14.03.2011 | 18:10

Wann ist ein Experte noch ein Experte? Über Katastrophen und Medien.

 

Journalisten beobachten und kommentieren stellvertretend für uns das Weltgeschehen. Ihre Auftraggeber die Medienunternehmen unterliegen dabei ihren Eigengesetzen wie Quotendruck, Sendezeit, Programmgestaltung, Zuschauerbindung etc. Alles in allem eine gigantische Maschinerie und das alles, um uns Geschichten über die Welt zu (re)produzieren.

Heute bestimmt das Horrorszenarium der Kernspaltung die Medien. Warten, hoffen jetzt alle darauf, dass der Ernstfall eintritt? Ist die Kamera schon gezückt, liegt der Stift bereit, sind genug Leitungen für die Liveschaltung offen?

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen mein Mitgefühl gilt jedem Einzelnen dieser Naturkatastrophe in Japan, sowie der ganzen Nation. Ich habe auch Verständnis dafür, dass nicht nur die Bewohner Japans sich große Sorgen machen über eine weitere Bedrohung. Dieses Mal über den der Entwicklung von Gesellschaften geschuldete, atomaren Gau.

Ja, die Ängste und Not der Menschen in Japan nehme ich wahr, aber ebenso die ausufernde Berichterstattung, die Instrumentalisierung von Leid für politische Zwecke.

Hören Politiker und sogenannte Experten sich eigentlich selbst zu, wenn sie sich öffentlich darüber wundern, dass hier wohl ‚das Restrisiko‘ auf den Prüfstand gestellt wird? Hallo?!? Früher oder später wird jeder Jackpot geknackt, das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche. Sich hinzustellen und sich verwundert die Augen zu reiben grenzt an bodenlose Dummheit und ist pure Heuchelei.

Die Medientechnik holt die Katastrophe so nah heran, als wären wir selbst dabei. Das sind wir aber nicht. Wir sind die Zuschauer. Wir sehen die Tragödie. Müssen wir deshalb wie gebannt auf den Schauplatz starren? Gaffend und sensationslüstern? Von „meinen“ Medien erwarte ich statt dem ‚Schauer des Grauens‘ per Endlosschleife redaktionell aufgearbeitete d.h. recherchierte und urheberrechtlich gekennzeichnete Filme, Bilder und Informationen.

Gerade deshalb, weil mir die Bilder der Menschen in Not nahe gehen möchte ich sie nicht als Dauerschleife, wie die Videoclips bei MTV über meinen Bildschirm laufen sehen. Meine Empathie ist ausreichend, den unermesslichen Schmerz und die Verzweiflung zu fühlen angesichts des Verlustes all dessen, was gerade noch das eigene Leben bestimmte.

Als Zuschauer möchte ich Berichte über Ereignisse, Kommentare und Darstellungen, wenn schon nicht gutheißen, aber nachvollziehen und überprüfend verstehen können. Die Glaubwürdigkeit ist hierbei das größte Pfund. Bilder konterkarierten immer häufiger das Gesagte. Unsere Wahrnehmung ist so viel schneller als das gesprochene Wort. Wir hören das Gesagte und nehmen die Studioinszenierung mit dem Korrespondenten und dem Experten wahr, während über die große Monitorwand unaufhaltsam die Bildströme der Katastrophenorte laufen von denen er fast so weit entfernt ist wie wir.

Sondersendungen, Brennpunkte und Diskussionsrunden widmen sich der Krisen und Katastrophen Berichtserstattung und nicht immer ist der Zweck vom Selbstzweck zu unterscheiden. Ein medienwirksamer run auf Experten jeglicher Couleur ist zu beobachten. Das Problem ist nur, dass keiner dieser Leute vor Ort ist und deshalb auch der sachkundigste Fachmann nur den Konjunktiv verwenden kann. Leerformeln, wie "unter Umständen“, „wenn - dann“, „kann man davon ausgehen, dass“, sowie „aber genaues weiß man nicht“ füllen die Sendeminuten.

Wer fasst noch Fakten zusammen, stellt sie in einen größeren Bedeutungszusammenhang und versucht mit einer gewissen Distanz den einordnenden Überblick über politische, wirtschaftliche und soziale Folgen? Mutmaßen und spekulieren kann ich selbst.

Ist nicht der der Experte, der sich unter diesen Umständen hinstellt und einfach mal den Mund hält?

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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 14.03.2011 um 20:03
z. B. die Risiken der globalen Kohlenwasserstoffindustrie, der es auch an Risikotoleranz mangelt
Lars Galtung schrieb am 14.03.2011 um 20:16
Mir ist dieses schon öfters in ähnlicher aber dann doch wieder auch in anderer Weise aufgefallen.

Zuerst mal zu Ihrem Vorwurf "Dauerschleife" wie zB bei N 24 und anderen. Das hat sehr viel damit zu tun, dass einerseits Zuschauer zu allen möglichen Zeiten sich neu zuschalten und wieder wegschalten und andererseits die Werbung bedient werden muss. Bei Privatsendern.

Nebenbei bin ich der Meinung, dass N 24 zumindest anfangs die beste Berichterstattung zu Japan hatte, weil viele Wissenschaftler befragt wurden.

In einer solchen Situation sollten auch nur noch Wissenschaftler befragt werden, denn in der Tat reden hier auch viele Journalisten vom Hörensagen, die aber keine Wissenschaftler sind. Auf diesem Wege entsteht dann sehr viel Verwirrung, weil über das Befragen von Nichtfachleuten Inhalte auftauchen, die so nicht richtig sind.

Es ist aber in Teilen auch nicht erforderlich, dass die Wissenschaftler vor Ort sind, denn es gibt natürlich auch Entwicklungen die einfach wissenschaftlich feststehen.

So sagte zB schon am Freitag der Wissenschaftler Sailer aus Darmstadt und andere wie Pflugbeil etc.: Wenn das Problem der Kühlung nicht gelöst werden kann, wird es unweigerlich zu einer Kernschmelze kommen. Dazu braucht der Wissenschaftler nicht vor Ort zu sein. Man wusste, dass kein Strom da war. Also können auch keine Pumpen Kühlwasser pumpen usw. Daher ist die Skepsis der Kühlungsversorgung - auch mit Meerwasser - kritisch zu sehen. Solche Auskünfte kommen aber am zuverlässigsten von den Wissenschaftlern.

Hier sollten die Journalisten immer Wissenschaftler heranziehen.
Das aber war in vielen Sendungen nicht so. auch der jap. Botschafter sagte, dass er von Atomenergie etc. keinerlei Ahnung habe, als er von Will befragt wurde. Dh hier können auch diese nur spekulieren.

In solchen Situationen sollten nach meiner Meinung zu den Sachfragen nur Wissenschaftler sprechen. Bei Will war kein Wissenchaftler eingeladen.

Zu den Endlosschleifen.
Im Prinzip fällt Ihnen das ja nur dann auf, wenn Sie längere Zeit zuschauen. Wir haben aber bei den vielen Einwohnern auch sehr viele, welche sich zu unterschiedlichen Zeiten dazuschalten und diese muss man dann grundlegend informieren.

Ich würde das teilen, dass das sehr schlecht organisiert ist.

Man könnte zB festlegen, dass in einem bestimmten Turnus -
zB alle vollen 2 oder 3 Stunden - je nach Aktualität - oder auch jede 6. oder 8. Stunde (also festgelegte Uhrzeiten) eine jeweils
aktuelle Zusammenfassung angeboten wird.

Ein weiteres Problem ist dann, dass die Wissenchaftler über die Sendungen verteilt sprechen. Das ist unglücklich.

Aber Privatsender müssen eben auch versuchen, den ganzen Tag über Zuschauer zu halten, wegen der Werbung. Das ist die andere Seite. Sonst kann sich der Sender nicht finanzieren.

Bei den Öff. Rechtl. ist dies anders. Und da muss man sagen, dass diese eben zB am Freitag oder tlw auch am Samstag noch gar kein Programm dazu hatten, während N 24 doch schon sehr detailliert Grafiken, Aufnahmen und Wissenschaflter hatte.

Und Phoenix hatte leider auch keine kompetenten Wissenschaftler bzw. immer die 2 gleichen, welche keine profunden "Atomwissenschaftler" waren. Im Gegensatz zu N 24 welche doch sehr profunde Pro- und Contra Wissenschaftler befragte.

Ich halte Ihre Kritik für berechtigt.
Ich sehe aber auch, dass es schwierig ist, allen Zuschauern gerecht zu werden.
kmv schrieb am 14.03.2011 um 21:32
Danke für Ihren Kommentar:

'vor Ort' meinte ich durchaus wörtlich. Ich unterscheide zwischen der Info, die direkt vom Ort des Geschehens kommt, was aus welchen Gründen auch immer im Moment nicht gegeben ist und dem 'Blick von außen' der per Definition spekulativ ist.

Schlussfolgerungen zu erstellen, die auf logisch nachvollziehbaren Argumentationen oder durch empirische Fakten verifiziert werden können ist wissenschaftliches Handwerk.

Es geht mir um Genauigkeit, der Unterscheidung zwischen Fakten und Voraussagen, gerade auch bei den Wissenschaftlern.

Wer sich auf das, was gerade in Japan vor sich geht bezieht, bewegt sich auf dünnem Eis.

Im Moment gibt es kaum verifizierten Fakten. Was auch immer passiert oder nicht passieren wird, geschieht oder wird nicht geschehen ... wir werden es erleben.

"Gerecht werden" müssen mir die Medien nicht. Ich bin schon zufrieden, wenn sie sich an ihrem eigenen Ansprüchen messen.
Lars Galtung schrieb am 14.03.2011 um 23:48
Auch ich bedanke mich für Ihre Antwort.

Ich hatte schon geschrieben, dass Sie ja im Prinzip recht haben.

In diesem konkreten Ereignisfall, war es aber offensichtlich so, dass ein Wissenschaftler vor Ort ggf. auch keine besseren Aussagen zum Reaktorunfall hätte treffen können, denn die Informationen aus Japan vermittelten den Eindruck - aus vielen Formulierungen der Japaner - dass diese oft selbst nicht genau wußten, was da eigentlich abläuft. Man hatte den Eindruck, dass diese selbst nicht mehr nahe genug am "Tatort" sein konnten, vielleicht wegen zu großer Hitzeentwicklung, dass sie selbst nur ungefährte Aussagen machen konnten.

Mit großer Wahrscheinlichkeit hätten diese einen nichtjapanischen Wissenschaftler gar nicht erst auf das Gelände gelassen. So hätte ein solcher Wissenschaftler vor Ort - in diesem speziellen Falle - vor Ort keine anderen Aussagen machen können, als das was sich diese auch aus den Informationen ableiten mussten. zT können die Fachleute das natürlich auch, weil diese genau wissen, was man wann genau macht und diese dann wissen, wenn zB dieses und jenes gemacht wird oder welche Stoffe austreten und gemessen werden, was dann passiert sein muss.

Ansonsten teile ich natürlich Ihre Auffassung.
Aber wie gesagt - entweder haben die Japaner das vorsätzlich verschwiegen oder sie wußten es selbst nicht. Vieles spricht dafür, dass sie es selbst nicht genau wußten.

Ich hatte das aber an dem Bsp. erläutert, dass ein deutscher Wissenschaftler aufgrund der Berichte gesagt hat, wenn man die Kühlung nicht in den Griff bekommen, dann ist eine Kernschmelze gar nicht mehr verhinderbar, egal, was man macht.

Heute abend kam in den Medien, dass die Japaner nun wissenschaftliche Hilfe suchen.
Dazu habe ich hier etwas geschrieben:

www.freitag.de/community/blogs/lars-galtung/japan-katastrophe-schuld-und-stolz-der-eliten

Ja. Erneut Sie haben recht, aber ganz so dünnes Eis waren die Ableitungen dann wohl doch nicht, denn offensichtich trifft alles so ein, wie die Wissenschaftler das vorausgesagt haben.

Und ich bin der Meinung, dass das alles so schlimm hätte nicht kommen müssen. Siehe meinen Link.
kmv
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