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Auf dem Weg zur Stadtbibliothek sehe ich in der Fußgängerzone meinen Zahnarzt an einem Informationsstand der FDP. Mit einem Kollegen bietet er Passanten an, sie über Euro-Bonds und/oder über den „Bundestrojaner“ zu informieren. Am Stand ist es leer. Mein Zahnarzt ist etwas frustriert: „Wir sind die Partei der Bürgerrechte und der finanzpolitischen Stabilität, aber keiner kommt her. Tja, so ist Bielefeld. Attac konnte hier heute auch keine „Occupy Bielefeld“-Demo auf die Beine bringen. Das Wetter ist einfach zu schön für Politik.“
Leichten Herzens überlasse ich den Doc seinem Schmerz und kaufe in der Stadtbibliothek zwei Karten für eine Lesung des besten Bielefelder Lyrikers . Die Mitarbeiterin ( jung, attraktiv ) beklagt sich über den schleppenden Verkauf der Karten: „Alle wollen Peter Kurzeck und Uwe Timm lesen hören, aber mit unserem eigenen Poeten haben sie nichts am Hut. Und rennen immer noch zu Tausenden zu den gescheiterten Arminen auf die Alm!“
Ich widerspreche ihrer Verachtung der Arminen, stimme aber ihrem Lob der Poesie zu und erzähle ihr, dass ich eventuell zu den Autorentagen mit Michael Krüger Ende Oktober nach Schwalenberg hinten in Lippe fahren wolle; der werde im Programmheft mit dem schönen Satz zitiert: „Mein Ziel ist es, den Menschen zu zeigen, dass ein Tag ohne die Lektüre eines Gedichts ein verlorener Tag ist.“ * Die Mitarbeiterin nickt heftig und äußert die Hoffnung, mich demnächst in Lippe wiederzusehen.
Von dieser Aussicht noch ganz beschwingt, treffe ich vor einem Cafe D., der in der Sonne sitzt und die Lokalzeitung liest. Ich setze mich zu ihm, und er liest mir eine Notiz aus dem Kulturteil vor:
„Island sei so groß wie die ehemalige DDR und mindestens dreimal so tot. Die Bewohnerschaft sei der Bielefelds naturgemäß unterlegen, und zwar nicht nur zahlenmäßig, sondern in jeder Hinsicht. Wer das Pech habe, einmal in Bielefeld gewesen zu sein, könne sich leicht ausrechnen, was das bedeute: Die DDR unter der wirtschaftlichen und intellektuellen Führung Bielefelds - das sei Island, die Heimat der Bekloppten.“
Der Journalist der Lokalzeitung ist nicht amüsiert ( „banales Bielefeld-Bashing“ ) über das Zitat aus der FAZ, in dem Oliver Maria Schmitt die Definition Islands durch den isländischen Literaturnobelpreisträger „Theodor ( ? ) Laxness“ paraphrasiert. Wir aber finden, dass Bielefeld in Kombination mit der untergegangenen DDR eine gute und kühne Metapher ist für alles, was in der Welt nicht funktioniert, und verabreden uns für den Nachmittag in unserem Garten: Er wird mit seiner neuen elektrischen Heckenschere ( "HSA65 von Stihl!" ) unsere Hainbuchenhecke schneiden, und ich werde die Rosen und Sträucher schneiden und zum letzten Mal in diesem Jahr den Rasen mähen.
Auf dem Weg nach Hause denke ich: Während überall sonst in der Welt die 99% Flagge zeigen, nutzen die Bielefelder das gute Wetter zu all den Tätigkeiten, denen Leute nachgehen, die nix verstehen. Oder alles verstehen, jedoch wissen, dass die Dinge auch ohne sie ihren Lauf nehmen werden.
* Wer heute noch kein Gedicht zu sich genommen hat, kann dies hier probieren: bit.ly/pTt5o1
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Halldor Laxness. Alle seine auf deutsch erschienenen Bücher habe ich gern, manche begeistert gelesen. Vielleicht muss man als Landei ausgebrütet worden sein, um ihn genießen zu können.
Der Anfang seines Romans "Auf der Hauswiese": "Von Leuten, die es wissen müssen, habe ich erfahren, ich sei nicht im Holzhaus auf dem Grundstück bei Laugavegur 32 geboren, wo mich das Mädchen aus dem Fenster fallen ließ, sondern im Steinhaus dicht an der Straße, wo die Katze in die Wiege sprang und ihre Krallen in das Gesicht des Kindes grub, wofür diese Katze mit dem Tode bestraft wurde. Auch darf ich nicht versäumen, von anderen berühmten Ereignissen zu berichten. Zum Beispiel muß ich erwähnen, daß ich meiner Hebamme, Torborg Sveinsdottir, zu jener Zeit die tatkräftigste Frau Islands, am Tag meiner Geburt ins Gesicht pißte. Diese Frau ließ sich jedoch nicht aus der Fassung bringen und meinte lächelnd: " Er wird ein Ehrenmann in seinem Kirchspiel." |
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Ja, natürlich Halldor. Der ironische FAZ-Mann tut nur so, als kenne er den Vornamen des Isländers nicht.
Ich selbst habe Laxness, trotz meiner Kindheit auf dem Lande, nie gelesen. Dein Ausschnitt lässt mich vermuten, dass das ein Fehler war. Danke für den Kommentar und eine schöne Woche. |
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Richtig gern gelesen! Auch die von mir so geliebten Kleinigkeiten wie das "und zum letzten Mal in diesem Jahr Rasen mähen". Irgendwie ist da der neue Fühling schon drin, wie in allen Deinen Beiträgen, die ich aus diesem Grund so gerne mag! GLG
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Auch gerne gelesen! Un das mit den Arminen wird schon wieder! Irgendwann.:)
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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