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Vorhin im Supermarkt. Die Kassiererin schaltet das Mikrophon ein und sagt: „Herr Meier, zweite Kasse! Herr Meier, zweite Kasse!“ Nach zwei Minuten kommt Herr Meier, die Schlange an der ersten Kasse teilt sich. Ich gehe zu Herrn Meier und der sagt: „Wissen Sie schon, dass Guttenberg zurückgetreten ist? Eben gerade. Er ist am Ende seiner Kräfte, hat er gesagt.“ Ich bin perplex, erinnere mich aber an einen Witz, den ich gestern im Internet gelesen hatte, und sage: „Das ist ja zu Guttenberg, um wahr zu sein.“ Herr Meier schaut mich verständnislos an. „Gutti war doch ein guter Mann“, sagt er.
Hinter mir steht Prof. W., ein über die Stadtgrenzen hinaus bekannter Historiker, und sagt: „"Was wir in diesen Tagen erleben, ist, dass das Max Webersche Konzept charismatischer Herrschaft radikal dementiert wird. Vielleicht hat ja das aktuelle Paradigma der Pop-Kulturalisierung von Gesellschaft und Politik mehr Erklärungswert."
Aus der Schlange an der Nachbarkasse ruft ein Luhmann-Schüler: „Was die eigenen Entscheidungen angeht, so ist man oft extrem risikobereit: Man fährt Auto oder sogar Motorrad, man klettert auf Berge, man heiratet, simuliert eine wissenschaftliche Arbeit oder man tritt nicht zurück.“ Herr Meier korrigiert ihn: „Er ist eben zurückgetreten!“. Der Luhmann-Schüler nimmt das betrübt zur Kenntnis. „Wäre nicht nötig gewesen“, sagt er, „denn in funktional differenzierten Gesellschaften sind die Subsysteme Wissenschaft und Politik weitgehend autonom, ein Versagen hier müsste nicht notwendigerweise den Rücktritt dort zur Folge haben. Es könnte interessant sein, die Rolle der Massenmedien und deren Skandalisierung des Falles genauer zu untersuchen, denn was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien."
Vor dem Supermarkt treffe ich L., einen Intellektuellen, der nach einigen anderen erfolglosen Stationen, wo er zurückgetreten oder entlassen worden war, nun den ortsansässigen Fußballverein trainiert. Der hat schon vom Rücktritt Guttenbergs gehört und sagt: „Ich halte es mit Seume, der irgendwo sinngemäß gesagt hat: 'Wer seine Pflicht getan hat, darf sich am Ende, wenn ihn seine Kräfte verlassen, nicht schämen, abzutreten.' “
Ich bin enttäuscht. Herr Meier, Prof. W., der Luhmann-Schüler und unser Trainer – keiner freut sich. Ich gehe noch einmal zurück und kaufe eine Flasche guten Rotwein, um am Abend mit der Gattin anzustoßen. Und dazu werden wir dann von AC/DC "Highway to Hell" hören. Und Shakespeare zitieren: "Ich schätze seine völlige Abwesenheit sehr." Wer weiß, wie lange sie dauert.
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Klingt wie eine Glosse auf den 'Gutti-vs-Intellektuelle'-Hype der letzten Tage. Oder war's ein Alptraum? - Na, selbst wenn es ein wirkliches Erlebnis war, ich hab mich amüsiert!
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Danke, lieber Goedzak, für deinen freundlichen Kommentar. Herr Meier und Prof. W. sind (ziemlich) real. Der Luhmann-Schüler auch, aber am anderen Ort zu anderer Zeit. Glosse und Amüsement sind beabsichtigt.
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Hübsche Idee. Kassensturz an der Kasse. :-))
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dort würde ich gern einkaufen gehen. ich werde immer nur gefragt, ob ich einen "konsum-kuss" will. schöner text!
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.... die welt
ein super markt ;-)) kurzweil mit tiefgrund vielen dank! |
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Der Luhmann-Schüler brachte mich zum Nachdenken. Denn abgesehen davon, dass auch Guttenberg nur ein durchblutetes Gehirn ist, muss man auch noch ein drittes System ins Spiel bringen: die Moral. Ich weiß nur noch nicht an welcher Stelle. Wobei am Ende doch wieder alles nur nach dem Code Macht/keine Macht ablief. Guttenberg ist jetzt wohl erstmal ohne Macht.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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