kitty53

Musen, Macht und Medien

27.09.2010 | 17:01

Der tote rote Maler

De mortuis nihil nisi bene. Daran werde ich mich halten, wenn ich über einen kürzlich verstorbenen Maler schreibe: Walter Womacka. Er hat in der Blütezeit seines Schaffens, die fast deckungsgleich in die 40 DDR-Jahre fiel, hunderte wirkmächtige Bilder und Zeichen in seine Stadt, sein Land und das Bewusstsein seiner Zeitgenossen gesetzt. Aber er redete und malte seine Bild- und Zeichensprache im Einklang mit diktatorisch mächtigen Autoritäten in der DDR. Dies trug dem hoch produktiven und auch international anerkannten Künstler Walter Womacka während der Machtausübung der DDR-Oberen Neid und nach deren ruhmlosen Abdanken sogar bisweilen Häme oder Verachtung ein. Ich hingegen will mich von diesen Ressentiments fern halten. Denn in meinem Verständnis hat er die Zeichen seiner Zeit und seiner Epoche in einer (einer, nicht der!) kunstgeschichtlich gültigen Weise imaginiert, interpretiert und visualisiert – und das markiert das Wesen der Bildkunst und verdient die Würdigung.

 

Wer sich in der ehemaligen DDR-Hauptstadt vor allem rings um den Alexanderplatz umschaut, dieser gewesenen und aktuellen Mitte einer Weltmetropole, sieht eine Vielfalt der baulich-bildlichen Zeugen des verblichenen so genannten Arbeiter-und Bauern-Staates, gestaltet von Walter Womacka. Das komplexe architektonische Ensemble mit Haus des Lehrers samt Kongresszentrum, Haus des Reisens und emailliertem spiraligen Springbrunnen gibt einen Teil des Hauptwerkes wieder. Vom gewaltigen, 125 Meter lang den Baukörper umlaufenden und 7 Meter hohen Fries aus Mosaiksteinen, der erst 2002 aufwändig restauriert wurde, blicken sie optimistisch und revolutionär-entschlossen herab, die idealisierten Gestalten der Arbeiter und Bauern, Gelehrten und Studierenden, der Mütter, Kinder und Soldaten. Buntfarben und hart konturiert, dabei strikt realistisch dargestellt und betont harmonisch komponiert wie in einem allzu infantil geratenen Kinderbuch muss das den intellektualistisch angehauchten Kunstliebhaber eher belustigen – bestenfalls. Die weniger vorgeprägten, unvoreingenommenen Betrachter jedoch haben das Werk freundlich „die Bauchbinde“ genannt, zu seiner Einweihung 1964 vielfach diskutiert und akzeptiert. Da war der Staatsauftragnehmer und SED-Genosse Womacka bereits angekommen als ein Maler, „der es kann“. Begonnen hatte er mit bildkünstlerischen Arbeiten – von Studien und Skizzenblättern über Aquarelle und Gouachen bis hin zu Öl-Tafelbildern – die vorwiegend glückhaft produktiv tätige Menschen darstellten. Er zeigte sie von der harten Tagesarbeit oder vom Lebenswerk ausruhend oder schaffend auf dem Feld, bei der Fischerei oder in der Fabrik. Die so ins Bild Gesetzten strahlten Stolz, Selbstgewissheit und – ich bringe es nur schwer hervor – Klassenbewusstsein aus. Sozialistischer Realismus hieß das, in der Sowjetkunst als Richtung vorgegeben. Bewusst kontrastierend optimistisch zu den Bildern von Arbeitsfron und -elend, wie es die Werke der Realisten des 19. Jahrhunderts zeigen: Menzel, Courbet, Repin. Deutlich sind In Womackas Werk die Einflüsse der Mexikaner Siqueiros und Riviera, aber auch Picassos auszumachen.

1925 im damaligen Obergeorgenthal (heute Tschechien) als ältester von 3 Söhnen eines Buchhalters und glücklosen Kleinunternehmers geboren, war Walter Womacka kein Prolet. Aber er mag nach frühzeitig mit hartnäckigen Ausbildungsmühen angesteuerter Künstlerlaufbahn, unterbrochen von Fronteinsatz und Nachkriegsnöten, den Geist des Aufbruchs eingesogen haben. Zeitzeugen – östliche wie westliche – berichten übereinstimmend vom Zauber des Neubeginns. Dieser Schwung beflügelte sehr viele von den damals Jungen der 1920er Geburtskohorten, und er durchdrang wohl auch den ehrgeizigen jungen Maler. Das Neue hatte im Osten das Gesicht der befreit Schaffenden, und  Walter Womacka malte es. Die Repräsentanten der neuen Staatsmacht – sie rechtfertigten ihren Führungsanspruch damals noch vielfach glaubwürdig mit standhaften kommunistischen Widerständlerbiografien – fanden in Womackas Bildern ihre Intentionen vom sozialistischen Ideal visualisiert. Doch die Visionen der Anfangs-Aufbaujahre im Schatten des „Zusammenbruchs“ (der in der DDR stets „Befreiung“ heißen musste,) entsprachen auch einer Sehnsucht, die weit über die kommunistischen Führungszirkel hinaus ging: Dem Traum nach einer glücklichen Welt. Optimismus, Kampf gegen die Kriegstreiber und die in den Augen vieler noch unverbrauchte Idee einer emanzipierten Arbeiterklasse griff Platz auf Womackas Bildflächen – und trug den Maler auf eine Welle des Erfolgs. Sein ganz unpolitisch daherkommendes Bild „Junges Paar am Strand“ wurde 1962 zu einem kaum wiederholbaren „Knaller“: Die Ästhetik aus Liebe, jugendlicher Frische und Meer, damals wie heute unschlagbar, ist ihm offenbar einzigartig gelungen und traf perfekt ins Zentrum der zeitgeistigen Bedürfnislage. Denn dieses heitere kleine Stück Malerei hing reproduziert in -zigtausenden Jugendzimmern der DDR, zierte beliebte Briefmarken, Buchumschläge und Poster. Und Womackas farbig prangendes Sonnenblumen-Stillleben von 1967 schmückte, gleichfalls vieltausendfach reproduziert, die östlichen Wohnraumwände, wann immer die Bewohner dort keine röhrenden Hirsche im Alpenglühen mochten. Meine Eltern, gleichfalls um 1925 geboren und beileibe keine DDR-Nostalgiker, haben die „Sonnenblumen“ kürzlich vom Wohn- ins Schlafzimmer umgehängt.

Das Hohelied auf prunkende Lebenslust klingt auch in hunderten Blättern, Tafeln, Wandfriesen durch, auf denen Womacka Blumen, Landschaften, Stadtansichten, Liebes- und Familienglück darstellte. Mit Porträts von Persönlichkeiten der Zeitgeschichte erweiterte er seine „Fangemeinde“, zunehmend auch international. Kern der bildkünstlerischen Mission Womackas blieb jedoch die Behauptung befreiter Arbeit im Sozialismus. Das collageartige Ölbild „Erika Steinführer“ zeigt großformatig eine ihrer Führungsrolle sichere Arbeiterin. Zum Vergleich, dass Arbeiterinnen auch anders aussahen: 1973 hatte Wolfgang Mattheuer „Die Ausgezeichnete“ gemalt. Eine Frau mit den Spuren hunderter erschöpfender Fabrikschichten im Gesicht, vor sich fünf Frauentags-Tulpen.

1963 wurde Walter Womacka Leiter der Abteilung Malerei in der von ehemaligen Bauhäuslern gegründeten Kunsthochschule Berlin-Weißensee, 1965 daselbst Professor und 1968 Rektor und blieb es bis 1988. Georg Baselitz und Bärbel Bohley lernten bei ihm Malen. Seine Förderer hießen Walter und Lotte Ulbricht, später Erich und Margot Honnecker. Als Vizepräsident des Verbandes Bildender Künstler (VBK) der DDR stand er einer weiteren einflussreichen Institution vor. Der VBK entschied über Beitritt und Ausschluss von Mitgliedern und damit über deren Berufsgrundlage. Denn wer als Maler, Grafikerin oder Bildhauer nicht VBK-Mitglied war, musste entweder eine behördliche Sondergenehmigung für freiberufliches Arbeiten beantragen oder konnte nicht verkaufen und ausstellen.

Scheinen die Ideale der von Womacka mit repräsentierten Aufbaugeneration noch glaubhaft echt, so kommen in den Jahrzehnten der Machtkonsolidierung des SED-ZK Zweifel auf. Der begabte und schöpferisch beseelte Künstler übernahm mehr und mehr Leitungsverantwortung in ideologisch durchherrschten Kultur-Institutionen. Hat er sich besorgniserregenden, zumindest nachdenkenswerten Erscheinungen verschlossen? Spätestens zum gewaltsamen Ende des „Prager Frühlings“ 1968 ahnten auch viele der sozialistisch-gutgläubigen DDR-ZeitgenossInnen das Ende der staatstragenden Idee vom „Menschen als Maßstab aller Dinge“. Auf das Tafelbild für den Wandschmuck im heute abgerissenen „Palast der Republik“ malte Womacka jedoch noch 1975 den schattenlos edlen Traum der Kommunisten: Hinter sich die Befreiten im Glück, vor sich im Blick das Westlich-Bedrohliche, die mit Laokoon-Griff zu fassende Schlange des Feindes. Während diese Tafel und andere bewegliche Bildobjekte nach 1990 in Depots und Privatsammlungen verschwanden, bleiben die zahlreichen baugebundenen präsent, soweit die entsprechenden Gebäude noch stehen.

In seinen 2004 beim Verlag Das Neue Berlin veröffentlichten Erinnerungen „Farbe bekennen" hat Walter Womacka seine zeitlebens DDR-konforme Haltung ausgeführt. Er bekennt sich zum verordneten Geschichts- und Menschenbild und fühlt sich zu alt um noch „Wendehals“ zu werden: „Ich bin, seit ich politisch denke, davon überzeugt, daß soziale Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Frieden nicht von einer Gesellschaft gestiftet werden können, in der das Geld der Maßstab aller Dinge ist.

Sein Nachdenken ab der so genannten „Wende“ hat er verbildlicht. Zum Beispiel auf drei Tafeln gleichen Titels. „Nachdenken I, II und II“ zeigen die Scheinwelt des Kapitals. Ein Covergirl vor Autoschrottbergen, ein weiteres vor schmerzvoll Schreienden und den berüchtigten drei (Menschen-)Affen, die Sehen, Hören und Reden verweigern, und eine dritte, grell gestylte Frauengestalt vor den Horrorvisionen der Angst und Vereinsamung. Den Untergang des staatlich institutionalisierten Sozialismus malt Womacka als tödlich getroffenen Kampfstier vor rotem Tuch, schriftzeichenartig darunter zwei 1995er Stern-Titelbilder mit Gorbatschow-Porträt.

 Am 18. September ist Walter Womacka 84jährig verstorben. Er hat Großes geleistet. Dennoch: Ich wünschte, er wäre mit dem Darstellen des Optimistisch-Idealen, das zuweilen ins Idyllische rutschte und im Plakativen ausruhte, nicht geistig-künstlerisch in der Startphase der Fünfziger bis Sechziger stecken geblieben. So müssen die zahlreichen Womacka-Bilder zum Beispiel im Stadtbild von Berlin-Mitte dem Betrachter, der doch um das ruhmlos pervertierte Ende weiß, als beständige Provokation erscheinen.

Der Traum von der befreiten Arbeit ist 2010 ausgeträumt, vorerst. War er schon am Anfang trügerisch, bevor er zur Lüge wurde? Ich finde es ist das Beste, was diese Bildwerke heute bewirken können: Streitgespräche über die Vision, die Illusion, das Trugbild auszulösen und Konsequenzen zu erörtern – vor Ort im abgestorbenen Arbeiter-und Bauern-Staat.

Schön wär`s, wenn sich dem Realismus verpflichtete Bildkünstler heute des Sujets „der arbeitende Mensch und seine Würde“ annähmen – mit kritischer Intention. Das Thema brennt auf den Nägeln, schon wieder und immer noch.

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 27.09.2010 um 18:19
Endlich frei.

kitty53 schrieb am 27.09.2010 um 19:15
Oh, Mann! Wo gibts denn das???
goedzak schrieb am 27.09.2010 um 19:20
Berlin, irgendwo zwischen Treptow und Köpenick.
apatit schrieb am 28.09.2010 um 19:14
Ich finde ein wichtiger Satz wurde gesagt, - " Der arbeitende Mensch und seine Würde " Die Bilder der arbeitenden ( ausgebeuteten ) Menschen in Zeitarbeits - "Slaveneinrichtungen" - Schlecker, Lidel oder am Band usw. mag ich nicht ansehen!
Don Olafio schrieb am 28.09.2010 um 22:12
Unglaublich: "... im Schatten des 'Zusammenbruchs' (der in der DDR stets 'Befreiung' heißen musste)..."

Frau Steinbach, Sie jetzt auch beim Freitag?

(Kann mal jemand der Dame die Weizäcker-Rede von 1985 zukommen lassen? - Danke.)
kitty53 schrieb am 28.09.2010 um 23:58
Bedaure, dass das missverständlich war. Selbstverständlich fand im Mai 1945 eine Befreiung statt, was sonst! Aber dieser Sprachgebrauch in der damaligen SBZ, später DDR wurde von oben verordnet, quasi befohlen. Aber die meisten der zwischen 1933 und 1945 Mitgelaufenen empfanden das einschneidende Ereignis als "Zusammenbruch" und nannten es so. Ich war nicht dabei, kenne es aber so aus Zeitzeugenberichten mit Angehörigen der Elterngeneration und aus Dokumentenstudien.
luggi schrieb am 29.09.2010 um 08:17
Tja kitty53, und was war es für dich? Zusammenbruch, Befreiung, Sieg, Niederlage...?
Fritz Teich schrieb am 29.09.2010 um 08:21
Spielt es irgendeine Rolle? Irgendeine reicht.
kitty53 schrieb am 29.09.2010 um 09:29
Befreiung natürlich. Ich hatte das Glück, dass meine Eltern als "Sozen" das auch - im Prinzip! und bis zu meinem Kindheitsende um 1968 so sahen und mir vermittelten, konform zu den Lehrern. Aber ich wuchs unter Nazimitläufern auf, die Nachbarinnen und fast alle Erwachsenen redeten vom Zusammenbruch und taten das oft. Real als Befreite sahen sich sehr wenige: überlebende Verfolgte zum Beispiel (s. a. V. Klemperer). Und eben diesen frischen Wind des Neubeginns, den spürte ich auch. Der 8. Mai hieß "Tag der Befreiung" und wurde jährlich mit Fahnen und Festgepränge gefeiert, aber so war die Sicht von denen "da oben" - das merkten selbst die Schulkinder. Und als Weizäcker sich endlich 1985 aufraffte, auch seine Landeskinder über den Charakter dieses historischen Ereignisses präsidial zu belehren, da bildete die Generation der Mitläufer schon längst nicht mehr die Mehrheit der aktiven Gesellschaftsmitglieder, und die 68er hatten das Ihre getan.
Es ist mir (fast) nichts widerwärtiger als die Nähe von Frau Steinbach. Trotzdem werde ich die strittige Passage nicht ändern, sonst ließe sich ja der Disput nicht mehr nachvollziehen.
Fritz Teich schrieb am 29.09.2010 um 08:16
Selbstverstaendlich war es ein Zusammenbruch Deutschlands, der war naemlich Vorraussetzung fuer den Sieg der Gegenseite. Wie man den Sieg bezeichnen will ist eine andere Frage. Aber es gibt doch eine unterschiedliche Perspektive.
Fritz Teich schrieb am 29.09.2010 um 08:20
Halt grosse Wandgemaelde irgendwo zwischen Muralismus und Klimt, viel Gold. In der Tradition von Breker, naemlich Staedtebau. Da ziehen wir dann auch noch Claes Olderburg und das Ehepaar Christo mit rein.
apatit schrieb am 29.09.2010 um 09:20
... Hallo F.T., Sie schon wieder. Freilich war es ein Tag der Befreiung von einen verbrecherischen Regime und die u.a. in Stalingrad oder Kursker- Bogen im Dreck lagen und haben Pferde gefressen und sich eingesch.... vor Kälte ( denn die Hosen waren gefroren ) oder im KZ waren unter Herrenmenschen sehen das auch so.
kitty53
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