koslowski

Was soll's?

08.07.2011 | 07:21

Der englische Freund

M., ein alter englischer Freund ( Physiker, Unternehmer, ein Mann der Labour-Party, Liebhaber deutschen Weins ), der uns nach zwanzig Jahren mit seiner deutschen Frau ("Spätzchen") mal wieder besuchte, erklärte beim Kaffeetrinken, dass er sich für sein Land Zustände wie in Deutschland wünsche: Ausstieg aus der Atomkraft, Distanz zur Kriegspolitik der USA, einflussreiche Gewerkschaften und ein immer noch funktionierender Sozialstaat.

Wir versuchten, sein positives Deutschlandbild zu zerstören, indem wir ihm darlegten, warum die Wirklichkeit doch ziemlich mau sei.

Dann sprachen wir über den Tod der Eltern und lange über das Leben der Kinder.

Beim Abschied sagte M.: „Ihr seid seltsame Leute. Als ihr Nationalisten wart und stolz auf eure Feindseligkeit gegen Demokratie, wolltet ihr, dass die Welt an euch genese. Jetzt seid ihr gute Demokraten und Europäer, und wenn andere euch loben, gebt ihr euch Mühe zu beweisen, dass es dafür keinen Grund gebe. Ich verstehe die Deutschen nicht.“

Mensch, M.,  du mit deinem schrägen britischen Humor! Zur Strafe werden wir dir ein Abo des FREITAG schenken.

 
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Kommentare
Angelia schrieb am 08.07.2011 um 08:55
Vielleicht ist es in Deutschland tatsächlich notwendig darüber zu diskutieren, dass gesellschaftspolitisches Engagement durchaus lobenswert ist und man Lob auch annehmen darf. Insbesondere, weil die per Grundgesetz definierte Form des demokratischen und sozialen Bundesstaats Deutschland seit Jahren absichtlich sukzessive unterwandert und ausgehöhlt wird, um genau die Strukturen zu installieren, die z.B die USA und GB an den Rand des Kollaps geführt haben. Obwohl sowohl Bürgerinitiativen, NGO´s und couragierte Privatpersonen aus der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik seit 2000, also seit Beginn des absichtlichen Umbaus unserer Gesellschaftsform, nicht nur auf diese Absicht sondern auch auf die Folgen aufmerksam machten.
Das sich destruktive Kräfte trotzdem durchsetzen konnten, liegt nicht nur an der frechen Ignoranz diverser Entscheidungsträger, deren Initiativkräfte und strukturellen Platzierungen von Personen in entscheidende Positionen. Es liegt sicher auch nicht daran, dass die Bevölkerung sich angeblich lieber vom Privat-TV verblöden und von sonstigen Spaß-Programmen ablenken lässt und somit keinen blassen Schimmer von den Vorgängen im eigenen Land hat.
Immerhin mussten die Bedenken ja mit einer großangelegten Diskussion um die “German Angst” extra niedergeknüppelt werden.
Aber der Deutsche an sich scheint von den Folgen nationaler Bewegungen im 3. Reich noch traumatisiert, sich selbst nicht über den Weg zu trauen und somit fehlt auch das Bewusstsein dafür, dass man aus Fehlern lernen und es zukünftig besser machen kann.

Dass steter Tropfen den Stein höhlen kann, zeigt die Anti-AKW Bewegung. Und trotzdem ist es symptomatisch für unsere derzeitige Regierungsform, dass erst der Super-Gau in Japan den Entscheidungsträgern richtig Angst machte und zwangsweise ein Umdenken notwendig wurde. Doch wäre durch den langen Atem der Anti-AKW Bewegung das Bewusstsein für die Gefahren der Atomkraft nicht wachgehalten worden, hätte Frau Merkel die erneute Wende vielleicht gar nicht vollzogen oder vollziehen müssen.

Ich hatte schon Angst, dass sich wegen der mächtigen strukturellen Gewalt, der Erfahrung der Macht- und Hilflosigkeit, trotz Gegenstimmen im demokratischen Stil zum gegenwärtigen Kurs, so was wie Resignation breit machen würde. Ich hatte Angst, dass sich aus der Resignation und dem Gefühl der Machtlosigkeit so was wie eine kollektive Depression in der Volksseele manifestieren würde. Ich hatte Angst, dass totalitäre Strömungen von rechts und links die Gunst der Stunde erfolgreichen würden nutzen können.

Doch wenn ich die Laudatio zur Vergabe der geschlossenen Auster an die Atomindustrie von Herbert Prantl lese, scheint mir Hopfen und Malz noch nicht verloren.

Demokratie ist, so Prantl, wenn man den Stein des Sisyphos nicht nur gerade wegen der Umstände immer wieder den Berg hinaufrollt, sondern wenn man den Stein sukzessive umgestaltet. Ich liebe dieses Bild. Was uns Deutschen fehlt ist ein bisschen mehr Selbstbewusstsein in unsere demokratischen und intellektuellen Fähigkeiten.

Meint jedenfalls Angelia
Dreizehn schrieb am 08.07.2011 um 10:37
Ach, dass immer wieder dieser Sisyphos heraufbeschworen wird, seit Camus werden wir das nicht los. Am Montag in der SZ von Günter Grass in seiner in der SZ abgedruckten Rede zu demselben Anlass. Grass unternimmt immerhin in diesem Interview etwas "bislang Unaussprechliches", er stellt "die Systemfrage".

Sisyphos, der arme Kerl, war von den Göttern bestraft; über den Grund geben die Altphilologen keine verlässliche Auskunft. Jedenfalls kommt Sisysphos da nicht raus, ein Schicksal, das er hinnehmen muss, klaglos hinnehmen.

Die Episode preist als Vorbild, dass man sich - auch wenn's wehtut - klaglos in das "Schicksal" füge. Ein schräges Paradigma. Falsche Richtung.

Denn genau darum geht's: Wir müssen raus, solange es noch möglich ist. Sisyphos ist Nervensäge.
Angelia schrieb am 08.07.2011 um 17:27
hmm ... aber Sisyphos hat sich doch gar nicht klaglos in sein Schicksal gefügt, sondern es verachtet und rebelliert. Das Absurde am Schicksal ist ja, dass, egal was wir machen, wir ohnehin sterben, weder etwas mit ins Jenseits nehmen können ( sofern es das überhaupt gibt) noch, das irgend ein Hahn großartig noch nach uns krähen wird . Das Streben nach etwas Höherem ist im Grunde sinnlos. Es spielt also keine Rolle, ob wir uns politisch engagieren oder nicht. Natürlich werden wir in einem Menschenleben keine komplette Systemveränderung erreichen. Jedenfalls nicht gewaltlos und intelligent. Der Witz ist aber, sich dafür trotzdem zu engagieren und somit seinem Leben oder einer Sache einen konkreten Sinn zu geben.
So etwa.
Dreizehn schrieb am 09.07.2011 um 15:46
Heute findet sich in der Berliner Zeitung eine ausführliche Würdigung der Grass-Rede durch Arno Widmann.

Sisyphos fügt sich in die Verhältnisse, da sie unausweichliches "Schicksal" sind, weil von den Göttern verfügt, daran ändert er nix.

Das ist bei uns anders, denn Kapitalismus ist nicht von Göttern auferlegt und wir haben/hätten die Möglichkeit, ihn zu beseitigen. Klar dass es wichtig ist, etwas zu tun. Wenn jemand Sisyphos heraufbeschwört, klingt für mich immer das resignierend Unausweichliche mit.
Angelia schrieb am 09.07.2011 um 21:38
hmmm... am Besten, du liest die entsprechende Passage bei Camus selbst und bildest dir dein eigenes Urteil. Auf Camus auf bezieht sich zumindest Prantl und ich mich auch. Wie´s der Zufall will, habe ich die Originalpassage von Camus im Internet gefunden voila
abghoul schrieb am 09.07.2011 um 21:56
Danke für den Link Angelia.
Dreizehn schrieb am 09.07.2011 um 21:57
Danke, Angelia. Ich hab's eben nachgelesen. Dass das Steinewälzen in der Unterwelt stattfindet, war mir neu. Kein besonders angenehmer Ort.
koslowski schrieb am 10.07.2011 um 11:33
@Dreizehn u. Angelia

Ich weiß zwar nicht, wie mein Text euch auf Camus bringen konnte, aber er scheint ja wieder aktuell zu werden. Das Bild des glücklichen Sisyphos hat mich in meiner Jugend schwer beeindruckt. Heute glaube ich zu wissen, dass es möglich ist, die Einsicht in die Notwendigkeit des Scheiterns mit einem aktiven Leben und mit Lebensfreude zu verbinden - manchmal jedenfalls.
Vor einiger Zeit war ich übrigens mal seinem Grab und habe in einem Blog darüber geschrieben: www.freitag.de/community/blogs/koslowski/am-grab-einer-alten-leitfigur

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag.
Angelia schrieb am 10.07.2011 um 20:52
abghoul und dreizehn gern geschehen :-)
Angelia schrieb am 10.07.2011 um 20:54
das war wohl eine Verküpfung verschiedener Umstände Koslowski :-) Ich las Camus vor ein paar Wochen zum 3 x und zufällig die Laudatio von Prentl und irgendwie passte dein Text dazu. Dank dir dafür und einen schönen Start in die Woche.
poor on ruhr schrieb am 08.07.2011 um 18:56
@koslowski

Für zwei Drittel der Leute in Deutschland hat Dein englischer Freund ja wahrscheinlich recht, aber da bleibt eben noch ein Drittel, dass ziemlich unten durchfällt.

Ich habe manchmal den eindruck, dass dieses deutsche Elensdrittel dem Rest der Gesellschaft ziemlich egal ist.

Darüber kann man wütend sein, aber auch das nützt nichts.

Es ist wohl einfach so.

Wenn man im prekären Sektor in Deutschland rumstrampelt bekommt man eine Ahnung davon, wie sich die Verlorenen der Welt in Afrika fühlen müssen.

Keine Weltgesellschaft und keine europäische oder nationale Gesellschaft hat das Recht Menschen aufzugeben!

Das sich die Gleichgültigkeit gegenüber den Prekären auf der ganzen Welt breitgemacht hat ist für mich der wahre Sieg der Marktradikalen!

In diesem Sieg des Kapitalismus wohnt damit aber direkt ein existenzielles Übel und er wird daher nicht von Dauer sein.

Meine Hoffnung für die Zukunft ist, dass irgendwann das Pendel der Geschichte wieder in eine andere Richtung umschlagen wird.

Ob ich das noch erlebe oder nicht ist dabei vollkommen gleichgültig.

Ich hoffe nur, dass es dann für die Erde und den Frieden auf ihr
nicht zu spät ist!

Oder anders ausgedrückt:

Ein Abo des Freitags könnte in diese Sinne ein gutes Geschenk für Deinen engklischen Freund sein! ;)

Herzliche Grüße

por
koslowski
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