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Auch wenn man es sich anders wünscht, und auch wenn die Autorin fröhlich dazu ermuntert, sollte man nicht den Fehler begehen, in Romanen beschriebene Ereignisse mit der Wirklichkeit zu verwechseln.
Aber selbst wenn sich dieser künstlich beheizte Blowjob im Leben von Charlotte Roche nie zugetragen haben sollte, erinnert er mich doch sehr deutlich an einen überaus enervierendes Phänomen, dass mir aus eigenem Erleben aber auch aus Schilderungen von Freunden bestens vertraut ist:
Wir vögeln nicht, wir denken.
In der Schilderung von Roche nimmt der Rausch zweieinhalb Sätze des fünfzehnseitigen Fellatio-and-everything-after-Essays ein. Meiner statistisch zugegeben sehr dürftigen Datenlage nach ist das schon erfreulich viel.
Ich dachte immer, Sex sei für Körper gemacht, meinetwegen für Seelen, vielleicht sogar für Tiere. Meiner bescheidenen Erfahrung nach, bietet er aber lediglich die passende Kulisse uns zu fragen:
- wie wir gerade aussehen
- ob wir das gerade richtig machen oder es vielleicht noch besser ginge
- ob sich Außenstehende nicht möglicherweise vor Lachen ausschütten würden bei unserem Anblick
- ob wir nicht vielleicht sehr unappetitlich riechen
- ob wir laut oder leise genug sind
und warum das in Pornos alles so viel einfacher und lustvoller aussieht.
Ein physikalisches Wunder, dass überhaupt noch Blut für unsere Genitalien übrig bleibt, wenn es doch unsere Gehirne sind, die so anschwellen.
Tantra ist mir zu anstrengend und hat (auch im Bekanntenkreis) für mehr lustige als lustvolle Stunden gesorgt. Drogen helfen ein bisschen, kommen mir künstlich und unauthentisch vor. Vertrautheit hilft sehr, ist aber umgekehrt proportional zum Prickeln.
Die Gedankenlosen sind glücklicher als wir? Wirklich?
Ach komm!
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Vertrautheit ist umgekehrt proportional zum Prickeln? Ist das so?
(und ja, das ist eine Frage) Und sieht in Pornos wirklich alles lustvoller aus? Ansonsten musste ich zwischenzeitlich sehr schmunzeln, weil mir das doch zu bekannt vorkommt. Weiterlesen! |
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Sehr amüsant, über so private Dinge so vermeintlich distanziert zu reden.
Ich glaube, dass das Prickeln ein Freund des Unbekannten ist dem die Vertrautheit trotzig gegenübersteht. Und meine Erfahrung ist, dass Sex immer seltener wird, je länger eine Beziehung dauert. Es sei denn, man tut was dagegen. Als ich den Satz mit der lustvollen Pornooptik geschrieben habe, dachte ich an Cindy Gallop (www.theeuropean.de/cindy-gallop/7337-pornographie-und-gesellschaft) und daran, wie sehr Pornographie unsere Vorstellung von Sexualität prägt. Ich lese weiter, wenn du es auch tust. |
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@Sarah Rudolph
Und sieht in Pornos wirklich alles lustvoller aus? Weiß Gott nicht. Das fängt schon mal damit an, daß du in Pornos rammelnde Menschen siehst. Anderen Menschen beim Geschlechtsverkehr zuzuschauen ist - entgegen anderslautenden Gerüchten - nicht sonderlich anturnend. Und dann noch in Großaufnahme, Schwanz stößt rein, geht raus, stößt rein und das minutenlang. Und zuvor hast du gesehen, wie die Frau den Schwanz lutscht, ebenfalls minutenlang. Meine Fresse! Das ist, als würde ich anderen Leuten beim Essen zuschauen. Ich mein, wenn man mir Appetit auf Schweinsbraten machen will, dann zeigt man mir auch keine Schweinsbraten essenden Menschen, sondern man fotografiert einen Schweinsbraten so kunstvoll, daß mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Obwohl - so ganz apodiktisch kann man das auch nicht sagen. Ich erinnere mich an einen Fernsehfilm, der in der Sowjetisch Besetzten Zone unmittelbar nach dem Krieg spielt. Dort essen einige Leute Schweinskopfsülze und zwar mit derartigem Appetit, daß ich es gleich anscheinend selbst probiert habe. Bis dahin war mir Schweinssulz immer zu glibbrig und also eklig erschienen. Seither liebe ich das Zeug. Oder in dem Film "Don Camillos Rückkehr". Die Frau von Peppone setzt ihm einen Teller Spaghetti vor, er streuselt Käse drüber und macht sich dann mit sichtlichem Behagen über die Pasta her. Der umgekehrte Fall findet sich in Hitchcocks "Frenzy". Da wird der Inspektor neuerdings von seiner Frau französisch bekocht und wenn man sieht, wie er lustlos in den Gerichten stochert, tapfer ab und an einen Bissen nimmt, dann ist das so suggestiv, daß du das Zeug nicht mehr essen magst. Also: Essen und Geschlechtsverkehr kann man durchaus lustvoll abfilmen - wenn man es kann. Viele scheint es nicht zu geben, die es können, sowohl was das eine als auch was das andere betrifft. Ciao Wolfram |
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»Ein physikalisches Wunder, dass überhaupt noch Blut für unsere Genitalien übrig bleibt, wenn es doch unsere Gehirne sind, die so anschwellen.«
Da muss Natur auch drüber nachgedacht haben, als sie die Blut-Hirn-Schranke erfand. Nicht zu verwechseln mit Pommes rot-weiß. :-) |
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Stimmt.
These: Unsere Vorfahren ohne Blut-Hirn-Schranke sind ausgestorben. Argument: siehe oben. |
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Die Natur lacht sich eins über das Lustgewölke, das in der Freitag-Community und anderswo seit Tagen veranstaltet wird. Ihr geht es ja schließlich ausschließlich ums Banale, dass die Gattung Mensch sich fortpflanze. Die Dame lacht sich auch eins, ihr geht es um den eigenen Geldbeutel, dass dieser anschwelle. Der Anstand lacht nicht. Wie könnte er auch? Er wurde ja entsorgt.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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