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Liebe Linkspartei,
in letzter Zeit ist viel geschrieben worden über die Zerstrittenheit der Oppositionsparteien im Bundestag. Da gab es viel Gezeter über die vermeintlich vergeigte Bundespräsidentenwahl, obwohl DIE LINKE genau das getan hat, was sie vorher angekündigt hat. Da wurde massenhaft Porzellan zerschlagen und eine Schmähschrift jagte die andere. DIE ZEIT, das Kampfblatt der Seeheimer, hat bis heute nicht genug davon. Da gab es auf der anderen Seite Herrn Gabriel, der nach dem Abklingen der Gauck-Hype und der Erkenntnis, dass Christian Wulff zwar kein idealer, aber wenigstens ein erträglicher Präsident sein wird, auf DIE LINKE zuging und sinngemäß sagte: Noch sind nicht alle Messen gesungen, ich könnte euch immernoch teilhaben lassen an der Macht 2013, wenn... Ja, wenn ihr euch ändert.
Nun ist DIE LINKE auf SPD und Grüne zugegangen, hat Gespräche, gar einen Oppositionsgipfel vorgeschlagen, und wieder ist es ihnen nicht recht. Ein Zeichen der Verzweiflung sei es, so hört man, und ein Versuch, die innere Zerrissenheit der eigenen Partei zu kaschieren. Frau Nahles verstieg sich sogar zur Hervorhebung der Binsenweisheit, in der Opposition gäbe es keine Koalition. Ach tatsächlich? Auf einmal, wenn's uns passt? Denn bei der Bundespräsidentenwahl, da wurde diese Koalition laut tönend vorausgesetzt. Da hatte die Opposition die verdammte Pflicht, zusammenzuhalten. Da konnte man die Stimmen anderer Parteien einfach vereinnahmen, eine Oppositions-Einheitsfront verlangen mit Drohungen und Beleidigungen, und wenn man sie nicht bekam, sind die anderen unsäglich, kindisch, in ihrer DDR-Vergangenheit gefangen, rückständig, ewiggestrig, politikunfähig und undemokratisch, um nur eine Blütenlese der Beschimpfungen zu nennen, die flossen und nach wie vor fließen.
Liebe LINKE, bleib du selbst, denn wir brauchen dich dort, wo du bist. Schwarz/Gelb und Rot/Grün sind austauschbar. Sie stehen für die selbe Politik, da braucht man sich nur die letzten zwölf Jahre anzusehen. Stark vereinfacht, ist die politische Landschaft ein liegendes, gleichschenkliges Dreieck. Links, am spitzesten Winkel, DIE LINKE. Und in der Mitte, denn "Rechts" wäre wohl politisch inkorrekt, am Ende der beiden gleichen Schenkel, stehen oben Schwarz/Gelb, weil sie gerade regieren, und unten Rot/Grün. Man kann das Dreieck um die horizontale Achse drehen, bis Rot/Grün oben und Schwarz/Gelb unten sind, aber ändern würde das an seinem Aussehen nichts. Freilich ist das grob vereinfacht. Aber irgendwie doch nicht ganz unrichtig.
Liebe LINKE, du musst nicht mitregieren, um etwas zu verändern. Das schaffst du locker von der Oppositionsbank, durch deine bloße Existenz. Seit Jahren predigst du eine Regulierung der Finanzmärkte. Rot/Grün, die "politikfähigen", haben sie dereguliert. Neuerdings predigen alle die Regulierung, selbstverständlich ohne dich zu erwähnen. Fordere es nicht ein, bleib bescheiden. Oder nehmen wir die Finanzmarkt-Transaktionssteuer. Jahrelang war das kommunistisches Teufelszeug und heiße Luft aus Wolkenkuckucksheim, als wenn James Tobin Kommunist gewesen wäre. Heute fährt unsere allseits geschätzte und beliebte Kanzlerin und CDU-Parteivorsitzende mit dieser Forderung zum G20-Gipfel und strebt nach dem Scheitern dort eine EU- oder wenigstens Euro-Lösung an. Früher hast du eine stärkere Belastung der Reichen gefordert, was alle anderen vehement abgelehnt haben. Heute hört man entsprechende Töne selbst vom CDU-Wirtschaftsflügel und von Mövenpicks flügellahmer Gurkentruppe.
Bleib wie du bist, liebe LINKE. Pfeif auf das, was andere "politikfähig" nennen, denn sie meinen "konform" damit. Mach auch klar, dass das Wort Kompromiss ein aufeinander zugehen von beiden Seiten erfordert, und keine Unterwerfung, wie sie der SPD vorschwebt. Lass dich nicht von Herrn Gabriel für dumm verkaufen, der von Regierungsbeteiligung 2013 schwadroniert, wenn du dich änderst. In seinem Sinne, versteht sich. Denn du weißt ja, damit würdest du dich überflüssig machen. Denn du tust das, was eigentlich seine Aufgabe wäre, ohne dass er je die Absicht hätte, sie zu erfüllen.
So schwarz, wie die anderen herbeireden, ist deine Zukunft nicht. Besonders Herrn Gabriel bist du alles andere als egal. Er wünscht dir zwar die 5%-Guillotine an den Hals, aber bei deiner Stärke in den neuen Bundesländern ist das nicht realistisch. Man kann dich - vielleicht - aus ein, zwei Landtagen im Westen werfen, aus dem Bundestag aber kaum. Ich habe mir gerade vorgestellt, ich wäre Sigmar Gabriel und würde zusammen mit den Grünen im Bund regieren, womöglich noch mit der FDP im Boot, und der Linken in der Opposition. Himmel, hab ich geschwitzt, und das lag nicht an der Hitze. Denn ich wurde bei jedem Wort daran erinnert, was ich im Wahlkampf versprochen habe, und nun nicht halte. So unfair sind diese Brüder.
Also bleib standhaft, liebe LINKE. Rede mit allen, die sich dazu nicht zu fein sind. Die Generation Gabriel/Künast habe ich schon aufgegeben, die Generation Böhning/Drohsel noch nicht. Schließe echte Kompromisse, aber unterwirf dich nicht. Und denk daran: Wenn dich die bösen Buben locken... Denn du hast viel zu verlieren. Auch meine Stimme.
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Also bleib standhaft, liebe LINKE.
Schließe echte Kompromisse, aber unterwirf dich nicht. Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen. Seh' ich genauso. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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