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Sie lesen von der Begegnung eines Lokomotivführers mit einem Drachen, von dem Gespräch eines Reporters mit einem alten Bauern im spanischen Bürgerkrieg, von den Versuchen eines Ehepaars, jemandem einen Witz zu erzählen, und vom Monolog eines einsamen Trinkers über Soziologie und Psychologie des Loches.
Vorne hinter Pulten stehen fünf junge Männer aus dem 9.Jahrgang der örtlichen Gesamtschule. Sie lesen Texte von Ende, Hemingway und Tucholsky vor, dann eigene Sachen: Kurzgeschichten, Gedichte und Szenen, die von Freiheit, vom Alltag oder von erträumten Triumphen im Casino handeln.
Sie sind Mitglieder der AG „Jungen lesen“. Ein junger Schriftsteller aus der Region hat die AG zwei Jahre lang geleitet, er moderiert die Lesung. Bisher hatten sie nur aus Kinderbüchern vor Grundschülern gelesen. Nun schauen sie erwartungsvoll und etwas verlegen ins Publikum, das sich gegen 20:00 Uhr versammelt hat. Etwa 30 Zuhörer - Eltern, Freundinnen, Klassenkameraden, der Bürgermeister, der Schulleiter - sind in die Gemeindebibliothek gekommen. Wir sind da, weil meine Frau die Jungen aus dem Unterricht kennt und mich neugierig auf die leselustigen, pubertierenden Jungen gemacht hatte.
Sie sind gut. Nach dem ersten Text, den sie mit verteilten Rollen lesen, und dem ersten Applaus lässt ihre Nervosität nach – die Stimme wird fest, kein Stolpern mehr, sie differenzieren die Figuren in ihren Sprechweisen, wechseln das Tempo und kommentieren das Erzählte durch ihre Mimik. Eine erstaunliche Leistung, wenn man bedenkt, dass diese Jungs aus Familien kommen, in denen das Lesen, das Lesen von Literatur, eher nicht üblich ist.
Zum Beispiel Jens und Lars. Sie sind Zwillinge, kommen aus einer Familie von Handwerkern und sollen einmal das kleine Baugeschäft des Vaters übernehmen. Sie sind ehrgeizige Sportler, Judo und Schwimmen, und sind in die AG gegangen, weil sie keine guten Deutschnoten hatten. Sie sind dabei geblieben, weil sie den Kursleiter so toll finden ( „athletischer Typ mit Pferdeschwanz“ ) und irgendwann gemerkt haben, dass es ihnen Spaß macht, Geschichten zu schreiben.
Nach der Lesung viel Beifall des Publikums und Belobigung durch den Schulleiter: „Bei uns können Jungs die Talente entfalten, die sie sonst noch haben!“.
Zwei berichten bei Mineralwasser und Salzstangen von ihrem nächsten Projekt: „Das Vanille-Syndrom“. Einer war als Schülervertreter dabei, als die Klassenkonferenz über einen Schüler beriet, der im „Mini-Preis“ neben der Schule wiederholt Süßigkeiten geklaut hatte und den die Mutter damit verteidigte, dass ihr Sohn vor seinen Taten Vanilleeis gegessen habe, und das führe dazu, dass der sein Handeln nicht mehr kontrollieren könne. Sie wollten daraus gemeinsam eine Geschichte schreiben ( „in der Art von Tucholsky“ ) oder eine Szene, der eine zuständig für die Dialoge und der andere für die medizinischen Recherchen über das „Vanille-Syndrom“. Vielleicht könnten sie das Ergebnis im nächsten Jahr präsentieren.
Ein unterhaltsamer Abend bei einer Veranstaltung, die die Gemeinde in ihre Reihe „Kultur in der Provinz“ mit „richtigen Autoren“ aufgenommen hatte.
Zur zweiten Halbzeit des WM-Fußballspiels zwischen Schwedinnen und Japanerinnen waren wir wieder zuhause. Ein ansehnliches Spiel, ein erstaunliches Ergebnis und die zweite Überraschung des Abends.
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"Eine erstaunliche Leistung, wenn man bedenkt, dass diese Jungs aus Familien kommen, in denen das Lesen, das Lesen von Literatur, eher nicht üblich ist.
Zum Beispiel Jens und Lars. Sie sind Zwillinge, kommen aus einer Familie von Handwerkern und sollen einmal das kleine Baugeschäft des Vaters übernehmen." Woher nehmen Sie denn die Erkenntnis, dass in einer Familie von Handwerkern das Lesen von Literatur eher nicht üblich ist? Ich komme ebenfalls aus einer Handwerker-Familie und in unserem Bücherregal war alles zu finden, was man gemeinhin als gute deutschsprachige Literatur bezeichnet. Mit Schiller und Goethe habe ich gelernt die deutsche Schrift zu lesen - wir hatten noch mehrere dieser alten Bände im Regal stehen (was zeigt, das auch vorherige Generationen bereits Leselust der qualitativen Art hatten - obwohl Handwerker). Ansonsten ist das von Ihnen geschilderte Projekt eine sehr gute Sache. Die Liebe zur Literatur kann gar nicht oft genug gefördert werden. |
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"Woher nehmen Sie denn die Erkenntnis, dass in einer Familie von Handwerkern das Lesen von Literatur eher nicht üblich ist?" - Aus den Berichten der beiden Jungs, die das für ihre Familie gesagt haben; mag sein, dass die empirische Leseforschung die Repräsentativität dieser Aussage so nicht bestätigen kann. Entschuldigung für die Verallgemeinerung.
Als ich ( Mutter:Näherin; Vater: Angestellter ) 1955 zur "Höheren Schule" geschickt wurde, befanden sich im Bücherbord meiner Familie: 1. Eine Bibel 2. Ein Kriegsroman aus dem 1.Weltkrieg 3. Gustav Freitag, Die Ahnen 4. Reuter, Ut mine Festungstid. Es wurde aber viel erzählt. |
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@koslowski um 20.59
Die Frage scheint mir eher, ob dieses durchaus interessante Beispiel Allgemeinheitszüge trägt? Nach meiner Beobachtung leider nicht; unabhängig ob Handwerkerfamilie oder nicht. Selbst Intellektuellenfamilien schaffen es nicht unbedingt, ihre Kinder zum Lesen von Literatur zu begeistern. |
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Wahrscheinlich geht es tatsächlich eher um die LIEBE zur Literatur. Wie gesagt, meine Mutter hat sie mir vermittelt. Und ich sie meiner Tochter und sie - wie ich sicher bin- wird sie ihrem Sohn vermitteln. Ich kenne aber auch Lehrer- oder Arzthaushalte, in denen - außer einigen unerläßlichen Fachbüchern - kein vernüftiges Buch vorhanden ist. Um so schöner, dass es nun solche Literaturprojekte gibt.
@koslowski: Entschuldigung angenommen und Motiv verstanden. |
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Das merke ich auch immer wieder. Leider ist es in bestimmten Jungengruppen immer noch so, dass Lesen als uncool und streberhaft verschrien ist, auch wenn die Harry Potter-Reihe mit Sicherheit einiges bewegt hat in den letzten Jahren.
Das angeführte Beispiel zeigt aber auch, dass eine Förderung der Leselust eine Menge bringen kann. Es wäre wünschenswert, wenn es solche Gruppen möglichst in allen Schulformen gäbe. Erstaunlicherweise fallen mir in meinem Umfeld seit meiner Jugend nur Jungs und Männer ein, die mit absoluter Begeisterung gelesen haben und immer noch lesen. Es geht also auch anders :) |
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»uncool und streberhaft«
Eine interessante Kombination. Ich vermute aber, dass sich die Uncoolness aus anderen Kriterien speist, zB. der momentanen Exponierung vor einer Art Publikum, der Zurückgeworfenheit auf sich selbst, den mannigfachen Optionen falscher Betonung, Entlarvung mangelnden Textverständnisses oder sogar unterstellter Identifikation mit angedienten Inhalten. |
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Das Problem ist, dass man beim Fußballspielen kein Buch in der Hand halten kann. Jungen instrumentalisierten ihren Körper, heißt es, glaube ich, in der Sozialisationsforschung.
Ich, Jg. 1953, hatte bei den Eltern den Schrank voll von Europäischem Buchklub, Zweig, Böll immerhin darunter und ich habe sogar darin gelesen, was längst nicht heißt, dass ich meine Eltern als Gesprächspartner in Sachen Literatur vorgefunden hätte. Mutter Hausfrau und Mutter, Vater Schlosser und vor lauter Arbeit unbelesen. Indes, sie beschickten das ortsnahe Gymnasium mit mir und förderten somit die innerfamiliäre Kluft. Wieso eigentlich ist der Terminus der Distanz zugleich ein tradierter Kleidungbegriff? – dies am Rande. |
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Das noch:
Mir ist als Kind aufgefallen, dass ich nicht beides zugleich konnte - laut lesen und den Inhalt verstehen. Denn das Vorlesen war stets eine Aufgabe, die gestellt wurde und die die volle Aufmerksamkeit beanspruchte. Es war also keine schlechte Methode, sich den Inhalt immer im voraus draufzuschaffen. Recht so, denn wer zB. als Sprecher läse etwas vor, ohne sich zuvor des Textinhaltes bemächtigt zu haben. Somit wäre interessant zu erfahren, ob im o. g. Sinne das Gelesene bereits antizipiert oder zum Zeitpunkt des Vortrags fremd wäre, somit Gefahr liefe, fremd zu bleiben. |
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lieber koslowski,
für diesen im besonderen und (fast) all deine texte könnt ich dich knutschen (natürlich nur mit und aus gegebenen distanz) ein guter gruss und noch einen in lila-weiss lausemädchen |
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1.)
de.wikipedia.org/wiki/Herpes_simplex 2.) Sinnvoll: knutschen "natürlich nur mit und aus gegebenen distanz". 3.) "lila-weiß" ist dritte Liga, VfL Os. 4.) (quo) vadis = wohin gehst Du? War ein Film von 1951. Ein Witz damals: Treffen sich l.mädchen und vadis. "Wo gehße?" "Im Kino". "Wat läuft da?" "Quo vadis." "Wat heiß dat?" "Wo gehße." |
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Tut mir leid, @koslowski
ich lenkte ab. Diesen Blog habe ich gerne gelesen. Doch dann: es überkam mich. Der obige Witz stammt übrigens aus dem Ruhrgebiet. |
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@koslowski
Gute Sache. Gutes Blog. Gerne gelesen. Finde es gut , wenn die Anstrengungen zur Förderung der Jugend breit angelegt werde und nicht nur das ausgebildet wird, was sie Unternehmen brauchen. Die andere Gesellschaft von morgen beginnt auch vor allem hier , wo es gelingen muss, den jungen Menschen eine breite Palette ins Leben mitzugeben, die es ihnen ermöglicht über den Tellerrand zu schauen. ;) LG por |
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"den jungen Menschen eine breite Palette ins Leben mitzugeben, die es ihnen ermöglicht über den Tellerrand zu schauen. ;)" - ja, poor, darum geht's. Dank und Grüße zum Wochenend!
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@koslowski
Gerne. ;) ...und Grüße zum Wochenend zurück. Noch 2 Tage Schaffe, dann habe ich auch meinen freien Tag. ;) LG por |
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Ich danke euch fürs Lesen und Kommentieren.
@nietzsche2011: Die Distanz zur Literatur findet sich in allen Schichten. Die Chance, von der Lust auf Literatur doch noch infiziert zu werden,ist für Jugendliche aus den so genannten "bildungsfernen Schichten" eher schlecht. Das hängt auch mit dem Schulsystem zusammen. @Olam: Ja, das fand ich so gut an diesem Abend, dass die Jungen lasen und die Frauen Fußball spielten - beide mit bemerkenswertem Erfolg. @Vadis: Meine Tante, Kriegerwitwe mit bildungsbürgerlichen Ambitionen, war Mitglied im Bertelsmann Lesering. Ihre Bücher habe ich verschlungen; ich erinnere mich z.B. an einen Schmöker mit dem Titel "Und immer singen die Wälder". Und: Lesen, d.h. vorlesen kann nur, wer sich mit dem Inhalt auseinandergesetzt hat. @Lausemädchen: Ich werd' ganz rot vor Stolz und Scham. Knutschen - das war "geil", wie die Töchter sagen würden. Lilaweiße Grüße nach MS! @Weinsztein: Lilaweiß und Blau-Weiß-Schwarz (Arminia) mögen 3.Liga sein,aber ihre Fans und deren Knutschqualitäten sind erste Sahne. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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