koslowski

Was soll's?

22.01.2011 | 22:28

Wochenende mit Freunden und Rio Reiser

   Einige unserer ganz alten Freunde kennen wir  seit Ende der 60er Jahre, als wir tief im Westen der alten Bundesrepublik studierten. Zu ihnen gehören auch D. und P.. Ich lernte sie im Umfeld meiner späteren Frau kennen . Zunächst hielt ich sie für potentielle Rivalen, bis ich nach einiger Zeit merkte, dass sie schwul waren und ein Paar. Sie waren die ersten Homosexuellen, die ich kannte, und von ihnen, die sich beide in einer schwulen Hochschulgruppe engagierten, erfuhr ich viel über das Leben. Durch sie lernte ich auch eine andere Musik kennen: TonSteineScherben und Rio Reiser. Keine Fete in den 70er und 80er Jahren, auf denen sie nicht irgendwann eine Platte von ihnen auflegten.

   Mit P. frühstücken wir seit einigen Jahren jeden Samstag bei uns. Am letzten Wochenende eröffnete uns P., dass er sich dafür entschiede habe, seinen vorzeitigen Übergang in den Ruhestand aktiv zu betreiben. Er könne nicht mehr, sei immerzu müde und habe Angst davor, in die Schule zurückzukehren. Sein Hausarzt und der ihn behandelnde Psychologe hätten ihm zugesagt, ihn dabei zu unterstützen.

Seine Mitteilung überraschte uns nicht. P. war seit Anfang Dezember krankgeschrieben, und seit meiner Pensionierung zu Beginn des Jahres hatte er immer wieder einmal davon gesprochen, wie sehr er mich beneide. Er führte seine Probleme auf „Burnout“ zurück, meine Frau aber hatte eine andere Theorie: „P. hält seine monogame Existenz nicht aus, zu der ihn seine eingetragene Partnerschaft mit R. zwingt.“

An diesem Samstag überraschte uns P. mit einer anderen Mitteilung: „Ich denke wieder häufig an D..Ich hätte mich nicht von ihm trennen dürfen. Seither habe ich Probleme mit meinem Leben.“ Wir schwiegen. Die Trennung der beiden Anfang der 90er Jahre war dramatisch gewesen, und wir hatten den Eindruck, dass D. damals das arme Schwein gewesen war, denn der hatte viel Zeit gebraucht, sich in seinem Leben ohne P. zurechtzufinden.

Am späten Abend schaute ich mir bei youtube Filme mit Musik von Rio Reiser an. Besonders gefiel mir ein Clip, in dem Rio Reiser das Lied Für immer und dich aus den späten 80er Jahren singt, von dem P. und D. sagten, dass es das Coming-out des Sängers gewesen sei und dass sie es sehr mochten. Im Refrain heißt es:

Für Dich und immer für Dich.
Egal, wie du mich nennst, egal wo du heut pennst.
Ich hab so oft für Dich gelogen und ich bieg den Regenbogen.
Für Dich und immer für Dich.
Für immer und Dich.

   Am Sonntag fuhren wir nach M., um mit D. über die Misere seines alten Freundes zu reden, und trafen uns am Nachmittag mit ihm in einem Cafe der Innenstadt. D. ist Jurist, der in seinem Beruf nie glücklich war. Als er Jahre nach der Trennung von P. eine Erbschaft machte, stieg er aus und lebt seitdem ein bescheidenes Leben, das er aus seinem Vermögen finanzieren kann. D. erzählte ausführlich und bester Laune über seine letzter Expedition in die Szene und sagte irgendwann einmal beiläufig: „An P. denke ich jetzt nicht mehr. Das ist vorbei. Mein Leben gefällt mir so, wie es ist.“  Wir wagten dann nicht mehr, mit ihm über P. zu reden.

   Am Abend auf der Rückfahrt hörten wir im Autoradio die Meldung, dass die sterblichen Überreste Rio Reisers nach Berlin überführt werden sollen. Die Erben, hieß es, können sich den Unterhalt der Gedenkstätte in Fresenhagen nicht mehr leisten.

Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei,
du warst hier und wir war'n frei
und die Morgensonne schien.
Es gab keine Angst und nichts zu verlieren.
Es war Friede bei den Menschen und unter den Tieren.
Das war das Paradies.

Der Traum ist aus! Der Traum ist aus!
Aber ich werde alles geben, daß er Wirklichkeit wird.
Aber Ich werde alles geben , daß er Wirklichkeit wird.

 
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Kommentare
mcmac schrieb am 22.01.2011 um 22:53
Waaaas???
-Ich dachte, dass Ralph-Rio mindestens weiter unter seinem Apfelbaum liegen darf...

Das gewesene Land der Dichter und der Denker verkommt zum Land der Richter und der Henker (fiel mir gerade so bei; kann aber auch aus dem Bio-Cache stammen...).

Ick kann jar nich' so ville fressen, wie ick kotzen möchte>

Sarah Rudolph schrieb am 22.01.2011 um 22:54
Manchmal hat das Leben ein seltsames Timing.

Deine Blogs machen mich immer so melancholisch...

Liebe Grüße
Sarah
KalleWirsch schrieb am 23.01.2011 um 00:22
Ich weiß, dass es oben das Video dazu gibt, aber eine Textzeile aus Zauberland muss ich dazu schreiben, weil sie mir so gut auf D. und P. zu treffen scheint:

Zauberland ist abgebrand und brennt noch lichterloh.

Keine Ahnung wie oft ich dabei geheult hab. Rio ist der Größte.
mcmac schrieb am 23.01.2011 um 01:19
.. und jetzt aber -Tränen weggewischt- und mal wieder anders weinend...

mcmac schrieb am 23.01.2011 um 01:39
Ach, diese Ost-Pocken, sentimentales & vergangenes Stör-Pack.
Richtig blöd ist auch, dass diese Zuppen sämtliche Stilistiken offensichtlich auch beherrschten, wie es ihnen gerade in den Kram passte...

Da stimmt doch was..., nicht?
Sarah Rudolph schrieb am 23.01.2011 um 11:23
Ich sentimentales Ding kriege schon Gänsehaut, wenn ich Tamara sprechen höre und dann dieser Rio...

unfassbar, dass sie beide nicht mehr da sind.
Lee Berthine schrieb am 23.01.2011 um 11:44
"Die Erben, hieß es, können sich den Unterhalt der Gedenkstätte in Fresenhagen nicht mehr leisten."

Mh, dann macht der Rio wieder eine Reise.
In Berlin werden sich dann wohl hoffentlich Geldgeber finden?
Oder finden sich welche, die ihm zu friedlichem Ruhen auf dem Lande verhelfen.?

Im Leben herrscht das Chaos - und Ruhe gibts genug nach dem Tod.
(ist übrigens von Grönemeyer)
Doris Brandt schrieb am 24.01.2011 um 11:42
Ein wirklich schöner Beitrag. Das Fresenhagen nicht mehr als Gedenk-, Kultur- und Wirkungsstätte gehalten werden kann, finde ich sehr schade. Dass daraus noch eine Umbettung erfolgt, noch schader....Die Musik und Texte von Rio Reiser bewegen. Auch wenn keiner an das Original herankommt, habe ich letzten Januar ein sehr schönes Konzert "Jan Plewka singt Rio Reiser" besucht: jan-plewka.com/konzerte.html (ist aktuelle wieder auf Tour), gegen das R. wahrscheinlich auch nichts gehabt hätte. Gruß
koslowski schrieb am 24.01.2011 um 14:20
Ich danke allen für's Lesen und Kommentieren und mcmac für die Links (mein technischer Sachverstand reicht dafür leider nicht).
@leelah: Kopf hoch - ein wenig Melancholie dürfen wir uns leisten, danach wird dann wieder in die Hände gespuckt...
@Doris Brandt: Jan Plewka war im letzten Jahr in meiner Stadt - ein tolles Konzert, sehr zu empfehlen.
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