kay.kloetzer

robinson

09.05.2011 | 01:42

Vergiss es?

Gunter Sachs hat sich erschossen, weil er, so viel wir wissen, an Alzheimer erkrankt war.

Nachdem sich der unter Depression leidende Torwart Robert Enke das Leben nahm, war Depression für eine kurze Weile ein Medienthema. Wir müssen also damit rechnen, dass ab morgen keine Ratgeberseite ohne das Stichwort Alzheimer auskommt, in der kommenden Woche kein Feuilletonist ohne den Verweis auf die gesellschaftliche Dimension des Vergessens.

Der Körper überlebt eben immer häufiger den Geist, sagt meine Mutter. Und sie sagt auch, dass sie sich, sollte sie Demenz oder Alzheimer anheim fallen, das Leben nehmen würde.

Warum? Weil die Hoffnung sich davon ernährt, im Alter von Erinnerungen zehren zu können? Weil die Vorstellung, in einer Umgebung von Wissenden die einzige Unwissende zu sein, unerträglich scheint? Weil sie niemandem zur Last fallen will?

Es hat vor allem mit einer Vorstellung von einer Enttäuschung zu tun, auch mit der Angst, den eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen zu können. Darum kann ich Sachs' Entscheidung verstehen. Und würde meiner Mutter sagen: Nu warte doch mal ab.

Eigentlich aber finde ich es nachvollziehbar, dass die scheinbare Beherrschung der Welt in einer medizinischen wie philosophischen Hybris einhergeht mit einem Unterworfensein, das immer wieder auf Fragen zurückführt wie: Was brauche ich? Wen? Wofür? Was will ich hinterlassen? Wie wichtig ist das? Welche Erinnerung an mich soll bleiben?

Was bestimme ich selbst?

Es sind Luxusfragen, natürlich. Aber vielleicht irritiert die Konfrontation mit der geistigen Endlichkeit des Lebens viel grundsätzlicher als die Warnung auf Zigarettenschachteln - die ja gemessen daran fast ein Versprechen ist.

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 09.05.2011 um 01:55
Liebe kay.kloetzer,

bei Gunter Sachs wär's aber wirklich schade, wenn er alles vergessen würde....... sind wir nicht alle auf der Jagd, uns aus der Gegenwart ein paar Schnappschüsse zur Erinnerung zu schießen?

Dein Beitrag leuchtet in der Nacht,
vielen Dank dafür ;-))
kay.kloetzer schrieb am 09.05.2011 um 02:07
lieber archie, mir will eher scheinen, er dunkelt im licht. da kommt was auf uns zu - bzw. entzieht sich uns -, was wir nicht ahnen können. wenn meine mutter recht behält (und das tut sie selbstverständlich fast immer), werden wir beide schon älter als unsere erinnerungen. ich weiß noch nicht, wie ich das finde, da ich weder gunter sachs bin noch kinder habe. kann es also auch egal sein? geigers roman "Der alte König in seinem Exil" (2011) hat, viel jünger, gleichwohl weniger fiktiv, das problem mehr verharmlost als suters "Small World" (1997). womöglich beginnen wir, uns zu arrangieren?
archinaut schrieb am 10.05.2011 um 00:50
Natürlich hast Du recht, liebe kay, "da kommt was auf uns zu", was wir gerne mit ein paar humorvollen Sottisen zum Schweigen bringen möchten.......
merdeister schrieb am 09.05.2011 um 07:35
Hallo Kay,

den meisten oder zumindest vielen Menschen, die an Demenz erkrankt sind, geht es ja ziemlich gut. Sie leiden, die meiste Zeit zumindest nicht an ihrem Zustand. Meist leidet die Umgebung mehr. Trotzdem kann ich den Gedanken an einen vorzeitigen Suizid gut verstehen. Denn ein Problem ist ja, dass man, wenn man doch unter der Situation leidet, nicht mehr die Möglichkeiten hat, sich das Leben zu nehmen, zu den eigenen Konditionen zu gehen.
Der Gedanke ich mich in der Demenz zu verlieren drohen macht mir weniger Angst, als das ich einfach keine Lust darauf habe. Allerdings kann man auch nie wissen, wie es mit einem weitergeht. Bleibt es dabei, den Schlüssel ständig zu verlegen oder verlegt man nach und nach auch seine Erinnerungen. Ich mag meine Erinnerungen.
Mingus schrieb am 09.05.2011 um 11:41
@merdeister

den meisten oder zumindest vielen Menschen, die an Demenz erkrankt sind, geht es ja ziemlich gut. Sie leiden, die meiste Zeit zumindest nicht an ihrem Zustand.

Das ist leider nicht richtig. Demenz ist eine Krankheit, die über lange Zeit am Bewusstsein des Betroffenen nagt und dieser registriert sehr wohl das allmähliche Wegbrechen von Erinnerungen und kognitiven Fähigkeiten mit Folgen wie Depression, Aggression, Vereinsamung. Die meisten demenziell erkrankten Menschen haben keinen schönen Tod. Von wegen Wegdämmern und von nichts mehr etwas spüren. Für behandelnde Ärzte wird es mit fortschreitender Demenz sehr schwierig, überhaupt therapeutisch Erleichterung schaffen zu können, weil der Kranke in der Regel seine Beschwerden und Schmerzen nicht mehr verständlich artikulieren kann.

Ein sehr berührender Film in diesem Zusammenhang: Der Tag, der in der Handtasche verschwand
merdeister schrieb am 09.05.2011 um 12:56
jayne wies unten ja bereits auf die Zweifelhaftigkeit meiner Aussage hin. Ich weiß auch gar nicht mehr, wo ich die her habe, habe sie aber nie wirklich hinterfragt, weil der Gedanke mir beruhigend erschien. Gibt es verlässliche Zahlen dazu?

Wenn mein erster Satz falsch ist, muss mein Zweiter natürlich lauten:
"Daher kann ich den Gedanken an einen vorzeitigen Suizid gut verstehen."
kay.kloetzer schrieb am 09.05.2011 um 13:23
danke, mingus, für den filmtipp. genauso, wie Sie es beschreiben, stelle ich mir das leben mit der krankheit vor, das ja eher ein langes sterben zu sein scheint.
jayne schrieb am 09.05.2011 um 08:08
all das hab und gut, was wir uns zugelegt, verliert an wert, wenn wir nicht mehr über die inneren güter per erinnerungsvermögen zugreifen können - vor jahren gab es dazu einen sehr eindrücklichen film über den realen fall einer schriftstellerin, die an alzheimer erkrankt war, und ich möchte hier merdeister deutlich widersprechen, erfahrungen haben gezeigt, daß von alzheimer resp. demenz betroffene sehr wohl auch ein gespür dafür entwickeln und an ihrer situation leiden ...
jayne schrieb am 09.05.2011 um 11:57
der spielfilm, den ich im kommentar erwähnte, heißt IRIS, er spiegelt das geschick der irischen schriftstellerin Iris Murdoch wider, ihre letzten monate und wochen ...
kay.kloetzer schrieb am 09.05.2011 um 13:20
danke jayne, den film habe ich damals auch gesehen. und später "an ihrer seite" (tinyurl.com/5tpcw9a) nach einer erzählung von alice munroe, ebenfalls sehr berührend. und natürlich ist es, wie @merdeister sagt, für die angehörigen/ die umgebung schwer, mit hilflosigkeit umzugehen, der eigenen wie der des anderen.
die wissenschaft weiß wenig. seit ich mal hörte, aluminium könne die krankheit befördern, versuche ich, darauf zu verzichten (kein essen in alufolie, kein deo mit aluminium). naja, auch nur ein ausdruck von hilflosigkeit.
Baphomed schrieb am 09.05.2011 um 10:54
Hallo,

eines der Wohl am meisten Glücklich machenden und zu gleich Tröstlichsten Dinge dieser Welt ist es das, das Leben endlich ist.

Liebe Grüße
Baphomed
Magda schrieb am 09.05.2011 um 17:37
"eines der Wohl am meisten Glücklich machenden und zu gleich Tröstlichsten Dinge dieser Welt ist es das, das Leben endlich ist. "

Oder auch: Wir müssen alle mal sterben, Sie früher, ich später.
apatit schrieb am 10.05.2011 um 07:56
Hallo, Magda...na mit dem Sterben ist das so eine Sache, Altbundeskanzler Schmidt – im eignen Rauch schon fast verschwunden ( was sicherlich auch konserviert ) hat es eben besser als ein Hartz 4`er. Wird sicherlich trotz Bypass und guter präventiver Chefarzt Betreuung und drei Schachteln am Tag? noch 100, was ich ihm auch wünsche. Nur mal nebenbei bemerkt.
Knüppel schrieb am 09.05.2011 um 12:28
@kay.kloetzer

Da kommt etwas auf "uns" zu, wenn die Prognosen stimmen.
www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,566494,00.html

Und vielleicht noch einmal (obwohl es schon in einem anderen Kommentar dieses Threads dementiert wurde) zur "Legende" vom schönen Tod ...

Zur fast vollständigen Zerstörung der Persönlichkeit, die u.a. auch zu massiven Schüben von Aggressivität führt, kommt gegen Ende der Krankheit ein multiples Organversagen (Lunge, Herz, Leber etc. ...) habe ich mir sagen lassen.

Da könnte dann wohl tatsächlich der "rechtzeitige" Suizid "menschlicher" sein?
tlacuache schrieb am 09.05.2011 um 12:53
Ohne hier jemand auf die Fuesse treten zu wollen:
Nur zur "Erinnerung":
..."Die Lebenserwartung ist im Laufe der Menschengeschichte immer weiter gestiegen, seit ungefähr 1850 jedoch stark beschleunigt.
In Deutschland lag die Lebenserwartung der Männer um 1850 bei etwa 34 Jahren, die der Frauen bei 37 Jahren, allerdings bei Geburt und im Durchschnitt. Die sehr hohe Zahl sterbender Säuglinge und Kinder prägt die Statistik extrem. Tatsächlich sah die Lebenserwartung der damals 40-Jährigen also besser aus, dennoch mussten um 1850 etwa 75 Prozent der Bevölkerung damit rechnen, vor dem 65. Lebensjahr zu sterben"...

Meine Meinung: 30 % moderne Medizin, 70 % modernes Kochen, die nach uns kommen (McDoof) haben ja wieder weniger Jahre zu erwarten...

So, jetzt noch ne Fluppe und ein Schnaepschen, aber dann darf ich auch nich' heulen wenn der Krebs oder die Demenz kommt, Hut ab, Gunter Sachs, ich hoffe, ich habe die gleiche Zivilcourage.

P.S. Siehe Haie, 400 Millionen Jahre hier, die haben keine "dritten Zaehne", denen waechst der Rachen staendig nach, da sind wir evolutionstechnisch ziemlich kurz dabei...

LG
Knüppel schrieb am 09.05.2011 um 13:29
Stichwort "Haie" ...

Ja ..., und sie haben noch einiges zu bieten:

Sinnesorgane, von denen "wir" nicht einmal träumen können :-), eine offenbar vorhandene Immunität gegen Krebserkrankungen, die ständig nachwachsenden (abgenutzten oder abgebrochenen Zähne), das sog. "Revolvergebiss" wurden bereits erwähnt.

Aber der größte Irrtum: Haie sind keineswegs dumme Fressmaschinen. Sie jagen vielmehr "mit Verstand", schätzen das Risiko ab und vermeiden es möglichst bei der Gegenwehr einer Beute verletzt zu werden (z.B. an den Augen).

Haie sind - wie ebenfalls schon erwähnt - ein absolutes Erfolgsmodell der Evolution (ca. 400 Mio. Jahre erfolgreich und meist an der Spitze der jeweiligen Nahrungskette).

Allerdings ..., der Mensch hat es geschafft viele Arten dieser (für das biologische Gleichgewicht in unseren Ozeanen so überaus wichtigen) Spezie nahezu auszurotten.

Herzlichen Glückwunsch, Mensch! Aber ... bedenke (Du "Krone der Schöpfung") stirbt der Hai, dann sterben auch die Meere.
tlacuache schrieb am 09.05.2011 um 13:42
;-)
Ja Knüppel, die (Haie) muessen jetzt die Plastikfetzen von den Supermarktketten fressen, obendrein noch so TiefseeOelbohrloecher verkraften, von alten Batterien und Medikamenten ganz zu schweigen, aber unsere Generation wird dann Teilweise "demenzt" 120 Jahre alt, die "Krone" der Schoepfung...
Aber keine Sorge, von den bald 10 Milliarden werden dann in 1000 Jahren 50 Millionen ueberleben, die bauchen dann nur noch 2 % Sauerstoff und koennen Plastikmuell auch noch verdauen... (Mein ich Ernst),
aber da ist dann nix mehr mit Haien und blauen Himmel und so, dass moechte ich dann lieber nicht erleben...
apatit schrieb am 10.05.2011 um 07:59
... Waffe besorgen, die kostet Geld? Für eine armen Schlucker bleibt da nur die Wäscheleine ... das ist dann Zivilcourage...
j-ap schrieb am 09.05.2011 um 13:21
Ich habe schon seit längerer Zeit den Verdacht, das wirklich Schlimme an der Demenz sei gar nicht die Demenz, sondern die Furcht der Nicht-Dementen davor, irgendwann mal all das zu vergessen, worauf ein ganzes vorheriges Leben gebaut war: auf nichts als Wahn.
Magda schrieb am 09.05.2011 um 17:39
"sondern die Furcht der Nicht-Dementen davor, irgendwann mal all das zu vergessen, worauf ein ganzes vorheriges Leben gebaut war: auf nichts als Wahn."

Das sind Sätze. Schwer wie Blei ohne Fuß dran.
Da stelle ich mir so eine Tschechow-Szene vor.

Wie der junge Adlige das so in den Raum schmettert. Am Ende die Stimme hebend:
Nichts als Wahn.

Und dann sitzt da die junge Bürgerliche und poliert sich die Nägel und guckt hoch und sagt: Ah ja. Wieso Wahn, heißt der nicht Wanja, Ihr reicher Onkel?
j-ap schrieb am 09.05.2011 um 20:07
Sie kennen ja meine Devise, liebe Magda:
Dem Volke dient man am besten, indem man es nach Strich und Faden verarscht.
GeroSteiner schrieb am 09.05.2011 um 22:35
Jaja. Demenz oder nicht, das Altern ist nichts für Weicheier. Überhaupt ist Älterwerden eine einzige Katastrophe, aber die Alternative ist irgendwie auch nichts.
h.yuren schrieb am 10.05.2011 um 08:54
neenee, lieber gero, ich muss aus erfahrung widersprechen. nicht das altern oder die jugend sind eine katastrophe. bei mir verhält es sich z.b. umgekehrt. meine jugend war peinsam vor krankheit und irrwegen. im alter fühle ich mich jetzt erst ganz (wenn auch schon mal das eine oder andere haar ausfiel ohne ersatz). das alter ist mein optimum.
Magda schrieb am 09.05.2011 um 13:50
Sehr berührend fand ich in dem Zusammenhang das biographische Buch von Inge Jens. www.amazon.de/Unvollst%C3%A4ndige-Erinnerungen-Inge-Jens/dp/349803233X

Da ist - neben vielen anderen Erinnerungen - auch die Demenzerkrankung von Walter Jens beschrieben.

Das Drama beginnt vor dem Drama, mit der allmählichen Bewusstwerdung, dass das Vergessen naherückt.
Dann gabs einen unsäglichen Disput, weil Tilman Jens, der Sohn aus der Geschichte auch noch so allerlei Deutungen zog.

bit.ly/iTHAC8

Jetzt hat Walter Jens, der sich wohl fast an nichts mehr erinnert viel Freude, wenn er eine bestimmte Sorte Kuchen kriegt.

Ich habe vor fünf Jahren mal ein wenig in einem Altenheim mit Demenzkranken zu tun gehabt. Da war eine, die fragte mich alle fünf Minuten wo ihr Mann sein. Der aber war schon seit Monaten tot. Sie stellte immer mal wieder fest, dass sie wohl betrunken sei usw. War traurig. Aber, wenn man sie ansprach, mit ihr spazieren ging, wenn sie was Schönes sah, da freute sie sich. Da war ein kleiner Kaninchenstall. Immer wenn wir vorbei kamen, freute sie sich erneut über die TIere, die sie nach einer Umrundung schon wieder vergessen hatte.
Ich denke, Gefühle aber "vergisst" der Mensch nicht.

Ganz schlimm für mich war es, die Fotos an der Wand zu sehen. Bei einer Bewohnerin sah ich da wie eine tatkräftige, hübsche aktive Person sich verwandelt hatte in eine gewindelte, hilflose und laut jammernde Frau. Sie wusste davon nichts mehr.

Das Einzige was offensichtlich bei ihr unverändert war, schien ein starker Eigenwille zu sein. Man sah es auf den Bildern und sie verhielt sich auch so.
tlacuache schrieb am 09.05.2011 um 14:18
Magda,
ich muss ihnen da zustimmen, Gefuehle vergisst der Mensch nicht, ich kenne nur einen Fall von Tragoedie, als der Vater seinen Sohn staendig mit dem verlorenen Bruder im 2. Weltkrieg verwechselt hat, und glauben Sie mir, dass ist so zu meinem eigenem Glueck so ziemlich die einzige Tragoedie gewesen dich ich bisher erlebt habe, ich gluecklicher, und noch nicht mal unmittelbar.

Ich schaetze ihre Belesenheit, aber hier muss ich Kritik anbringen:
Man muss das ganze auch mal rational Betrachten. Unser "Hirn" ist auch nur Brocoli oder Spinat...
Wenn evolutionstechnisch der Mensch in den letzen 100 000 Jahren auf 35 Lebensjahre ausgerichtet war, und wir jetzt 50, 60, 70 oder bis zu 120 werden, dann soll man hier nicht jammern.
Mir geht die Konzentration verloren, als Mittvierziger, aber mit 78 noch in der Lage zu sein, SELBER die REISSLEINE zu ziehen, davor habe ich hoechsten Respekt.
M.f.G.

P.S
j-ap
..."sondern die Furcht der Nicht-Dementen davor, irgendwann mal all das zu vergessen, worauf ein ganzes vorheriges Leben gebaut war: auf nichts als Wahn"...
Hut ab, haben sie Philosophie studiert? der war gut ;-))))
paulart schrieb am 09.05.2011 um 14:03
"Was ist, wenn die letzte Phase des Lebens nur mehr Leid und Schmerz ist? Darf der Mensch dann seinem Leben ein Ende setzen? Walter Jens und Hans Küng haben diese Frage vor Jahren in diesem Buch mit "Ja" beantwortet." (Auszug aus dem Klappentext des Buches "Menschenwürdig sterben" von Walter Jens und Hans Küng).

Ich würde mich diesem "Ja" anschliessen, weil der Weg ins Dunkle für die Angehörigen noch viel schwerer als für den Betroffenen selbst ist.
GeroSteiner schrieb am 09.05.2011 um 14:13
Ein sehr gut zu lesender und nachdenkenswerter Artikel.

Wie es mal bei einem selber sein wird, weiß ja keiner im Voraus. Sehr schwer zu sagen, was jetzt schlimmer ist, wenn es zu keinem synchronen Lebensende kommt - wenn der Körper den Geist überlebt oder wenn der Geist den Körper überlebt. Für beide Optionen finden sich schreckliche und tröstliche Beispiele, auch im eigenen Familienkreis.

Wenn ich die Wahl hätte... Ich habe aber keine.
Dass, was mich oder meine Umgebung erwartet, muss, kann oder darf mit Demut ertragen werden. Im Grunde ist das Meistern eines Schicksals viel wichtiger, als das Schicksal selbst.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.05.2011 um 18:08
Erst habe ich gedacht. ' Altern ist nichts für Feiglinge!' , aber dann habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie anstrengend es doch sein muss, perfekt in einem anscheinend perfekten Leben sein zu müssen. Da bleibt einem doch nur noch der perfekte Abgang übrig... aus hohem Selbstanspruch, aus Angst vor dem puren Sein, aus Rücksicht vor den Nächsten oder aufgrund des väterlichen Vorbildes?

Wie dem auch sei, wo Liebe wohnt, ist nicht nur Raum für Nächsten-Liebe, sondern auch zum Dienen. Liebe kann somit ein Trost sein - auch bei Alzheimer.
luggi schrieb am 09.05.2011 um 21:55
Tja, um dem ganzen zu entgehen war und ist es nie meine Absicht, BB zu ehelichen, ungesund zu leben, eine Schusswaffe im Haus zu haben, Aluminiumgeschirr zu benutzen ...
Ich habe zu dem Tod keine Emotionen ... eher zu den Opfern, die zur Vermehrung seines finanziellen Reichtums ausgebeutet wurden.

Unabhängig von dem Schöseltod.
Dafür, dass ein Mensch geboren wird, kann er nichts. Dann sollte man ihm grundsätzlich das Recht zugestehen, über seinen Tod zu entscheiden. Es gibt doch humane Methoden gegenüber Schusswaffen, Brückensprung, Eisenbahn
h.yuren schrieb am 10.05.2011 um 09:02
lieber luggi, voll einverstanden, vom ersten bis zum letzten wort.
das überalterte system der machtverteilung ist die einzige katastrophe, der alle aufmerksamkeit zusteht. seit der bronzezeit nichts als reformstau.
parasiten spielten schon im altklassischen theater keine rühmliche rolle. wenn so ein erbonkel schluss macht, bedeutet das nichts.
zephyr schrieb am 09.05.2011 um 22:22
Die Demenz ist so individuell verschieden, wie der menschliche Charakter.
Da ist Greta (94), die 40 Jahre lang in Südamerika gelebt hat und kichert, wenn man sie fragt, ob sie Spanisch könne. Sie hat keinerlei Erinnerung an die Jahrzehnte - oder an ihre Gefühle den Menschen gegenüber, die sie dort geliebt hat. Sie erinnert nur die Gefühle ihrer Kindheit. Da ist Ursula (87), die ebenso das Glück einer behüteten Kindheit und gerade eben noch die Abenteuer des - ebenso behüteten - Arbeitsdienstes in bayrischer Frischluft erinnert. Ihre Söhne erkennt sie nicht mehr. Sie lächelt viel. Da ist Theo (86), der nun nach Jahren erst aufgehört hat zu toben, seine Ehefrau zu treten, zu schreien nach seiner früh verstorbenen Mutter, und dem ein einziges Wort aus seinem Leben geblieben ist: "Radio". Er war Elektrotechniker. Da ist Marianne (48). Sie bereitet sich ohne jede Suidzidabsichten auf ein Leben im Pflegeheim vor; ihr Partner schreibt Erinnerungszettel für sie während ihre Welt unfassbarer wird. Und dann war da Günter, der sich offenbar nach der Diagnose erschossen hat.
Der/die eine lebt und stirbt damit, mehr oder - oftmals, zu oft - weniger würdevoll; der/die andere entschließt sich zeitig das nicht zu tun und soll(te) das Recht dazu haben.
goedzak schrieb am 09.05.2011 um 22:51
Letzten Herbst war ich zur Trauerfeier eines älteren Freundes und Kollegen, der seit ca. 3 Jahren dement war. Wenn ich ihn besuchte, begrüßte er mich herzlich und zugewandt wie immer, wenn ich ihm dann gegenübersaß, wurde klar, dass er nicht wusste, wer genau ich war.
Seine Tochter erzählte mir, dass er 2 Tage vor seinem Tod zu ihr gesagt habe: Ruf die jungen Leute zusammen! Er meinte seine ehemaligen Studenten und die jungen Kollegen.
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