16.11.2011 | 11:05

"Der Mensch ist ein Wesen auf zwei Beinen und undankbar".

 

 Ich, weiblich naturverbunden, mit Neigung zu Fertiggerichten habe die Schnauze voll. Vom Rauchverbot in Kneipen. Ich vermisse die bedeutungsschweren Zeiten, wenn ich einseitig verliebt oder mich grade entliebend mit den Freunden in der Kneipe sitze um, als überzeugte Nichtraucherin das Weinglas in der einen, die Zigarette in der anderen Hand haltend, das tatsächlich Wesentliche des Lebens lachend, schweigend heulend, übertreibend, zu teilen. Wenn wir, noch nicht aufgeteilt  in Raucher oder Nichtraucher, kurz vor Küchenschluss noch schnell  ein übriges Tagesgericht bestellen, denn leidenschaftliche Gemütsbewegungen machen ausgesprochen hungrig. Essen, trinken rauchen ohne Unterbrechung, ohne Standortveränderung. Wie absonderlich ist der nächste Morgen, der schwere Kopf, die vage Erinnerung nebenbei noch alle aktuellen Politikprobleme redekräftig gelöst zu haben und die Lust auf den großen Becher rabenschwarzen Kaffees.

Nein, die eigene Küche oder die (Trinker)Kneipe ab 18 tut es dafür nicht. Ich möchte dem buntgemischten Haufen von Leuten begegnen, die ‚political correctness‘ als ‚leben und leben lassen‘ verstehen. Mir fehlt die Vibration all der anderen existenziellen oder profanen Geschichten die gerade an den Nachbartischen verhandelt werden. Jenes Gemurmel, flirrende Lachen, oder diese Sprachfetzen, die bis zu uns herüberdringen. Ich vermisse den Blick auf den Zeitung lesenden, das dritte Stück Kuchen kauenden, Typen und auf all die anderen Leute, die meine Küche nie sehen werden. Mittenmang und einschließlich im Leben und im eigenen Ausnahmezustand. Ehrlich, ich bin zu alt um bibernd vor einer Kneipe zu stehen oder in Decken gehüllt davor zu sitzen, aber nicht alt genug um ein ausschließlich vernünftiges Leben zu leben.

* Dostojewskij, Auszeichnungen aus dem Untergrund

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Kommentare
scriptor schrieb am 16.11.2011 um 11:38
Tempi passati - aber schön war es doch!

Ja, es waren tolerantere Zeiten, als Rauchen noch nicht verteufelt und Raucher als soziale Schmarotzer diffamiert wurden. Als der Genuss einer guten Zigarre noch nicht zu Proteststürmen inspirierte und zur Ausgrenzung des "Luftverpessters" führte.

Die Gesellschaft hat sich gewandelt. Genuss und Leben passt heute nicht mehr zur Ansicht der Mainstream-Mentalität, es geht um unbedingten Erfolg, um Geld und Reichtum, um Konformität und Anpassung. Aus Arbeitern und Angestellten wurde "Human capital", das gefälligst zu funktionieren hat und möglichst billig einzukaufen ist. Raucherpausen, Raucherräume kosten Geld und sind daher nicht opportum.
Wieder wurde ein Stück Freiheit der Gleichmacherei , ein Stück Individualität dem Mainstream geopfert.
Das Dürfen ist dem Müssen gewichen - Glückwunsch Germania
srciptor
koslowski schrieb am 16.11.2011 um 12:35
Gefällt mir: der wehmütige, selbstironische Blick zurück. Gern gelesen.
kmv
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weinsztein hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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claudia hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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