kay.kloetzer

robinson

04.07.2011 | 02:21

Schon schön – Positionen zeitgenössischer Plaste

„Das ist aber schön geworden!“, rufen Touristen, wenn sie die Leipziger Innenstadt betreten, die sie vor über 20 Jahren zum letzten Mal gesehen haben. Schön steht für sauber, originalgetreu, neu. Barbara Schmidt hingegen gefielen schon immer verfallene Häuser, und ihr war „nie aufgefallen, dass sie grau waren“. Also fühlt sie sich wohl auf dem Gelände des Tapetenwerks an der Lützner Straße, das den Charme des Verfalls atmet, noch nicht „wieder schön“ gemacht, sondern als Kulisse belebt, die Schönes wirken lässt.

Hier, in Halle CO1, haben sechs Künstlerinnen „Positionen zeitgenössischer Plastik“ gezeigt, zum Abschluss der Ausstellung gab’s ein Streitgespräch zu den Fragestellungen: „Was ist schön? Was ist hässlich? Gibt es einen Unterschied?“ Dazu sind Barbara und Jochen Schmidt geladen. Sie ist Porzellan-Designerin bei Kahla und hat unter anderem jenes Service entworfen, bei dem die Tasse nicht ganz mittig steht, so dass Löffel und Sahne-Döschen Platz finden und der Schokokeks nicht am heißen Kaffee schmilzt. Er war Mitbegründer der Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“ und hat mit seinem Buch „Schmidt liest Proust“ einiges Aufsehen erregt.

An diesem Abend steuert er Positionen zeitgenössischer Plaste bei mit Fotografien von Kunstblumen oder – Beispiel für die „Infantilisierung der Gesellschaft“ – einem Kinderspielzeuggartenhaus. „So etwas kann man ja auch schön machen“, überlegt Schwester Barbara, räumt aber wenig später ein, zu einer Minderheit zu gehören, jener, der auch die Gemälde über Hotelbetten nicht gefallen.

Sie: „Hast Du schon mal in einem Hotel übernachtet, in dem es keine Bilder gibt?“
Er: „Nein, das wäre mit zu teuer.“

Heißt hässlich also billig? Ist es zynisch, ein Produkt zu entwerfen, das man selbst nicht haben wollen würde? Wie erklärt man Kindern, dass sie Gartenzwerge nicht schön finden dürfen? Überlegungen, die knapp an den Auslegungen der Fernsehchefs vorbeiführen, die Wünsche der Zuschauer seien Schuld an schlechter Programm-Qualität. So wie Schlankheit heute als Schönheitsideal gilt, weil wir genug zu essen haben, so lässt die Befähigung zu Normierung und Perfektion das Improvisierte als schön erscheinen.

In ihrem Gespräch – ein Streit ist es eher nicht – werfen die Schmidts mehr Fragen auf, als sie beantworten können. Es gebe eben keine Leitmeinung. Fest stehe, dass das Hässliche sich selbst reproduziert. Und während der gesellschaftliche Konsens, was schön ist, sich stetig wandelt, habe es noch nie so viele technische Möglichkeiten gegeben, Hässlichkeit zu reproduzieren.

Einigkeit besteht an diesem Abend darüber, dass Hässliches lustig sein kann. Und dass die damit verbundene Empathie viel mit Nostalgie zu tun hat. So dass einerseits Schönheit in einer Variante der Anteilnahme und aus Gefühlen entsteht. Und andererseits wehmütig stimmt, wenn sie an das verlorene Paradies erinnert.

Jochen Schmidt, geprägt von einer „radikalen Sehnsucht nach dem Alten und der Patina“, konstatiert darüber hinaus ein „männliches Beharren auf Gewohnheiten“, das dazu bringt, Dinge schön zu finden, über die für und mit den Frauen längst die Zeit hinweg gegangen ist. Wie Bolle freut er sich über „Gegenstände die sich selbst enthalten“. Den Riesenpantoffel zum Beispiel, der viele kleine Gästepantoffel beherbergt, das Schlüsselbrett in Form eines Schlüssels, die Gummibären-Schachtel in Gummibärenform.

Zuvor hat er Seifenspender fotografiert – fasziniert von Vielfalt und Unterschieden. Ähnlich ging es Barbara Schmidt mit Plastemessern, sie hat sie sogar gesammelt, jedoch damit aufgehört, weil sie sie nicht länger in ihrer Nähe haben wollte.

Kann Hässliches belasten? Auf einem Foto sehen wir ein Schaufenster mit Porzellantassen zwischen Kunstblumen-Girlanden.

Er: „Das Porzellan kann sich nicht wehren:“
Sie: „Ich habe ihm auch nicht helfen können. Aber das muss es aushalten.“

Es hat schon ganz anderes aushalten müssen. Hubert Petras’ Zylinder-Vasen hatten in den 60er Jahren in der DDR eine Formalismus-Diskussion ausgelöst, zu deren tödlichsten Argumenten der Satz „So etwas wollen unsere Menschen nicht“ zählte. Zur gleichen Zeit informierte die Enzyklopädie „Die Frau“ über „schlechte keramische Formen“.

Darüber lässt sich mit dem Abstand der Jahre herzlich lachen. Aus der nötigen Distanz sozusagen und nur, wenn der Humor sich auch an Irrtümern abarbeitet, die ein Bekenntnis zum Kitsch ermöglichen. Und das zur Nostalgie.

Er: „Das ist ja unser Kinderteller!“
Sie: „Das ist mein Kinderteller.“

Der Abstand zu den ästhetischen Ärgernissen von heute steht noch aus. Barbara Schmidt zeigt eine Uralt-Aufnahme einer Berliner Straßenkreuzung mit Kohle-Wagen und dazu einen Nachwende-Neubau, vor dem die Autos Stoßstange an Stoßstange parken. „Da fehlt eins!“ rief Jochen Schmidts Tochter mal angesichts einer Parklücke.

Die Schmidts suchen Schönheit eher im Verborgenen, nicht dem extra schön Gemachten. Und finden sie so eher im Tapetenwerk als in der Innenstadt. So können zwischen schön und hässlich 10 Minuten liegen, 20 Jahre. Oder Welten.

 

 

(dieses blog ist zuerst erschienen unter www.lvz-online.de)

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 04.07.2011 um 03:02
".... konstatiert darüber hinaus ein „männliches Beharren auf Gewohnheiten“, das dazu bringt, Dinge schön zu finden, über die für und mit den Frauen längst die Zeit hinweg gegangen ist."
Liebe kay, damit ist ganz gut beschrieben, was mich an Dieter Bohlen immer so nervt......
.... der soll ja ganz schöne Tanzmusik fabriziert haben :-))
Vielen Dank für diesen Bericht!
kay.kloetzer schrieb am 04.07.2011 um 23:21
so, lieber archie, darüber musste ich einen tag nachdenken. verstehe es aber noch immer nicht. wahrscheinlich ist über mich inzwischen zu viel zeit hinweggegangen. nervt dich an bohlen, dass zu viele frauen über ihn hinweg ... also? oder, dass er die gewohnheit, immer wieder den gleichen song zu kopieren, nicht ablegen kann? oder findest du tanzmusik einfach nur schön?
so viele fragen ...
archinaut schrieb am 05.07.2011 um 02:50
... ach, liebe kay,
vielleicht war es zu spät gestern abend:

Bohlen ist für mich der Vertreter einer Spezies,
die ausgestorben sein sollte.....
die Materialisation eines Konzepts
über das längst die Zeit
hinweggegangen ist....

Aber vielleicht
ist retro sexy?
archinaut schrieb am 05.07.2011 um 02:53
Aber eigentlich hat das nix in diesem Kommentarstrang zu suchen,
bitte entschuldige die
Offtopizität...;-))
kay.kloetzer schrieb am 05.07.2011 um 09:49
ich danke dir für das schöne wort "Offtopizität"! mein wort des tages für heute.
archinaut schrieb am 06.07.2011 um 04:08
Die Deutsche Sprache
birgt noch viele Geheimnisse ;-))
weinsztein schrieb am 04.07.2011 um 03:35
Liebe Kay,

"Wie erklärt man Kindern, dass sie Gartenzwerge nicht schön finden dürfen?"
Als Kind hatte ich mir Zwerge im Garten gewünscht. Sie kamen nie an, diese bezaubernden Wesen.
poor on ruhr schrieb am 04.07.2011 um 12:16
@Weinzszein

"Als Kind hatte ich mir Zwerge im Garten gewünscht. Sie kamen nie an, diese bezaubernden Wesen."

;) Als Kind fand ich Gartenzwerge auch bezaubernd. ;)
kay.kloetzer schrieb am 04.07.2011 um 23:25
ihr beiden, das kenne ich. ich wollte als sehr, sehr kleines mädchen immer eine kittelschürze, und bin - vorgeblich geheilt - bis heute nicht sicher, ob ich sie wirklich nicht mehr will, oder ob ich nur denke, sie nicht wollen zu dürfen.
gerhard monsees schrieb am 04.07.2011 um 09:53
...habe es noch nie so viele technische Möglichkeiten gegeben, Hässlichkeit zu reproduzieren.

Interessante Feststellung, die ich unterschreibe.

"Einigkeit darüber, dass Hässliches lustig sein kann"? - Klar, dem Schönen wird schlimmer Missbrauch zugerechnet, deshalb Hässliches als Opposition. Aber verwechselt doch bitte nicht Schönes mit Kitsch, Kitsch mit Hässlichkeit, und Hässliches mit Schönheit. Will sagen, rettet das Schöne vor den Denunzianten.
kay.kloetzer schrieb am 04.07.2011 um 23:28
wie kann man denn das schöne denunzieren? kann man es nicht nur leugnen? oder ist der zynismus heutzutage schon weiter, als ich es mir vorstellen kann?
h.yuren schrieb am 04.07.2011 um 12:31
liebe kk, über geschmack ...
wie erklärt man einem schulleiter (gymnasium), dass gartenzwerge besser nicht im garten herumstehen?
und wenn wir schon mal bei den niedlichen produkten sind: woher haben engel die flügel?
kay.kloetzer schrieb am 04.07.2011 um 23:31
lieber h.yuren, engel haben von natur aus natürlich keine flügel, da würde man sie ja gleich erkennen. wenn engel mit flügeln dargestellt werden, dann deshalb, weil flügel ohne engel etwas nicht vollständiges ausstrahlen.
Magda schrieb am 04.07.2011 um 13:36
Leipzig Lützner Straße - das ist ja verrückt. Und dann noch Jochen Schmidt mit Schwester. Lauter Orte und Leute, die ich kenne.

Ich muss mal wieder nach L. fahren.
goedzak schrieb am 04.07.2011 um 15:30
"...Jochen Schmidt mit Schwester..." - oder Barbara Schmidt mit Bruder. :)

Hier ein Interview mit dem Designreport, aus dem man vielleicht herauslesen kann, dass es irreführend ist, sich dem Thema Design über den Aspekt 'Schönheit' zu nähern. 'Diskurs-taktisch' klüger wäre es, mit dem Zusammenhang von Gebrauchsweisen (und ihrem Wandel) und Gestalt anzufangen. Das mit der Schönheit kommt dann schon noch...

www.design-report.de/Fachartikelarchiv/1000001674/Barbara-Schmidt.html
kay.kloetzer schrieb am 04.07.2011 um 15:50
erinnert sei auch an goedzaks blog "bloß noch eine vase" zum tod des designers hubert petras:
www.freitag.de/community/blogs/goedzak/bloss-noch-eine-vase
kay.kloetzer schrieb am 04.07.2011 um 23:33
liebe magda, nur zu. ich bin da. und l. ist schön, besonders dort, wo es es nicht ist.
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