kenua

Nichts neues unter der Sonne

04.02.2012 | 23:08

Gedanken zu Herrn Friedrichs wunderlichem Alltag

Alles hat seine Vor- und Nachteile. Alte Volksweisheit. Stimmt das immer ?

Der technische Fortschritt bringt uns viele Bequemlichkeiten. Viele  können damit nicht optimal umgehen und bekommen sogenannte Zivilisationskrankheiten. Für ein Gesamturteil müßte man abwägen, ein schwieriges Unterfangen.
Ich beschränke mich auf diesen Aspekt, selbstverständlich bringt die Technik noch viel mehr Risiken, die sich immer mehr zu Nachteilen wandeln.
Ein Herr Dahlke landete einen Bestseller „Krankheit als Weg“, diese seien nicht nur Überforderung des Organismus, sondern auch Hinweise und Führung aus verfehlter Lebensweise in eine neue, glücklichere Harmonie. Wenn man die Zeichen richtig deutet. Sind wir dann glücklicher, als wenn der Organismus einfach stark genug wäre, gar nicht erst krank zu werden ?
Gelobt sei was hart macht und nicht direkt zum Tode führt: Leitspruch der Triathleten.

Die Menschen werden immer älter, die Gesellschaft überaltert. Deshalb werden die Städte behindertengerecht gemacht, Noppen- und Rillenplatten leiten die Sehschwachen, abgesenkte Bürgersteige erleichtern den Rollstuhlfahrern das Fortkommen. Herr Jörg Friedrich erkennt einen Solidaritätsschwund: statt Gebrechlichen  helfen zu müssen oder zu können, kann der Gesunde gedankenlos seiner Wege gehen, seine Menschlichkeit wird nicht gebraucht.

Vergleichen wir.
Die von Herrn Friedrich geforderte Solidarität erschöpft sich in einem kurzen Beistand: man hilft einem Rollstuhlfahrer über die Bordsteinkante, geleitet einen Blinden über die Straße, hält ihn am Ende gar davon ab, vor einen Lastwagen zu laufen. Man freut sich seines Dankes und seiner Hilfsbereitschaft und geht weiter. Wenn Noppen die Richtung nicht deutlich genug weisen und die Kanten zu wenig abgesenkt sind, wird man sicher einer Bitte nachkommen und helfen.

Wie sieht es für einen Behinderten aus ? Es gibt solche und solche, wie überall. Manche sind extrovertiert, lassen sich gerne helfen. Anderen ist es mehr, wieder anderen weniger unangenehm. Herr Friedrich leitet daraus ein Manko der Gesellschaft ab, aber so eine Konstitution gibt es selbst bei  wirklich sicherer   solidarischer Hilfe, da kann man kaum Abhilfe schaffen.
 
Das Zauberwort heißt selbstbestimmt.
Solidarität mit Behinderten heißt nicht, technisch behebbare Hindernisse zu lassen, sondern normale, unbehinderte und selbstbestimmte Teilhabe am normalen Leben zu ermöglichen, so weit es eben geht.
Dann bleibt Raum für weitere Wohltat. Wenn man Rollstuhlfahrer auf Partys einlädt, zu Ausflügen mitnimmt, das hat Sinn. Da kann es aber auch vorkommen, daß manche gar nicht erst kommen wollen, weil ihnen die Hindernistour über hohe Bordsteinkanten zu anstrengend ist, dauernd auf Hilfe angewiesen zu sein. Und was ist, wenn mal wirklich gerade niemand zur Stelle ist ? Wenn es regnet, windet, kalt ist ? Es ist doch befriedigender, sich selbstständig fortbewegen zu können, seinen Gedanken nachhängen zu können, anstatt dauernd nach Hilfe Ausschau halten zu müssen.
Ein Beispiel dafür sind die Contergan-Opfer. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wären es keine Beine, sagten sie stolz. Die bestehen fast alle darauf, nichts zu vermissen, sich mit ihrer Behinderung zu arrangieren und auf keine Hilfe angewiesen zu sein.  Das ist ein natürlicher Zug des Menschen, und der sollte unterstützt werden.

Ich fragte mal einen Rollstuhlfahrer, auf einem Computerkurs, ob ich ihm Rollstuhlfahrerwitze erzählen soll. Sicher, sagte er, und wie er gelacht hat.

Fast alle Menschen sind auch mit ihrem Verstand zufrieden. Hier wäre möglicherweise ein Ansatzpunkt für Herrn Friedrich, Kritik zu üben.

So gesehen könnte man die Bordsteinkanten als billige Ausrede ansehen, sich mit kurzem, nichtigem Engagement ein gutes Gewissen zu verschaffen, um sich vor ernshafter Solidarität zu drücken.

Ich möchte Herrn Friedrich trotzdem für sein Engagement danken und ihm künftig passendere Einfälle wünschen, zu denen er sicher fähig ist.

 
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