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Ist die Elterngeneration verstorben, rückt mit den Kindern die nächste Generation dem Tod und dem Sterben näher. Das ist der biologische Kreislauf von Werden und Verfall. Aber gut, denke ich mir, als ich Elternlos werde, und mich um die Geschwister und ihren Anhang sorge. Wir sind ja lange noch nicht in dem Alter. Damals als ich klammheimlich in einer schlaflosen Nacht eine Liste anfertige. Und darüber spekuliere, auf wen ich am ehesten verzichten könnte und auf wen am wenigsten. Aber Leben und Tod nehmen keine Rücksicht auf persönlichen Befindlichkeiten. Sie passieren einfach und so war ich unvorbereitet vorbereitet als das Telefon klingelt. Die Art und Weise, wie sie meinen Name moduliert und den anderen Name fast verschluckend hervorstößt lassen keinen Zweifel offen. Gegen besseres Wissen, als will ich das Unabänderliche, das ich gleich zu hören bekomme noch revidieren schicke ich das Wort Krankenhaus in die Leitung. Den Bruchteil einer Sekunde die Zeit anhalten. Den letzten winzigen Moment auskosten, indem die Welt noch so ist, wie sie für mich nicht mehr sein wird.
Begegnet bin ich dem Tod schon früh, viel zu früh. Dem eigenen aber auch dem, der mich zurück ließ, fassungslos und der Schwerelosigkeit ein für alle mal beraubt. Wir lesen Todesanzeigen, hören von Krankheiten oder Unfällen mit Todesfolgen, spüren deren Gehalt aber erst, wenn es die Eigenen trifft. Gleich den gerade Eltern gewordenen Paaren, die so vollkommen überwältigt die Einzigartigkeit der Elternschaft für sich beanspruchen. Jedes Mal aufs Neue.
Es gibt ihn, den perfekten Tod. Meine Mutter lebt ein pralles Leben. Femminsten dürften hingerissen sein von so viel selbstbestimmten Tun und Handeln. Sie allerdings hat sich gegen jegliche Vereinnahmung stets entschieden gewehrt. Sich selbst wichtig und ernst zu nehmen entspräche ihrer Persönlichkeit. Punkt. Es wäre ihr nie in den Sinn gekommen, daran etwas zu ändern. Wobei dieses, nicht nur für ihre Generation, eigenwilliges Leben nicht nur ihrem Mann, unserem Vater, sondern auch uns Kindern durchaus manche schlaflose Nacht bereitet hat. Aber das liegt wohl in der Natur der Sache. Dann mit weit über 80 Jahren macht sie es uns leicht. Wie immer waren wir Kinder aus allen Himmelsrichtungen herbei gereist. Aber es scheint an jenem Wochenende, als habe sie es sich noch einmal anders überlegt. Doch dann als wir, die Älteste und die Jüngste ihrer Kinder, laut lachend und vertieft in die üblichen Lästereien über die schon abgereisten Geschwister, ihre Hand haltend am Bett stehen, geht sie. Geräuschlos und fast unbemerkt. Nur aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass ihre Nase für den Bruchteil einer Sekunde spitz wird. Da ist sie schon weggeschlichen, wie die Mütter es tun, wenn sie merken, dass ihre Kinder im Spiel versunken sind. Die Aussicht auf ein versöhnliches Sterben hat sie hinterlassen. Ich nehme es als ihr letztes Geschenk an mich.
Zurück von einem anderen Kontinent, anderen Trauergebräuchen und den unausweichlichen emotionalen Familienzwistigkeiten bin ich ein einige Zeit später zurück in meiner Stadt. Zuhause sichte ich die liegengebliebene Post und öffne die herausstechenden Kondolenzbriefe. Sie gehören mit zu einem Trauerfall und sind greifbare Zeugnisse, dass unser Leben ein Konglomerat von Bluts- oder Wahlverwandten ist. Interessiert greife ich zu einem der Briefe und lese irritiert einen falschen Namen. Nur langsam dringt zu mir durch, dass während mich der Tod des Einen in Beschlag nahm, die Andere der ich morgen doch soviel erzählen will, gestorben ist. Zack, Autsch, Bumm, ich bin restlos bedient. Waidwund, wie ein angeschossenes Stück Wild schleppe ich mich durch den Tag. Oder zeige mich meiner Umwelt als kontakt gestörter Zombie. Der verregnete Sommer spiegelt meine Gemütsverfassung wieder.
Jedoch dieser Tage locken warme und sonnige Herbsttage. Mit festem Schritt stromere ich durch die Gegend und spüre an meinem neugierigen und amüsierten Blick auf die Welt das Leben hat mich wieder.
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"Jedoch dieser Tage locken warme und sonnige Herbsttage. Mit festem Schritt stromere ich durch die Gegend und spüre an meinem neugierigen und amüsierten Blick auf die Welt das Leben hat mich wieder."
Ein schöner besinnlicher Text, "kmv", der wunderbar in den November passt. Dabei sind die Tage noch gar nicht so grau, die Melancholie hat sich bei mir nicht breit gemacht und Sie sind auch "wieder auf dem Damm", wie schön. Das was so bekümmert am Tod ist nicht nur, dass einem die eigene Sterblichkeit vor Augen geführt wird, sondern dass wir mit dem Anderen ein Stück mitsterben. Denn nirgends wird uns doch so bewusst, wie sehr wir uns in Beziehung zu anderen Menschen verstehen, wenn der Andere und mit ihm seine Welt untergeht. Und dann zwingt uns der Tod, wie auch schon eine Trennung von einem einst geliebten Menschen, zur Neuorientierung. Diese Erfahrung ist so alt wie die Menschheit selbst. Es gibt ein sehr schönes Buch von Verena Kast (s. u.), einer Schweizer Psychoanalytikerin, das die möglichen Stationen der Trauer über Tod und Trennung vergegenwärtigt: Kast geht, in ihrem ursprünglich als Habilitation angelegten Buch, in sehr konkreten Analysebeispielen von Augustinus aus. Die Confessiones (III, 4, 9; 6,11), das kann man wohl mit Kast unterstreichen, sind von dieser Art Initiationstexte über den Tod in unserer Kultur. Augustinus schreibt nicht nur herzzerreissend über den Verlust des Freundes, sondern es zeigen sich auch die vielen Aspekte des Verhaltens eines Menschen, der einen großen Verlust erlitten hat. Zur Trauerarbeit gehört demnach die Vergegenwärtigung der Trauerphasen vor dem notwendigen Aufbau von etwas Neuem. Bei Augustinus war das ein Teil seines Weges in die Schriftstellerei. „Durch diesen Schmerz kam eine tiefe Finsternis über mein Herz, und wo ich hinsah, war Tod. Die heimatliche Stadt ward mir zur Qual, das väterliche Haus zu einer sonderbaren Unglücksstätte, und jedes Ding, das ich mit ihm gemeinsam besessen hatte, wurde mir nun ohne ihn zu menschlicher Pein. Überall suchten meine Augen ihn und er wurde mir nicht gegeben; ich haßte alles, weil es ihn nicht hatte und mir nicht mehr sagen konnte: Siehe, er kommt, so wie es, als er noch lebte, war, wenn er einmal abwesend war. Ich war mir selbst zu einer einzigen großen Frage, und forschte in meiner Seele, warum sie traurig sei, warum sie mich so verwirre, so wußte sie mir nichts zu antworten. Und wenn ich zu ihr sagte: (…), so antwortete sie nichts und hatte recht, weil dieser Mensch, den sie als Teuerstes verloren hatte, besser war und wahrer als das Trugbild, das sich ihr als Hoffnung gab. Nur noch das Weinen war mir süß und nahm in meinen Herzensfreuden die Stelle eines Freundes ein…. In mir war (…) eine Regung ganz entgegengesetzter Art lebendig geworden, ich weiß nicht, was es war: einem ganz schweren Lebensüberdruß stand Todesangst zur Seite: Ich glaube, je mehr ich jenen geliebt hatte, um so mehr haßte und fürchtete ich den Tod (…) und ich stellte mir vor (…), er würde nun jeden verschlingen, weil er es bei jenem gekonnt (…) Ich wunderte mich nämlich, daß die übrigen Sterblichen lebten, wo er gestorben war, den ich so liebte, wunderte ich mich, daß ich als sein andres Ich seinen Tod überlebte. Wie richtig hat einmal einer seinen Freund die Hälfte seiner Seele genannt (Horaz: Od. 1,3)! Denn ich habe meine und seine Seele als eine einzige in zwei Körpern empfunden (nach Ovid, Trist. IV, 4,72) und deshalb schauderte mich vor dem Leben, weil ich nicht als Halber leben wollte; und deshalb fürchtete ich vielleicht zu sterben, weil er, den ich so sehr geliebt, dann ganz gestorben wäre.“ Buchangabe www.kreuzverlag.de/suche/exp/details?k_tnr=102177&sort=1&query_start=&titel=Trauern Trauerprozesse: www.wikipedia.org/wiki/Trauer#Trauerprozess_in_vier_Phasen_nach_Kast Schönen Herbst HN |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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