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Kurt ist fort. Sein Autor hat ihn vom Platz genommen. Er wird nun auf einem restaurierten Bauernhof in der südschwedischen Provinz seinem Ruhestand entgegen dämmern und mit mäßigem Interesse aus der Distanz verfolgen, wie seine Nachfolger den Kampf gegen das internationale Verbrechen in Schonen fortsetzen.
Ich lernte Kurt Ende der 90er Jahre beim flüchtigen Durchblättern eines Bestsellers in der größten Buchhandlung von B. kennen, als mein Blick auf die erlebte Rede des Helden fiel:
„Auf einmal wußte er überhaupt nicht mehr, was er tun sollte.“ ( S.61 )
und
„Dann begriff er. Es war einer jener Augenblicke, in denen er sofort wußte, daß er etwas erlebte, was er nie vergessen würde. Wie seinen eigenen Tod zu ahnen, fuhr es ihm durch den Kopf. Ein Augenblick, in dem es nicht mehr möglich war, vor irgendetwas die Augen zu verschließen oder davonzulaufen.“ (S.228 )
Ich hatte den Roman gekauft ( Henning Mankell, Die falsche Fährte ) und in den nächsten Nächten voller Spannung und Neugier gelesen. Nicht der Plot, nicht die ausgesucht brutalen Gewaltszenen und nicht die sich über viele Umwege mühsam dahinziehenden Ermittlungen faszinierten mich, sondern die Figur des ermittelnden Kommissars. Kurt Wallander war damals etwa 45 Jahre alt, geschieden und Vater einer Tochter, ein Liebhaber der Oper ( auf CD ) und schlechten Essens, immer am Rande der körperlichen Erschöpfung und einer Depression. Die Erzählweise seines Autors ließ mich teilnehmen an der inneren Verwirrung des Kommissars, an seinen Selbstgesprächen, seinen Ängsten und Hoffnungen.
Kurt wurde mein Mann. Ich kaufte die Romane, die bereits erschienen waren, und wartete ungeduldig auf die, die angekündigt wurden.
Kurt drang in mein Leben ein.
Als ich einen Sommer lang wegen einer Viruserkrankung in einem Krankenhaus in B. verbringen musste, las ich seine Bücher noch einmal - von seiner Trauer über den Tod des Vaters, seiner Diabetes, der Entfremdung von seiner Tochter und dem Scheitern seiner Liebe zu Baila, der Witwe eines lettischen Kollegen. In meiner Begeisterung las ich nachts einer Krankenschwester, mit der ich mich, wenn sie eine Pause hatte, traf, um eine Zigarette zu rauchen, ganze Kapitel vor. Sie behauptete, es entspanne sie, von Kummer und Leid einer literarischen Figur zu hören. Das sei, gemessen am wirklichen Unglück wirklicher Menschen, doch eine Banalität.
Ich überredete meine Frau, auf dem Heimweg von Stockholm, wo wir nach einem Sommerurlaub in einem Ferienhaus bei Uppsala noch drei Tage verbracht hatten, einen Umweg über Valdemarsvik an der östergötländischen Küste zu machen, wo Wallander in einer Nacht bei Whisky und Bier mit dem Kapitän eines Fährboots über den Zustand der Welt und über die Frage nachgedacht hatte, ob es vielleicht doch noch Gründe für Hoffnung gebe. Das Wetter in Valdemarsvik war schlecht, der Ort tot, und in der Nacht in einer Pension ohne andere Gäste erklärte mir meine Frau, warum ich mich von Wallander fernhalten sollte: „Er ist ein larmoyanter Kerl, der auf dich einen schlechten Einfluss ausübt.“
Deshalb und weil mich seine Darsteller in den Verfilmungen enttäuschten, war meine Affäre mit Kurt in den letzten Jahren stark abgekühlt. Gelegentlich nahm ich zur Kenntnis, dass Kurt und sein Autor von Kennern und Liebhabern der Kriminalliteratur inzwischen eher kritisch gesehen werden. Ein Germanist und Politologe wirft ihm vor, ein abschreckendes Beispiel von „Gutmenschentum in der Kriminalliteratur“ und für die Absicht eines Autors zu sein, „seinem veralteten sozialdemokratischen Weltbild in der Figur eines traurigen Detektivs und melancholischen Diabetikers einen emblematischen Ausdruck zu geben.“
Vor Wochen schon habe ich mir „Der Feind im Schatten“ gekauft; jetzt habe ich mir vorgenommen, den Roman ( 589 Seiten ) am Wochenende zu lesen. Schließlich ist es nach dem Willen des Autors Kurts letzter Auftritt. Der vorletzte Abschnitt klingt vielversprechend:
„Der Schatten hatte sich vertieft. Und langsam sollte Kurt Wallander in einem Dunkel verschwinden, das ihn einige Jahre später in das leere Universum entließ, das Alzheimer heißt.“
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Etwa alle zehn Jahre lese ich die zehn Romane von Maj Sjöwall und Per Fredrik Waahlö noch mal.
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Mir geht es genau andersrum - von Mankell schätze ich vor allem die Bücher, die irgendwie mit Afrika zu tun haben, wie 'Der Chronist der Winde', vor allem aber 'Die rote Antilope'. Die Wallander-Krimis fand ich bis auf 'Hunde von Riga' und 'Die weiße Löwin' beinahe unerträglich öde zum Lesen, war aber von den Verfilmungen ganz angenehm überrascht.
Mein Lieblingskommissar ist über die Jahre John Rebus, Ian Rankins Hauptdarsteller geworden. Bei skandinavischen Krimis gefällt mir Jo Nesbøs Harry Hole viel besser als Mankells Wallander. Was den Schluß zuläßt, daß Lieblingskommissare für mich zwingend mit Alkoholproblemen zu kämpfen haben müssen. Beim Abschied von Wallander sei Ihnen aber sehr viel Vergnügen gewünscht! Das klingt nach einem Wochenende überwiegend im Bett, mit Getränken und Unterhaltungsgebäck in greifbarer Nähe und maximalen Exkursionen zum Kühlschrank oder zu anderem Stoffwechsel. |
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Als Krimimuffel bedanke ich mich für diese schöne Wallander-Hymne! :-)
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Klasse! Bin großer Schweden-Fan, aber natürlich nur genau in dem Sinne von diesem völlig veralteten sozialdemokratischen Ideal, dass ich mir auch gerne für Deutschland wieder zurückwünschen würde. Das waren alles Andere als goldenen Zeiten, aber solche Menschenfeinde wie Sarrazin hätte man da noch in das gesellschaftliche Abseits gestellt, wo sie hingehören und auch bei der sozialen Hilfe für die Schwächsten der Gesellschaft gab es noch so etwas wie eine Spur von Anstand.
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schrieb am
30.10.2010 um 12:24
@poor on ruhr:
(offtopic-Bemerkung) >>und auch bei der sozialen Hilfe für die Schwächsten der Gesellschaft gab es noch so etwas wie eine Spur von Anstand.<< Das war auch einfacher, solange es die synthetische "soziale Schwäche" nicht gab. Diejenigen, die tatsächlich aufgrund einer Behinderung oder Krankheit sich nicht selber helfen können, sind sehr viel weniger als die heute in die "Schwäche" Gezwungenen. Es war klarer erkennbar und musste nicht verschwiegen werden, dass jede/r mal behindert werden kann und dann froh um Hilfe sein wird. Anders gesagt, reale Schwäche kann als Solche wahrgenommen werden. Die synthetische "soziale Schwäche morbus hartz" ist ein Vorwand für Verarmungspolitik und muss entsprechend propagandistisch bearbeitet werden, damit noch nicht Betroffene die Bedrohung nicht wahrnehmen. Wer heute mit 50 seine Arbeit "verliert", muss ein "Sozialschmarotzer" sein, um fortan den Zwang zur Armutsarbeit begründen zu können. Zwischen arbeitsfähig und bettelarm und nicht arbeitsfähig besteht ein sehr grundlegender Unterschied. Deswegen sind Scharfmacher wie G. Schröder, Westerwelle und Sarrazin heute so gefragt. Dass real Schwache und Zwangs-"Schwache" über einen Kamm geschoren werden, liegt auf der Hand, weil sonst die Scheuklappen Löcher bekämen. Schröder habe ich absichtsvoll erwähnt, denn nicht die Menschen, aber die "Sozialdemokratie" hat sich seit ihrer Gründungszeit durch kapitalistische Infektionen verändert. Wir befinden uns hierzulande in einem der Infektionsherde. |
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@Claudia
Vielen Dank. Ich sewhe das genauso wie in Deinem Kommentar. Das mit der in die Schwäche Gezwungenen stimmt natürlich. Eine sehr interessante und lehrreiche offtopic-Bemerkung! Danke. ;) Herzliche Grüße por |
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Hehe, Konkurrenz zu Maikes Projekt? Mir fehlt dort (u.a.) auch die Frage: Autoren, die ich garantiert nie lesen werden (wozu Wallander net gehört)
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Die besondere unvergleichliche Genialität des Autors Mankell besteht doch daran, über die unverwüstlich sympathische Figur seines Kriminalkommisars, nach meiner Wahrnehmung in jeder Verfilmung stabil, Popularität gewonnen zu haben für sein höchst unpopuläres Thema ....zumindest etwas, viel genutzt hat es auch nichts, aber immerhin.
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schrieb am
30.10.2010 um 10:32
Ja, wie benennen? Wirtschaftliche und politische Zerstörung Afrikas durch Europas Wirtschaften?
Daraus folgend: Migaysl? |
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Danke für den Beitrag, -
geschickt von mankell, die reihe so zu beenden - die figurenzeichnungen in den skandinavischen krimis sind schon faszinierend, obwohl "mein mann" eher van veeteren aus der hakan nesser-reihe ist, "ein griesgrämiger, melancholischer Mann mittleren Alters, von seinem Beruf zunehmend angewidert, abgestumpft und wenig sympathisch..." - uns als "fast" politischen autor fand ich arne dahl äußerst spannend und freue mich schon auf die verfilmungen seiner bücher, sendeplatz natürlich 22 uhr am sonntag ... |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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