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Neben mir trinkt eine elegante Frau um die 40 mit Einkaufsbeutel aus Leinen und dem Aufdruck „bioland“ ihren Espresso und blättert dabei in der taz. „Kannten Sie diesen alten Schweden?“, fragt sie. Ich hole uns Zucker vom Nachbartisch und sage: „Ich kannte nicht einmal Steve Jobs“. „Oh“, sagt sie, „das ist aber eine Bildungslücke“, kramt in der Handtasche von Gucci und holt einen Apparat heraus. „Dies ist ein iPhone, und jetzt suche ich im Internet mal nach einem Gedicht von diesem t-r-a-n-s-t-r-ö-m-e-r.“ Die Recherche zieht sich hin, ich stelle mich an nach einem zweiten Espresso, und als ich zurück komme, liest sie mir vor:
„Das einzige, was ich sagen will,/ glänzt außer Reichweite.“
„Das klingt ziemlich tiefsinnig“, sagt sie und fordert mich auf, die zwei Verse für sie zu interpretieren. Ich beginne zu erklären, warum diese Verse meiner Meinung nach als Kapitulation des Dichters vor dem Unsagbaren zu verstehen sind, als Eingeständnis dessen, dass auch er, was ihm wichtig ist, nicht mit Worten benennen kann und dass es von dieser Einsicht nur noch ein Schritt hin zu Wittgenstein und seinem Statement sei: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schwei...“.
„Entschuldigung“, sagt sie, „das ist interessant, aber ich muss los. Termin beim Friseur. Ich wünsche noch ein schönes Wochenende.“ Sie packt hektisch ihr iPhone ein und stürmt davon.
Ich hole mir einen dritten Espresso, schaue auf das Titelblatt der FR ( „iTod“ ), schlage den doppelseitigen Artikel über Steve Jobs auf und bleibe an einem Zitat des Toten hängen:
„Alle äußeren Erwartungen, all der Stolz, all die Angst, sich zu blamieren oder zu scheitern, diese Dinge lösen sich im Angesicht des Todes auf.“
Der Mann beginnt mich zu interessieren. Im Hintergrund sind die Sirenen eines Rettungswagens zu hören. Ein Kleinkind auf den Schultern seines Vaters zwinkert mir zu, ich lächle zurück und überlege, mir am Wochenende vom Schwiegersohn das iPhone erklären zu lassen. Oder lieber doch Gedichte lesen?
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@koslowski
Ich halte Sie schlicht und aufrichtig für einen inspirierenden Schreiber. „Das einzige, was ich sagen will,/ glänzt außer Reichweite.“ Der Äppel-Heini beeinflußt noch aus dem Hiernamals auf typisch sexistische Weise unser/Ihr Kaufverhalten. Bis über den Tod hinaus regieren, nennt man das. Aktualität anmutig zusammengestrickt, Ihre Stehtischplausch. Danke. |
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"„Alle äußeren Erwartungen, all der Stolz, all die Angst, sich zu blamieren oder zu scheitern, diese Dinge lösen sich im Angesicht des Todes auf.“"
Danke für dieses Zitat. |
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Wieder schön! Gerne gelesen. Danke.
Herzliche Grüße por |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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