koslowski

Was soll's?

01.01.2012 | 13:29

Neujahr des Chefhypochonders

 

Zu Neujahr ließ Peter Rühmkorf seiner Neigung zur Melancholie freien Lauf und notierte, was ihn bekümmerte: seine Desorientierung in der neuen Welt nach dem Ende des Kommunismus (1990) und ein Gang zu den Toten seiner frühen Jahre (1991).

 1.Januar 1990 Eine neue Welt, mit der ich positiv nichts rechtes mehr anfangen kann. Ein Vernichtungsgefühl, als ob mein Schiff mit vollen Segeln auf einen Magnetberg zusauste: Bolzen, Schrauben und Nägel fliegen dem Havaristen voraus, ein Geprassel, ein Gescheiter. Als ich zu E. sagte, daß etwas Schlimmes auf mich zukäme, Angstneurose wie seinerzeit nach der Währungsreform oder Depressionsschub wie auf der Höhe der Studentenrevolte, antwortete sie, das kenne sie schon seit einem dreiviertel Jahr. Ah, natürlich wenn der Chefhypochonder mal ein ernstes Leiden anmeldet, heißt es augenblicklich: ick bün all door.

 1.Januar 1991. Zum Grab der Mutter nach Warstade-Hemmoor, vom Vertragsgärtner für den Winter eingedeckt: kleiner fröstelnder Feldstein im bissigen Wind; immergrüne Efeuherzen, hypernervös hin- und herzuckend ; ein schlenkriger Rosenzweig wie ein geistesgestörter Generaldirigent drüberweg .Schlurften, weil mir auf einmal danach war, noch kurz an den Gräbern der frühen Jahre vorbei, den Nachgeborenen und Vorweggestorbenen, Lehrern, Geliebten, Spielgefährten, der Konfirmandenstunde, der Schulbank, dem HJ-Dienst, der Fahrschülerzeit, ziemlich weit weg das alles und auf eine klamm-anhängliche Weise immer noch anwesend: goldene Jugendzeit / braune Nazizeit, die frühen Jahre, als ein Butterbrot noch etwas wert war und ein Menschenleben bald nichts mehr galt.

 Seine Melancholie macht Rühmkorf zum Thema seines selbstironisch-traurigen Gedichts „Früher als wir die großen Ströme noch“, an dem, wie er am 2.Januar 1991 notierte, „nichts mehr zu verbessern“ sei:

 Früher als wir die großen Ströme noch

 Früher, als wir die großen Ströme noch

mit eigenen Armen teilten,

O b,  L e n a,  J e n n i s s e i,  M i s s o u r i,

M i s s i s s i p p i,  E l b e, O s t e,

und mit Gesang den Hang raufgezogen

und mit Gesang auch wieder herab,

immer den Augen hinterher und Hyperions

leuchtenden Töchtern,

des Tages Anbruchs Röte

und des Mondes Aufzugs Beginn -

H e u t e: drei Telefongespräche und der Tag ist gelaufen.

 Allen ein frohes neues Jahr!

 Texte aus: P.R., Tabu I. Tagebücher 1989 – 1991. Hamburg 1995, S.181 u. 527f

 

 
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Kommentare
indyjane schrieb am 01.01.2012 um 14:44
danke dir, habe sehr geschmunzelt.
dir ein gutes neues jahr und viel freude am aufzeichnen deiner begegnungen, gedanken...
goedzak schrieb am 01.01.2012 um 14:50
Frohes neues Jahr! :))
indyjane schrieb am 01.01.2012 um 15:03
danke dir - bleib dialektisch und erschütterbar...
goedzak schrieb am 01.01.2012 um 14:49
Irgendwie, nee, ganz sicher der angemessenste Neujahrsgruß für 2012, der mir untergekommen ist. Danke!

Und natürlich trotzdem und gerade deswegen alles Gute für Dich und Dein Weib (mit Ermahnung an letzteres, der Community nicht einen der geschätztesten Blogger zu entziehen)!!!
born2bmild schrieb am 01.01.2012 um 18:46
Ein optimistischer Neujahrsgruß dem Autor & den Kommentatoren, erschütterbar und nicht gerührt.

BLEIB ERSCHÜTTERBAR UND WIDERSTEH

Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:
Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh,
gestern an und morgen abgeschaltet:
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
Bleib erschütterbar - doch widersteh!

Die uns Erde, Wasser, Luft versauen -
Fortschritt marsch! mit Gas und Gottvertrauen -
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde
wartend, daß die Kotze sich vergolde:
Bleib erschütterbar - und widersteh.

Schön, wie sich die Sterblichen berühren -
Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren,
daß der Liebe gleich der Mut vergeh ...
Wer geduckt steht, will auch andre biegen.
(Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen;
alles, was gefürchtet wird, wird wahr!)
Bleib erschütterbar.
Bleib erschütterbar - doch widersteh.

Widersteht! Im Siegen Ungeübte,
zwischen Scylla hier und dort Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee...
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit - such sie dir! - Genossen!
teilst das Dunkel, und teilt es sich die Gefahr,
leicht und jäh --
Bleib erschütterbar!
Bleib erschütterbar - und widersteh.

Peter Rühmkorf
poor on ruhr schrieb am 01.01.2012 um 21:19
@koslowski

Gewohnt souveräne Auswahl starker Zitate, die ich genau so gerne wie Deinen Zeilen gelesen habe.

Herzliche Grüße

por
koslowski
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