4
]
Gestern Abend in der „Zwiebel“ beim Tischfußball las mir M., nachdem er die erste Runde gewonnen hatte, diesen Text vor:
"Wie schön ist doch der Sieg der Verachteten!! Wie grandios!! Wie glücklich seid ihr doch, ihr Verachteten, kurz vor eurem Sieg unter der strahlenden Sonne! Wie schön ist der Gesang der Vögel zu Beginn dieses großartigen Tages! Und wie angenehm sind die Lieder dieses perlfarbenen Morgens!!
Wie strahlend ist die glühende Sonne der Verachteten!
Wie wunderbar ist dieser gefährliche Traum! Mögen die Hoffnungen Wirklichkeit werden und die Wünsche in Erfüllung gehen! Möge der Traum wahr werden; mögen die Verachteten endlich einen Staat bekommen! Und möge die Freiheit euch ihr ewiges Lied singen!"*
Von wem der Text wohl sei? Ich hatte keine Ahnung und tippte auf Frantz Fanon – wegen der Begeisterung für die „Verachteten“ und der Emphase für die Freiheit. „Nein“, sagte M., „der Autor ist heute getötet worden: Muammar Al-Gaddafi.“
Ich war verblüfft: der Diktator als Poet?
Das sei gar nicht so ungewöhnlich, meinte M., man wisse z.B., dass auch Mao und Stalin Liebhaber der Literatur, vor allem der Lyrik gewesen seien. Gaddafi sei offenbar eine komplexe Figur gewesen, die die Macht, das Geld, die große Inszenierung und eben auch die Poesie geliebt habe. Und die Menschenrechte. Er habe einen „Preis für Menschenrechte“ gestiftet, Preisträger z.B.: Mandela, Chavez, Castro, Erdogan. Schade eigentlich, dieser erbärmliche Tod. Außerdem: dieser triumphierende Westen mit seiner Doppelmoral sei ihm mindestens so widerlich wie dieser poetische Despot.
Ich widersprach und äußerte meine Zufriedenheit mit dem Ende Gaddafis, mein Mitleid sparte ich mir lieber für seine Opfer auf. Und ich verstände jene nicht, die ihn zum Opfer kapitalistischer Feldzüge und eines modernen demokratischen Faschismus machten.
Wir konnten uns nicht auf eine gemeinsame Sicht der Dinge einigen und bestellten bei der Bedienung ( arbeitslose Soziologin, Schülerin eines Luhmann-Schülers ) noch ein Herforder. Dann begannen wir das nächste Spiel und sprachen dabei über unser Literaturprojekt an der Grundschule nach den Herbstferien. Es war noch einiges vorzubereiten.
* Aus: Muammar Al-Gaddafi, Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten. Berlin 2004
|
|
koslowski,
es geht mir, auch in meinem Artikel, nicht darum, ob Gaddafi zum Opfer kapitalistischer Feldzüge und eines modernen demokratischen Faschismus gemacht wird, sondern darum, ob Lynchjustiz befürwortet wird. In deinem Eifer scheinst da das entweder zu übersehen, oder aber du befürwortest Lynchjustiz in solchen Fällen. Eine Distanzierung kann ich jedenfalls nicht entdecken. |
|
|
Hallo Streifzug,
einen besonderen „Eifer“ in Sachen Gaddafi habe ich nicht, wie du diesem Blog und meinen Beiträgen zu deinem Blog gestern entnehmen kannst. Er ist tot, das ist, finde ich, gut für Libyen, wenn auch ein Prozess wohl die bessere Lösung gewesen wäre. Einen Lynchmord habe ich nirgendwo gerechtfertigt. Er ist zur Zeit eine mögliche, noch nicht verifizierte Hypothese. Sollte sie sich in nächster Zeit bestätigen, wäre es wünschenswert, Täter und mögliche Auftraggeber zu ermitteln und zur Verantwortung zu ziehen. Wovon sollte ich mich distanzieren? |
|
|
"Ich war verblüfft: der Diktator als Poet?"
Wieso? Verblüfft Sie nicht, dass Hitler ein leidenschaftlicher Maler war? |
|
|
Lieber koslowski,
ich blicke da in Lybien überhaupt nicht durch. Die Videos von Ghadffis Ende sind schockierend. Ich bin aber der Meinung von M. was den "tiumphierenden Westen mit seiner Doppelmoral" betrifft, so "widerlich" dieser "poetische Despot" auch mir gewesen ist. Ich glaube nicht, dass man simples Mitleid aufsparen kann, entweder man hat es oder nicht! Liebe Grüße por |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen