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Blog von keiner

14.01.2012 | 22:58

Wulff und die Achse des Guten

Einen Gutteil ihrer so frisch erworbenen angeblichen Seriosität verdankt die Bildzeitung der Tatsache, dass auch andere Presseerzeugnisse, die diesen Ruf schon etwas länger geniessen, ihrer Linie folgen, im Zusammenspiel vor allem mit der FAZ wird der Bundespräsident regelrecht in die Zange genommen.

Viele der Vorwürfe gegen Wulff entpuppen sich m.E. als wenig haltbar, zumal, wenn sie aus einem eher bürgerlichen bzw. spiessbürgerlichen Lager erhoben werden, und es lohnt sich die Frage, ob es nicht politische Interessen sind, die der gegenwärtigen Treibjagd auf den Bundespräsidenten zugrunde liegen.

Ein Meilenstein schien erreicht, als die Oppositionsparteien ihre Zurückhaltung fallen liessen und glaubten, aus der Affäre Wulff Kapital schlagen zu können. Berthold Kohler, Herausgeber und Leitartikler der FAZ kommentierte unter der Überschrift “Die bunte Replik” am 8.1. in der FAZ:

“Wulff hatte sich mit seinen Reden über „die bunte Republik“ und dem zu Deutschland gehörenden Islam einen Bonus bei den linken Parteien erworben. Doch selbst ihnen wurden Wulffs Windungen zuletzt zu bunt.”

‘Bei den linken Parteien’ - da die Aussage Wulffs anlässlich des 20. Jahrestags der deutschen Einheit, der Islam gehöre zu Deutschland, nicht nur bei Linkspartei, SPD und Grünen, sondern auch grossen Teilen von CDU und FDP gut angekommen ist, stellt sich schon die Frage nach dem politischen Koordinatensystem dieses Kommentators - links, das sind alle ausser CSU und NPD?

Es sieht so aus: “In Deutschland ist rechts da, wo keiner sein will, der noch alle Tassen im Schrank hat. Politisch fängt dieses Land ganz links außen an und hört dann schlagartig in der Mitte auf. Während sich dort alles drängt - sogar Jürgen Trittin will inzwischen zur linken Mitte gehören -, ist rechts von der Mittellinie für einen nach Schröderschen Maßstäben anständigen Demokraten nichts zu entdecken, geschweige denn zu gewinnen.

Früher, so etwa um Franz Josef Strauß herum, muss es da noch etwas gegeben haben, wenigstens eine Wand. Heutzutage trifft man dort nur noch auf das vollkommene Nichts. Nicht einmal in der rechten Mitte wollen Parteien wie CDU und CSU noch so recht verortet werden.” , schreibt Kohler in der FAZ vom 25.11.2011: “Rechts ist nur noch das Nichts”

Und am 8.10. 2009 , in einem “Dogmen eines gescheiterten Multikulturalismus” überschriebenen Abschnitts einer flammenden Sarrazin-Verteidigung:

“Sarrazins Sekretariat wird in diesen Tagen Schwierigkeiten haben, die Zustimmung zu bewältigen. Alles kleine Nazis? Es schreibt vielmehr die politische Mitte, die es satthat, als fremdenfeindlich beschimpft zu werden, nur weil sie nicht länger mit den Dogmen eines gescheiterten Multikulturalismus traktiert werden will, für den jeder geschächtete Hammel eine kulturelle Bereicherung ist. Dass Sarrazin, bekanntermaßen mit einer intellektuellen Lust an der Provokation ausgestattet, auch in diesem Interview mit manchen Aussagen über die Stränge des Üblichen geschlagen hat, mag den Usancen der Bundesbank widersprechen. Aus der sogenannten Mehrheitsgesellschaft aber schlägt ihm eine Welle der Dankbarkeit dafür entgegen, dass endlich einmal einer ihr seine Stimme geliehen hat.” Quelle:

www.faz.net/aktuell/politik/thilo-sarrazin-ausserhalb-des-korridors-1866834.html

Tatsächlich, wer ‘Politische Mitte’ so definiert, meint mit ‘links’, ausser vielleicht der CSU, eigentlich alle im Bundestag vertretenen Parteien.

Und natürlich stellt sich in dieser Sichtweise auch die Frage nach Meinungsfreiheit und der aus ihr abgeleiteten Pressefreiheit, deren Verteidigung sich aktuell (und schon immer) ja gerade die Bildzeitung auf die Fahnen geschrieben hat

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So ähnlich sieht das, wenn auch elaborierter, auch Kohler: unter dem Stichwort “Meinungsfreiheit” titelt er “Die roten Linien”, vom 9.9.2010:

Es heisst dort: “Aus Sicht der obersten Rezensentin der Republik [Angela Merkel] schrieb Sarrazin ein Buch voller ‘äußerst verletzender’ und ‘diffamierender’ Äußerungen, das ‘überhaupt nicht hilfreich’ sei.” Und hier kommt Wulff schon vor dem 3.10.2010 in einer sehr merkwürdigen Weise ins Spiel: “Die Einmischung der Kanzlerin und auch des Bundespräsidenten, der sich in diesem präzedenzlosen Verfahren, hätte es an einem ordentlichen Gericht stattgefunden, für befangen (!) hätte erklären müssen, zeigt, dass hier tatsächlich wegen Verstößen gegen einen Verhaltenskodex verhandelt wurde [...]”

Und weiter unten:

“Die Methode Ausschlussandrohung”

[...] Was darf man in dieser Republik sagen und schreiben, ohne die mitunter bis zur Existenzgefährdung reichende „Menschenverachtung“ zu erfahren, die Sarrazins Kritiker nur bei ihm erkennen können? Und wer bestimmt die Grenzen des Meinungskorridors? Beides war jahrzehntelang geklärt: Die Linke in Politik und Publizistik zog die roten Linien, von der Ausländerpolitik bis zur Vergangenheitsbewältigung. [...] Die Methode Ausschluss(androhung) statt argumentative Auseinandersetzung findet bis heute reichlich Anwendung: von der auch auf diesem Feld stromlinienförmig gewordenen CDU bis zur SPD, [...].

Ob Hohmann, Clement, Sarrazin oder Steinbach: In keinem dieser Fälle wurde aufgedeckt, dass gegen ein Strafgesetz verstoßen worden ist. Jedenfalls einem Teil der Eliten dieses Landes scheint das Wissen abhandengekommen zu sein, dass die für die Demokratie konstitutive Meinungsfreiheit nicht nur für Meinungen gilt, die von der Kanzlerin als hilfreich und von besonders klugen Kolumnisten als diskussionswürdig und dem gerade geltenden Stand der Wissenschaft entsprechend angesehen werden, sondern auch für falsche, verwerfliche und abwertende Äußerungen bis an die Grenze anderer, von der Verfassung garantierter Rechtsgüter.”

(Unter Verfassungsblog.de gibt es einen ziemlich interessanten Aufsatz von Max Steinbeis hierzu, Titel: Von der Freiheit, nicht mit jedem Knallkopf in einem Verein sein zu müssen

verfassungsblog.de/von-der-freiheit-nicht-mit-jedem-knallkopf-einem-verein-sein-zu-mssen/ ; ,unter anderem wird noch einmal auf Hohmanns Äusserungen zu den Juden als ‘Tätervolk’ verwiesen, deretwegen er aus der CDU rausflog)

Darüber, was Kohler dazu bewegt, den Bundespräsidenten schon vor seiner Äusserung zur Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland für in der Sache Sarrazin befangen zu erklären, lässt sich nur spekulieren. Dieser ‘Tabubruch’ hier , mit dem sich Wulff so unbeliebt gemacht hat, datiert vom 20.10.2010, zu spät also:

www.faz.net/aktuell/politik/ausland/kopftuch-debatte-hinter-den-schleiern-der-tuerkei-11052712.html

Unter dem Stichwort ‘Kopftuchdebatte’ leitet die FAZ ein: “In der Türkei ist ein weiteres Tabu gefallen, und wenn er mag, kann der deutsche Bundespräsident sagen, er sei dabei gewesen.”, um, nach einigen Fotos, die den Präsidenten u.a. mit Frau Gül, der Frau des türkischen Staatspräsidenten, zeigt (es handelt sich nämlich um eine Kopftuchdebatte in der Türkei) zu schliessen:

“Von Hayrünnisa Gül, die als kluge und tatkräftige Frau gilt, wird übrigens gesagt, sie habe sich bei ihrer Heirat aus freien Stücken dazu entschieden, das Kopftuch zu tragen. So eine Aussage kann nur treffen, wer sich anmaßt, den Leuten in die Seele blicken zu können. Fest steht laut der offiziellen Biografie der Ersten Türkin aber das Datum, an dem sie den heutigen Präsidenten der Türkei heiratete, mithin ihre Entscheidung getroffen haben müsste: Es war im August 1980, wenige Tage nach ihrem 15. Geburtstag.”

Die Sachlage ist klar, oder? Es ist ausgeschlossen, dass die Frau des türkischen Staatspräsidenten im Alter von 15 Jahren eine eigenständige Entscheidung getroffen hat - vordergründig ist das Tragen des Kopftuchs gemeint, gleichzeitig aber wird herausgearbeitet, dass der türkische Staatspräsident eine Minderjährige geheiratet habe, und darauf dürfte sich das gebrochene Tabu - auf das sich der Bundespräsident etwas einbilden darf, wenn er denn will - mindestens im Subtext beziehen.

Denn längst ist das Kopftuch den Verteidigern des christlichen Abendlands - und gemeint ist sicher nicht Lessings Nathan - zum Symbol geworden, Symbol für alles, was Abscheu erregt.

Auf der Homepage von Vera Lengsfeld (CDU), die in der ‘Welt’ bereits am 4.1. den Rücktritt der ‘Witzfigur’ Wulff forderte,

www.welt.de/politik/article13796921/Lengsfeld-fordert-Ruecktritt-der-Witzfigur-Wulff.html

 findet sich eine PDF unter dem Titel ‘Gedanken zu einer deutschen Leitkultur’. Sie stellt das muslimische Kopftuch ganz ungeniert neben die Beschneidung afrikanischer Mädchen - und insinuiert so eine Gemeinsamkeit, die es nicht gibt:

“Pluralität und Toleranz sind die Stärken der westlichen Lebensweise. Leider sind sie allzu  oft in Permissivität und Gleichgültigkeit umgeschlagen. Es gibt Stimmen in unserem Land, die meinen ,wir hätten etwa die Beschneidung von Mädchen zu dulden, weil sie zur kulturellen Identität einiger hier lebender Afrikaner gehöre.  Wir hätten die Ehrvorstellungen anatolischstämmiger Männer zu akzeptieren, die ihren Töchtern verbieten, am Sportunterricht in der Schule teilzunehmen und sie zwingen, ein Kopftuch in der Öffentlichkeit zu tragen.”

Lengsfeld ist nicht mehr Mitglied des Bundestags, ein Grund mehr, warum ein politischer Beobachter vom Schlage Berthold Kohlers zu dem Schluss gekommen zu sein scheint, dass die “Mitte” im Parlament nicht ausreichend vertreten sei.

Aber wenigstens im Internet, auf einem anspruchsvollen Blog namens “Die Achse des Guten”. Und auch dort finden sich viele Beiträge zur Affäre Wulff.

Herausstellen möchte ich einen Eintrag Henryk M. Broders zum neuen Jahr, “ Herr der Binse” überschrieben.

www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/der_herr_der_binse1/

Broder bringt dort einen Begriff, ‘Grüssaugust’, der die Debatten um Wulff zwar durchzieht, aber eher nebensächlich zu sein scheint. Broder: “Was in der ganzen Debatte meistens übersehen wird: Der Bundespräsident ist der Grüßaugust der Republik. Man braucht ihn so, wie man den Mann in Livree braucht, der einem bei der Ankunft im Hotel die Tür aufmacht und sagt: „Willkommen im Hyatt“. Es ist eine nette Geste, nicht mehr.”

Und weiter: “Dafür wird der Präsident gut bezahlt. Er bekommt ein Jahresgehalt von 200.000.- Euro, dazu eine monatliche Aufwandsentschädigung von 6.500.- Euro. Und wenn er aus dem Amt scheidet, freiwillig oder gezwungenermaßen, läuft das Gehalt bis zu seinem Ableben weiter. Zur Zeit hat die Bundesrepublik vier bezahlte Präsidenten [...]. Was nicht weiter schlimm wäre, wenn nicht gleichzeitig eine Debatte darüber geführt würde, ob man die Zahlungen an die Hartz-IV-Empfänger um fünf oder um acht Euro monatlich erhöhen sollte.”

Nicht schlecht, was? Dem Volk aus der Seele gesprochen, nicht wahr?

Dem Pöbel nach dem Maul geredet triffts schon eher, meine Meinung. Abgesehen davon, dass der Vorwand, eine Gerechtigkeitslücke zu beleuchten, doch sehr offensichtlich Neid wecken oder schüren soll, es ist auch eine unglaubliche Respektlosigkeit - nicht dem Amtsinhaber, sondern dem Amt gegenüber.

Einem Amt gegenüber, das wie kein anderes in dieser Republik die Abkehr vom Führerprinzip hin zur Demokratie bedeutet: die Gesetze, die der Bundespräsident ausfertigt und beurkundet, entsprechen dem Willen des Volks, wie er sich in den verschiedenen Institutionen und Vorgehensweisen der Demokratie gebildet hat, nicht zuletzt den Parlamenten, und nicht dem eines Einzelnen. Keines Helden von Tannenberg, keines Demagogen aus Braunau - und es handelt sich auch nicht mehr um die Anweisungen eines Monarchen, der das Land als Lehen vergibt. Der Bundespräsident handelt nicht aus eigener Machtvollkommenheit, sondern immer als Beauftragter der Demokratie.

Der Bundespräsident als Verfassungsorgan: das ist eine Konstruktion, die gewollt und zentral für die demokratische Ordnung ist. Sie ist erdacht, um dem Ruf (und dem Bedürfnis) nach dem ‘starken Mann’, wie er vor allem in Krisenzeiten  erschallt, einen wirksamen Riegel vorzuschieben.

Die Direktwahl des Bundespräsidenten zu fordern (s. link oben) oder der Versuch Broders, das Amt der absoluten Lächerlichkeit - ‘Portier des Hyatt’ - preiszugeben, entspringt einem Misstrauen in die Demokratie und ihre Fähigkeit, auch Krisenzeiten - niemand wird behaupten, wir sähen uns nicht mit ernsten Problemen konfrontiert, Finanz und Schuldenkrise, des Sozialstaats, Energiekrise, 9-11 und die Folgen inklusive der Suche nach Sündenböcken - zu bewältigen, wie es aus der Weimarer Republik bekannt ist:

“Als dieser ihm in der Broschüre ‘Fort mit Erzberger’ (1919) eine „unsaubere Vermischung politischer Tätigkeit und eigener Geldinteressen“ vorwarf, strengte Erzberger einen Prozess gegen Helfferich wegen Beleidigung an. Am 12. Februar 1920 gab das Gericht schließlich ein Urteil bekannt, in dem Helfferich zu einer geringen Geldstrafe verurteilt, seine Darstellung jedoch als teilweise zutreffend dargestellt wurde. Das Urteil gilt als bekanntes Beispiel für die in der Weimarer Republik typische politische Justiz der Richter, die oft „auf dem rechten Auge blind“ waren.”

Erzberger hatte den Waffenstillstandsvertrag von Compiegne unterzeichnet und galt den Anhängern der Dolchstosslegende - Deutschland sei nicht im Feld, sondern an der Heimatfront geschlagen worden - als ‘Erfüllungspolitiker, und das kostete ihn das Leben.

de.wikipedia.org/wiki/Matthias_Erzberger#Zeit_der_Weimarer_Republik

Auch Berthold Kohlers Versuch, Mitte neu zu definieren, offenbart lediglich Unfähigkeit, Realität wahrzunehmen und zu akzeptieren. Diese neue Mitte hat keine Mehrheit im Parlament - s. Frau Lengsfeld - weil sie nicht gewählt wird - und nicht etwa, weil die CDU antisemitische Äusserungen im Sinne Hohmanns durch Ausschluss unterdrückte.

Und wirft man einen Blick auf die von ihm so vehement geforderte Meinungsfreiheit, wie sie auch Springer erkämpft, tut sich bei näherer und konkreterer Betrachtung ein realistischeres Bild auf:

Schon vor einigen Jahren hat sich Kai Diekmann mal als moralische Instanz zu gerieren versucht, als Verfasser eines Buchs mit dem schönen Titel: ‘Der grosse Selbstbetrug’ (Abrechnung mit den 68ern).

Zu jener Zeit war bei der Welt ein gewisser Alan Posener als Chef von debatte.welt.de tätig, und der konnte es sich nicht verkneifen, auf einige doch eklatante Widersprüche hinzuweisen:

“’Das Erbe der 68er hat uns in eine Sackgasse geführt. Es wird Zeit, endlich umzukehren. [schrieb Diekmann]’

Ah ja, klar. [...] Die 68er haben K.D. gezwungen, Verantwortung zu scheuen. (Was meint er damit?) Die 68er haben K.D, gezwungen, als Chefredakteur der Bildzeitung nach Auffassung des Berliner Landgerichts „bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung Anderer“ zu ziehen. Die 68er zwingen ihn noch heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen.[...]”

“Man kann nicht die Bildzeitung machen und gleichzeitig in die Pose des alttestamentarischen Propheten schlüpfen, der die Sünden von Sodom und Gomorrha geißelt. So viel Selbstironie muss doch sein, dass man die Lächerlichkeit eines solchen Unterfangens begreift.”

www.turi2.de/2007/05/09/alan_posener_wir_sind_papst~2240695/

(am besten markieren, inklusive Tilde und der Zahl und oben in die Taskleiste kopieren)

Na,was will ich denn, war doch auf Welt.de zu lesen. Zwei Stunden lang? Drei? Es wurde jedenfalls noch am selben Tag gelöscht, Begründung:

"Stellungnahme der Axel Springer AG zum Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann":

    “Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.

    Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur.

    Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen.”

Ach so.

Posener schätzt sich selbst politisch gesehen so ein: “pro-israelisch, pro-amerikanisch, gegen den Islamofaschismus und gegen eine Politik, die darin besteht, Wohltaten zu verteilen, statt Menschen in die Lage zu versetzen, sich selbst zu helfen”, einer der Gründe, warum er sein eigenes Blog bei der Welt aufgab und bei der ‘Achse des Guten’ mitschrieb. Wie das weiterging und welchen Begriff von Meinungsfreiheit Broder &  Co proaktiv vertreten, können Sie hier, Stichwort ‘stalinistisch’, nachlesen:

www.freitag.de/kultur/0929-posener-achse-des-guten

Und Berthold Kohler? Die Faz hat schon einen Nachfolger für Wulff bereit, Thomas de Maiziere. Wer sich immer noch wundert, wie unterschiedlich Bild und FAZ zu Guttenberg und Wulff beurteilen, sieht sich am besten das Bild zur Meldung an

www.faz.net/polopoly_fs/1.1602469.1326368047!/image/2168596861.jpg_gen/derivatives/width610x580/2168596861.jpg

(wieder in den browser kopieren!)

Nein, es ist noch nicht so weit: Dies ist kein Foto von der Ernennung de Maizieres zum Bundespräsidenten (und die drei von der Tankstelle eilen zur Gratulation herbei), sondern zu Guttenberg - den ja, wie seinerzeit von Hindenburg, bekanntermassen die Heimatfront besiegt hat, guttenplag.com und so -

“Mit Guttenberg in Afghanistan  An zwei (!) Fronten”

www.faz.net/cmlink/mit-guttenberg-in-afghanistan-an-zwei-fronten-1594642.html

gratuliert seinem Nachfolger...

Fazit: Auch wenn meine Prämisse, dass viele der gegenwärtig überall zu hörenden Vorwürfe gegen Wulff (inklusive ‘Philosophisches Radio auf WDR 5, “ Mangel an Vernunft” “Und Humor!”) erstaunlich wenig Substanz haben, vielleicht nicht zu halten ist, möchte ich doch folgendes betonen:

Hier wird nicht etwa einer gejagt, der sich als typischer Vertreter einer mindestens latent korrupten politischen Klasse anständigen Aufklärern einer freien Presse, die das Wohl des Gemeinwesens im Auge haben, gegenübersieht, sondern es handelt sich um einen typischen früheren Parteipolitiker, der als Bundespräsident Überparteilichkeit anstrebt und dessen grösster Fehler es gewesen zu sein scheint, sich positiv zum Islam und einer - auch  kulturell gesehen - pluralistischen Ordnung bekannt zu haben.

Spätestens seitdem nun auch Bonusmeilen ins Spiel gekommen sind, ist doch einigermassen klar, dass hier das Bild eines korrupten Linken, der auf Kosten der einfachen Leute in Saus und Braus lebt gezeichnet werden soll.

Wenn das funktioniert, hat sich Kohlers Definition von ‘Links’ durchgesetzt (alles ausser der CSU und Sarrazin), und Bild kann stolz sein:

“Von der ersten Ausgabe 1952 bis heute gilt BILD als Sprachrohr des kleinen Mannes. Ohne BILD wüsste die Öffentlichkeit wohl nichts über „Florida-Rolf“, die „Bonusmeilen-Affäre“ oder „Plansch-Scharping“ – und Papst wären „wir“ auch nicht...”

Und es liesse sich nicht auf angeblichen Sozialschmarotzern rumhacken, sich diese nicht als Hartz 4 Empfänger gegen das Amt des ach so reichen Bundespräsidenten in Stellung bringen, keine ‘Verfehlungen’ nach Bedarf instrumentalisieren - und der Papst? Na, immerhin hat der sich in Regensburg als erstes mal unfreundlich mit dem Islam auseinandergesetzt. Passt schon. Tolle Zusammenfassung.

www.bild.de/news/60-jahre-bundesrepublik-deutschland/news-inland/erstausgabe-der-bild-zeitung-erscheint-7840130.bild.html

 
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Kommentare
cuchulainn schrieb am 14.01.2012 um 23:39
gehen sie mal gelegentlich mit sich zu rate, mein lieber keiner, und der frage nach, weshalb die formulierung

"eine unglaubliche Respektlosigkeit - nicht dem Amtsinhaber, sondern dem Amt gegenüber"

wesentlich näher am so sehr demonstrativ dementierten "helden von tannenberg" und dem "demagogen aus braunau" liegt als ihnen vermutlich lieb ist.
hadie schrieb am 15.01.2012 um 00:21
Ihr regt mich jetzt nicht mehr auf, Ihr nicht!

keiner schrieb am 15.01.2012 um 01:35
Ja, sogar im Vorfeld dieser Überlegungen. Das war die Frage an mich selbst, warum ich in letzter Zeit Wulff, den amerikanischen Präsidenten (und alte Eiben) verteidige. Anders formuliert: ob ich am Schily/Mahler-Syndrom leide, der stetig fortschreitenden Petrifizierung der Birne, erkennbar an einem sich beschleunigenden Drift nach Rechts (mit zunehmendem Alter).

Kein Führer, sondern ein Amt (das gilt natürlich nicht für Eiben), und das ist ein wesentlicher Unterschied. Das vom deutschen Präsidenten personifizierte Prinzip 'Machtlosigkeit des Einzelnen' ist es, das ich wichtig finde (oder bei Obama das Eingebundensein in Checks und Balances, dass er genau nicht der Messias sein kann, als den in so viele im Vorfeld sehen wollten. Oder anders ausgedrückt: Guantanamo kann erst verschwinden, wenn es eine Mehrheit gibt, die das will, und für viel hilfreicher als Hoffnungen in einen mächtigen Mann, den US-Präsidenten, zu setzen finde ich, das Geschwätz vom Clash of Civilizations als Angstphantasie zu entlarven).

Wissen Sie, wenn Sie sich heute in Deutschland bemühen, sich an Gesetze zu halten - und sei es, dass Sie 30 in der 30er Zone fahren, weil Sie nicht riskieren wollen, ein Kind zu überfahren - sind Sie ein blöder Spiesser, und wenn Sie gar das Amt des Bundespräsidenten als ein Verfassungsorgan verteidigen, liegt Heldenverehrung (bzw. Obrigkeitsgläubigkeit) nahe.

Als aber zwischen 1933 und 1945 z.B. genau differenziert wurde, wer wie Jude sei - zwischen Mischlingen 1. Grades bzw. 2. Grades bestanden da wesentliche Unterschiede, Rassenschande war auch noch mal in Kategorien unterteilt - Blockwarte noch in den Bombennächten darüber wachten, dass auch ja niemand aus der falschen Kategorie etwa Schutz im Luftschutzbunker fand, entsprach das dem 'gesunden Volksempfinden', und die Volksgemeinschaft war sich einig, unzählige Einzelne fleissig bei der Sache und im Einklang mit der Obrigkeit.

Dabei sind es heute unsere Gesetze, es ist unsere Verfassung - meiner Meinung nach, und die, nicht der Mist von Nürnberg, verdienten unser Engagement. Der mühsame Rechtsstaat und die noch mühsamere Demokratie sind doch der Preis dafür, dass nicht nach Schnauze abgeurteilt und gemordet wird.

Wenn das Amt Bundespräsident, egal wer es bekleidet, ein Scheiss sein soll, dann haben wir auch am 8. Mai den Krieg gegen die Scheiss-Amis verloren, und von Weizsäcker kann reden, was er will (und kriegt, laut Broder, viel zu viel Geld dafür). Das meine ich.

Ich versuche, es gerade noch mal zu denken: Sie sehen mich hier katzbuckelnd vor dem Herrn Bundespräsidenten, den ich eben seines Amts wegen für eine unantastbare Respektsperson hielte, nicht wahr? Und das 'demonstrative Dementi' wäre dann ein Versuch, diese mir nicht bewusste Haltung wegzudrücken, diesen Zusammenhang nicht wahrhaben zu wollen.

Werde ich noch mal drüber nachdenken...
keiner schrieb am 15.01.2012 um 12:07
@ cuchulainn, die zweite

So, drüber geschlafen: Zögern liess mich, dass ich bei mir tatsächlich ein gewisses Ordnungsbedürfnis (und damit auch Sicherheitsbedürfnis) diagnostizieren kann, das in Zeiten von Krisen sicher stärker ausgeprägt ist.

Für wichtig aber halte ich, welche Art von Ordnung es dann sein soll: der fabelhafte Anführer (der sich auch schon mal, wenn es drauf ankommt, über die Verfassung hinwegsetzen kann und soll), oder der (nicht von mir) gewählte Amtsinhaber, den ich nicht von einem Sturm der (selbst)gerechten Empörung hinweggefegt sehen will, als handle es sich um eine Gaddafi oder Assad, sondern der dann, wenn ihm gravierende Verstösse gegen geltendes Recht nachzuweisen sind, vor dem Bundesverfassungsgericht angeklagt wird und dort verurteilt oder freigesprochen wird.

Broder und seine Kumpane sehen in dem angeschlagenen Bundespräsidenten eine Bresche und setzen zum Sturm auf Meinungsfreiheit und Pluralismus an, die ihnen in Wirklichkeit ein Greuel sind, und an diesem Punkt setze ich die Respektlosigkeit vor dem Amt mit Feindschaft gegenüber der freiheitlichen Verfassung als Ganzem gleich - wer dieses Amt, dessen Inhaber den demokratischen Staat gemäss der Verfassung repräsentiert, schleifen will, muss nachweisen, dass er nicht genau diesen Staat in seiner Verfasstheit beschädigen will.

P.s. Ich bemühe mich ja um Hauptsätze und Kürze - und scheitere völlig. Sehen Sie mir das bitte nach!
born2bmild schrieb am 15.01.2012 um 09:55
"die Gesetze, die der Bundespräsident ausfertigt und beurkundet, entsprechen dem Willen des Volks, wie er sich in den verschiedenen Institutionen und Vorgehensweisen der Demokratie gebildet hat, nicht zuletzt den Parlamenten, und nicht dem eines Einzelnen"

Auch wenn die Gesetze z.B. von Peter Hartz, Personalvorstand und Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG & der nach ihm benannten Hartz-Kommission, den Großkanzleien Linklaters oder Freshfields, Bruckhaus, Deringer ausgearbeitet - und komplett übernommen und im Parlament abgenickt werden (bei Hartz mit Abstrichen, als Ausgleich tragen die Gesetze seinen Namen) obgleich die zugrunde liegenden Verträge zuweilen von den Abgeordneten gar nicht eingesehen werden durften?

Repräsentiert der jetzige Bundespräsident nicht vielmehr idealtypisch eine repräsentative Demokratie als Mantel für anderweitig ausgehandelte Interessen, eine Gesellschaft bei der "Geiz ist geil" den Ton angibt, Versicherungsbetrug und Steuerhinterziehung, Vorteilsnahme wo nur irgend möglich, als "macht doch jeder" angesehen wird?
Dass sich nun ausgerechnet das größte Drecksblatt der Nation als proppere Reinigungskraft der Würde des Amtes geriert, hat seinen eigenen Reiz.
keiner schrieb am 15.01.2012 um 11:44
Ist die Lösung denn, dass es ein anderer wird, einer, der sich weigert, derartig zustandegekommene Gesetze zu unterschreiben?

Demokratie als Fassade, Politik als Inszenierung: diese Vorstellung ignoriert, dass diejenigen, die sich den Staat zur Beute machen, sich ausserhalb des verfassungsmässig vorgesehenen Rahmens bewegen - ‘anderweitig ausgehandelt’: bei Bertelsmann und den Quandts, beispielsweise.

Und diese Vorstellung bedeutet auch: Feuer frei! Dieses Gebilde ist morsch, sturmreif - weg damit, und ich bezweifel, dass sich hier Lösungen auftun - da setze ich doch lieber ganz kleinteilig auf Ortsvereine usw.

Denn eins scheint doch auch klar zu sein: die Interventionen werden immer massiver, ein Clement muss sich sehr weit aus dem Fenster lehnen, um Ypsilanti in Hessen zu verhindern: diese Leute fühlen sich sehr bedroht, und es wäre zu hoffen, dass sie die Lage richtig einschätzen.

Reizvoll - so würde ich die Kampagne von Bild bis FAZ (ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich die Bildzeitung ist, die Ihren Ehrentitel verdient hat) nicht nennen.

Ihre Analyse finde ich ja weitgehend richtig, aber ich finde, dass die Kampagne gegen Wulff genau von denen inszeniert und vorangetrieben wird, für die er Ihrer Meinung nach steht.

An einem Punkt ist er in seinem neuen Amt zum Abweichler geworden: er hat die gebetsmühlenartig vorgetragene Litanei von den integrationunfähigen Muslimen durchbrochen und Integration ganz vorsichtig als einen Prozess, an dem sich beide Seiten beteiligen müssen skizziert, und genau an diesem Punkt soll er an die Kandare genommen werden - oder zum Abdecker.

Bild et al wollen keine demokratische Republik, Meiningsfreiheit und Pluralismus sind ihnen Schlagworte, die nach Bedarf (und nicht nach Überzeugung) eingesetzt werden (s.o.) - ich will mich so nicht einspannen lassen.
born2bmild schrieb am 15.01.2012 um 13:05
Ihre These in Ehren, Wulff werde demontiert wegen seiner Bekundung der Islam gehöre zu Deutschland. Allerdings halte auch ich seine Aussage für irrig und biete meine Variation:
Die Mitbürger/-innen, gleich welchem Aberglauben sie anhängen, gehören zu Deutschland. Die Bundesrepublik sollte sich allerdings der Aufklärung verpflichtet fühlen, die im Kampf gegen den Aberglauben, gleich welcher Variante, die Verwirklichung der Menschenrechte erstrebt.
Im übrigen ist auch der Brechreiz ein Reiz ;-))
GEBE schrieb am 15.01.2012 um 13:18
Nach diesem Eingangssatz: "Einen Gutteil ihrer so frisch erworbenen Seriosität verdankt die Bildzeitung ...", habe ich aufgehört zu lesen.
Warum? Nun, weil Zirkelschlüsse als Ausgangsprämissen eben Nonsense sind.
Es kann nämlich allenfalls lauten: '... so propagierten, als frisch erworbenen ...' - oder 'frisch propagierten ...', und selbst das müßte unbedingt in Paranthese gesetzt sein.
keiner schrieb am 16.01.2012 um 12:41
@ GEBE: ich hab’s geändert, ein ‘angeblich’ vor Seriosität gesetzt.

Ist damit der Stein vor dem Eingang soweit zur Seite gerollt, dass Ihnen die Öffnung nun gross genug ist?

Freundliche Grüsse!
cuchulainn schrieb am 15.01.2012 um 16:44
@keiner, 15.01.2012 um 01:35 und 12:07

es ist umgekehrt und damit noch schlimmer: sie machen den diener nicht vor dem AMTSWALTER, der in diesem fall christian wulff heisst, sondern die beten das AMT selber an, sogar dann, wenn es jemand - wie eben der wulff - versieht, mit dem sie ansonsten recht wenig anfangen können.

sie trennen also zunächst einmal den konkreten INHALT der bestimmung "bundespräsident", von dem sie ausdrücklich absehen wollen, von seinem ideellen MASSSTAB, der ihnen schlichtweg HEILIG ist. will sagen: sie SAKRALISIEREN das amt, "transzendieren" die funktion, die es im gefüge der institutionen hat und machen den präsidenten darüber zu einer art oberstem staatspriester, für den "respekt" zu haben gefälligst allgemeine pflicht ist.

sie konstruieren damit ihr interesse zu einem allgemeinen, verbindlichen kriterium dafür zu recht, was sich gehört und was nicht - das ist der waschechte erzchristliche gehalt der mehode. in der radikalen, gewissermassen schizoiden version, hat die jakob augstein dieser tage präsentiert, als er in einem artikel schrieb, dass zur not das amt sogar GEGEN seinen inhaber "verteidigt" werden solle. - das sind himmelfahrten, die man nicht alle tage trifft und wenn, dann nur im vatikan bei der kommission für die seligsprechung (oder wie das ding heisst) erwartet hätte!

natürlich ist ihnen, mir und so gut wie allen anderen leuten im land, sofern sie sich nicht vorsätzlich selber in die tasche lügen, sonnenklar, dass es auf den famosen "respekt" (sprich: die FREIWILLIGE unterwerfung unter die unwidersprechliche amtsautorität) für irgendwas gar nicht ankommt, denn die beste deutsche demokratie aller zeiten verfügt selbstverständlich über mittel ganz anderer art, um sich geltend zu machen, namentlich die bundeswehr, die polizei und die ganzen anderen mal mehr mal weniger uniformierten "trachtenvereine", die gern zum knüppel greifen, wo die freiwilligkeit arg zu wünschen übrig lässt. wer da noch "respekt" einfordert, der sagt auf gut deutsch: das, was die leut sowieso dulden müssen, weil man ihnen ansonsten ganz demokratisch die fressen poliert, das sollen sie bittschön auch noch selber wollen.

da frag ich mich nur mehr, unter welchen wesen ich da eigentlich wohne.

lg cúchulainn

p.s. sie müssen mir meine neuliche sprachkritik nicht nachtragen, zuml hier auch gar kein anlass zur beschwerde besteht: sowohl den artikel als auch ihre kommentare habe ich ohne jedes problem lesen können.
keiner schrieb am 16.01.2012 um 13:28
@cuchulainn:

Zunächst vorneweg: die Stilkritik nebenan trage ich Ihnen nicht nach, sondern fand im Gegenteil meinen Kommentar, nachdem ich ihn im gedruckten Freitag gelesen hatte, so ähnlich wie Sie. Deshalb freut es mich, inzwischen anscheinend lesbarer geworden zu sein.

Vielleicht können wir es mal dahingestellt sein lassen, ob ich das Amt des Bundespräsidenten für heilig halte, es gar anbete und festhalten, dass wenigstens Sie das offenbar nicht tun.

Zwischen Anbeten, wertschätzen und ablehnen liegt eine grosse Spanne - würden Sie soweit gehen, dass Sie das Amt ablehnen oder für überflüssig halten? Broder habe ich ja zitiert - Portier des Hyatt: Würden Sie sich dem, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen, anschliessen?

Und @ born2bmild: Würden Sie Artikel 4 GG

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.“

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

gerne anders gefasst sehen? Etwa einige Begriffe dort durch ‘Aberglauben’ ersetzen oder Absatz 2, der ja in seiner Folge durchaus zu Einschränkugen im Alltagsleben, beispielsweise Arbeitsverboten an Sonn- und Feiertagen führt, ändern?

Ich frage deshalb, weil ja ‘Aberglaube’ ganz anders klingt als ‘religiöses und weltanschauliches Bekenntnis’ - während dies in der Verfassung Freiraum erhält, den auch die, die es nicht teilen, zu respektieren haben, gehört ersterer eher überwunden, und die Religion so zu definieren, dürfte aus der Sicht religiöser Menschen diesen Freiraum schon anknabbern, indem ihre Überzeugungen verächtlich gemacht werden.

Anders gefragt: sehen Sie die Verfassung als Grenzziehung und gemeinsamen Grund, der alle einschränkt (und innerhalb dieses Rahmens Möglichkeiten eröffnet) oder ist sie Ihnen eher ein Katalog, aus dem nach Belieben und Bedarf ausgewählt werden kann?

Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, sondern eher daran, dass es ein menschliches Bedürfnis ist, sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschliessen, sei es aus Angst vor Räubern oder hehrer (Gerechtigkeit!) oder auch profanerer (Bankraub) Ziele wegen.

Vielleicht ahnen Sie, worauf ich hinaus will?

Nebenan, in ‘Der Wulff und die bösen Medien’ wird immer noch die unheilige Allianz zwischen vormals seriösen Medien und dem Boulevard diskutiert, oder auch, wie sich z.B. der Freitag und die Bildzeitung gegenseitig spiegeln: Kann es sein, dass sich rechts und links einig sind und dies unsere Version vom arabischen Frühling ist? Wulff flugs zum autokratischen (Pressefreiheit), kleptokratischen (Vorteilnahme) und verkommenen (Gerüchte über das Vorleben seiner Frau) Despoten stilisiert wird und sich alle auch einig sind, dass diese Form der repräsentativen Demokratie, vielleicht die Demokratie als Verhandlung und Interessenausgleich an sich, verzichtbar sei und hinweggefegt gehört?
cuchulainn schrieb am 16.01.2012 um 13:58
hallo keiner,

ihre frage "würden Sie soweit gehen, dass Sie das Amt ablehnen oder für überflüssig halten?" ist falsch gestellt und deshalb eine, mit der ich mich nicht befasse. aus bestimmten gründen und zu bestimmten zwecken - jawohl, solche, die mit der historie zu tun haben, sie haben das thema schon angeschnitten - haben sich die verfassungsgeber dieses landes entschieden, regierungs- und staatsleitung funktionell wie institutionell zu trennen. dieses amt gehört genau wie sein gesamter ideeller unterbau zu den bedingungen, die zu einem bestimmten zeitpunkt der historie gesetzt wurden - ich lebe nicht für oder gegen sie, sondern mit ihnen.

ich formuliere es ihnen zuliebe mal reichlich abgetakelt und defensiv: mir fielen schon noch ein, zwei oder auch drei andere sachen ein, die ich vor dem amt des buprä abschaffen würde - die nämlich, bei denen die wirkliche macht liegt und nicht bloss ihre schauseite.

übrigens, wo sie das auch fragten: die ständigen verweise auf den ach so hohen ehrensold und die anderweitig irgendwie "unverhältnismässigen" bezüge des präsidenten gehören für mich zu den dümmsten abteilungen solcher "kritik", über die ich besser nichts weiter sage.
keiner schrieb am 16.01.2012 um 14:15
Schade, eigentlich wollte ich Sie und born2bmild zu typischen Linken erklären, mit Broder und Kohler in ein Boot setzen und den Polen raten, das Schengen-Abkommen auszusetzen und wieder Grenzkontrollen einzuführen.

Aber immerhin haben Sie mich auf einen amüsanten Gedanken gebracht: Vielleicht hätte Wulff heute weniger Probleme, wenn er vor dem niedersächsischen Landtag zu seinen Geschäftsbeziehungen mit Egon Geerkens so wie Sie geantwortet hätte: Die Frage ist falsch gestellt, und deshalb befasse ich mich nicht mit ihr...
cuchulainn schrieb am 16.01.2012 um 14:44
jetzt habe ich auch mal eine frage an sie, keiner:

was halten sie denn von der tatsache, DASS sich wulff damals vor dem landtag zu niedersachsen bezüglich seiner geschäftlichen verbindungen einige fragen gefallen lassen musste?

ist das für sie ein ausweis des umstands, dass in diesem land speziell und in der demokratie im allgemeinen die staatlichen amtswalter dem "souverän" verantwortlich sind im unterschied zu früher?
cuchulainn schrieb am 16.01.2012 um 15:02
wissens was, keiner? ich ziehe die obige frage zurück, weil sie suggestiv ist und uns nicht weiter hilft.

ich wollte nämlich zeigen, wie eine frage falsch gestellt werden kann, indem ich ihnen eine frage falsch stelle. wohlgemerkt: keine falsche, sondern eine falsch GESTELLTE frage.

was ist an der frage falsch gestellt?
dasselbe wie zB bei folgender: "sind sie für höhere löhne?"

wer so fragt, fragt falsch, denn er befasst sich nicht weiter mit den URSACHEN seiner frage - genau denen hätte er sich aber zuzuwenden, wenn er eine antwort haben wollte auf das, was ihn angeht.

um im beispiel zu bleiben: wen an den löhnen nur stört, dass sie "zu niedrig" (gemessen woran?) seien, und wer vielleicht sogar für lohnerhöhungen demonstriert, der demonstriert zugleich und damit FÜR das PRINZIP der kapitalistischen ausbeutung, das dieser frage überhaupt erst zugrundeliegt. statt sich aber darüber auskunft zu geben und vielleicht sogar klar zu werden, bleibt die sache ganz an der oberfläche - weswegen dann auch nur mehr MORALISCHE urteile übrig bleiben, in die man sich retten kann, um noch auf einen irgendwie grünen zweig zu kommen.
born2bmild schrieb am 16.01.2012 um 15:29
"Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses" wurde seit Beginn der Aufklärung erkämpft gegen hartnäckigen Widerstand der jeweiligen Wahrer ihres vermeintlich einzig wahren Glaubens. Es war ein langer, dorniger Weg bis zur UN-Erklärung der Menschenrechte. Ihrer Verwirklichung entgegen stehen auch die in unzähligen Sekten segmentierten Eingott-Religionen. Deren Gläubige in Deutschland, nähmen sie den einzig wahren Glauben ernst, wegen ihrer Bindung (lat. religare= zurückbinden) sich nicht zum von Ihnen angeführten Grundgesetzartikel bekennen dürften.
Wo der Glauben ernst, todernst, genommen wird, z.B. bei den Wahabiten in Saudi-Arabien, ist auch von den Menschenrechten nicht die Rede.
Darüber hinaus gibt es noch weitere Aberglauben, z.B. an den "Freien Markt" und die "Selbstheilungskräfte des Marktes". Auch sie stehen der Verwirklichung der Menschenrechte als zur Zeit größtes Hindernis im Weg.
Ich, Nichtgläubiger in den Hinsichten - ab und an glaube ich den Aussagen meiner Mitmenschen - kann mich auf, hinter & vor den GG-Artikel stellen.
Die repräsentative Form der Demokratie, wie sie in verschiedenen Formen im Westen und nach westlichem Vorbild weithin praktiziert wird, bildet sicherlich nicht das Ende der Geschichte der möglichen Regierungsformen. Solange die einzige Weltmacht ihre Version von Demokratie praktiziert und, auch in abgewandelter Form, weltweit implantiert sehen will, mit dem Big Stick, offen oder verborgen gewappnet, wird sie es jedoch bleiben. In absehbarer Zeit, meiner Lebenszeit.
Und in der Zeit können Sie mich, meinetwegen auch in einem Boot, zusammen mit Flüchtlingen sehen. Gleich welchen (Aber)Glaubens.
tlacuache schrieb am 16.01.2012 um 15:54
"born2bmild schrieb am 16.01.2012 um 15:29"
:-)
"Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses" wurde seit Beginn der Aufklärung erkämpft gegen hartnäckigen Widerstand der jeweiligen Wahrer ihres vermeintlich einzig wahren Glaubens. Es war ein langer, dorniger Weg bis zur UN-Erklärung der Menschenrechte..." etc. etc. etc.

So, der ist jetzt auf meiner Festplatte gespeichert.
Können Sie das auch mal in die Nachbarblog's
stellen oder ist das NiveauCreme - mässig zu klein für die "Schmuddelblog's"?

;-)
born2bmild schrieb am 16.01.2012 um 20:02
Ich weiß nicht, was mit "Schmuddelblog's" gemeint ist, vermute, "Die westliche Doppelmoral… [ Kommentare 261 ]" und Muhabbetcis andere Geschichts- & Glaubenswerke?
"Schmuddel-Blogs", nee, die Bezeichnung gefällt mir nicht.
Muhabbetci verfolgt eine Mission und es gibt unter den Tausenden an Kommentaren, die seinen Halbmondzug begleiten gewiß klügere als meinen Kommentar oben. Und wenn ich tausend Zungen hätte, ihn, den Community-Pastor oder andere Gläubige könnte ich keinen Fingerbreit von ihren Überzeugungen abbringen. Weil's in deren Ohren vermutlichTeufelszungen wären.
keiner
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