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Blog von keiner

18.01.2012 | 22:40

Wulff oder: die FAZ als Robin Hood

Vergangenen Samstag schlug sich die FAZ auf die Seite einer jungen Witwe, die nach dem Krebstod ihres Manns einen Immobilienkredit bei der BW-Bank vor Ablauf der vereinbarten Frist ablösen wollte. Sie stiess auf Indolenz und beinharte Finanzinteressen des Instituts, eine Geschäftspraxis, die sich wirklich beklagenswerterweise nicht im Geringsten mit der Werbung der BW vereinbaren lässt - "Bei unserer Beratung stehen Sie als Kunde immer im Mittelpunkt" und "Gemeinsam entwickeln wir ein ganz auf Ihre persönlichen Wünsche und Ziele abgestimmtes Lösungskonzept." zitiert die FAZ.

Um dann fortzufahren: “Das mag für Bundespräsidenten gelten, für einfache Verkäuferinnen wie Jutta gilt das wohl eher nicht.”

Ich hatte mir auch, ehrlich gesagt, schon die Augen ob des so unverhofft zu Tage getretenen sozialen Bewusstseins dieser doch eher für ihren unternehmerfreundlichen Wirtschaftsteil bekannten Tageszeitung gerieben.

In Wirklichkeit ist das natürlich ein Artikel gegen Wulff, die einzige Person des Artikels, deren Foto  gezeigt wird. Unterschrift: “Wegen der Kreditvergabe an Christian Wulff gehen immer mehr Anzeigen bei der Stuttgarter Staatsanwaltschaft ein”

“Der Durst [nach Geld] einer Bank hängt für gewöhnlich vom Kapitalmarkt ab, von den gebotenen Sicherheiten und, wie man jetzt weiß, auch davon, ob man gerade Bundespräsident ist oder nicht. Im Fall von Jutta dauerte es jedenfalls bis zum Abschluss des Geldgeschäfts deutlich länger. Im Januar 2009 unterzeichneten sie und ihr Mann ihren neuen Vertrag über ein Darlehen, dessen Zinsen bei einer Laufzeit bis 2018 auf 4,88 Prozent festgeschrieben wurden und sich damit in ganz anderen Kategorien bewegten als die Wulffschen Zinskonditionen von 0,9 bis 2,1 Prozent.”

Das ist interessant. Hinter der FAZ stecken, glaubt man ihrer Werbung, Heerscharen von klugen Köpfen, nicht zuletzt eine Wirtschaftsredaktion. Und die sind nicht in der Lage, ein Kapitalmarktdarlehen auf Euribor Basis, bei einer Laufzeit von Wochen oder Monaten und einem immer wieder neu zu bestimmenden Zinssatz von  einem Hypothekenkredit mit einem auf 9 Jahre festgeschriebenen Zinssatz zu unterscheiden? Und können nicht recherchieren, ob solche Euribordarlehen auch an auch an Privatleute vergeben werden? Natürlich könnten sie das , und natürlich sind das ‘ganz andere Kategorien’, und jeder Journalist könnte das wissen.

Darum geht es aber nicht. ‘Wulff bestiehlt Witwe’ würden noch seriösere und investigativere Journalisten als Michael Ohnewald - der nicht zur Wirtschaftredaktion der FAZ gehört - vermutlich titeln. So oder so, es wird geglaubt.

Die Staatsanwaltschaft - ob noch viele Leser dem Aufruf der FAZ gefolgt sind und Anzeige erstattet haben? - hat die diesbezüglichen Ermittlungen eingestellt.

Die Presse ist also inzwischen bei einem Bobby Car angekommen, das irgendwo in der Spielecke für Besucherkinder im Schloss Bellevue rumfliegen dürfte - eins der vielen Beweisstücke für die Verfehlungen des Bundespräsidenten, die akribisch zusammengetragen werden.

(hier fortgesetzt)

 

(link 'kluge Köpfe' am 22.2. geändert)

 
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Kommentare
cuchulainn schrieb am 18.01.2012 um 22:58
na immerhin wissen wir jetzt, was schirrmacher damals meinte, als er laut darüber nachdachte, ob "die linke" nicht doch "recht" habe.
mcmac schrieb am 19.01.2012 um 11:28
Am Rande etwas ausführlicher zur Ablehnung der Staatsanwaltschaft, gegen die BW-Bank zu ermitteln:

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft, liebevoll auch als „Freisprechanlage für bessere Kreise“ tituliert, hat es gestern abgelehnt, im Zusammenhang mit dem Fall Wulff Ermittlungen gegen die BW-Bank aufzunehmen.

Liest man die Begründung, wird schnell klar, dass diese mindestens in einem Punkt* falsch und genauso fadenscheinig ist, wie die Begründung vor einigen Wochen, nicht gegen ehemalige Regierungsmitglieder wegen Körperverletzung im Amt in Zusammenhang mit dem 30.9.2010 (S21 - "Schwarzer Donnerstag") zu ermitteln – mal abgesehen davon, dass man seitens der Stuttgarter Staatsanwaltschaft seit Jahren auch keinen darauf Bock hat, alte SS-Mörder zu verfolgen.

*„[...]Außerdem wurde ein Wertgutachten bezüglich des zur Sicherheit dienenden Einfamilienhauses vor Abschluss des Kreditvertrages eingeholt. Dieses Gutachten kommt nachvollziehbar zu einem Beleihungswert der über der Darlehenssumme liegt. Insofern bestehen keine tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Pflichtverletzung der Bank. Ebenso bestehen keine Anhaltpunkte dafür, dass der Bank ein Vermögensschaden entstanden ist.[...]“ so in der Begründung der Staatsanwaltschaft.

„[...]Die überraschenden Zinssätze, die Bundespräsident Christian Wulff für sein Darlehen bei der BW-Bank bezahlen musste, resultieren unter anderem auch aus Investitionen in sein Haus, die vom Land Niedersachsen getätigt wurden. Für die Sicherheit des damaligen Ministerpräsidenten habe das Land in sein Privathaus zusätzliche Sicherheitseinrichtungen eingebaut und dafür 850.000 bis 900.000 Euro bezahlt, heißt es in Kreisen der BW-Bank - für Einbauten wie etwa einen Panikraum oder schusssichere Fensterscheiben.
Durch diese Investitionen sei der Wert des Hauses deutlich gestiegen, und nur deshalb habe Wulff einen Kredit über 500.000 Euro zu extrem günstigen Konditionen bekommen können, obwohl er selbst für die Immobilie nur 415.000 Euro bezahlt hat. „Auf diese Weise ist Wulff deutlich besser gestellt worden, als wenn nur die üblichen Renovierungen auf den Wert angerechnet worden wären“, heißt es in eingeweihten Kreisen in Stuttgart.[...]
Quelle: FAZ, 13.01.2012
(Natürlich entbehrt es angesichts des Beitrags oben nicht einer gewissen Ironie, ausgerechnet die FAZ hier als Quelle zu bemühen...)
mcmac schrieb am 19.01.2012 um 11:37
Könnte mal jemand von der Online-Redktion eingebetteten URLs beibringen, dass HTML-Einbetten nicht das Gleiche ist wie embedded journalism"?.. Vielleicht klappt es dann ja mal. Danke!

Hier also noch einmal sämtliche Links aus obigem Kommentar, voll ausbuchstabiert (und somit hässlich und unübersichtlich, dafür aber hoffentlich funktionstüchtig):

1. Begründung Stuttgarter Staatsanwaltschaft Wulff:

www.staatsanwaltschaft-stuttgart.de/servlet/PB/menu/1177707/index.html?ROOT=1177700

2. Begründung Stuttgarter StA Mappus & Co.:

www.freitag.de/community/blogs/mcmac/eier-zu-weihnachten-

3. Nazis, SS und Stgt. StA:

www.freitag.de/community/blogs/mcmac/gruen-braeunt-ohne-rot-zu-werden

4. FAZ:

www.faz.net/aktuell/wirtschaft/guenstiges-darlehen-wulff-profitiert-von-investitionen-des-landes-niedersachsen-11605228.html
keiner schrieb am 19.01.2012 um 14:25
Vor allem irritiert mich in der Begründung der Staatsanwaltschft Stuttgart folgende Passage:

"Der Vortrag einzelner Anzeigeerstatter, die Bank hätte einen vorteilhafteren Vertrag mit einem höheren Zinssatz anstreben müssen, lässt außer Acht, dass die wirtschaftliche Entscheidung eines Kreditinstituts, zu welchen Bedingungen es ein Darlehen gewährt, grundsätzlich nicht der Nachprüfung durch die Staatsanwaltschaft unterliegt".

Erklären lässt sie sich vermutlich mit 'Vertragsfreiheit' und damit, dass nur die öffentliche Hand in solchen Geschäften an den Gleichbehandlungsgrundsatz der Verfassung gebunden ist. Aber was wäre - grundsätzlich - bei Wucher?

Wie dem auch sei, Staatsanwälte können Richter nicht ersetzen - die in Stuttgart hat sich, wenn ich mich recht entsinne, vor geraumer Zeit nicht entblödet, einen Button mit zerbrochenem Hakenkreuz, vertrieben von einer Antifa-Gruppe, unter 'Verwendung verbotener NS-Symbole' einzuordnen und Klage zu erheben -, und insofern handelt es sich hier keinesfalls um einen Freispruch.

Was mich aber auch stört, ist folgende von Ihnen zitierte Passage aus der FAZ: "...als wenn nur die üblichen Renovierungen auf den Wert angerechnet worden wären“, heißt es in eingeweihten Kreisen in Stuttgart."

Wir sprechen hier von einer ca 20 Jahre alten Kiste. 'Übliche Renovierungen' hört sich nach Tapezieren und Decke streichen an.

Wenn man sich aber mal die EnEV (Energieeinsparverordnung) durchliest, lässt sich feststellen, dass man, wenn man einmal z.B. irgendwas mit dem Dach anfängt, strengen Vorschriften unterliegt, erst recht, wenn man sich an Fenster oder Wände macht - diese Massnahmen hätte ich gerne , bevor ich sie beurteile, erstmal aufgelistet und ihre Kosten zusammengestellt. Bischen Renovieren trifft die Sache wahrscheinlich nicht.

Und warum sind wir auf 'eingeweihte Kreise' in Stuttgart angewiesen? Lässt sich nicht recherchieren, was in Niedersachsen für Ministerpräsidenten üblich ist, wie solche Sicherheitsmassnahmen gewöhnlich be- und verrechnet werden?

MacAllister hat Aufklärung in allen Fragen zugesagt - lässt sich da nichts recherchieren?

'Eingeweihte Kreise' - das ist doch blosse Gerüchteküche, dafür hängt man niemanden. Höchstens ein Lynchmob.
mcmac schrieb am 19.01.2012 um 16:20
...Noch etwas mehr am Rande: Stgt., StA, 2007, Zerbrochenes-Hakenkreuz-Symbol:

www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,413443,00.html
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