5
]
Neugierig auf das Buch "Der kleine Wählerhasser" war ich geworden, weil ich mich instinktiv suchend umdrehe, wann immer ich einen Politiker höre, der sich an "die Menschen da draußen" wendet. Der schmale Band liest sich flott hat mich aber zu einigen Fragen und Anmerkungen an den Autor, Nikolaus Blome, angeregt:
Sie schreiben "Politiker brauchen (deshalb) ein Bild vom Bürger vor Augen, das die Züge eines Einzelnen trägt, aber zugleich alle abbildet". Wie soll dies gehen? So wie es die Eierlegende Woll-Milch-Sau für den Arbeitsmarkt nicht gibt, genauso wenig gibt es das Gesicht stellvertretend für alle. (Oder soziologisch ausgedrückt, Gesellschaft aus einzelnen Menschen bestehend zu denken hat sich als nicht sehr ergiebig erwiesen.)
Was ist denn das Gesicht von Hartz IV? Die „alleinerziehende Frau aus Marzahn“, inkl. ihres Zuverdienstes in der „Arche“? Oder die „Familienmutter“ die „tapfer und unverzagt“ ihren Kindern eine "bessere Zukunft" bieten möchte und dabei noch ihren „kranken arbeitslosen Mann pflegt“? Ist es „Arno Dübel“ bzw. „Florida Rolf“? Die Jungakademikerin, die sich lange mit Praktikantenstellen durchgehangelt hat, dafür aber jetzt zu alt ist, mit knapp über 30? Oder der ältere Honorarprofessor der keinen Zeitvertrag mehr erhält?
Ich weiß, Akademiker, die von Hartz IV leben kommen höchstens mal in der ZEIT vor in einem Artikel über Chancen. Schade eigentlich, denn bei letztgenannten könnten Sie sicherlich jene Dankbarkeit für den Sozialstaat finden, die Sie vermissen. Aber auch das Wissen, dass hier ein Recht in Anspruch genommen wird und damit auch eine andere Ebene der Diskussion veranschlagt würde, als es die Zeitung für die Sie schreiben vorgibt.
Sie plädieren für eine verbindliche Wahlpflicht. Wie soll das gehen? Brauche ich dazu nicht erst wieder Bürger, gar „mündige Bürger“? Die so angesprochen ihrer gesellschaftlichen Rechte und Pflichten zumindest erinnert werden? Markiert nicht gerade die Ablösung des Begriffs Bürger Verlust von Tiefenschärfe und Genauigkeit im Verhältnis von Politikern und Bürger? Derweil die Verwendung des allumfassenden Wortes Mensch die Schwammigkeit der Politik in einer ökonomisch ausgerichteten pluralistischen Werte-Gesellschaft symbolisiert?
Sie haben recht, wenn Sie feststellen, dass Politiker den Bürger nichts zutrauen (und umgekehrt). Sie plädieren für mehr faktische Offenheit. Dass es sich hier nur um einen Appell handelt kann beantworten Sie sich aber eigentlich schon selbst. Indem Sie die Bundespräsidentenwahl Wulf vs. Gauck als Beispiel nehmen, um festzustellen, dass eine Wahl Gaucks schon aus machtpolitischen Gründen nicht möglich war. Ist es so undenkbar für Sie, dass eine Regierungschefin genau hier politisches Kalkül nicht parteipolitisch sondern im Zutrauen auf kommende Wählerstimmen anwendet?
Aber die interessantere Frage ist doch, sind es nur die Politiker, die sich nicht trauen und kein Zutrauen aufbringen können? Was ist mit den Journalisten? Ich habe da so eine Vorstellung. Vom Journalisten, der stellvertretend für den ‚Bürger‘ Aufklärung betreibt. Wissend, dass öffentliche Meinung eine durch die Medien erzeugte Abstraktion ist und Demoskopie und Analyse zwei unterschiedliche Dinge sind. Der bspw. Frau von der Leyen fragt, weshalb Sie sich lieber ihre Welt aus Zahlen zusammen bastelt statt sich hinzustellen und darauf zu verweisen, dass es auch für die Grundsicherung nur ein beschränktes Budget gibt. Oder Frau Schavan fragt, wie das geht „sich nicht nur privat zu schämen“. Oder Herrn Seehofers Plädoyer für Parteidisziplin mit der Frage nach der Gewissensentscheidung von Bundestagsabgeordneten kontert. Bei derart zugespitzter Fragetechnik vertragen die Aussagen sicherlich das von Ihnen mehrfach lobend zitierte Basta. Insofern rufe ich zu allererst dem Journalisten zu „Auf geht’s“!
1st published meta-ebene.de
|
|
Mich stört an der ganzen Unternehmung von Blome, dass man so ein Buch ja auch mit dem Hintergedanken liest, in welcher Weise BILD die Menschen manipuliert, beeinflusst und - wie es hin und wieder auch durchscheint - im Grunde verachtet.
Was die den Politikern vorwerfen, tun sie doch selbst, sie entmündigen die Leute genauso. Sie fördern eine Politikmüdigkeit, die sie dann wieder den Bürgern vorwerfen. |
|
|
@kmv
Ein launig interessiert stimmender Blog zum Thema Politiker/innen und Wähler/innen im Fadenkreuz der Medien. "BILD Dir was ein, schon bist Du was, oder gar nicht! Danke. Was fehlt, sind Hintergrund Hinweise fundierte Belege von abnehmender Motivation der Mitgliedschaft per ABO bei den Meinungs- Medien, Parteien, Verbänden, Gewerkschaften, Kirchen. Und schon wären wir bei der eigentlichen Fragestllung hinter all der so genannten Partei- Politikverdrossenheit, Wählerhasserei, nämlich bei der Frage der "Überfinanzierung" der Parteien durch das Parteienfinanzierungsgesetz bei gleichzeitiger Unterfinanzierung der Politik für Demokratieentwicklung in Kommunen, Stadtteilen, in Betrieben, Einrichtungen der Wohlfahrt, der Gesundheits- , Krankenversorgung, Pflegeeinrichtungen. tschüss JP |
|
|
>>Was ist denn das Gesicht von Hartz IV?<<
Mit 55 gekündigt, stellte ich fest: Es ist das Gesicht der Fernsehfigur Arno Dübel. Pauschal, ohne nach Qualifation und bisherigem Werdegang zu fragen. Und aus Äusserungen von Politikern der CDU/SDP/FDP/CSU/Grün-Fraktion weiss ich: Das Bild wurde dort gemalt und in Medien und Agentur für Armut gestellt. --- >>Sie plädieren für eine verbindliche Wahlpflicht.<< Klar, denn Wahlen sind nicht gar so wichtig. Eher als um Personen müsste es um inhaltliche Aufträge an die Personen gehen. darüber wird ein Blome niemals reden. --- >>Sie haben recht, wenn Sie feststellen, dass Politiker den Bürger nichts zutrauen (und umgekehrt).<< "Der Bürger" auch "dire Bürgerin" hat die Erfahrung, dass man halt alle 4 Jahre irgendwo ein Kreuzleih machen kann. Dann mal abwarten, was passiert. Und dass die Pessimisten mit ihrer Beurteilung einer neuen Regierung bisher immer recht behielten. Daran würde eine Wahlpflicht nichts ändern, und deswegen propagiert sie der Blome. |
|
|
schrieb am
10.03.2011 um 07:10
Tippfehlerkorruktur:
>>"Der Bürger" auch "dire Bürgerin" hat die Erfahrung, dass man halt alle 4 Jahre irgendwo ein Kreuzleih machen kann.<< "Der Bürger" auch "die Bürgerin" hat die Erfahrung, dass man halt alle 4 Jahre irgendwo ein Kreuzlein machen kann. |
|
|
"Politiker brauchen (deshalb) ein Bild vom Bürger vor Augen, das die Züge eines Einzelnen trägt, aber zugleich alle abbildet"
Da hat Herr Blome unbeabsichtigt der Kern der Sache getroffen. Politiker BRAUCHEN tatsächlich "ein Bild vom Bürger vor Augen, das die Züge eines Einzelnen trägt, aber zugleich alle abbildet", weil so eine stark vereinfachte Abbildung der Realität die Illusion gibt, dass man diese ach so einfach strukturierte Welt beherrschen und manipulieren kann... jeder Einzelnen bildet ja sowieso alle ab, man braucht nur seine Züge ein bisschen zu studieren, und da hat man schon den Haufen im Griff. Die Menschen, die das unverwechselbare Gesicht vorweisen können, braucht man nicht, weil man nicht weiß, wie man mit ihnen umgeht. Würde da, Würde hin, aber am liebsten hat man die Leute, die sich gegenseitig abbilden und sich voneinander kaum unterscheiden. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen