30.11.2011 | 14:57

STOP! ES REICHT!

Nie hätte ich gedacht in die Verlegenheit zu kommen zugunsten KT zu Guttenberg das Wort zu ergreifen. Aber manchmal reicht es nicht mehr aus eine Haltung zu haben, sondern ich muss sie äußern. Sonst mache ich mich gemein mit Menschen und einer Sache, die unter keinen Umständen, die meine sein kann:

Lange nehme ich zu Guttenberg „nur“ als optischen Zwilling von Kai Diekmann (Bild) und Artgenossen von Lothar Matthäus (Franke) wahr. „Geblendet“, das muss ich vielleicht doch hinzufügen werde ich höchstens von der Sonne und beherzige ansonsten beim Blick auf die Welt, den Satz: es gibt nichts, was es nicht gibt.

G’s Plagiat überraschte mich nicht wirklich. Das liegt aber weniger an seiner Person, sondern begründet sich durch meine Erfahrungen im Wissenschaftsbetrieb. Auch dort wird nur mit Wasser gekocht und reproduzierendes Studieren und Arbeiten (ja, ja mit Quellenangabe und Fußnoten) macht das Hauptgeschäft des Wissenschaftsbetriebes aus.

Journalismus verstehe ich als anwendungsbezogene Zunft, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert im Selbstverständnis des ‚gatekeepers‘, Ereignisse und Informationen als „Fakten“ der Öffentlichkeit präsentiert. Presserechtlich zumindest wird unterschieden zwischen Tatsachenbehauptungen (Äußerungen, die notfalls ‚objektiv‘ überprüft werden können, z.B. Meldungen, Nachrichten, Reportagen etc.) und Meinungsäußerungen (subjektiv, wertende Stellungsnahmen, z.B. Kommentar, Kritik, Glosse, Essay).

Allerdings verkauft sich Meinung besser als abwägende Diskussion. Und nicht nur für den Leser ist sie ist weniger anstrengend als die eruierende Nachfrage . Längst ist journalistischer Usus, meinungsäußernde Artikel zu veröffentlichen und sie durch die Hintertür als objektives Statement zu gewichten. Nicht ein Journalist behauptet xyz. Vielmehr lässt Redaktion (hier: STERN online) einen Außenstehenden, einen der es doch genau wissen muss, demnach einen Angehörigen der wissenschaftlichen Zunft, zu Wort kommen:  www.stern.de/politik/deutschland/psychoanalytiker-ueber-guttenberg-inszenierung-eines-chaoten-1756615.html

Zum Thema Ferndiagnosen hat Magda in einem anderen Zusammenhang www.freitag.de/community/blogs/magda/all-about-angela---von-friesen-bis-jung, Stellung bezogen. Zur Psychoanalyse, ob in Form von wissenschaftlicher Theorie oder therapeutischer Methode mangelt es mir seit jeher an Einsicht und an Glauben. Der Rest ist Fremdschämen und Til Mette .

Ps) Guttenbergs/Di Lorenzos Buch habe ich zwischenzeitlich gelesen. Vorsätzliche Täuschung und da gebe ich G. recht, ist im Falle einer geisteswissenschaftlichen Arbeit genauso aufwendig, wie die Arbeit mit jenen kleinen Ziffern zu versehen, die auf ein Zitat hinweisen oder Literaturübername kennzeichnen. Einen ghostwriter zu beauftragen wäre dann die bessere Variante. Dieser wiederum könnte sich Handwerkspfusch dieses Ausmaßes schon aus rein geschäftsschädigenden Gründen allerdings nicht leisten.

Schludrigkeit, PfuschHandwerk und Selbstüberschätzung kenne ich. Sie haben sich mir unauslöschlich eingebrannt: In meiner Vordiplomsarbeit schreibe ich über Neill und Summerhill (anti-autoritäres Erziehungs- und Schulkonzept). Den  damaligen ‚Erfolg‘ dieses Erziehungskonzeptes möchte ich in die Ecke der personengebundenen (statt theoretischen) Leistung rücken und schreibe beflügelt im Rausch meiner Beweisführung den Schlußsatz: „… zeigt sich auch daran, dass die Schule nach Neils Tor geschlossen wird“. Einige Wochen später (Arbeit war durch, Hauptstudium begonnen) höre ich im Radio, dass Neills Tochter Zoe die Schule weiter führt.

Gravierender fällt ins Gewicht, was ich Jahre später bei der Vorbereitung einer Doktorarbeit erlebe: In einer interdisziplinär angelegten Arbeit wird mehrfach die niederländische Grundlagenforscherin und Erziehungswissenschaftlerin Heijting zitiert. Der zuständige C2 Professor und Rektor der Universität streicht den Namen Heijting durch und ersetzt ihn durch ‚von Hentig‘ (Pädagoge und Leiter der Laborschule in Bielefeld).

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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 30.11.2011 um 19:30
Was bitte ist an Ihrem Beitrag eine Verteidigung. Sie betonen u.a., dass es in Ihrem Fachbereich vermeintlich schlampig zugegangen ist, dabei vermeiden Sie wohlweißlich die Universität, die Professoren und das Jahr zu nennen. Warum wohl?
kmv schrieb am 30.11.2011 um 21:00
In der Sache verteidige ich G. nicht. Pfuschhandwerk punkt

Was jetzt im Namen von journalistischem Interesse geschieht, speziell dieser SternArtikel entspricht nicht mehr meiner Auffassung von professionellen Anstand oder journalistischer Sorgfaltspflicht. Dagegen stelle ich mich. Humor- und verständnislos.

Ansonsten: Hier wollte ich nur meine Kernaussage, dass es "die homogene, an einem Strang ziehende Wissenschaft" nicht gibt mit zwei Erlebnissen aus zwei unterschiedliche Nationen, Universitäten bzw. Fachbereichen illustrieren. Gemäß dem Motto, ich bin mit meinen Erfahrungen nicht so einzigartig, dass es da nicht noch weitere dieser Art gibt ....

Erstere sollen verdeutlichen weshalb ich das schludern nachvollziehen kann. (Statt im psychologischen Fachjergon verpackte, "objektive" Statements zeige ich ab und an lieber beispielhaft auf mich als auf andere.

Der zweite Fall möchte Fragen relativieren, wie sie z. B. Michael Angele stellt in seinem Medientagebucheintrag heute stellt, www.freitag.de/kultur/1148-medientagebuch: "(was ist eigentlich mit dem ­‚ideellen Schaden‘ an der Wissenschaft? Wer bilanziert den?)"
Ehemaliger Nutzer schrieb am 01.12.2011 um 16:20
Hier wollte ich nur meine Kernaussage, dass es "die homogene, an einem Strang ziehende Wissenschaft" nicht gibt mit zwei Erlebnissen aus zwei unterschiedliche Nationen, Universitäten bzw. Fachbereichen illustrieren. Gemäß dem Motto, ich bin mit meinen Erfahrungen nicht so einzigartig, dass es da nicht noch weitere dieser Art gibt ....“

Es gibt immer solche und solche, lieber kmv. Das ist trivial. Im Falle von Guttenberg ging es aber auch um das „Kopiersystem“, das nun im Groben und Ganzen namentlich bekannt ist. Es kann nicht angehen, dass dieser prominente Einzelfall derart verallgemeinert und damit aufgewertet wird, indem Sie einen Generalverdacht erheben. Auch hier gilt die Unschuldsvermutung. Ich dachte der Diskussionsstand sei da angekommen.

www1.swr.de/podcast/xml/swr2/forum.xml
Montag, 21. November 2011 17:05Forscher, Fälscher, Dünnbrettbohrer. Gesprächsleitung: Gábor Paál, SWR2 Forum vom 21.11.2011.
Es diskutieren: Prof. Dr. Oliver Lepsius - Rechtswissenschaftler, Universität Bayreuth, Martin Spiewak, Wissenschaftsjournalist, "Die Zeit" - Prof. Dr. Margret Wintermantel - Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz
poor on ruhr schrieb am 30.11.2011 um 19:52
selbstzweifel plagen ihn nicht

oha
ch.paffen schrieb am 01.12.2011 um 14:56
ZUSTIMMUNG @ STOP! ES REICHT!

KT bashing und das in der besinnlichen Adventszeit im Blätterwald. Das läßt den einen oder anderen Schluss zum Selbstverständnis der “gatekeeper“ zu,

Letztendlich greifen die keeper auf ein durchaus bewährtes Schema zurück. Freund bzw. Feind und dieser wird dann eben medial verwurstet, Wenn´s geht Auflage steigernd über den medialen Marktplatz gezerrt. "gatekeeper" mit einem rein ökonomischen Ansatz? Nein, das alles dient ja nur der Aufklärung der Leser,..... hüstel.

Vorerst ist Fakt: KT is back, was draus wird? …..

Über die Rolle von KT, der Gesellschaft, der Medien, der Wissenschaft ist anzumerken die dort handelnde Akteure sind ja auch Teil der Gesellschaft, der Medien, der Wissenschaft. Dies macht es nicht wirklich einfacher, die jeweilige Handlung nachzuvollziehen und selbst wenn ich es nachvollziehen kann, muß ich der Handlung ja nicht unbedingt toll finden. Letztendlich ist jeder für das was er tut verantwortlich.

Ach ja, zum Di Lorenzo bashing @ Interview. Mir ist es lieber, wenn einer zu seinen Handlungen steht. Aber bashing entspricht wohl mehr dem Zeitgeist, wie wenig besinnlich …..

Feinen Resttag noch
Christiane
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