13.10.2011 | 16:23

‚Wie tickt‘ …. Im Allgemeinen und im Besonderen.

Wie tickt er, der Mensch?

Als ich jünger war hätte ich so manches Mal gerne einen meiner MitMenschen auf den Seziertisch gelegt und ihn aufgeschnitten. Ich hätte Ausschau gehalten nach dem Herz oder der Größe der Dummheit, das Rückgrat bewundert oder dem Tatbestand nachgespürt, dass ein solches fehlt.

Die Frage, wie einer tickt fasziniert mich. Von Portraits, Biographien, Autobiographien oder Erzählungen erwarte ich die Beschreibung einer Person oder Romanfigur die mich mitreißt. Ich verschlinge alles, egal ob Schmöker oder Belletristik.

Über Brüche, Wesenszüge und Wiedersprüche will ich lesen. Mich bestärken in meinen Idealen und Überzeugungen um letztendlich über die kennegelernte Figur, den Blick auf den Anderen, Aufschluss über meine eigenen Grenzen und Möglichkeiten zu erfahren.

Im Studium war es unerlässlich der Frage nachzugehen, wie jemand im Allgemeinen aber auch im Besonderen tickt. In einer Disziplin, die ihr Selbstverständnis aus der Frage bezieht wie die Steuerung eines Menschen von außen möglich ist kommt der Forschende nicht umhin, die Frage nach dem Wesentlichen zu stellen.

Tja wie tickt der Mensch? Der, der neben mir steht? Oder der, den ich nur vom Hören und Sehen kenne? Oder der, der ich selbst bin? Alle oder doch nur der eine von ca. 7.000.000.000 Menschen?

Nichts ist erhellender als die Lektüre unterschiedlicher (Auto)Biografien) zu ein und derselben Person. Letztendlich bleibt, dass der MitMensch sich der unumstößlichen Festlegung entzieht. Als Leser und Betrachter lege ich mich jedoch ab einem bestimmten Moment fest.

Ganz gut beobachten lässt sich dieser Festlegungsspielraum auch beim Arbeiten mit den eigenen biographischen Daten. Eine Lebensphase die auch für Orientierungslosigkeit stehen könnte wird zum Schicksal, positiv konnotiert wohlgemerkt. Eine als Scheitern erlebte Insolvenz entpuppt sich (im Nachhinein) als Wegbereiter der persönlichen Sinnhaftigkeit.

Was ist wahr oder wirklich? Oder um auf öffentlichen Personen zurück zukommen, weshalb hält „Bruno“ gerade jetzt Einzug in das öffentliche Leben der Alice Schwarzer?

Psychologische Theorien als Erklärungsmuster für eine Person werden in dem Moment unergiebig, als ich feststelle, dass ich bis zur ersten Hälfte des Buches, der Objektbeschreibung gerne mitging, mich aber entnervt durch die Schlussfolgerungen des jeweiligen Autors durchkämpfe, da zu viele Fragen offen bleiben.

Oder die gesetzten Primärprämissen erscheinen mit von vornherein diskussionswürdig womit ich zwar den ernsthaften Einstieg verpasse mein Lesevergnügen aber nicht unbedingt schmälere.

Irgendwann jedenfalls, ein paar Paradigmenwechsel weiter höre ich auf, meine Mitmenschen in die Pathologie zu schleppen. Die These ‚Psychologie hat in der Gesellschaft eine Pufferfunktion zwischen dem Einzelnen und den sozialen Verhältnissen‘ hat meinen Blick nachhaltig verändert. Zu ‚wie tickt‘ … kommt ‚ wer fragt‘ und ‚was interessiert mich daran‘.

Zu Stephan Lamby's Portaitserie: Wie tickt ...

Stephan Lamby scheint zu den Autoren oder Journalisten gehören die zum Porträtieren eher auf den Protagonisten selbst setzen. Er nimmt die Rolle des stoischen Beobachters ein und interpretiert zumindest verbal kaum. Was immer den Protagonisten ausmacht scheint im Großen und Ganzen unbestimmt vom Skript. Günter Gaus hat dies in Perfektion betrieben, allerdings setzte er voll und ganz auf das gesprochene Wort und verließ das Studio nie.

Im Falle von Lamby’s Patricia Riekel, war es das Bild der Außenaufnahmen das, durchaus positiv gemeint, etwas Zwiespältiges in mir weckte. Konzentration und genaues Hinhören auf das Mitgedachte im Gesagten wurde mir im Beitrag über Lammert abverlangt.

Natürlich ließe sich trefflich auch darüber streiten, in welches Genre der Beitrag gehört. Oder darüber, wie blöd oder gut das Konzept, der Interviewer, der Regisseur oder der Autor etc., war‘, aber das wäre ein anderes Thema.

Eines scheint gewiss, wie lebendig, interessant, nichtssagend oder harmlos ein Porträtierter erscheint, bemisst sich im Auge des Betrachters. Wer, wenn nicht der Wahrnehmende, wäre die Instanz, die darüber urteilt, inwiefern ein Porträtierter richtig (im Sinne von hinreichend, ergiebig, erschöpfend, interessant etc.) beschrieben ist? Eine dritte Instanz, die über Fremd- oder Selbstbild oder selbst deren Gewichtung an einer wie auch immer gearteten unabhängigen Wirklichkeit oder Wahrheit richtet gibt es nicht. Mittels eines Portraits oder eine Biographie gleichen wir unser Bild von einer Person ab. Unsere Erwartungen werden bestätigt oder enttäuscht. Will sagen, am Ende wissen wir nur, ob die skizzierte Bildfolge unser Bild bestätigt oder ob wir aufgerufen sind Modifizierungen anzubringen.

Ob Lamby der Beantwortung seiner Frage wie tickt Jakob Augsten näher gekommen ist, ob sie ihn persönlich überhaupt interessiert wissen wir nicht. Wir kennen nur seinen Beitrag. Und die mannigfachen Ansichten im threat. Und wir erleben, dass Jakob Augstein Lambys Beitrag nicht nur autorisiert, sondern auch seinen Blick auf sein Spiegelbild freigibt: „… ich bin im Wesentlichen mit mir einer Meinung und stimme mir eigentlich in allem zu, was ich gesagt habe.“ Toll!!!

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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.11.2011 um 18:02
Schöner Text: aber ich "glaube" nicht an solche Sendungen: Es war eine PR-Sendung, die, rein informativ betrachtet, nicht über den wiki-link hinausgekommen ist. Wieso auch?
kmv schrieb am 13.11.2011 um 13:55
Was ich nicht verstanden habe ist das "glaube" in diesem Zusammenhang. "glaube" und glotze auf diese Verbindung wäre ich jetzt nicht gekommen.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.11.2011 um 14:09
"glaube" steht in Anführungsstriche, kmv, nicht wahr? Aber Sie haben recht. Ich hätte mir das sparen können!
Richard der Hayek schrieb am 13.11.2011 um 15:17
Wesentlicher Gesichtspunkt von Information & Wissen ist die Struktur des Aufnehmenden, in der die Daten eingearbeitet werden.

Wer kann mehr vom anderen verstehen als er selbst versteht ?
kmv schrieb am 13.11.2011 um 15:26
D'accord, aber ist diese Beschreibung dann mehr oder weniger wert als die eines anderen?

Und: das ist ja die spannende Frage, verstehen wir manchmal nicht mehr von einem anderen, als er selbst versteht?
Richard der Hayek schrieb am 13.11.2011 um 15:41
Wie bemißt sich der Wert ?
Doch nur im möglichst genauen Verstehen.
Letzteres trifft oft zu, wenn, nennen wir sie mal einfache, Menschen von einem nennen wir sie mal subtileren Geist gesehen werden.
Ein Psychologe, wenn er Ahnung hat, sieht sicher mehr als sein Klient.
Richard der Hayek schrieb am 13.11.2011 um 15:43
Ich bin gerade in einer schönen Phase, im zarten Alter von über 50 komme ich zu meinen Qualitäten, endlich, und ich habe den Eindruck, ich verstehe immer mehr.
Aber jetzt kommt auch die Arbeit: man muß an seinem Verstehen arbeiten. Das scheute ich bisher.
Ihr Blog ist recht anregend.

danke. rdh
kmv schrieb am 13.11.2011 um 16:12
Hm, aber was ist "genaues Verstehen"?

Was passiert aber, wenn ein Psychologe, mehr sieht, als ich sein Klient? Wer hat dann recht? Bei einem rechtlichen Gutachten entscheiden die Gerichte. Als zahlender Klient gehe weg und muss je nachdem damit leben, dass mir Uneinsichtigkeit unterstellt wird.

Mir gefällt ja immer noch Luhmanns Definition, dass gelungene Kommunikation, der Eindruck des übereinstimmenden Verstehens ist. So vorsichtig und soviel offen lassend ausgedrückt heißt es doch auch, dass Verstehen der Rückmeldung bedarf? Und sei es nur, dass ich zu mir selbst sage, ja so ist es.
kmv schrieb am 13.11.2011 um 16:15
Auch an Sie: Danke!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.11.2011 um 16:39
"Und: das ist ja die spannende Frage, verstehen wir manchmal nicht mehr von einem anderen, als er selbst versteht?"

Darum sind wir ja so sehr auf den Anderen angewiesen, um unserer blinden Flecken habhaft zu werden.
Wenn jemand sich aus welchen Gründen auch immer "nur so und nicht anders zeigen will", ist das sein gutes Recht. Interpretationsspielraum bleibt dann allerdings, oder paradoxerweise umso mehr.
Richard der Hayek schrieb am 13.11.2011 um 16:40
Ich versuchs mit Systematik & logisch angehauchten Überlegungen.
Bin allerdings, genau genommen, noch am Anfang.
Richard der Hayek schrieb am 13.11.2011 um 16:46
@ Helena
Es soll aber Menschen geben, die das durchschauen.
kmv schrieb am 13.11.2011 um 18:00
@ Helena
Das sind aber zwei verschiedene Dinge:

Blinder Fleck bestimmt sich auf die These, dass man selbst von sich selbst nur eine Beschreibung anfertigen kann, die per Definition nur unvollständig sein kann (Beobachter Standpunkt).

Das Recht, sich verhalten wie man möchte hat selbstverständlich jeder.

Was das mit Interpretationsspielraum zu tun hat verstehe ich nicht, denn den habe ich als Beobachter sowieso und der hängt ab und das ist gar nicht paradox, von, wie rdh so schön sagte, der "Struktur des Aufnehmenden, in der die Daten eingearbeitet werden".
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.11.2011 um 23:37
Schön!
Ehemaliger Nutzer schrieb am 13.11.2011 um 23:38
Schön geht an RdH
Ehemaliger Nutzer schrieb am 14.11.2011 um 10:50
@kmv
" wie rdh so schön sagte, der "Struktur des Aufnehmenden, in der die Daten eingearbeitet werden".

Lieber kmv,

ich wollte nicht einsteigen in die Problematik von Methodenfragen......
Diese Seminare liegen schon eine Weile zurück, sind mir aber noch gegenwärtig.
Ich geb' Ihnen jetzt einfach mal recht und mache mich vom Acker!

Ihre
HN
Richard der Hayek schrieb am 14.11.2011 um 15:22
Es ist hilfreich, sich die technischen Details anzusehen.

Es gibt diese Spiegelneuronen, die uns Einfühlung ermöglichen: wenn wir Andere sehen, wie sie sich geben: Mimik, Stimme, Körperhaltung spüren wir wie sich das anfühlt.

Diese Fähigkeit ist bei jedem verschieden ausgeprägt und fehleranfällig. Deshalb eignet sich das nicht gut für wissenschaftliches Arbeiten, dort braucht es möglichst abstrakt erlernbare und dann überprüfbare Ergebnisse. So werden dann raffinierte Fragebögen entworfen und ausgewertet. Das schafft reproduzierbare Ergebnisse, wie sie in diesem Bereiche gebraucht werden.

Diese Strukturen im Hirn haben sich während der Evolution früh entwickelt, Affen beherrschen es schon lange. Deshalb umgeben wir und auch so gerne mit Hunden & Katzen: weil wir sehr ähnliche Zustände erkennen, natürlich nicht so bewußt.

Diese Fähigkeit kann man üben und verbessern, natürlich nicht theoretsich im Seminar, sondern praktisch beim normalen Umgang mit den Mitmenschen. Und das kann sehr genau werden: es gibt doch diese Bücher wie: "Ich weiß was du denkst", hier werden wohl feine, unwillkürliche Muskelbewegungen im Gesicht & Kopfbereich gesehen, die unser Denken automatisch begleiten.
In einem Artikel in der SZ ( ich bin voller Artikel aus der SZ) zeigte eine Untersuchung, daß Kriminelle oft andere beim Lügen besser durchschauten als geschulte Psychologen: weil sie es selber oft tun, haben sie ein feines Gefühl dafür. Übung macht den Meister, so rum und anders rum.

Aus eigener, leidvoller Erfahrung kann ich berichten, daß man andere nur so gut nachfühlen kann, wie man sein eigenes Gefühlsleben wahrnimmt und auslebt, da hilft keine Theorie.
Also, intensiv leben, viele Kontakte pflegen und auf solches achten, dann lernt man es.

Diese abgehobenen Theorien kann man vergessen, "sich selbst per Definition nur unvollständig beschreiben kann", das sind logische Konstrukte, die für die Praxis egal sind.
kmv schrieb am 14.11.2011 um 16:03
Dieses logische Konstrukt verbietet mir in der Praxis (des Dialogs) auf meine "Wahrheit" ("es ist aber so") zu verzichten und eher zu fragen: "wie kommst du dazu", oder mir zu überlegen, weshalb ich vom anderen so wahrgenommen werde. Das eigene Gefühlsleben spüre ich, klar, aber schon in der Wahrnehmung desselben ist ja schon die Sprache dabei.

Theorie ist nichts anderes als Begriffsbildung. "Unterbewusstsein" diesen Term hat Freud im vergangenen Jahrhundert "erfunden" als er zum ersten mal etwas beschrieben hat für das es so bis dato keine Worte gab. Inzwischen tun wir alle so als gäbe es das tatsächlich und wirklich, wie ein Stück Brot.

Wir alle haben wertende Weltbilder, der eine packt sie in Worte oder kann sie von einer Theorie ableiten, ein anderer handelt einfach intuitiv nach diesen Werten.

Ich habe nur einen Blick auf meine Überzeugung preisgegeben, dass das was jemand über mich sagt genauso wahr oder nicht wahr ist, wie das was ich selbst über mich denke.

PS)(....und es ist manchmal verd... schwer nicht doch noch den einen Punkt machen zu wollen :-D).
Richard der Hayek schrieb am 14.11.2011 um 17:40
Sie bringen andere Gesichtspunkte ins Spiel, als ich meinte.
Mir ging es nicht um Rechthaberei, sondern um die Möglichkeit, intutitiv zu erfaßen, wie es sich beim Gegenüber anfühlt, nicht um logosche oder Werturteile.
Wesentlich ist hier die große Varianz in der Auffangsmäglichkeit: ein bischen bekommt man es immer mit, aber man kann das üben und verstärken.

Begriffsbildung ist die Voraussetzung der Theorie, dann kommen aber noch die Beziehungen & Verhältnisse unter den Begriffen dazu.

Durch unseren begrenzten Geist beginnt die Einarbeitung in ein neues Gebiet allerdigs fast immer mit neuen Begriffen.

Ich arbeite gerade an einem Blog über Freiheit, vielleicht interessiert er sie auch, dauert aber noch ein bischen.

Gruss rdh
Richard der Hayek schrieb am 14.11.2011 um 17:40
Sie bringen andere Gesichtspunkte ins Spiel, als ich meinte.
Mir ging es nicht um Rechthaberei, sondern um die Möglichkeit, intutitiv zu erfaßen, wie es sich beim Gegenüber anfühlt, nicht um logosche oder Werturteile.
Wesentlich ist hier die große Varianz in der Auffangsmäglichkeit: ein bischen bekommt man es immer mit, aber man kann das üben und verstärken.

Begriffsbildung ist die Voraussetzung der Theorie, dann kommen aber noch die Beziehungen & Verhältnisse unter den Begriffen dazu.

Durch unseren begrenzten Geist beginnt die Einarbeitung in ein neues Gebiet allerdigs fast immer mit neuen Begriffen.

Ich arbeite gerade an einem Blog über Freiheit, vielleicht interessiert er sie auch, dauert aber noch ein bischen.

Gruss rdh
kmv schrieb am 14.11.2011 um 18:28
So schwer ist Verstehen! "Intuitiv" ist nach meinem Verständnis etwas, das wie ein Sensor wirkt. aufgrund von Erfahrung (angelesener oder erlebter = erweiterbar) Man sagt doch Blickfeld oder Ausdrucksfähigkeit erweitern und das ist ja auch sinnliche Erfahrung.

Apropo, ich hab den Beitrag über die Äpfel gelesen und bin ganz neidisch geworden. Zum Glück gibt es jetzt hier einen Laden der sehr viele Apfelsorten verkauft auch Goldparmänen und selbst diese ganz sauren kleinen Äpfel, die ich ganz früher immer aus Pfarrer's Garten geklaut habe. Und ja, Apfelsaft hole ich in einem 5 liter Sack frisch vom Bauern auf dem Markt!!!!! Und: Braunen Zucker in eine Pfanne streuen, Butterflöckchen dazu. geviertelte Apfelstücke reinschichten, wenn der Zucker karamellisiert schnell eine Blätterteigplatte darüber und für 12 Minuten in den heißen Backofen. Stürzen, Kaffee oder Tee, lecker!
kmv
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