koslowski

Was soll's?

10.06.2011 | 12:42

Grübelei am Morgen

Während ich heute Morgen im Cafe neben der Klinik auf meinen Nachbarn M. wartete, las ich im Wirtschaftsteil (!) der SZ ein Interview mit Franz-Xaver Kroetz ( Autor, Regisseur, Schauspieler, 65 ), in dem er erklärt, warum er trotz der Katastrophe des Alters und trotz seiner Einsamkeit nicht Selbstmord begehen werde ( er sei dazu nicht der Typ ) und warum er mal Kommunist geworden war ( um sich von der „Kultur-Bourgeoisie“ abzugrenzen ).

Ins Grübeln stürzte mich dann der Abschnitt des Interviews, in dem Kroetz von seinem Vater spricht:

SZ: Ihr Vater war Nazi?

Kroetz: Ja, selbstverständlich.

SZ: Wie bitte?

Kroetz: Ich sag' so: Wenn Ernst Jünger kein Nazi war, dann war mein Vater auch keiner. Er war Bahnhofsvorsteher in der Ukraine. Ich möchte gern wissen, wie oft mein anständiger, liebenswürdiger Vater vielleicht stolz darauf war, einen Transport mit Menschen pünktlich aus seinem Bahnhof herauszubekommen. (Er stockt.) Also, ich trink' ein Weißbier, und ihr? (Er erhebt sich aus seinem  Ohrensessel und holt drei Flaschen.)

Vor ungefähr 50 Jahren hatte ich beim Spielen auf dem Boden unseres Siedlungshauses die Entnazifizierungsakte meines Vaters gefunden und so erfahren, dass er in den späten dreißiger Jahren Mitglied der NSDAP geworden war. Als ich ihm dies Jahre später ( um 1968 ) vorwarf, rechtfertigte er sich damit, dass der Eintritt in die Partei der Preis dafür gewesen sei, seinen Arbeitsplatz bei der Sparkasse zu behalten. Ich hatte ihm damals Opportunismus vorgeworfen, was unsere Beziehung auf Jahre stark belastete. Erst in den 80er Jahren, nachdem der Furor der Studentenbewegung erloschen war und ich selbst längst meine Kompromisse mit den Verhältnissen und mit dem Leben geschlossen hatte, waren wir einander wieder näher gekommen.

Gestern hatte ich in den Kommentaren zu einem Blog von Magda (www.freitag.de/community/blogs/magda/nazi--und-andere-vergangenheiten ) gelesen, dass Günter Gaus einmal von einem „Recht auf Anpassung“ geschrieben habe. Das schien mir dann doch zu weit zu gehen. Im Internet suchte ich nach Informationen darüber, wie Gaus dies gemeint haben könnte, fand jedoch fast nichts, immerhin aber die Mitteilung, dass Gaus dieses Recht als ein „Recht der Schwachen“ verstanden habe.

Könnten sich unsere toten Väter, der Bahnhofsvorsteher in der Ukraine und der Sparkassenangestellte in der ostwestfälischen Kleinstadt, auf dieses „Recht auf Anpassung“ berufen? Ist dies nicht eine clevere Ausrede für „willige Vollstrecker“? Oder vertritt Jorge Semprun eine elitäre, von der Lebenswelt der Menschen abgehobene Moral, wenn er sagt: „Die Erfahrung der persönlichen Freiheit. Die bewirkt, dass man sich unter extremen Bedingungen entscheiden kann, Widerstand zu leisten oder zu kapitulieren.“?  Waren die Väter damals, als sie sich anpassten, in einer solch "extremen" Situation gewesen?

Ich gelangte auch heute Morgen nicht zu klaren Antworten auf diese Fragen. M. kam aus der Klinik. Die Untersuchung hatte keinen Hinweis auf neue Metastasen gegeben, und erleichtert bestellten wir zwei Tassen Latte macchiato.

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
indyjane schrieb am 10.06.2011 um 13:53
spannend, berührend, sehr sehr gerne gelesen - viel stoff zum nachdenken -
ich liebe die aussage von jan p. reemtsma (äh sinngemäß)
"niemand muss ein held sein - aber keiner muss ein schwein sein" -
zu Günter Gaus im Gespräch mit Christa Wolf
www.rbb-online.de/zurperson/interview_archiv/wolf_christa.html

Gaus: Ist Anpassung ein Menschenrecht?
Wolf: Jetzt kommt Ihre Frage...
Gaus: Sie meinen, die ich in allen meinen Interviews stelle?
Wolf: Schade. Ich hatte nämlich gehofft, Sie stellen mir die Frage, die Sie manchmal gestellt haben...
Gaus: ... nach dem alten Adam und der alten Eva. Hat der alte Adam, hat die alte Eva ein Menschenrecht auf Anpassung?

Wolf: Lieber Herr Gaus, der alte Adam und die alte Eva sind das erste patriarchalische Paar, und vor Eva hat Adam eine andere Frau gehabt, die Lilith, die Aufrührerin, die sich nicht angepasst hat und die deshalb verteufelt und verhext wurde, und so ist es mit dem Anteil des Weiblichen im Patriarchat seitdem gegangen. Und da das Patriarchat bis heute in verstärktem Maße den Anteil des Weiblichen – im Mann natürlich auch – wegdrängt, unterdrückt, beiseite drängt, verhext und verteufelt, brauchen wir es allerdings, uns gegenseitig zuzugestehen, dass wir uns anpassen müssen, dass wir Nachsicht miteinander haben müssen. Es hat anscheinend vorher gesellschaftliche Zustände gegeben, viele, viele Jahrhunderte lang, in denen Menschen mehr beheimatet waren in der Gruppe, in der sie lebten. Aber das ist nun lange vorbei, und die Zustände, die wir heute haben, bedingen, dass wir uns gegenseitig etwas konzedieren und Nachsicht miteinander haben, weil ja die Pressionen, in denen wir stecken, ohne Anpassung für die meisten nicht auszuhalten wären.
Gaus: Ist Anpassung ein Menschenrecht, das Sie sich nicht zubilligen wollen? Auf das man, wenn man die Kraft hat und es die Sache wert ist, verzichten sollte?
Wolf: Ich kann darauf nicht mit ja oder nein antworten...

und das thema Gehorsam und Konformität ist auch ein weites feld... dazu gibt es ja die "berüchtigte" geschichte des mordes an über 1500 juden im polnischen dorf von Jozefow ..
die polizisten, die zu mördern wurden, hatten zuvor das angebot bekommen, vorzutreten, wenn sie sich der sache nicht gewachsen gefühlt hätten - Nur ein Dutzend der knapp 500 Männer reagierte auf das Angebot. Mehr als neunzig Prozent töteten. Die meisten schafften es nicht aus dem Glied zu treten. Zu schießen fiel ihnen leichter. ...
www.spiegel.de/spiegel/print/d-9284132.html
www.br-online.de/wissen-bildung/collegeradio/medien/ethik/mord/manuskript/ok_mord_manuskript.pdf
born2bmild schrieb am 10.06.2011 um 15:35
Wenn man im Internet nach "Menschenrecht auf Anpassung" sucht, kommt doch 'ne Menge zutage. Ein Beispiel aus mz-web.de, Mitteldeutsche Zeitung

"Er (Gaus -b2bm) erinnert daran, daß die Menschen in der DDR die Einheit wollten.
"Die Gewaltopfer haben nach Gewalt verlangt." Ein starker Satz, den so nicht alle sagen dürfen. Auch unterschreibe er gern, was man heute unterschreiben müsse, bevor man Kritik üben dürfe: "Ja, die Stasi war eine schlimme Veranstaltung." "Ja, ich schätze die in Ostdeutschland gewonnenen Freiheiten."
Empfänglich bis in die Haarspitzen ist das Publikum vor allem für das, was der Journalist darüber hinaus entwickelt. Daß die deutsche Vereinigung "als gestaltete Problemlösung gescheitert" sei, auch weil die Politiker "emotional überwältigt" waren. Daß er wenig Grund sehe, optimistisch zu sein. Daß der Westen den Osten bis heute überwiegend als Klischee wahrnehme. Dieser habe an der gesamtdeutschen Öffentlichkeit nur "in einer Gastrolle" teil. Und daß mit den Stasi-Akten mißbräuchlich umgegangen werde.
Der ständige Vertreter. Freilich: Warum es gewissermaßen funkt zwischen Gaus und dem Osten, erklärt dies alles noch nicht ganz. Die zentrale Erklärung liegt vielmehr in dem, was der Mann das "Menschenrecht auf Anpassung" nennt. Darin steckt kritische Distanz zu den Bürgerrechtlern. Die, sagt Gaus, "machen aus ihrer Vergangenheit eine immerwährende Gegenwart". Wäre der jüngste Schritt etwa Vera Lengsfelds anders erklärbar?
Der Satz nährt das Selbstbewußtsein derer, die sich unablässig auf der Anklagebank sitzen sehen. Darin steckt aber vor allem die Abwehr westdeutscher Selbstgerechtigkeit. "Die Anpassung in Westdeutschland", sagt Gaus, "ist unter Umständen, wo die Anpassung eigentlich nicht so zwingend sein müßte, wie es in der DDR angeblich immer zwingend war, die Anpassung ist in Westdeutschland nicht geringer als in der DDR gewesen."
Magda schrieb am 10.06.2011 um 16:59
Hätte ich beinahe gar nicht gefunden.
Für mich war Gaus' Anmerkung nicht als eine "Recht" in Erinnerung, sondern als eine menschenfreundliches Postulat, das natürlich nicht den großen, schrecklichen Akteuren galt.

Im normalen Leben hatten die meisten Menschen wenig Möglichkeiten, ihre Nichtangepasstheit demonstrativ zu zeigen. In der Nazizeit gab es eine umstrittene innere Emigration, in der DDR eine Nischengesellschaft, die sich sehr gemischt verstand. Und es gab eine öde Normalität, die so schlecht ja auch nicht war.

Hin und wieder ist die ganze Frage ein "Eliten-Problem". Widerstand im Westen wird ja ohnehin als Elitendiskurs abgehandelt von wenigen Ausnahmen abgesehen.
Meine Mutter, von der ich manchmal erzähle, war eingesperrt, weil sie strikte Gegnerin der Nazis war, aber dann auch aus Unbesonnenheit und Liebe in was reingerutscht ist.

Das mit dem "Recht der Schwachen" gefällt mir gut. Gaus hatte einen empathischen Draht zu den Leuten im Osten.

Ich konstatiere gegenwärtig, wie selbstverständlich die meisten Leute angepasst sind in diesem Deutschland. Als sei mit der FDGO auch das Recht auf Anpassung zutiefst verbunden. Die wenigen, die aktiven Leute - die sind ja auch in einer ständigen Bewegung gegen den Strom. Und werden angefeindet.
Magda schrieb am 10.06.2011 um 17:03
Und manchmal habe ich so eine Idee, dass die Menschen hin und wieder angepasst sind, weil sie wissen, dass sie am Ende doch ohnehin für alles bezahlen müssen, vorher oder nachher. Aber das ist natürlich etwas simpel.
Kunibert Hurtig schrieb am 10.06.2011 um 17:58
Magda schrieb am 10.06.2011 um 17:03

Und manchmal habe ich so eine Idee, dass die Menschen hin und wieder angepasst sind, weil sie wissen, dass sie am Ende doch ohnehin für alles bezahlen müssen, vorher oder nachher. Aber das ist natürlich etwas simpel.

Nicht simpel, Magda. Alle (na ja, fast alle) handeln so, es garantiert ihr Überleben, je nach politischem System. Ob sich aus dem Widerstand gegen das Vorhandene unbedingt etwas Wünschenswertes erhebt ... nun, das müsste man die Stalinopfer fragen.

Und Koslowkis Vater hat seine opportunistische zumindest mit dem Überleben bezahlt, sonst wäre er wahrscheinlich in einem der berüchtigten Bewährungsbataillone gelandet und Koslowski wäre nicht geboren worden um seine nachträglichen nachdenklichen Fragen an die Vergangenheit zu stellen.

Ich habe meinen Vater einmal gefragt, ob er im Krieg Menschen erschossen hat ... erst später, als Jugendlicher. Aber die Antwort habe ich schon als Kind bekommen: Er durfte nie sehen, dass ich eine Spielzeugpistole besaß wenn wir Cowboy und Indiaaner spielten ... er hat einige vor meinen Augen zu Schrott getreten.
Magda schrieb am 10.06.2011 um 20:26
Eben ein Nachruf auf den Maler Bernhard Heisig. Zwischen Anpassung und Widerspruch. So ging es wohl vielen.
Magda schrieb am 10.06.2011 um 20:30
Eben ein Nachruf auf den Maler Bernhard Heisig. Zwischen Anpassung und Widerspruch. So ist es in den meisten Fällen .
poor on ruhr schrieb am 12.06.2011 um 08:55
Es darf im Nachhinein nicht alles umgedeutet und verharmlost werden.

Die Grenzen zwischen Gut und Böse sollte gerade heute klar erkennbar bleiben.

Anpassung war bequem und viele haben von der Anpassung profitiert.

Ich komme eher mit den Erklärungen klar, die zugeben, dass sie Nazis waren und sich davon distnziert haben als die , bei denen das alles irgendwie nur Anpassung war.

Die induviduelle Schuld muss erkennbar bleiben.
goedzak schrieb am 18.06.2011 um 19:01
koslowski
Von Menschen und Texten
Ort:
Bielefeld
Mitglied seit:
2 Jahre 7 Wochen
Zuletzt aktiv:
27.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 175
Kommentare: 1468
Logbuch
14:57
alexbln hat gerade einen Kommentar geschrieben.
14:51
freiheitsliebender hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
14:44
freiheitsliebender hat gerade einen Kommentar geschrieben.
14:42
Meyko hat gerade einen Kommentar geschrieben.
14:38
Wolfram Heinrich hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG