„Das ist aber schön geworden!“, rufen Touristen, wenn sie die Leipziger Innenstadt betreten, die sie vor über 20 Jahren zum letzten Mal gesehen haben. Schön steht für sauber, originalgetreu, neu. Barbara Schmidt hingegen gefielen schon immer verfallene Häuser, und ihr war „nie aufgefallen, dass sie grau waren“. Also fühlt sie sich wohl auf dem Gelände des Tapetenwerks an der Lützner Straße, das den Charme des Verfalls atmet, noch nicht „wieder schön“ gemacht, sondern als Kulisse belebt, die Schönes wirken lässt.
Hier, in Halle CO1, haben sechs Künstlerinnen „Positionen zeitgenössischer Plastik“ gezeigt, zum Abschluss der Ausstellung gab’s ein Streitgespräch zu den Fragestellungen: „Was ist schön? Was ist hässlich? Gibt es einen Unterschied?“ Dazu sind Barbara und Jochen Schmidt geladen. Sie ist Porzellan-Designerin bei Kahla und hat unter anderem jenes Service entworfen, bei dem die Tasse nicht ganz mittig steht, so dass Löffel und Sahne-Döschen Platz finden und der Schokokeks nicht am heißen Kaffee schmilzt. Er war Mitbegründer der Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“ und hat mit seinem Buch „Schmidt liest Proust“ einiges Aufsehen erregt.
An diesem Abend steuert er Positionen zeitgenössischer Plaste bei mit Fotografien von Kunstblumen oder – Beispiel für die „Infantilisierung der Gesellschaft“ – einem Kinderspielzeuggartenhaus. „So etwas kann man ja auch schön machen“, überlegt Schwester Barbara, räumt aber wenig später ein, zu einer Minderheit zu gehören, jener, der auch die Gemälde über Hotelbetten nicht gefallen.
Sie: „Hast Du schon mal in einem Hotel übernachtet, in dem es keine Bilder gibt?“
Er: „Nein, das wäre mit zu teuer.“
Heißt hässlich also billig? Ist es zynisch, ein Produkt zu entwerfen, das man selbst nicht haben wollen würde? Wie erklärt man Kindern, dass sie Gartenzwerge nicht schön finden dürfen? Überlegungen, die knapp an den Auslegungen der Fernsehchefs vorbeiführen, die Wünsche der Zuschauer seien Schuld an schlechter Programm-Qualität. So wie Schlankheit heute als Schönheitsideal gilt, weil wir genug zu essen haben, so lässt die Befähigung zu Normierung und Perfektion das Improvisierte als schön erscheinen.
In ihrem Gespräch – ein Streit ist es eher nicht – werfen die Schmidts mehr Fragen auf, als sie beantworten können. Es gebe eben keine Leitmeinung. Fest stehe, dass das Hässliche sich selbst reproduziert. Und während der gesellschaftliche Konsens, was schön ist, sich stetig wandelt, habe es noch nie so viele technische Möglichkeiten gegeben, Hässlichkeit zu reproduzieren.
Einigkeit besteht an diesem Abend darüber, dass Hässliches lustig sein kann. Und dass die damit verbundene Empathie viel mit Nostalgie zu tun hat. So dass einerseits Schönheit in einer Variante der Anteilnahme und aus Gefühlen entsteht. Und andererseits wehmütig stimmt, wenn sie an das verlorene Paradies erinnert.
Jochen Schmidt, geprägt von einer „radikalen Sehnsucht nach dem Alten und der Patina“, konstatiert darüber hinaus ein „männliches Beharren auf Gewohnheiten“, das dazu bringt, Dinge schön zu finden, über die für und mit den Frauen längst die Zeit hinweg gegangen ist. Wie Bolle freut er sich über „Gegenstände die sich selbst enthalten“. Den Riesenpantoffel zum Beispiel, der viele kleine Gästepantoffel beherbergt, das Schlüsselbrett in Form eines Schlüssels, die Gummibären-Schachtel in Gummibärenform.
Zuvor hat er Seifenspender fotografiert – fasziniert von Vielfalt und Unterschieden. Ähnlich ging es Barbara Schmidt mit Plastemessern, sie hat sie sogar gesammelt, jedoch damit aufgehört, weil sie sie nicht länger in ihrer Nähe haben wollte.
Kann Hässliches belasten? Auf einem Foto sehen wir ein Schaufenster mit Porzellantassen zwischen Kunstblumen-Girlanden.
Er: „Das Porzellan kann sich nicht wehren:“
Sie: „Ich habe ihm auch nicht helfen können. Aber das muss es aushalten.“
Es hat schon ganz anderes aushalten müssen. Hubert Petras’ Zylinder-Vasen hatten in den 60er Jahren in der DDR eine Formalismus-Diskussion ausgelöst, zu deren tödlichsten Argumenten der Satz „So etwas wollen unsere Menschen nicht“ zählte. Zur gleichen Zeit informierte die Enzyklopädie „Die Frau“ über „schlechte keramische Formen“.
Darüber lässt sich mit dem Abstand der Jahre herzlich lachen. Aus der nötigen Distanz sozusagen und nur, wenn der Humor sich auch an Irrtümern abarbeitet, die ein Bekenntnis zum Kitsch ermöglichen. Und das zur Nostalgie.
Er: „Das ist ja unser Kinderteller!“
Sie: „Das ist mein Kinderteller.“
Der Abstand zu den ästhetischen Ärgernissen von heute steht noch aus. Barbara Schmidt zeigt eine Uralt-Aufnahme einer Berliner Straßenkreuzung mit Kohle-Wagen und dazu einen Nachwende-Neubau, vor dem die Autos Stoßstange an Stoßstange parken. „Da fehlt eins!“ rief Jochen Schmidts Tochter mal angesichts einer Parklücke.
Die Schmidts suchen Schönheit eher im Verborgenen, nicht dem extra schön Gemachten. Und finden sie so eher im Tapetenwerk als in der Innenstadt. So können zwischen schön und hässlich 10 Minuten liegen, 20 Jahre. Oder Welten.
(dieses blog ist zuerst erschienen unter www.lvz-online.de)