Was machen festangestellte Stadttheater-Schauspieler in der Spielzeitpause? Sie trinken auswärts. Das heißt: Sie reisen durchs Land, besuchen die Sommertheater-Aufführungen der Kollegen, klagen bei alkoholfreiem Hefeweizen über ihren Intendanten, bevor sie dann bei doch noch einem Rotwein die Regisseure abschaffen. Beim Wodka schließlich den gesamten Theaterbetrieb.
Es sind vor allem festangestellte Stadttheater-Schauspieler über 50, die Sommer für Sommer die Winter bis zur Rente zählen. „Es kommt doch nichts Neues mehr“, sagt Klaus W.* aus dem Norden. Immer wieder müsse er das Gleiche spielen, die gleichen Sätze auf gleiche Weise in den Saal rufen, die gleichen Regieeinfälle ertragen. Dabei habe er durchaus Kraft für neue Lesarten und Spielweisen.. „Aber dafür fehlt den Regisseuren die Lust oder die Zeit“. Oder beides. „Oder“, sagt Kollegin Regina Z.* aus dem Süden, „sie glauben etwas neu erfinden zu müssen, was nicht neu erfunden werden muss.“
Was gar nicht neu erfunden werden dürfe, pflichtet W. bei, denn Fernsehbilder seien Fernsehbilder und Live-Konzerte seien Live-Konzerte, und ein Theater, dem nicht mehr einfalle, als beides zu kopieren, könne es nicht besser machen, sondern nur sich selbst verraten.
„Den Leuten muss es gefallen“, sagt D., die Kellnerin. Und: „Das macht dann 24 Euro 60“. Da bestellen die festangestellten Stadttheater-Schauspieler doch noch eine Runde. Wer sind denn bitteschön die Leute? Wer will denn wissen, was das Publikum erwartet? Und ist, einen behaupteten Geschmack einer unbekannten Zuschauermasse zu bedienen, nicht Feigheit vor der eigenen Ratlosigkeit?
„Bei uns“, sagt der Leipziger Hubert M.* wird für ein Publikum gespielt, das es nicht mehr gibt. Denn zwischen den Extremen unkritischer Huldigung und beleidigter Ignoranz überwiege das Schulterzucken. „Die Zuschauer sind noch gar nicht raus aus dem Saal, da reden sie schon wieder über ihre Einkäufe oder das Essen.“ An den Schauspielern liege es nicht. „Wir bräuchten einen Spielplan wie das Sommertheaterinszenierung ,Casanova’. Von allem etwas: Originaltext und eigene Fortschreibung, Klamauk und Tiefgang, erfahrene Kollegen und Nachwuchs, Dialoge, Monologe und Gesang. “
Tatsächlich haben die Besucher für Martina Eitner-Acheampongs Inszenierung in diesem Sommer angestanden, wie nur selten sonst. Es waren Abonnenten, Studenten, Touristen aller Altersgruppen – das klassische Stadttheater-Publikum also. Die Ex-Leipziger Schauspielerin hat schon mit „Das Fest“ und dem Weihnachtsmärchen „Dornröschen“ im Centraltheater so inszeniert, dass Schauspieler glänzen können, Vertrautes neu gezeigt wird, Sprache aus Ideen geboren ist und Spiel zu einer Intensität findet, die nicht provozieren will sondern berühren.
Das Ensemble selbst hat mit eigenen Projekten demonstriert, wie es Publikum erreichen (Silvester-Revue) und Großes im Kleinen (be-)greifbar machen kann („Das schwarze Loch“). Das alles lässt hoffen. Wie auch der Erfolg des Dresdner Schauspiels, wo Intendant Wilfried Schulz mit eigenwilligem Spielplan und wagemutigen Regisseuren ein Rekordergebnis einfahren kann. Wolfgang Engel hat dort Uwe Tellkamps „Der Turm“ auf die Bühne gebracht, auch eine Fassung von Cornelia Funkes „Reckless“ Publikum gezogen, Roger Vontobel für seine moderne Klassiker-Adaption, Schillers „Don Carlos“, den Deutschen Theaterpreis bekommen.
Es geht, aber es wird schwieriger. Denn obwohl Theater widerständig sein soll, scheint im deutschen Norden, Süden wie in Leipzig unvorstellbar, was aus Italien zu hören ist: „Seit einem Monat halten Schauspieler und Aktivisten das berühmte Theatro Valle in Rom besetzt“ (spiegel online), sie protestieren gegen das staatliche Kultur-Sparprogramm. Das Haus steht zum Verkauf, es droht die Schließung zugunsten eines Restaurant oder einer Bingohalle. „Kultur kann man nicht essen“, wird Finanzminister Giulio Tremonti zitiert.
Kultur, genauer: Hochkultur, ist „der Maßstab, den unsere Zivilisation nicht verlieren darf“, schreibt Jens Jessen in der Zeit. Er konstatiert – trotz allem – eine Theater-, Opern-, Musik- und Museenlandschaft, „die in ihrer Vielfalt und Breite in der Welt ihresgleichen sucht“. Gleichzeitig warnt er davor, „den Unterschied von Kommerz und Kunst zu verwischen“ und diagnostiziert eine „panische Furcht“, sich zu Vertrautheit und Umgang mit der Hochkultur zu bekennen. Als wäre es ein Schimpfwort. Die Rede von der Hochkultur sei an sich noch keine Qualitätsaussage, sondern formuliere zunächst nur einen Anspruch. Auch wenn die Stoffe sich gleichen – Liebe, Tod und letzte Dinge – sortiere der Begriff das Publikum.
Warum auch nicht, wäre nicht mit dem Bekenntnis zum Anspruch gleichzeitig die Bereitschaft zur Bildung gefährdet. Da nehmen sich Stammtisch und gesellschaftspolitische Debatte inzwischen nicht mehr viel. So wie den Fernsehzuschauern allein das Programm nicht vorgeworfen werden kann, das sie sehen, so sind Besucherzahlen noch kein Kriterium für Relevanz. Im Guten wie im Schlechten. Immer wieder vorgeschoben wird das Geld, das fehlende.
Jessen erinnert daran, dass, als der moderne Staat in die Pflege der Hochkulturstätten einsprang, die Teilhabe an der Hochkultur die politische Teilhabe vorwegnehmen sollte. Denkt man das zu Ende, können Sparmaßnahmen wie Diskussionsniveau der vergangenen Monate als Banalisierung künftiger Wahlentscheidungen gesehen werden. Die Latte tiefer zu legen, bedarf keiner Mühe. Es geht aber um den Maßstab, „ohne den die Gegenwart sofort vergessen würde, in welcher Gedankentiefe der Mensch seine Angelegenheiten spiegeln kann, sein privates Leben ebenso wie die politischen Verhältnisse“.
Damit ist eben nicht nur jede Spardebatte im Kern politisch, jede mutwillig hinter postulierten Ansprüchen zurückbleibende Inszenierung ist es auch. Jede dem vorgeblich so unterhaltungsfreudigen Publikum lustlos zusammengetackerte Komödie schadet einem Theaterhaus mehr, als eine herausfordernde Nischen-Inszenierung es vermag. Weil sie von Arroganz, Zynismus und Ignoranz erzählt – nicht in der Welt, sondern auf dem Regiestuhl.
Mag sein, dass Hochkultur ein Kampfbegriff ist, wie Georg Diez in seiner jüngsten S.P.O.N-Kolumne schreibt. Dass das Wort nur „ein Ideal im Verschwinden“ beschreibt. Dass sich Kriterien kaum festschreiben lassen. Und natürlich ist auch Hochkultur Entwicklungen, Veränderungen ausgesetzt, denen sich zu verschließen, Irrsinn wäre.
Es ist eine Entscheidung: Wollen wir – als Gesellschaft – uns subventionierte Kunst und Kultur leisten? Oder nicht. Bestellen wir noch eine Runde? Aber ja.
„Das ist alles gut und schön“, sagt W., „wenn aber Intendanten und Regisseure nicht mehr suchen, als sie in einer Annäherung an den Massengeschmack zu finden glauben, den sie ja nicht mal kennen, weil sie mit geistiger Besitzstandwahrung ausgelastet sind, dann machen sie sich mit jenem Denken gemein, das sie eigentlich auf den Bühnen bloßstellen sollen. Und dann ist es auch egal.“ Vielleicht, räumt Z. ein, sind sie müde. Das sind wir jetzt alle. Und zahlen.
* Name geändert
(dieses blog ist zuerst erschienen unter www.lvz-online.de)