kay.kloetzer

robinson

15.01.2012 | 21:41

Warten auf Voltaire

Würde Zeit an der Börse gehandelt – es wäre ein Grund, ein wenig zu spekulieren und sowieso ein paar Aktien beiseite zu schaffen für noch schlechtere Zeiten mit noch knapperen Zeitressourcen. Also quasi für morgen.

 

Das Timing ist denkbar schlecht. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem laut Maya-Kalender den Menschen am wenigsten Zeit bleibt (das kann der eingeschobene 29. Februar jetzt auch nicht mehr rausreißen), gehen sie damit um, als gäbe es ein Morgen. Wir nähern uns dem Rubikon, vom Kairos ganz zu schweigen.

Bei den Leipziger Verkehrsbetrieben wurde schon vor Monaten auf Countdown umgestellt. Informierten die Straßenbahn-Haltestellen-Displays bis dahin über den Zeitpunkt der Abfahrt, werden nun die verbleibenden Minuten angezeigt. Die nächste Tram der Linie 7 fährt nicht mehr 11.59 Uhr, sondern in vier Minuten.

So ausgesprochen fünf vor Zwölf ist es an der Zeit für Auszeiten. Gedanklich. Voltaire hat es vorgemacht. „Sire, ich eile“, ließ er Friedrich II. ausrichten, „ich werde kommen, tot oder lebendig.“ Da weilte er gerade mit Wagenbruch in Kleve. Fünf Tage später traf er in Potsdam ein. Lebendig. Das war die Eile des 18. Jahrhunderts: Sie ließ Raum für den einen oder anderen philosophischen Exkurs. Oder ein spöttisches Gedicht. Oder eine ausschweifende Entgegnung.

Als Leibniz befand, dass wir „in der besten aller möglichen Welten leben“, antwortete Voltaire ihm mit einem Roman, der bitterironischen Parodie „Candide oder Der Optimismus“. Darin nimmt er ganz nebenbei schon die zeitraubend korrekte Politikersprache vorweg, wenn er von „hohen Würdenträgerinnen und Würdenträgern“ schreibt.

Als in den 80er Jahren Kellnerin Lilo im legendären Café Corso von einem Stammgast darauf hingewiesen wurde, dass er nun schon eine halbe Stunde auf seinen Kaffee warte, gab sie die richtigste aller möglichen Antworten: „Siehste, wie die Zeit vergeht.“

Über das Café Corso ist die Zeit hinweg gegangen. Wo es war, gibt es jetzt Sportklamotten. Die komplette Ausrüstung zum Davonlaufen. Und sei es im Fitnessstudio. Was das Laufband vom Hamsterrad unterscheidet, ist ja nicht mehr als die Krümmung.

Wer die Zeit hat, kann sie auch verlassen: mit Hans Joachim Schädlichs Novelle „Sire, ich eile“ zum Beispiel, die am Montag erscheint (Rowohlt Verlag, 16,95 Euro). Darin widmet er sich der Beziehung zwischen Voltaire und Friedrich II. Dabei ist es eher ein Porträt Voltaires, dessen aufgeklärte Liebe zu Émilie du Chatelet den ersten Teil prägt.

Im zweiten dann, dem eiligen, zerstreiten und trennen sich Friedrich und Voltaire, auch weil letzterer seinen Ideen verpflichtet bleibt, während die Krone aus jenem Kronprinzen mit schwerer Kindheit keinen besseren Menschen gemacht hat. Auch keinen klügeren. Dass beide eigenwillige Spötter waren, das macht die Paarung durchaus interessant.

So treffen – mit dem Autor – drei Ironiker aufeinander, und Schädlichs Begabung zur Reduktion macht aus 144 Seiten ein Schatzkästlein, das Zeit bewahrt, um sie herzuschenken. Während der Lektüre nämlich, die anregt, Gedanken schweifen zu lassen über die Unvereinbarkeit von freiheitlichem Geist und Macht. Über alle diese Zeiten hinweg.

(zuerst unter www.lvz-online.de)

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 15.01.2012 um 21:50
Liebe kay.kloetzer,
wie schön, dass einem Deine Stückchen etwas Zeit schenkt,
und keine Zeit stiehlt!

Danke
sagt archie
kay.kloetzer schrieb am 15.01.2012 um 23:08
danke archie. die novelle übrigens könnte Dir wirklich gefallen, also der schädlich. der hat so eine wunderbare lakonie. und wenn man denkt, da hätte es jetzt aber ein satz mehr sein können - ist er schon im kopf entstanden. das buch verdreifacht sich beim lesen.
liebe grüße
archinaut schrieb am 16.01.2012 um 02:26
Ja, das Buch würde mir gefallen,
144 Seiten, die sich im Kopf verdreifachen,
das ist ein starkes Argument!
GEBE schrieb am 15.01.2012 um 21:59
Lach!!!

"... das kann der eingeschobene 29. Februar jetzt auch nicht mehr rausreißen" - ich lach mich schippelig.

Schön geschrieben, danke dafür!
kay.kloetzer schrieb am 15.01.2012 um 23:02
schippelig ist ein schönes wort. darf ich es haben?
GEBE schrieb am 16.01.2012 um 00:27
Klar - und ganz umsonst sogar.
Ich selbst habe noch ein paar davon im Keller.

:-)
kay.kloetzer schrieb am 16.01.2012 um 00:47
danke! wenn wir dann mal in Ihren keller gehen könnten ...
GEBE schrieb am 16.01.2012 um 01:01
Na, geben Sie es ruhig zu, Sie würden bei der Gelegenheit doch nur nachgucken wollen, ob ich nicht etwa doch eine Modelleisenbahn da unten stehen habe, gelt?

:-)
mcmac schrieb am 15.01.2012 um 23:10
Danke, liebe kay!
koslowski schrieb am 15.01.2012 um 23:40
"Fünf Tage später traf er in Potsdam ein." - In diesen fünf Tagen von Kleve nach Potsdam musste er entgegen seiner Planung in der Stadt Herford ( bei Bielefeld ) übernachten, weil der Schlamm auf den Wegen der ostwestfälischen Provinz seine Pferde ermüdet hatte und der Gaul eines Bauern ihn zur Stadt bringen musste. Als Voltaire um Einlass bat, fragte die Wache, wer er sei. Voltaire antwortete, er sei Don Quichote mit seiner Rosinante, und die Wache ließ ihn passieren. Intellektuelle und andere Reisende hatten damals nicht nur mehr Zeit, sondern, scheint es, auch mehr Gleichmut und Humor.
kay.kloetzer schrieb am 16.01.2012 um 00:08
genau das ist es! zeit und humor hängen zusammen. zeit und gleichmut ohendies.

hätten sie in der ostwestfälischen (was für ein wort!) provinz schon w-lan gehabt, hätte voltaire über gaul-sharing sofort ersatz gefunden, und zwar gleich transit über helmstedt. auf dem weg hätte er die mails seiner nichte gecheckt und die kontobewegungen versaille-sanssouci. vor allem umgekehrt. er hätte das finanzamt vertröstet, der titanic einen artikel angeboten und seinen anwälten die nummer vom bundespräsidialamt durchgegeben. er hätte ein blog angefangen: "Wahrhaftig, dieses Land ist besser als Westfalen ..." und schon bald ein upgrade, update gemacht: "Hier geht es ganz anders zu als in Westfalen und auf dem Schloß des Herrn Baron. Hätte unser Freund Pangloß Eldorado gesehen, so würde er nicht mehr behaupten, dass es nichts besseres auf Erden gäbe, als das Schloß von Thunder ten Tronck. Eins ist sicher - man muß eben reisen."*
am nächsten tag würde steffen seibert dementieren und die kanzlerin wertschätzung verkünden. und voltaire wäre im palast eingetroffen, ohne einen klaren gedanken gefasst zu haben.

*zitate aus "Candide oder Der Oprimismus"
ed2murrow schrieb am 16.01.2012 um 07:28
Oprimismus, Opri ... Au ja, wenn das mal nicht die zeitgemäße Version wäre: Der Kandidat und sein Oprimismus. Klingt besser als Depri :)
ed2murrow schrieb am 16.01.2012 um 07:28
Oprimismus, Opri ... Au ja, wenn das mal nicht die zeitgemäße Version wäre: Der Kandidat und sein Oprimismus. Klingt besser als Depri :)
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.01.2012 um 01:31
"Das war die Eile des 18. Jahrhunderts: Sie ließ Raum für den einen oder anderen philosophischen Exkurs. Oder ein spöttisches Gedicht. Oder eine ausschweifende Entgegnung."

Was nützt Zeit für solch müßig Zeugs, wenn's keine Leuts hat, die Zeit und Lust haben, sich drauf einzulassen? Nix, wonnich?
@dllxllb schrieb am 16.01.2012 um 04:07
"Was das Laufband vom Hamsterrad unterscheidet, ist ja nicht mehr als die Krümmung." Das ist mein Lieblingssatz. Die Zeichen der Zeit...

Ich kann mich nur anschließen. Sehr schön geschrieben. Danke.
h.yuren schrieb am 16.01.2012 um 08:07
danke auch, liebe kk, für den anregenden literaturtipp.
bloß eine kleine, winzelige fußnote hätte ich gern angehängt, wenns beliebt.
der mann mit humor und witz im xxl-format hatte natürlich auch seine macken. so griff er die talare seiner zeit heftigst und mit erfolg an, unterhielt aber an seinem wohnsitz eine kapelle für pantheistische andachten. aber was schwerer wiegt in der waagschale der zeit, ist seine bemerkung zur verteilung von reich und arm in der gesellschaft. hat es immer gegeben und wird es immer geben, war sein knapper kommentar.
jens kassner schrieb am 16.01.2012 um 08:15
"Würde Zeit an der Börse gehandelt" - genau das passiert eigentlich. Zinsen sind nichts anderes als verkaufte Zeit. Darum war im Mittelalter die katholische Kirche noch strikt gegen den Wucher, da die Zeit Gott gehöre. Aber das hat sich ja auch schon lange geändert ...
Katharina Schmitz schrieb am 16.01.2012 um 12:04
liebe kay.kloetzer. Ich werde mir das Buch mal vornehmen. Schöner Blog. Bis auf den letzten Absatz, der mich irritert. Warum? So ähnlich steht's einfach im Klappentext, also die "Unvereinbarkeit von freiheitlichem Geist und absolutistischer Macht" und die SZ sprach ja auch von Schädlich als dem "Meister der Reduktion". Ich las Ihren Text und hatte gleich ein déjà-lu
kay.kloetzer schrieb am 16.01.2012 um 13:37
ja, so ist es leider. fehlt nur noch die "gewohnt knappe und lakonische Art", die kommt auch in jedem text über schädlich vor. es ist nicht leicht, zu umschreiben und trotzdem zu treffen. und in diesem fall sind es einfach die treffenden begriffe.
herzlich
kk
Katharina Schmitz schrieb am 17.01.2012 um 14:10
Liebe kay.kloetzer. Gelesen. Sehr schön! Und zu Ihrem Kommentar von 00:08 auch noch: Ein moderner Friedrich hätte sicher nicht nach diesem Oeuvres de poésie fahnden lassen, das sich in Voltaires Koffer befand. Fast nicht vorstellbar heute, ein Buch mit diesem ideelen Wert.
kay.kloetzer schrieb am 17.01.2012 um 16:20
o ja!
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