kenua

Nichts neues unter der Sonne

07.02.2012 | 23:55

Jörg Friedrichs Alltag: Bringdienst für die Alte Überlegungen 2

Herr Friedrich kritisiert die Tendenz, solidarische Leistungen für die Mitmenschen an den Staat anzugeben. Als Beispiel wählt er die behindertengerechten Baumaßnahmen, wie abgesenkte Gehsteige, Noppen auf den Wegen und akustische Ampelsignale.
„Wir kaufen uns von der direkten, praktischen Hilfe frei, in dem wir Baumaßnahmen von unseren Steuern finanzieren lassen.“
„So werden wir im Alltag weniger gestört und weniger von unserer eigenen Unsicherheit verstört, wenn wir nicht wissen, von welcher Seite wir den Rollstuhl anfassen oder in welcher Lautstärke wir den sehbehinderten Menschen ansprechen sollen. Wir können unsere Welt sauber von diesen Schwierigkeiten frei halten, Noppenplatten und abgesenkte Bordsteine sind in Wahrheit die Grenzsteine, die unsere heile Welt von der der Behinderten trennen. „

Herr Friedrichs Forderungen richten sich an die Mitmenschen und übersieht, daß die Behinderten die Unabhängigkeit von solcher Unterstützung wünschen, um ihr Leben möglichst selbstbestimmt gestalten zu können.

„Wir nehmen unsere Verantwortung für den Anderen wahr, indem wir für jedes Problem, das menschliche Zuwendung erfordert, eine technische Lösung finden. Ziel ist es, dass wir einander nicht mehr brauchen, der Blinde hat seine Noppenplatte, die Rollstuhlfahrerin hat ihren abgesenkten Bordstein, die Alte hat ihren Bringedienst, der Einsame hat seinen Fernseher. Und mit dieser Vereinzelung verschwindet auch das soziale Gewebe, durch das die Menschen merken würden, dass sie ihre Welt gemeinsam verändern könnten.“

Nehmen wir das Prinzip auf und lassen von dem unglücklichen Beispiel.

Entscheidend ist die Formulierung „für jedes Problem das menschlich Zuwendung erfordert, eine technische Lösung finden.“

Es lohnt sich, die Probleme zu sichten.

Es gibt solche, die nur technisch zu lösen sind. Viele Krankheiten zum Beispiel. Hunger und Armut werden technisch zu lösen versucht, aber die menschliche Komponente wäre ganz einfach, jedes Jahr ein paar Prozent der 311 Billionen weltweiten Privatvermögens sinnvoll einzusetzen. Allerdings braucht es dazu flankierende Maßnahmen wie Bildung, Aufklärung, Entwicklung um die Geburtenrate zu senken.
Solche Aktionen gehen über die von Friedrich geforderte Solidarität hinaus. Sein Beispiel betrifft Alltagskleinigkeiten. Passendere Beispiele im ähnlichen Rahmen wären etwa Alte beim Einkaufen unterstützen, ein paar Stunden jede Woche für ehrenamtliche Tätigkeit zu verwenden. Damit werden diese Probleme, weltweite Not und Armut aber nicht gelöst.

Es ist fraglich, ob mit der Vergrößerung von Not und Bedürftigkeit die Hilfsbereitschaft wächst: bei so unbedeutendem Einsatz vielleicht, aber sobald mehr gefordert wird, bleibt  die Hilfe wohl aus, denn es gäbe ja trotz abgesenkter Bürgersteige genügend Möglichkeiten, Not im Lande zu lindern. Möglicherweise meint Friedrichs diese Kleinigkeiten als Katalysator, das ist meiner Meinung nach  aber unwahrscheinlich zu sein.

Sieht man sich die Geschichte an, kommt man eher zum gegenteiligen Schluß: Not bewegt die Menschen viel zu wenig zu Solidarität.

Ein Aspekt ist die Herrn Friedrichs Intention: will er eine konkrete Kampagne anstoßen, die das Problem lösen soll, oder meint er es als allgemeine Kritik, um eine Möglichkeit zu skizieren ?

Dann nämlich wäre es geschickter gewesen, Gemeinsinn statt zur Problemlinderung  zu mehr gemeinsamer Freude, also in positiver Richtung zu fordern.  Mehr menschliches Miteinander muß man doch nicht an läppischen Nichtigkeiten festmachen, es soll doch Freude und Erfüllung bringen: mit den entgehenden positiven Erfahrungen kann man die Leute eher dazu bringen.

Maßnahmen wie die Noppen und akustischen Ampeln erleichtern den Behinderten die Teilnahme am gemeinsamen Leben, und dadurch werden die Menschen sogar stärker mit ihnen konfrontiert als durch Herrn Friedrichs konkrete Forderungen.

Hier paßt auch sein Fernsehbeispiel, das für seine Argumentation eben nicht paßt: das Fernsehen wurde nicht als Problemlösung für Einsame installiert, sondern als Attraktion, als zusätzliche Bereicherungsmöglichkeit des Lebens. Praktisch hat es natürlich auch negative Auswirkungen, die durch mehr Gemeinsinn gelöst werden könnten.
Könnten die Menschen also auch ohne Not mehr miteinander anfangen, würden viele Probleme gar nicht erst auftauchen oder gemildert werden.

Die Frage ist, wie man so etwas erreichen kann. Ein Detail wäre natürlich, die drückende Bürde der Unterhaltsicherung zu erleichtern, also höhere Löhne bei weniger Arbeitszeit und besserer sozialer Sicherung. Aber fordern geht einfach.

Sonst bleibt außer staatlichen Kampagnen nur Eigeninitiative, wie sie Herr Friedrich wohl anregen möchte.

 

Nachtrag vom 8.2. um 13:25

Herrn Friedrichs Einlassung ist nicht von der Hand zu weisen, er skizziert durchaus reale und negative Entwicklungen. Sein konkretes Beispiel ist allerdings unpassend.

Ich wollte nur einen umfassendern Rahmen anregen, um die Dinge in weiterer Einbettung zu sehen, es nicht nur als negative Kritik aufgefasst haben.

 

 

 
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Kommentare
ch.paffen schrieb am 08.02.2012 um 00:31
@ kenua

Danke.

Wünsche diesem Blog viel Erfolg
- das er wahrgenommen wird
- das er kommentiert wird
wenn es gut läuft ein reger + respektvoller Austausch stattfindet.

Feine Restnacht noch Christiane Paffen
Dreizehn schrieb am 08.02.2012 um 10:24
Friedrich "übersieht, daß die Behinderten die Unabhängigkeit von solcher Unterstützung wünschen, um ihr Leben möglichst selbstbestimmt gestalten zu können"

Diese Prämisse im Vorwurf an Jörg Friedrich ist meines Erachtens in einem grundlegenden Sinn falsch. Selbstbestimmtheit ist eine Illusion [müsste man fragen, wer ein Interesse hat, diese Illusion zu propagieren]. Leben konstituiert sich überhaupt erst in Bezug auf den Mitmenschen und Leben in all seiner Vielfalt "nährt" sich daraus. Dazu gehört selbstverständlich, mit Schwächen und Erkrankungen umzugehen.

In unserer Zeit ist das bürokratisch organisierte Ausgliedern ein Verfahren, das das erwähnte Miteinander konterkariert. Das dahinterstehende Menschenbild ist, wie sollte es anders sein, dasjenige des marktgerecht und ggfs. krankenkassenkonform zu sortierenden "Kunden". Alles bestens, nur: Wer hat überhaupt noch das Empfinden, mit Menschen umzugehen? Das im Beitrag von Friedrich genannte Beispiel, wenngleich etwas ungewöhnlich, entspricht dieser Art zu denken.
kenua schrieb am 08.02.2012 um 13:33
"Wer hat überhaupt noch das Empfinden, mit Menschen umzugehen?"
Sicher ist das ein richtiger Aspekt, aber speziell dieses Beispiel ist unpassend. Wie ich in meinem Kommentar zu seinem Blog schrieb: die kurzen Aufmerksamkeiten und sofort wieder vergessen und nicht mehr tun bringt nichts oder zu wenig, und wenn sie nötig sind, werden sie mit zuviel Nachteilen für die Behinderten erkauft.

Das von Ihnen und Herrn Friedrich angesprochenen Problem geht über sein Beispiel weit hinaus, gilt für die meisten Menschn. Dann muß man es aber auch so formuleiren.
habe die ehre kenua
kenua schrieb am 08.02.2012 um 13:41
Mehr menschliches Miteinander muß man doch nicht an läppischen Nichtigkeiten festmachen, es soll doch Freude und Erfüllung bringen: mit den entgehenden positiven Erfahrungen kann man die Leute eher dazu bringen. Da haben die Behinderten auch mehr davon, als wenn sie sich dauernd um so Kleinigkeiten auch noch bemühen müssen.
Wie gesagt, der prinipielle Ansatz von Herrn Friedrich ist richtig.
KarinL. schrieb am 12.02.2012 um 16:36
Vielleicht sollten man überhaupt das Wort Solidarität mal definieren? Ich denke das jeder etwas anderes darunter versteht.

Und zum Fernsehen...ja, ich halte die Erfindung des Fernsehens nicht unbedingt für gut. Es kann Menschen einsam machen, genauso wie die Erfindung des Handys, das Internet. Das ist ja gerade das Paradoxe daran. Wir haben heutzutage soviele Kommunikationsmittel und sind doch sprachloser geworden. Sprachlos, in dem wir viel weniger mit Menschen so von Angesicht zu Angesicht sprechen. Die meissten reden nämlich viel mehr mit ihrem PC, anstatt mit einem leibhaftigen Menschen. Deswegen wird ja im Internet, in Communitys/Mails viel mehr aggressiver geschrieben. Bei einem wahren Gegenüber würde man sich doch noch mehr überlegen was man sagt. Kommunikationswissenschaftler/Psychologen/Sozialwissenschaftler warnen deshalb schon lange vor einer Entsozialisierung und letztendlich vor Einsamkeit der Menschen.
kenua schrieb am 12.02.2012 um 16:57
Mir ging es nicht um die Wirkung, sondern um die Intetntion des Fernsehens: das war nciht, wie die Bordsteinabsenkung, als gesellschaftliches Hilfsmittel gedacht.
DAs Problem ist eben die Zweischneidigkeit vieler Dinge: sind als Bereicherung gedacht, werden bei ihrer Einführung mit Hoffnungen verknüpft und zeigen dann unerwünschte Nebenwirkungen.
Die Mormonen in den USA sind ein Beispiel für das konsequente Vermeiden von Nebenwirkungen: in dem man auf die Haupttwirkung verzichtet.
kenua
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