24.01.2012 | 14:05

Die Ordnung im Kopf beginnt am Schreibtisch ….

Eines hat die Causa Wulff gnadenlosen vorgeführt: den Konkurrenzkampf der einzelnen Medien um unser aller Aufmerksamkeit. Auch der Freitag beteiligte sich. Hat sich die Auflage erhöht, durch die Doppelseite mit den CommunityBeiträgen? Der Verleger jedenfalls vermeldet mit Stolz, dass die größte Boulevardzeitung die Idee abgekupfert habe.

 Aber der Reihe nach: Der Freitag ist ein Printmedium, das einmal wöchentlich erscheint und ganz klassisch von einem Journalistenteam in Redaktionsräumen gemacht wird. Und es gibt Freitag.de die Präsenz dieser Zeitung im Internet. Freitag.de als Plattform in der virtuellen Welt. Zutritt frei. Mitmachen erwünscht. Nur ein internetfähiges Gerät und Zugang zu DSL ist die Voraussetzung für … ja, für was denn eigentlich?

Zusammengehalten wird das Bündel Der Freitag und Freitag.de durch einen Verlag/Verleger. Dieser ist natürlich zu Recht daran interessiert, dass beides sich finanziell trägt. Die Frage nach dem persönlichen Antrieb sich in der Medienlandschaft zu positionieren bzw. als Schreiber seinen Ruf zu festigen, lasse ich jetzt mal außen vor. Natürlich geht es, betriebswirtschaftlich gesprochen, um Markenbildung, den Auf- und Ausbau einer Marke.

Zeitungsmacher oder Journalisten arbeiten in der Redaktion in der Regel festangestellt sowie als Pauschalisten oder verkaufen als sogenannte Freie ihre Texte. Kann eine Person (steuerlich) nachweisen, dass sie für journalistisches Schreiben Geld erhält hat sie das Recht auf den einen oder anderen anerkannten Presseausweis. Ansonsten ist ‚Journalist‘ eine ungeschützte Berufsbezeichnung. Das Ideal ist fachlich kompetent über politische, wirtschaftliche und sozialen Entwicklungen zu schreiben, unabhängig von eigenen Interessen . Im besten Falle werden die Konsequenzen für den User/Leser abgewogen und beurteilt. „Glaubwürdigkeit“  ist oder war einmal der Marktwert eines Textes. Journalisten en grosse verlieren in der Regel dann ihre Glaubwürdigkeit, wenn das Vertrauen der Leser/User in die Redaktionen erschüttert wird.

 Spätestens durch die Causa Wulff ist offensichtlich,  dass das journalistische Rückgrat „Glaubwürdigkeit“ auf dem Prüfstand steht. Die klassischen Rubriken mit den Oberbegriffen Meinung und Information befinden sich im Auflösungsprozess. Informationen und Nachrichten galten historisch anhand der 5 W-Wörter (wer, was, wo, wann, wie) als die harten Fakten des klassischen Zeitungsgeschäfts. Angereichert mit der klassischen Reportage oder der empathischen Berichterstattung des ‚new journalisms‘. Voraussetzung und Bedingung für diese Form war und ist allerdings Zeit und  Geld. 

Im Übrigen gibt es seit jeher in den Printmedien, so etwas wie das heutige Blog, also geo- oder soziographischen Erlebnisberichte von nicht journalistischen Berichterstattern. Natürlich in einer anderen Gewichtung und in geringem Ausmaß  Heute kann jeder im Netz, ein Blog veröffentlichen und Leser an sich binden oder mit Twitter’s Kurznachrichten Followers hinter sich scharen. Schneller Meinungs- und Behauptungsmix vieler Einzelpersonen konkurriert mit der professionellen Berichterstattung.

 Nie zuvor war  journalistische Arbeit so verstärkt der direkten Kontrolle und Kritik des Publikums ausgesetzt. Vor Web 2.0 lag das Generieren von Informationen überwiegend bis ausschließlich bei den Journalisten.  Zu den Lesern bestand ein eher distanziertes Verhältnis. Mit dem web 2.0 erobert sich der User/Leser Einfluss, Macht und Mitspracherecht.

Das führt zu Diskussionen: Was sind die generellen Unterschiede von Print und Web? Ist das eine ‚analysieren und erklären‘ und das andere ‚die schnelle unmittelbare Nachricht‘? Wie soll die Berichterstattung auf die Stärken der jeweils eigenen Mediengattung ausgerichtet sein? Mit welchen Themen fessele ich den User/Leser, auch ohne  unmittelbar aktuellen Anlass? Setze ich auf Ratgeberjournalismus (wie so einige)?? Wie sieht die Redaktionsstrategie bzw. das publizistische Konzept aus, mit dem Print/OnlineRedaktionen erfolgreich ist im Kampf um die Aufmerksamkeit? Wie werden Nachrichtenwerte (was ist?), Nutzwerte (Hinweisen und Tipps) und jene Chat-Room Kultur gewichtet????

Diese Medienkommunikation bringt Journalisten und Redaktion in Zugzwang. Einerseits erleichtert das Zusammenspiel das  Aufgreifen von Wünschen und Interessen von Leser/Usern. Andererseits gerät der Journalist/das Medium in einem rigiden Rückkoppelungsprozess, der von unmittelbaren Kommentaren, allgemeinen Publikumsäußerungen bis hin zu vermeintlich exakten Nutzerprofilen reicht. 

Die Freitag Community zeigt sich noch als eine nicht berechenbare Größe. Teils Abonnenten der Zeitung und sporadische Leser, aber auch solche, die für das eigene Schreiben eine offene Plattform bevorzugen sind vertreten. Ebenso wie die Leute die sich 'nur'  sinnvoll oder sinnfrei (von außen unterschieden) austauschen wollen. Verbal aufgeschlossen, von links bis irgendwie links und ein großer Rest im Dunkeln.

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Kommentare
lyrith schrieb am 24.01.2012 um 20:25
das ist wirklich das beste, was ich bis jetzt zu dem thema gelesen habe. es irritiert die klassischen medien, dass sie (systemtheoretisch gesprochen) zwar immer noch die politik beobachten können, dass sie aber nun plötzlich selbst beobachtet werden (wurde ja auch zeit). noch nicht ganz klar ist, ob daraus eine gesellschaftliche relevanz entsteht, ob das web die medien ebenso beeinflussen wird wie die medien die politik.
Zeitleser schrieb am 24.01.2012 um 20:31
Kluger Text, das Szenario ist dargestellt. Jetzt kommt das Eigentliche: Was folgt daraus, was wird sich ergeben, welche Transformationen sind denkbar usw. Also: Fortsetzung folgt!
Magda schrieb am 24.01.2012 um 22:07
Ja, so ist sie, die Situation, zusammengefasst.
goedzak schrieb am 24.01.2012 um 22:32
Und nun?

Was mich zunehmend irritiert, dass die neue 'dritte Gewalt', die da aufsteigt, die Blogger/Kommentatoren/Community-Mitglieder/Foristen/User (usw.), anscheinend nur ein Pseudoselbstbewusstsein entwickelt habe. Denn sonst würden sie ja nicht immer nur Forderungen an andere stellen (he, ihr Journalisten, ändert euch/geht auf uns ein/macht, was wir meinen, was richtig wäre!), sondern würden sich ihrer Besonderheit wirklich bewusst werden und einfach das andere MACHEN!
Zeitleser schrieb am 24.01.2012 um 22:40
Na, dann machen Sie es halt, was genau, warum und wie?
goedzak schrieb am 24.01.2012 um 23:10
"was genau, warum und wie?" - Das muss man sich zuerst SELBER fragen.
Zeitleser schrieb am 24.01.2012 um 23:55
Na Bälle los schießen und hinterher rufen "Machen Sie was draus, mir fällt dazu nicht ein" ist auch eine Methode.
@dllxllb schrieb am 25.01.2012 um 01:33
Mein Kopf ist ganz gut aufgeräumt. Kann ich von meinem Schreibtisch gerade nicht behaupten. Das muss daran liegen, dass die Welt mich mit Vorliebe zumüllt ohne dass ich da selbst groß selektieren könnte. Anders als im Web. Besser finde ich dort, und allgemein, immer das Produkt, wenn es sich denn findet. Die Marke kommt von ganz allein.
koslowski schrieb am 25.01.2012 um 08:09
Klar und instruktiv, herzlichen Dank. Hat meine Sympathie für einen guten (Print-) FREITAG und eine lebendige, plurale Community ohne Fixierung auf Verleger und Redaktion, ohne Hierarchien und Strukturen verstärkt. Die FC als unbekanntes Wesen, als "großer Rest im Dunklen" - so soll's bleiben.
kmv
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