kenua

Nichts neues unter der Sonne

05.02.2012 | 16:17

1.3 Soziologie und Geschichte S. 44 - 50

Wissenschaftssoziologie erfordert Untersuchung sehr früher Epochen.

„Die der abendländischen Wissenschaft zugrunde liegenden Denkformen und Deutungsmuster sind von so allgemeiner Natur und ..liegen so weit zurück, daß sie zur Selbstverständlichkeit, zum Apriori nicht nur der Rationalität des wissenschaftlichen Denkens, sondern zur Rationalität des Alltagsbewußtseins europäisch sozialisierter Menschen schlechthin geworden sind.“

Damit beginnt dieses Kapitel, und es bereitet mit die vorherige Schwierigkeit. Bammé reduziert a priori von überindividuell erfahrungsunabhängig zu willkürlicher Denkgewohnheit. Im Gegensatz zum Edinburgh Strong Programme akeptiert er zumindest einen a priori-Kern der Mathematik. Für mich stellt sich die Aufgabe, die nächsten 900 Seiten darauf zu achten, welche dieser Denkformen er als a priori beurteilt: der Sonderweg bestände für diese darin, daß sie Einzug in die Gesellschaft gehalten haben. 

Sie stellt starke methodische Ähnlichkeiten zwischen Natur- und Geisteswissenschaften fest
Die empirisch orientierte Wissenschaftssoziologie zeigt, daß Naturwissenschaften zum einen den Sozialwissenschaften viel ähnlicher sind als bisher angenommen, und zum anderen eine zugespitzte Form und damit Bestandteil des sozialen Lebens sind, also keine formal ausgrenzbare Rationlität besitzen. Collins sagt es prägnant: die Logik der Naturwisschenschaften ist die Logik des Alltags. Nach Bammé, Bloor et al.  liegt das aber nicht daran, daß es nur eine a-priori-Logik gibt, sondern weil die Konstitution der abendländischen so lange zurück liegt. Die Wissenschaftssoziologie hat nun das Problem, daß sie ihre eigenen Methode als eine von vielen untersuchen und spezifizieren soll, aber nur diese kennt. Also bleibt nur die Entstehung dieser Methode in der Vergangenheit in ihrem sozialen Kontext zu untersuchen.

Animositäten zwischen Historikern und Soziologen erschweren notwendige fachübergreifende Arbeit.
Das erfordert fachübergreifende Initiative zwischen Geschichte und Soziologie, die aber durch menschliche Bedingtheiten erschwert wird. In der Soziologie werden allgemeingültige Mechanismen mit statistischen Methoden erarbeitet, es gilt die Norm und der Durchschnittswert, Ausnahmefälle sind unerwünscht oder bedeutungslos. Die Datenquellen stammen aus der speziellen Struktur der Gegenwart. Die Historiker suchen gerade das Besondere und können keine Umfragen bei den Römern zur Kaiserzeit auswerten. Die Spezialisierung verhindert den Versuch, allgemeine Formen in verschiedenen Zeiten und Orten zu suchen.
Bammé schreibt: Historiker sehen in Soziologen üblicherweise „Leute, die das, was offen zutage liegt, mit Hilfe eines barbarischen und abstrakten Jargons beschreiben, die für Orte und Zeiten keine Sinn haben, die Individuen in rigorose Kategorien pressen und – dem Ganzen die Krone aufsetzen – dies auch noch für 'wissenschaftlich' halten. Die Soziologen ihrerseits betrachten Historiker oft als amateurhafte, kurzsichtige Tatsachensammler ohne Methode. Die Unbestimmtheit ihrer Daten entspricht einzig ihrer Unfähigkeit, sie zu analysieren“ (Burke 1989, S.10).
Michael Mann wird als Ausnahme beschrieben, der für seine soziologische „Geschichte der Macht“ beide Arbeitsmethoden zusammenführte und sehr davon profitierte.

Edinburgh-Prgramme erfordert besondere Finessen.
Um der Intention des Edinburgh Programme zu folgen, muß er den soziologischen Fachdiskurs verlassen und ist er zu metaphysischer Spekulation und gewagter Hypothese auf dem schwankenden Boden historischer Überlieferung gezwungen.
Alfred von Martins meint in seiner „Soziologie der Renaissance“: der an einem Vorgang Interessierte fragt nach der Ursache, der individuellen Gründe für eine einzelne Entscheidung. Wie konnte es dazu kommen ?
Steht der Zustand im Vordergrund, wird nach den Bedingtheiten gefragt, das Ereignis wird als spezielles Beispiel allgemeiner Strukturen aufgefaßt. Bammé verbindet  beide Perspektiven: der Zustand ist ein Gewordener, der ohne sein Werden und dem dazugehörigen Ausgangszustand nicht verständlich ist.

Gegenwärtig tun sich neue Entwicklungen, es begann bei den antiken Griechen.
In der Gegenwart ändert sich das Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft, beide nehmen gegenseitig stärkeren Einfluß aufeinander. Die akademische Wissenschaft wird zur postakademischen, das Edinburgh Programme ist letztlich Resultat dieser Entwicklungen. Aufgrund dieser Vorgänge werden die historischen Bedingungen für die Wissenschaften durchschaut: die Technik der Renaissance ist im Focus des Wissenschaftsverständnisses, die aktuelle Wissenschaft manifestiert sich in der Produktionstechnologie seit 1880.
Doch der erste Anfang geschah weit früher, nur einmal zu einer Zeit an einem Ort: die Realabstraktion des systematischen Warentausches der Phönizier und Griechen. Damals bildeten sich zentrale Verfahren und Charakteristika: mit sich selbst identische Objekte und Subjekte, formale Logik und abstraktes Denken, Kritik und systematischer Zweifel, Abstraktion, Isolation, De- und Reduktion, Kausalität und Wahrscheinlichkeit.

Die Wissenschaft manifestiert sich heute in Technik und Produktion, ihre Ursprünge aber waren Kommunikation, soziologische Prozesse: systematisch betriebener Warentausch, der Markt ist die Mutter der Wissenschaft, nicht die Produktion.
Das hat Alfred Sohn-Rethel in seiner Erkenntnistheorie überzeugend dargestellt.

 

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