Selbstironie vom Himmel
Wie immer war es eine Freude eine Rezension von dir zu lesen.
kay.kloetzer schrieb am 13.02.2011 um 16:22
vor allem ist so genanntes politisches kabarett oft gar keins, sondern kommen nur politiker-namen vor. andererseits würde ich ein programm, das kritisch und gekonnt die gesellschaft spiegelt, gegebenenfalls auch als politisch bezeichnen, wenn kein einziger politiker-name fällt.
zum theater, "dass man lieben muss, was man verarscht": so sehe ich das auch. lieben, kennen und verstehen.
KalleWirsch schrieb am 13.02.2011 um 17:45
"andererseits würde ich ein programm, das kritisch und gekonnt die gesellschaft spiegelt, gegebenenfalls auch als politisch bezeichnen, wenn kein einziger politiker-name fällt."

Dass das geht hat uns Ekel Alfred bewiesen.
kay.kloetzer schrieb am 13.02.2011 um 18:16
und das wird es bestimmt noch geben auf den kleineren bühnen im lande (die stamm-academixer machen es ja auch) - ins fernsehen schaffen es solche programme allerdings nicht mehr (oder kaum noch). ich frage mich, wer da warum wovor solche angst hat ...
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.02.2011 um 10:27
Gerne gelesen. Danke.
Magda schrieb am 13.02.2011 um 16:25
Auch wenn es wieder ewig gedauert hat, bis ich den Kommentar-Kasten aufgekriegt habe: Danke für die schöne Besprechung der zwei Events.

Und dann sowas: "Zum Beispiel, warum Amnesty International keine Handhabe hat gegen den Freitagabend bei RTL oder Sat.1. Und auch nicht gegen den MDR-Samstag"

Also kay, wir gucken das manchmal. Damit wir beurteilen können, wie weit die Verblödung fortgeschritten ist. Sonst natürlich, nie......:-)))

Übrigens gestern abend war auf MDR Heinz Quermann. Aber wir haben es gemieden. Schweren Herzens.
kay.kloetzer schrieb am 13.02.2011 um 16:36
siehste, ich bin da später hängengeblieben - bei ekki göpelt. nach dreieinhalb stunden literatur (werner-bräunig-peis-wettlesen) war das genau das richtige und passte auch irgendwie zum wein, der sich als korkig herausstellte.
GeroSteiner schrieb am 13.02.2011 um 17:17
Oh, Du Wortgewaltige!
Und diese Überschrift!
Man kann ja einfach nicht aufhören zu lesen. Und was mir sofort durch den Kopf schoss, war: Was hätte Dieter Hildebrandt dazu gesagt? Was wäre anders gewesen?
Es ist ja schon eine gewisse Heiterkeitsinflation im Fersehen zu beobachten. Man möchte gern und kann es doch nicht wirklich, seit Heinz Ehrhardt tot ist. (Ich heiße Gero - und sie alle herzlich willkommen.)
Dabei ist die Spaßgesellschaft sehr weit davon entfernt, heiter oder gar witzig zu sein. Sie scheint viel eher einem endgültigen Sieg der Gedankenfreiheit über den Gedanken nähergerückt zu sein. Aber das ist ja auch schon mal nichts. Was?
kay.kloetzer schrieb am 13.02.2011 um 18:22
das ist das verrückte: humor vom geist zu trennen. nun jat jeder ein einzelzimmer in der pension schöller. es heißt, sie speisten manchmal nachts zusammen, spät, wenn alles schläft ...
GeroSteiner schrieb am 13.02.2011 um 18:49
Nicht jeder Künstler von Genie hat Humor, aber jeder Künstler von Humor hat Genie. Humor ist der weitere und höhere Begriff. Er ist das eigentliche Genie des Herzens, da Güte wohl ohne Humor, aber Humor niemals ohne Güte bestehen kann.
Arthur Schnitzler
kay.kloetzer schrieb am 13.02.2011 um 19:00
endlich sagt's mal einer!
danke, das hänge ich mir über den schreibtisch, auch wenn es dann schwer wird, an die tastatur heranzukommen.
GeroSteiner schrieb am 13.02.2011 um 19:16
Da fällt mir gerade ein, dass die Frage noch nicht beantwortet ist, ob Arthur Schnitzler tierisch oder vegetarisch schrieb.
kay.kloetzer schrieb am 13.02.2011 um 19:25
das würde natürlich alles ändern, wenn arthur der name einer unglücklichen pute gewesen wäre, schlimmeres nicht auszudenken!
kay.kloetzer
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