kay.kloetzer

robinson

11.02.2012 | 19:27

Tingeltangel bis zur Trunkenheit

Stefan Klucke und Dirk Pursche verstehen die Welt nicht mehr.  Eine Welt voller „BILD-Zeitung lesender Spiegeltrinker“, in der „Saubermänner Dreck am Stecken" haben und „schwarze Kassen weiße Flecken“. Also macht das Musikkabarett-Duo Schwarze Grütze mit seinem neuen Programm „TabularasaTrotzTohuwabohu!“, macht reinen Tisch im Chaos weltpolitischen Irr- und alltäglichen Wahnsinns. Am 10. Februar war im Leipziger Academixer-Keller die bejubelte Premiere.

Und die ist für die Potsdamer ein Heimspiel. Hier hatte 2009 ihr „Bühnenarrest“ Premiere, gab es 2005 für „NiveauwonieNiveauwar“ den Lachmesse-Preis „Leipziger Löwenzahn“. Der Saal ist voller Fans und Freunde, die am Ende mehrere Zugaben erklatschen und sich die Klassiker heimtückischen Humors aus dem über 15-jährigen Schaffen wünschen: „Maria“ , „Einer geht noch“, Hochhaus-Lied.

Im neuen Programm steht die Sprache im Zentrum, die Schwarze Grütze in ihren eigenen Texten und Liedern beim Wort nehmen – etwa nach dem Prinzip der Paarung. Wenn der Kurswechsel zum Wechselkurs wird und der Hammervorschlag zum Vorschlaghammer, weiß die neue Mitte nicht mehr, wo vorn und wo hinten ist. Und darum geht es. Oder um Gleichklang. Der gehört – wie schon Stab- und Schüttelreim – zur Familie der "vom Aussterben bedrohten Reimformen". Den Gleichklang zu retten, geht ungefähr so: „Wegen den Formaldehyden soll man sich vor Aldi hüten“. Nonsens zum Mitmachen.

Im Reich der guten Laune ist der Refrain König als Pointe: Osama bin Laden, Atomkraftwerke oder die Leiche der Frau - „Ich stells zu Ebay, es wird schon jemand kaufen.“ Im Land der Verbote und Bußgelder ist Tadellosigkeit Klassenkampf: „Wir dreh'n den Geldhahn zu, das zwingt sie in die Knie“ In Zeiten grassierender Krankheiten ist „Mein Sohn hat ADHS“ als komische Übertreibung in der Realität angekommen, bis zum Cover-Medley-Höhepunkt „Er spielt jetzt Cello ...“ Im Zustand allgemeiner Überforderung lässt man sich besser „das Hirn absaugen“, so wird die Welt schön und der Mensch fähig zu BILD, FDP und dem Bestseller „Ich bin dann mal blöd“.

„Mit Musik kommt man in die Köpfe der Menschen“, sagt Stefan Klucke. Am Klavier oder mit Gitarre mobbt er sich als Mobby ganz nach oben. Oder er streift als GEMA-Spion durch die Nachbarschaft, „die GEMA ist die Stasi der Musik“. Immer an der Grenze zum Bösen. Darum darf er im angetäuschten Paarkonflikt auch Dirk Pursche ärgern: „Es gibt Musiker und Bassisten“). Der wiederum schafft sein Geld zum „Meister“, der ihm mit viel heißer Luft hilft, dem alten Leben zu entschweben, der ihm das Fleischessen austreibt, Gewalt und Gedanken an Sex. Auch hier ist die Komik gut in Form: Seit dem Anti-Aggressions-Kurs nämlich, weiß er, „was gehauen und gestochen ist: Wir müssen Gewehr bei Fuß stehen und der Aggression den Krieg erklären.“

So unterlaufen Schwarze Grütze im Tohuwabohu der abgelenkten Gesellschaft hin und wieder die Erwartungen und führen immer fröhlich zur Erkenntnis, dass unbeschwertes Lachen gar nicht weh tun muss. Und dass Wörter die Waffen dieser Spaßguerilla sind.

Ein kleines Meisterwerk ist das „Tour-Tagebuch“, in dem von Anfang bis Ende jedes, wirklich jedes Wort mit einem T beginnt - von der Tankstelle über Tortellini-Teigwaren-Terrine, total taube Tontechniker und traurigen Tingeltangel bis zur Trunkenheit. Das geht bei aller Spielerei doch irgendwie auf. Toll!

www.schwarze-gruetze.de

(zuerst erschienen auf www.liveundlustig.de)

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 11.02.2012 um 19:53
Das macht ja wirklich immer wieder Spaß, Deine Berichte aus dieser Szene zu lesen. Obwohl ich selten weiß, um wen es geht.
"Immer an der Grenze zum Bösen." - Immer wenn ich mal zufällig in Comedy-Sendungen reinzappe, finde ich ja manches witzig, aber ganz selten was Böses - und das würde mich fesseln. Einmal hat mich einer beeindruckt, dessen Namen jetzt nicht nennen zu können, mich wahrscheinlich der Lächerlichkeit preisgibt: der Typ, der im Programm die Rollen wechselt und in der einen Rolle einen schwarzen Handschuh trägt. Das war ziemlich böse, näherte sich einer leicht verkappten, sarkastischen Publikumsbeschimpfung und das enthielt auch ne kräftige Dosis 'Sprech'-Kritik.
kay.kloetzer schrieb am 11.02.2012 um 20:01
du veralberst mich, oder? hier einer der besten der ja immer guten schramms:
goedzak schrieb am 11.02.2012 um 20:11
Ja, richtig, Schramm. - Mir ist der name jetzt wirklich nicht eingefallen!! :(

Danke! Guckch mir jetzt an...
archinaut schrieb am 12.02.2012 um 07:29
ASuch wenn ich kein Grützenfreund bin,
bei dieser könnte ich schwach werden
h.yuren schrieb am 12.02.2012 um 18:04
und dann auch noch "schwarze". unappetitlicher gehts kaum. aber was dir so gut gefallen hat, liebe kk, kann nicht so abschreckend sein.

bin überhaupt nur ein einziges mal zur kabatettveranstaltung gefahren, zu meinem favoriten volker pispers, eingeladen von meiner tochter. sonst sind mir die zuschauer im fernsehauftritt genug.
h.yuren schrieb am 12.02.2012 um 19:06
frage mich, was grauslicher ist, schwarze oder graue grütze. die graue hätte den vorzug der alliteration, der musik also.
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