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Solange es keine auch nur irgendwie linke Sonntagszeitung gibt, lese ich am Morgen, während die Gattin mit ihrer Laufgruppe unterwegs ist, die FAS. Das ist manchmal hart, ermöglicht aber auch überraschende Leseerlebnisse. Zum Beispiel heute auf der letzten Seite des Feuilletons dieses Fundstück aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen:
„Am Dienstagabend war Franz Beckenbauer zu Gast bei Thomas Gottschalk in der ARD. Die beiden hatten sich eben erst beim sechzigsten Geburtstag von Uli Hoeneß in München getroffen - und ein paar andere Legenden und Phantome des Fußballs.
Thomas Gottschalk: Noch eine Frage: Weil wir grad von dem Geburtstag reden, ich hab' immer rumgeschaut: Aaaah, . da saß der Netzer, da saß der Kahn, der alte Katschenbeck saß noch da, ich . . .
Franz Beckenbauer: Schwarzenbeck.
Gottschalk: Schwarzenbeck, Ja. Katsche, wer war Katsche?
Beckenbauer: Katsche.
Gottschalk: War auch da?
Beckenbauer: Schwarzenbeck.
Gottschalk: Ja, genau. Katschenschwarzenbeck“
Dass Beckenbauer sich an Schwarzenbeck erinnert, ist selbstverständlich. Er wäre nicht der elegante Libero und spätere Weltmann geworden ohne seinen Mann für’s Grobe: Hans-Georg Schwarzenbeck ( aka Katsche ). Dass Gottschalk Schwarzenbeck nicht kennt, verwundert nicht. Der ist schließlich zuständig für Stars. Ein Star war Katsche nie, nur ein verlässlicher Vorstopper, der zwischen 1966 und 1979 für Bayern München und zwischen 1969 und 1978 für die deutsche Nationalmannschaft hinten alles dicht machte und nach dem Ende seiner Karriere in München einen Laden für Bürobedarf, Lotto und Rauchwaren betrieb.
Deswegen mochte ich Katsche.
Der hatte auf dem Boulevard gegen Beckenbauer keine Chance. Immerhin ist er seinem Kaiser darin überlegen: Sein Dichter ist der bessere Poet. Beckenbauers Kollege Rummenigge rezitierte Verse* auf den Kaiser, die er imInternet geklaut hatte. Katsche dagegen ist der Held eines Gedichts des wirklichen deutschen Dichters Wolf Wondratschek:
Gedicht für Georg Schwarzenbeck
Zwei Beine, ohne Interesse an Genialität,
vereinfachter Mechanismus, nichts Brasilianisches,
kein Sternenlauf, kein Jubel in den Fußgelenken,
Standbein, Schussbein, nichts für Genießer,
und trotzdem einer, dessen die Menschen,
die ihn spielen sahen, gedenken.
Ein großer Dorn, der stach und dicht hielt,
der die Anstürmenden ersaufen ließ, das Feuer zertrat,
das sie bereit waren zu entfachen.
Nichts da. Ich arbeite, komme aus der Vorstadt,
ich bin geboren für das Einfache.
Nicht einmal Siege sind es am Ende, die zählen.
Unzuständig für alles Künstlerische!
Kein Dribbling, kein nie gesehener Trick!
Stattdessen Luft für neunzig Minuten,
und notfalls für die Verlängerung, wenn die Kollegen Krämpfe quälen.
Merkwürdig, dass so einer, eckig wie eine leergegessene
Pralinenschachtel, etwas trifft, was rund ist.
Wie der Dichter Katsches limitierte fußballerische Mittel beschreibt und ihn zugleich als den Helden ehrlicher Arbeit feiert, das hat Klasse. Mehr als Gottschenbauers täglicherTalk.
Als die Gattin erschöpft heimkehrt, lege ich die FAS beiseite und bereite ihr den Tee. Ein Sonntag, der mit Katsche und Wondratschek beginnt, kann nicht ganz schlecht werden.
* „Lieber Franz, ich danke Dir./ Ich danke Dir, ich danke Dir sehr./ Ich danke Dir, das fällt uns nicht schwer./ Ich danke Dir, danke Dir ganz toll./ Weiß gar nicht, was ich alles sagen soll. // Ich danke Dir, Du bist ein Schatz. / Dies sage ich Dir in diesem Satz./ Ich danke Dir, das fällt nicht schwer./ Danke, danke, danke sehr./ Und ein spezielles Dankesehr / an 1860 für die Watschn an Dir.“
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Lyrik? Auch schön! Ich bin erstaunt, wie viele Möglichkeiten es gibt, sich diesem leidigen Thema zu nähern.
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schrieb am
29.01.2012 um 19:09
Ich hab meinen Kommentar mal auf "O.K." eingestellt, woll. Weil ich ihn O.K. finde :o)
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Wer dieses Gespräch im Fernsehen "genießen" durfte, stellte sich kurz darauf die Frage: Wer nähert sich als ERSTER der Senilität oder ist es bereits?
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Ohne Katsches Ausgleich in letzter Sekunde gegen Atletico Madrid hätten die Bayern den Europapokal der Landesmeister keine dreimal hinterneindander gewonnen.
Und wer weiß, ob sie dann überhaupt welche in der Zeit geschafft hätten. Aber Dank Hoeneß wurde er nicht vergessen: sein Laden belieferte die Büros der Bayern, da hat er ganz leicht gut verdient. Ein echtes Münchner Original, der Katsche. Das ist für den Gottschalk natürlich zu hoch. |
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schrieb am
29.01.2012 um 18:33
Zwei Anmerkungen.
1. Alle drei Tore waren sehenswert. Katsche, Müllers Heber und Hoeneß Dribbling von der Mittellinie! 2. Was wäre ein Franz Beckenbauer ohne sein Katsche gewesen. Er hätte nie so glänzen können und wesentlich mehr auf die Socken bekommen. |
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Ganau so ist es.
Ich meinte aber dieses Unentschieden, was doch Ausgleich zum 1:1 im ersten Spiel ? Das anschließende gewann Bayern, 4: 1, oder ? |
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schrieb am
29.01.2012 um 19:18
Richtig dieser Knaller in der Minute119 . Leider habe ich das auf youtube nicht gefunden.
Hier aus "wiki": "Finale Atlético Madrid gegenüber. Es war kein herausragendes Spiel und die Konsequenz war ein 0:0 nach 90 Minuten. Sechs Minuten vor Ende der Verlängerung gelang Luis Aragonés das 1:0 für Madrid durch einen Freistoß. Der Schiedsrichter hatte die Pfeife schon im Mund, als Georg „Katsche“ Schwarzenbeck den Ball von Beckenbauer zugespielt bekam. Er sah keine Anspielstation im Mittelfeld, Beckenbauer rief nur „Schieß einfach!“ und so hielt er aus 30 Metern einfach aufs Tor: 1:1 in der 119. Minute. Schwarzenbeck ging mit diesem Tor in die Geschichte des Fußballs ein. Das 1:1 bedeutete nach damaligen Regeln ein Wiederholungsspiel, das nur zwei Tage später an gleicher Stelle stattfinden sollte. In diesem Spiel behielten die Münchner klar die Oberhand und schlugen Atlético mit 4:0. Zum ersten Mal gewann eine deutsche Mannschaft den Pokal der Landesmeister." Aber dieses von "Stan" Libuda www.youtube.com/watch?v=19Sd70zQgE0 auch ein wichtiges Tor wie aus dem Nichts! |
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Nur Bayern Atletico und Schwarzenbeck eingeben.
Als Luca Toni gegen Getafe in der Nachspielzeit traf, schrie der spanische Kommentator: Schwarzenbeck!!, paar mal hintereinander. Kann man auch auf youtube ansehen. Irgendwie schön, dass solche einer auch mal Ruhm bekommt. |
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schrieb am
29.01.2012 um 19:19
Na "Bulle" Roth war doch auch solch ein Kämpfer!
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@SchmidtH
Stimmt. ...aber Katsche war mir in Erinnerung geblieben. Sicher hat die hohe Bewertung von Katsche auch was mit mir und dem Arbeitsethos, mit dem groß geworden bin, zu tun, obwohl ich mich heute noch mit jedem zanken würde und sagen würde, dass ich keinen Arbeitsethos im Sinne der Überhöhung der Arbeit als einen eigenen Wert für sich, habe. ...aber in Katsches Zeiten bin ich eben groß geworden bis schließlich die heutigen 181 cm ereicht waren, was ja heute ehr eine Durchschnittsgröße für einen Mann darstellt. ;O) Heute denke ich aber schon, das man gegen einen Ballzauberer wie Franz Beckenbauer einer war, auch nichts haben kann und das es o.k. ist sich an seiner Fußballkunst zu erfreuen bzw erfreut zu haben. Wenn ich Beckenbauer nicht mag ist das ein Vorurteil, dass ich aber leider nicht so ohne Weiteres überspringen kann. Als Mensch kenne ich ihn ja gar nicht und er kann ja ein feiner Kerl sein, aber er ist nun mal immer noch eine Grosse Nummer bei den Offiziellen des FC Bayern München und ich mag diesen Verein nun mal nicht. |
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schrieb am
30.01.2012 um 18:36
Nein Sie haben recht. Katsche und andere verkörperten den Fussball, den wir minderbegabten Bolzer in der Mehrheit "pflegten". Beckenbauer, Overath, Flohe, Netzer und andere waren Spielertypen die wir bewunderten, die aber für uns unerreichbar waren.
Dennoch die Mischung machte es. Das Sahnehäubchen auf dem Matsch des Kampfes. Damals, aber was solls, damals. Wir in Berlin hatten einmal einen "Invaliden" eingekauft, Ludwig Müller - Luggi - genannt. Schwerverletzt gewesen, am Ende, doch bei Hertha BSC blühte er noch einmal auf. Vorbildlich in jeder Beziehung, wie später auch "Ete" Beer. Aber damals wars. Übrigens, bei Bayern spielte einmal eines der größtes Talente des deutschen Fussballs, ein Berliner, "Sprotte" Sühnholz. Doch leider kam er nie so richtig zum Zuge, ein Beinbruch beendete seine Karriere. Dr. Jupp Kapellmann war der Täter. Schade. |
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@SchmidtH
Stark, was Sie alles über Fußball wissen. Kommentar gerne durchgelesen. ;O) Danke. :o) Herzliche Grüße por |
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"Ein Sonntag, der mit Katsche und Wondratschek beginnt, kann nicht ganz schlecht werden." - Und, hat er gehalten, was er versprach, der Sonntag? Oder kann man das erst nach dem Tatort sagen? :)
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@goedzak
Gute Frage. ;O) |
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Ach, es waren ja 2 Fragen. :O(
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@alle
Danke für's Lesen und Kommentieren. Wie schön, dass wir so viele Katsche-Fans sind. Jetzt fehlen noch die Wondratschek-Fans. @por Perzeption = Wahrnehmung. N. ist halt ein etwas eitler Geisteswissenschaftler, der Fremdworte liebt, die Eindruck machen. @goedzak Danke der Nachfrage. Der Sonntag wurde noch ganz gut: leckere Bohnensuppe gekocht, mit Töchtern und Enkel gegessen, Spaziergang um den neu entstehenden Hochschul-Campus, Kaffee bei Nachbarn, Steuererklärung mit ELSTER versandt, Mönchengladbach gewinnt. Gleich zu Bett, denn einen "Tatort" vom Bodensee schau ich mir nicht an (teils Erfahrung, teils Vorurteil). Gute Nacht allerseits. |
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@koslowski
Das mit den Wondratschek-Fans kommt noch und erinnert mich an mein bis jetzt ungelesenes "Früher begann der Tag mit einer Schußwunde" dass in meiner Wohnung in ungelesen die sichere Deckung genommen hat. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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