koslowski

Was soll's?

05.02.2012 | 13:47

Schreiben, Erinnerung, Tod

Ihren Namen und erste Verse der Dichterin lernte ich im Bus von Breslau nach Krakau kennen, als die polnische Reiseleiterin aus Gedichten von Wislawa Szymborska rezitierte, die gerade den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte. Drei Verse blieben mir in Erinnerung, weil sie die Idee, dass das Schreiben dem Tod ein Schnippchen schlage, so einfach, so hoffnungsvoll und so selbstironisch in Worte fassten:

Freude am Schreiben.
Möglichkeit des Erhaltens.
Rache von sterblicher Hand.

 Einerseits sah die Szymborska die Möglichkeiten der Kunst mit altmodischer Emphase: Indem sie den glücklichen Augenblick ( bit.ly/xQ3gr4 ) festhält, schafft sie Gründe dafür, auf die Zukunft der Welt zu hoffen.

Vermeer

Solange diese Frau aus dem Rijksmuseum

in der gemalten Stille andächtig

die Milch aus dem Krug in die Schüssel

 

Tag für Tag umgießt,

verdient die Welt

kein Ende der Welt.

Andererseits wusste sie, dass  ihre Gedichte , sie hat 350 veröffentlicht, die Welt nicht retten würden:

An mein Gedicht

Im besten Fall

wirst du, mein Gedicht,

 aufmerksam gelesen, kommentiert und

in Erinnerung behalten.

 

Im schlechteren Fall

nur durchgelesen.

 

Die dritte Möglichkeit -

du wirst zwar geschrieben,

aber sofort in den Papierkorb geworfen.

 

Und einen vierten Ausweg hast du noch:

du verschwindest ungeschrieben

 und brummst zufrieden vor dich hin.

 

 

Als junge Dichterin schrieb sie Verse voller Trauer um den Tod Stalins. Später trat sie aus der kommunistischen Partei Polens ( PZPR) aus, und in den 80ern unterstützte sie Solidarnosz. Sie liebte Swift, Montaigne und Thomas Mann. In den letzten Jahren schaute sie gern Fernsehserien.

 

 Die Agenturen meldeten in dieser Woche, Wislawa Szymborska sei ruhig und im Schlaf gestorben. Vielleicht, dass ihre Gedichte noch eine Weile an sie erinnern.

 

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 05.02.2012 um 14:03
Danke für die kurze Erinnerung. Sehr interessant. Deinen Text habe ich gerne gelesen.
archinaut schrieb am 05.02.2012 um 17:24
Das letzte Gedicht lockt zum Weiterspinnen, freundlicher koslowski:
Was passiert mit einem Gedicht in der FreitagCommunity?
Brummt es ungelesen vor sich hin?
koslowski schrieb am 05.02.2012 um 20:03
Das wird wohl so sein. Zufrieden aber wäre es damit nur, wäre es ungeschrieben geblieben. Das unterscheidet Gedichte von Blogs und Poeten von Bloggern: Blogs und Blogger sind eitel. Deshalb streben sie, trotz absehbaren Scheiterns, ans Licht der Öffentlichkeit.
archinaut schrieb am 05.02.2012 um 22:28
"....deshalb streben sie, trotz absehbaren Scheiterns, ans Licht der Öffentlichkeit."
Wie aber scheitert
ein Gedicht?
koslowski schrieb am 05.02.2012 um 22:39
Nach Szymborska: Wenn es nur "durchgelesen" wird oder sein(e) Autor(in) seine Existenz vorzeitig beendet. Jedenfalls scheitert es nicht, wenn der Autor/die Autorin scheitert, ihm eine Sprache und eine Form zu geben.
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