Klaus.Fueller

Blog von Klaus.Fueller

03.04.2011 | 14:50

Das Restrisiko als Würfelspiel

 

Das Restrisiko bei der Kernkraft ist tatsächlich klein:

Die Wahrscheinlichkeit eines schweren Reaktorunfalls in Deutschland ist 1989 in der sog. Reaktorsicherheitsstudie B bei 20 vorhandenen KKW mit einmal in rd. 13.500 Jahren ermittelt worden. Menschliches Versagen wurde dabei als auslösendes Ereignis mit berücksichtigt. Heute ist das sog. Restrisiko noch geringer. Denn die Studie bezog sich auf das ältere KKW Biblis B. Die deutschen KKW sind sicherer als bei ihrer Inbetriebnahme. Sie werden anhand der ständig wachsenden Erfahrungen und neuester Erkenntnisse laufend nachgerüstet.

schreiben die Betreiber. www.iavg.org/iavg051.pdf

Lassen wir uns auf das Spiel ein, nehmen wir es für bare Münze! Nehmen wir an, die Kraftwerke sind 2x sicherer als im Zitat behauptet. Dann bedeutet "Restrisiko" genau das folgende Spiel:

 

Stellen Sie sich einen kl assischen Wildwest-Saloon vor. Auf der einen Seite des Tisches sitzen wir: die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, auf der anderen Seite eine freundlich schauende Person: die Natur. Die Natur würfelt mit 7 Würfeln, ein Mal pro Jahr. Bei jedem Wurf bekommen wir einen Gewinn an Geld und Energie. Es ist also eine wahrhafte Gewinnstrategie.

Wir bekommen auch radioaktiven Müll, aber um den kümmern wir uns später, das spielt jetzt keine Rolle.

Es gibt allerdings eine Ausnahme: Wenn alle 7 Würfel des Spiels Sechsen zeigen, nimmt die mir gegenübersitzende freundlich lächelnde Natur einen Revolver und schießt mir vielleicht ins Bein, vielleicht in den Bauch, vielleicht in den Kopf. Wahrscheinlich werde ich das Ereignis überleben. Mein Körperschaden vererbt sich allerdings auch auf meine Kinder- und Kindeskinder. Die Gewinnstrategie wird ausbalanciert durch ein klitzekleines Risiko.

Aber die Wahrscheinlichkeit, dass das Risiko eintritt, ist so gering, dass ich für meine Bequemlichkeit, für meine Unabhängigkeit von Arabern und Russen, dieses Risiko auf mich nehme.

Wechsel der Perspektive!

Aus Sicht der Unternehmensleitung eines AKW-Betreibers sieht das Spiel noch ein klein wenig anders aus: Ich (als Unternehmen) bekomme bei jedem Wurf "der Natur" einen erheblichen Gewinn. Fallen sieben Sechsen, dann schießt die Natur der Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ins Bein oder anderswo hin. Dafür entschuldige ich mich dann in aller Form und das tut mir wirklich auch sehr leid. Meine Hochachtung vor den Menschen, die sich umbringen, um die Situation für Ihre Mitbürger zu retten! Das sind wahre Helden! Dosimeter liefern wir später.

Wenn die Bürger das Spiel beenden wollen, klagen wir den entgangenen Gewinn ein. Es ist also auch für uns eine wahrhafte Gewinnstrategie. Das klitzekleine Restrisiko tragen die anderen.

 

P.S. Meine Textverarbeitung erkennt das Wort "Tschernobyl". "Fukushima" wird allerdings als unbekannt markiert. Ich nehme an, beim nächsten Update wird sich das ändern.

 

 

 

 
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Kommentare
Achtermann schrieb am 03.04.2011 um 15:09
Das Spiel sollte ab sofort einige kleine Regeländerungen erfahren. Eine wäre, die im AKW Arbeitenden müssten sich verpflichten, im Schadensfall im Werk Präsens zu zeigen, um Reparaturversuche vorzunehmen. Außerdem sollte es Ehrensache für sie sein, künftig in der Nähe eines havarierten Reaktors ihr Dasein zu genießen.
Jacob Jung schrieb am 03.04.2011 um 17:03
Ich will mitspielen!

Bei 20 Kraftwerken liegt die statistische Wahrscheinlichkeit eines schweren Reaktorunfalls bei einem Intervall von 13.500 Jahren. Umgerechnet auf ein einzelnes Kraftwerk kommt es also durchschnittlich alle 270.000 Jahre zu einem entsprechenden Vorfall.

Weltweit sind aktuell 443 Reaktoren im Betrieb und weitere 62 im Bau. In Planung befinden sich darüber hinaus 158 Kraftwerke. Zusammen macht dies also in absehbarer Zeit insgesamt 663 Reaktoren.

Von einem schweren Reaktorunfall müsste demnach also alle 407 Jahre ausgegangen werden.

Nun stammen die genannten Zahlen allerdings von Vertretern der Atomindustrie. Außerdem aus dem Jahre 1989, in dem man noch nicht so intensiv über versehentliche oder absichtliche Flugzeugabstürze auf Reaktoren nachgedacht hat. Außerdem gehen die Annahmen von deutschen Sicherheitsstandards aus. Unabhängig davon wie hoch diese sein mögen, könnten sie in anderen Ländern weniger streng ausgelegt werden.

Also will ich das Würfelspiel stattdessen einmal an konkreten Beobachtungen fortsetzen. Seit 1940 zählt man auf der Welt mehr als 30 Atomunfälle, die auf der internationalen Bewertungsliste für nukleare Ereignisse einen Wert von mindestens "4" hatten. Die "4" bedeutet, dass es sich um einen "Unfall" handelt.

Dabei wurden die jeweiligen Unfälle elf mal mit INES 5 (Ernster Unfall), drei mal mit INES 6 (Schwerer Unfall) und einmal mit INES 7 (Katastrophaler Unfall) bewertet. Im Falle von Fukushima steht die abschließende Bewertung noch aus, so dass der Unfall vorerst unter INES 6 fällt.

Rechnen wir also noch einmal anders:

Der erste zivile Reaktor ging im Jahre 1957 im kalifornischen Vallecitos in Betrieb. Seitdem wurden insgesamt 14 atomare Unfälle gemeldet, die mindestens mit INES 5 bewertet wurden.

Acht von diesen Vorfällen haben sich in Kernkraftwerken ereignet, zwei bei der Herstellung von Atomwaffen und jeweils einer in einem Forschungsreaktor, in einer Wiederaufbereitungsanlage und bei der Herstellung von Brennelementen. Ein weiterer Unfall ereignete sich beim Wechsel der Brennelemente auf einem Atom-U-Boot.

Beschränkt man die Betrachtung also auf Atomunfälle im Zusammenhang mit Kernenergie, dann beläuft sich die Gesamtzahl der gemeldeten Unfälle ab INES 5 seit 1957 auf insgesamt zehn Vorfälle.

Zehn schwere atomare Unfälle im Zusammenhang mit der Kernenergie innerhalb von 54 Jahren.

Insofern ereignen sich solche Vorfälle statistisch betrachtet alle 5,4 Jahre. Frechheit, dass sich die Realität so gar nicht an die Statistiken der Atomindustrie halten wollen.

Harrisburg (1979)
Tschernobyl (1986)
Fukushima (2011)
Achtermann schrieb am 04.04.2011 um 18:25
Mit Interesse gelesen!

Achtermann
Klaus.Fueller
… wird noch nachgereicht
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Logbuch
04:21
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
04:02
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:52
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:39
weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
03:36
claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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