kay.kloetzer

robinson

20.11.2011 | 22:13

Unser Wirt und der Fremde

Es lässt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, wer es zuerst ausgesprochen hat: “Der ist nicht von dieser Welt”. So richtig kennt ihn ja niemand von uns. Und auch eigentlich nur vom Sehen. Alterlos wirkt er. Selten, dass sich am Tresen ein Gespräch ergibt. Und was heißt schon Gespräch. Bis zwei Uhr ist alles gesagt, heißt es in der Kneipe. Das stimmt aber nicht. Was man bis zehn nicht gedacht hat, kann man danach auch nicht mehr lallen.

Er jedenfalls, wir nennen ihn Magenbitter, weil er manchmal ausschaut, als bräuchte er einen, hat immer einen kleinen Koffer bei sich, aus dem er einen Laptop holt, auf dem er viele Stunden tippt. Manchmal kommen Freunde dazu, zwei Männer und eine Frau. Die vier wirken sehr vertraut miteinander, hecken irgendetwas aus. Das sieht man an den Zetteln, die sie bekritzeln und zerknüllen. Danach lässt er sich wochenlang nicht blicken. Und dann, wenn er wieder sein Köfferchen neben den Tresen stellt, schaut er lange ins Irgendwo … Da schafft es niemand, seinen Blick einzufangen. Bis auf den Wirt.

Als eines Abends mal wieder alles gedacht und das meiste gesagt ist, aber niemand recht nach Hause will, weil jede Gemeinschaft hält, was eine Wohnung nicht versprechen kann, da setzt der Wirt sich zu uns und erzählt von ihm. ” Er hat früh seine Eltern verloren und sich, vielleicht weil er es vom Vater nicht besser wusste, noch vor dem Abi zum Bund gemeldet.” Im Ausland war er eingesetzt, hat Dinge gesehen, über die er nicht spricht. Sieben Jahre lang. Danach hat er mal dies, mal jenes versucht, war Gasthörer an der Uni und ist durch die Gegend gereist.

Ob er eine Freundin hat, fragen wir. Die Frau, die manchmal kommt, sie scheinen sehr vertraut … Der Wirt glaubt herausgehört zu haben, das sei eine Halbschwester. Und dass er mal so etwas wie verlobt war. Schöne Briefe hat er der Braut geschrieben und das dann weiter versucht, das Schreiben. Fürs Theater sogar. Und mit Medien hat er auch was gemacht, erst drüben in Dresden eine Art Zeitschrift, später noch was in Berlin. Doch alles nicht besonders erfolgreich.

Er wirkt ja auch wie nicht von dieser Welt, werfen wir ein. Irgendwie rastlos ist er. Irgendwie unglücklich. Nicht unsympathisch, aber eben immer auf dem Sprung. Ein Wunder, dass er immer wieder hierher kommt.

“Ja”, sagt der Wirt, “ein Wunder. Zu Euch irgendwie Rastlosen und irgendwie Unglücklichen, die Ihr nicht unsympathisch seid, aber immer auf dem Sprung. In Gedanken zumindest und in der Seele übrigens auch.” Er steht auf. “Ihr sitzt hier und wartet auf  irgendein Glück. Er aber geht raus und sucht es. Und was er in einem Satz findet, davon könntet Ihr ein paar Wochen leben. Lest ihn, dann wisst Ihr, was ich meine.”

Wir starren ihn an. Muss man ihn kennen?
Er gießt sich einen Magenbitter ein. “Er heißt Kleist. Heinrich von Kleist.”

 

(Dieses Blog ist zuerst erschienen unter www.lvz-online.de)

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 21.11.2011 um 00:24
... der scheint doch ganz und gar von dieser Welt, liebe k.k. ;-))
Schöne Pointe, vielen Dank!
kay.kloetzer schrieb am 21.11.2011 um 00:30
hast du es es nicht geahnt? da bin ich froh. denn man weiß ja selbst nicht, was man nicht wissen könnte, wenn man es weiß ... du weißt, was ich meine.
archinaut schrieb am 21.11.2011 um 00:41
Geahnt schon,
aber er hatte sich gut hinter dem Laptop versteckt ;-))
kay.kloetzer schrieb am 21.11.2011 um 00:43
ich vermute, kleist war blogger.
archinaut schrieb am 21.11.2011 um 00:44
... außerdem stelle ich mir den H.v.K.
eher als einen vor,
der im stillen Kämmerlein schrieb,
nicht vor Publikum.
archinaut schrieb am 21.11.2011 um 00:47
Blogger? (verblüfft)
Meinst Du, wir können ihn über den Freitag im Jenseits erreichen? (augenleuchtend)
kay.kloetzer schrieb am 21.11.2011 um 00:57
hey, um nichts anderes geht es doch hier!
im ernst: ich habe in den vergangenen wochen fast alles gelesen. und fiel "von einer ohenmacht in die andere" (Kohlhaas) - der alte junge macht uns fertig, weil er nicht alt wurde. alle über 34 können das gefühl haben, übernehmen zu müssen. und immer noch im ernst kann ich die aktuelle ausgabe der zeitschrift "die horen" empfehlen (ich kann sie Dir auch schicken), worin es weniger darum geht "kleist heute" zu zeigen, als vielmehr, ihn aus seiner zeit zu lösen. in der er eh nie zu hause war. ein guter text von christoph hein findet sich sowohlin den horen auch im nachwort der aufbau-ausgabe aller erzählungen.
aber die briefe! man muss die briefe lesen. und die aufsätze.
archinaut schrieb am 21.11.2011 um 01:04
... ach, liebe kay, lesen muss ich, wenn ich tot bin
(das Paradies stelle ich mir als so eine Art große Bibliothek vor, wie schon Jorge Luis Borges...;-)
kay.kloetzer schrieb am 21.11.2011 um 01:16
ja dann, ist jetzt nur rhetorik, möchte ich morgen sterben.
das paradies ist zwei türen weiter, aber ich gehe nicht gern rein, weil ich dort nicht rauchen darf.
h.yuren schrieb am 21.11.2011 um 09:00
liebe kk, gut geschrieben. gern gelesen.
und den anschließenden dialog mit archie auch.
nu wollt ihr beide aus unterschiedlichen gründen nicht in die papierfabrik oder büchersammelstelle. vollstes verständnis.
worte sind wolken, am schönsten bei schauerwetter, am schlimmsten im novemberdauergrau.
goedzak schrieb am 21.11.2011 um 15:34
Wenn Christa Wolf dies liest...
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