koslowski

Was soll's?

07.10.2010 | 09:27

Willy war mein Held

Willy mochte ich zunächst nur deshalb, weil die Menschen in meiner Umgebung ihn hassten: Ein uneheliches Kind, linksradikal, verpisste sich, als es ernst wurde, in die Emigration, war nun leider zurückgekommen und regierte mit seinen Sozis Berlin, wenn er nicht gerade Weinbrand trank und Journalistinnen vernaschte. „Ein Plebejer will an die Macht“, sagte mein Lateinlehrer, „das hatten wir schon in Deutschland und die Folgen sind bekannt, siehe 1945“.

Willy wurde mein Held, als er in den späten 60ern erst Außenminister und dann Kanzler wurde. „Mehr Demokratie wagen“, neue Ostpolitik – also ab in die SPD mit Mitgliedsbuch, pünktlichen Hausbesuchen vom Kassierer des Ortsvereins und Wahl zum Schriftführer („Der Genosse studiert. Der kann das!“).

Ziemliches Entsetzen bei linksradikalen Freunden ( „Koslowski ist zu den Sozialfaschisten übergelaufen“ ), bei Eltern, Ausbildern und Schuldirektoren ( „Denken Sie daran, Koslowski: Nazis und Sozis kommen aus derselben sozialistischen Sippe!“ ).

Willys Lack splitterte, als seine Regierung den „Radikalenerlass“ erfand. Dann stürzten die Stasi und Onkel Herbert meinen Helden. Eine Zeitlang vermisste ich ihn. Irgendwann merkte ich, dass es auch ohne ihn ging.

Später, 1989, sah ich im Fernsehen, wie er mit Kohl in Berlin die Nationalhymne sang. Seine Witwe, heute FrauKopper, erzählt, in seinen letzten Jahren habe er am liebsten, auf dem Sofa liegend, WDR4 („Schönes bleibt“) gehört.

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 07.10.2010 um 15:15
Ja, der Willy. Hatte ja in Erfurt bspw. auch seine Fans. Aber Kniefall und so, das war schon originell. Wie originell, das war mir DDRler damals gar nicht bewusst. Ich meine, dass er das trotz all der "Eltern, Ausbilder und Schuldirektoren" zu Hause einfach gemacht hat...

Apropos "Eltern, Ausbilder und Schuldirektoren", die waren wohl bei Nazis alle im Widerstand?
weinsztein schrieb am 07.10.2010 um 16:26
Nicht nur "Eltern, Ausbilder und Schuldirektoren", auch die Juristen, Polizisten der Nachkriegszeit - sie alle blickten stolz auf ihre Vergangenheit als antifaschistische Widerstandskämpfer zurück. Tolle Zeit war das damals.
poor on ruhr schrieb am 07.10.2010 um 18:52
@koslowski
Viva Willy ! Er ist nicht mehr!

Ich liebe ihn sehr!

Es gab Übertriebungen und einen Willy Brandt-Kult, aber wenn ich mir die Pfeifen ansehe, die heute dran sind, scheint er fast eine gewissen Berechtigu gehabt zu haben. ;)

Herzliche Grüße

poor on ruhr
koslowski
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