koslowski

Was soll's?

28.01.2012 | 18:00

Über ein Gedicht von H.O. aus B.

 

Ich mag Kaffee, ich mag Gedichte, und ich mag es, beim Kaffee Gedichte zu lesen. Der Dichter H.O. aus B., der seinen Lebensunterhalt tagsüber als Creative Director einer Werbeagentur verdient, schreibt seine Gedichte nachts und braucht viel Kaffee, um die passenden Bilder, Rhythmen und ( gelegentlich) Reime zu finden.

 Neulich las er neue Gedichte in der Stadtbücherei von S., darunter dieses:

Maxwell*

Der Mann, der morgens Kaffee macht.
Der sein Glas aufschraubt und zu den
Instant-Körnern sagt:

Jungs, es wird ein heißer Tag heute.
Einige von euch werden nicht
zurückkommen.

So könnte eigentlich ein guter
Amoklauf beginnen.


Der Mann, der morgens Kaffee macht.
Der sein Glas zuschraubt und zu den
Instant-Körnern sagt:

Ruhig, Jungs.
Ihr kommt auch noch dran.
Einer nach dem andern.
 

B., die keine Gedichte mag, äußerte später in der „Zwiebel“ ihr Missfallen über dieses Gedicht: Es habe zwar einigen Witz und sei handwerklich gut gemacht, sei aber in seiner Aussage ebenso trivial wie sein Gegenstand. Löslicher Kaffee sei eben kein Thema für ein gutes Gedicht, allenfalls für einen Dichter der Spitzenklasse. Zu der gehöre der gute H.O. nun mal nicht.

 N. widersprach ihr energisch. „Maxwell“, behauptete er, „ist mehr als Handwerk, es ist Kunst, denn es gelingt dem Dichter, einen alltäglichen Vorgang so zu beschreiben, dass wir in ihm unsere Gegenwart erkennen. Maxwell handelt von unserer Einsamkeit, von unserer Suche nach Glück in industriell gefertigten Suchtmitteln und nicht zuletzt von unserer Bereitschaft zur Gewalt. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage: Maxwell ist eine Parabel auf die Krise menschlicher Existenz im globalisierten Kapitalismus zu Beginn des 21.Jahrhunderts.“ N. schaute uns süffisant an und griff demonstrativ zum Bierglas

 „Moment“, sagte ich, „steile These, und Kapitalismuskritik kommt immer gut. Aber wo findest du die im Text? Ich lese da nur was von einem Mann, der zu seinen Kaffeekörnern redet.“

 N. war amüsiert. „Lies mal die beiden Verse, die die Achse des Textes sind. Hier schaltet sich der Sprecher im Gedicht ein, unterbricht die Beschreibung der morgendlichen Kaffeeroutine und lenkt die Perzeption des Lesers, indem er die Worte des Mannes in einen neuen Kontext stellt: „Amoklauf“ ist der Schlüsselbegriff, den er durch das paradoxe Attribut „guter“ besonders hervorhebt. Der Begriff assoziiert sinnlose Gewalt eines gestörten Täters gegen Menschen, die er eher zufällig zu seinen Opfern macht. Und die kapitalismuskritische Absicht ergibt sich aus dem Kontext, in dem das Gedicht entstanden ist: unserer Gegenwart, in der die strukturelle Gewalt des herrschenden politisch-ökonomischen Machtsystems die Menschen deformiert. Der idealtypische Mann im Gedicht sublimiert seine Gewaltbereitschaft, indem er sie gegen die Kaffeekörner der Marke Maxwell richtet. Unser H.O. hat seine Botschaft raffiniert chiffriert, aber für den kundigen Hermeneuten liegt sie offen zu Tage.“

B. winkte resigniert ab. Ich fragte den Mann hinter der Theke, was er von N.‘s Lesart halte. Aber der traute sich kein Urteil zu, Gedichte habe er schon in der Schule nicht gekonnt, und fragte, ob wir nicht Lust auf einen Latte Macchiato hätten. Der übertreffe jeden Körnerkaffee um Längen.

 Der Vorschlag war clever, und so beendeten wir unseren Disput über Maxwell mit einem Kaffee von gerösteten Bohnen mit viel, viel Milch.

 Erst später zuhause fiel mir auf, dass N. mit seinem wachen kritischen Bewusstsein nichts gegen den Genuss eines Getränks einzuwenden hatte, das „als Symbol und begleitendes Getränk von Gentryfizierungsprozessen( Wikipedia ) gilt.

 Soviel zu den Tücken eines Gedichts von H.O. aus B. und unseres progressiven Alltags.

 * aus: Hellmuth Opitz, Die Dunkelheit knistert wie Kandis. Bielefeld 2011

 

 
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Kommentare
archinaut schrieb am 28.01.2012 um 18:24
Super!
Nicht zu viel Schaum,
genug Koffein ;-))
born2bmild schrieb am 28.01.2012 um 23:27
Jetzt schreiben sie alle
einen ziemlich flotten Stil,
knallhart, anbetungswürdig banal,
mit ein paar eingestreuten surrealistischen
Tatsachen, ein paar Kleinigkeiten
in Lebensgröße und, ohne viel Worte,
jede Menge Übertreibungen.

Hauptsache,
es klingt nicht besser als die Zeitung
und du verstehst, was ich meine.
Das ist augenblicklich modern:
die Oberfläche,
das Unterhemd,
das Innenleben der Muskeln ...

(Der Anfang von W. Wondratscheks "Männer und Frauen")

Ein guter Amoklauf:
Instant Navy Seals
oder
schnelllösliche KSK.
Coffin free delivery.
poor on ruhr schrieb am 29.01.2012 um 19:12
Was heißt denn Perzeption?

Ich weiss , man könnte das auch im Internet unter wikipedia rausbekommen, aber ich will auch nicht so tun als ob ich das verstanden hätte.

Ansonsten gutes interessantes Blog. Gerne gelesen.

Liebe Grüße

por
koslowski schrieb am 29.01.2012 um 20:53
Entschuldige, por. Deine Frage habe ich aus Versehen im Katsche-Blog beantwortet. Der N. dort ist einfach ein arroganter Heini - "Wahrnehmung" hätt's auch getan.
Für dich eine gute Woche!
poor on ruhr schrieb am 30.01.2012 um 20:09
@koslowski

Alles o.k, ist doch nichts passiert. Danke, dass Du an meine Frage gedacht hast. Vielleicht ist es auch manchmal ein bicßchen Müßiggang von mir , nicht direkt im Internet zu recherchieren, aber selbst das werfe ich mir noch nicht einmal vor. ;O)

Liebe Grüße

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