koslowski

Was soll's?

14.02.2012 | 12:29

Wunderlicher Morgen

Gegen 7 Uhr ein schriller Schrei: „Im Garten liegt ein totes Tier. Tu was!“ Ich stehe auf, ziehe mich an, gehe in den Garten und finde im Schnee eine tote Amsel. Keine Anzeichen von äußerer Gewaltanwendung. Vielleicht gegen das Fenster im Wohnzimmer geflogen und dann sterbend oder schon tot auf den Rasen geschleudert.

Bei  Kaffee und erster Zigarette lese ich im Feuilleton der SZ den Satz: „Zwar riecht das Buch intensiv nach Bielefeld, doch gewinnt Marmulla im Fortgang seiner Geschichte durchaus an Statur.“ Das ärgert mich. Wieder ein Autor, der Bielefeld als Chiffre für alles benutzt, was zwar zu existieren scheint, aber irgendwie belanglos ist. Ich lese weiter und erfahre, dass der Rezensent vor allem dies für den Odeur Bielefelds hält: Positivismus, methodische Strenge und das „Fehlen jeglichen Humors“. Lächerlich! Da hört der Spaß doch auf!

Ich frage Frau N. im Kiosk und Frau B. in der Bäckerei, wie Bielefeld riecht. Sie sagen, in der Hinsicht sei ihnen bislang nichts aufgefallen. Frau N. erzählt mir, dass sie heute Morgen ihrem Zeitungsboten begegnet sei, einem jungen Mann in Frauenkleidern und mit geschminkten Lippen. Wem man heutzutage um 5 Uhr auf seinem Grundstück alles begegne! Frau B. erinnert mich daran, dass heute Valentinstag sei, und überredet mich, einen kleinen Kuchen in Herzform mit Erdbeeren und Kiwis zu kaufen. Sie sagt: „Ihre Frau wird begeistert sein und Ihre Aufmerksamkeit loben.“

So kommt es. Die Gattin sagt: „Ich kann mich nicht erinnern, dass du mir mal was zum Valentinstag geschenkt hast. Was ist los?“ Ich beruhige sie und darf zur Belohnung während des Frühstücks Zeitung lesen.

Die neue Kolumne von Götz Aly in der FR: „Unsere Neodemokraten“( bit.ly/ywQFXv ). Er kommentiert ironisch die Antwort der Bundesregierung auf eine Große Anfrage der Fraktion DIE LINKE zum „Umgang mit der NS-Vergangenheit“. Ich erfahre, dass die SED die erste deutsche Partei gewesen sei, die sich nach 1945 ehemaligen Mitgliedern der NSDAP geöffnet habe und „nationale Sozialisten in volksdemokratische wandelte“, und dass von den acht ehemaligen Nazis im Kabinett Kiesinger/Brandt vier Sozialdemokraten gewesen seien. Typisch Aly, denke ich, mit seiner Macke vom „nationalen Sozialismus“!

Am Schluss der Kolumne dann eine überraschende Wende. Aly konstatiert, dass der riskante Versuch im Westen, die „Generation Sieg-Heil“ in den demokratischen Staat zu integrieren, erfolgreich gewesen sei, und bedauert, dass „wir“ diese Erfahrung nach 1990 nicht genutzt hätten: „…gemessen an NS-Deutschland sind die Untaten der DDR und auch der Stasi klein.“  Am Ende plädiert der Autor, den Blogger und Leserbriefschreiber zuletzt als einen linken Renegaten und neoliberalen Mythologen bezeichneten, für mehr Verständnis für die ehemaligen DDR-Bürger: „Normale Deutsche, die es schwerer hatten als die im Westen, die sich an ein halbwegs glückliches Leben im Osten erinnern, über die Vorzüge der Wiedervereinigung und Freiheit freuen – und noch mehr freuen würden, wenn über unterschiedliche Lebenswege interessiert gesprochen statt rechthaberisch geurteilt würde.“

So viel Empathie für die Ossies? Irgendwo muss doch in Alys Kolumne der provokatorische Pferdefuß sein. Der liegt  in der Bezeichnung der DDR-Bürger als  „normale Deutsche“, denn „normal“ war es nach Aly, vor 1945 zu jenen „vielen Zehnmillionen Deutsche(n)“ zu gehören, „die Hitler stützten, ohne selbst zu morden…“.

Wunderlicher Morgen, denke ich, als ich nach dem Frühstück die tote Amsel im Wald entsorge.

 

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 14.02.2012 um 12:38
Ist Aly jetzt auch schon so ein Allgemein-Weiser, den se zu allem sich verlautbaren lassen? Wie er mir gerade über'n Kopp gestreichelt hat - Wahnsinn!

Du hast die Amsel 'entsorgt', nicht 'bestattet'?!! Und das am V-Tag...
wwalkie schrieb am 14.02.2012 um 14:17
Kein Dienstag ohne die Alyschen Provokatiönchen. Jetzt wärmt er die These von der Integration durch Beschweigen auf. Nazis seien Neodemokraten geworden. Neodemokraten wie der Lüneberger Staatsantwalt Ottersbach, der in den auf das KPD-Verbot folgenden Prozessen durch besonders hohe Strafanträge gegen Kommunisten auffiel und sein Amt 1965 wegen seiner früheren Tätigkeit als Ankläger am Sondergericht Kattowitz aufgeben musste. Der Generalbundesanwalt Immerwahr (welcher Name in diesem Kontext!) war schon wenige Monate nach seiner Ernennung 1962 suspendiert worden, weil er an der Beantragung von circa 50 Todesurteilen gegen "Politische" beteiligt gewesen sein soll. Etc. Etc. (vergl. A. von Brüneck, Politische Justiz).

Wenn diese nach Aly eigentlich "linken" Postnazis demokratisch integriert wurden (und dies unter anderem durch Kommunistenverfolgung beweisen durften, was sie schließlich gelernt hatten), sollte dies nach der seiner Identitätstheorie doch auch für die ehemaligen Kommunisten gelten. Zumal diese auch noch als "normale Deutsche "geadelt werden. Ich fürchte nur, dass dies für die "normalen Deutschen", die uns sagen, was wir denken sollen, doch etwas zu weit geht.
poor on ruhr schrieb am 14.02.2012 um 21:56
Die arme Amsel. :O(
archinaut schrieb am 15.02.2012 um 03:41
Ja, so riecht Bielefeld:
Die Gattin sagt: „Ich kann mich nicht erinnern, dass du mir mal was zum Valentinstag geschenkt hast. Was ist los?“ Ich beruhige sie und darf zur Belohnung während des Frühstücks Zeitung lesen.

Herrlich humorlos.... Bielefeld ist überall
(humorlos ist ironisch gemeint,
aber ich setze jetzt mal kein Emoticon)
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