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Der Antisemitismus sei der "Sozialismus der dummen Kerls", so ein bekanntes (wenn auch nicht belegetes) Zitat von August Bebel. Was die Frage aufwirft, was seitdem alles schief gelaufen sein muss, dass inzwischen der Hass auf Israel, der einzigen jüdischen Nation weltweit, offenbar für viel zu viele zum linken Selbstverständnis geworden ist. Dass man sich als Linker kritisch mit linken Antisemitismus auseinandersetzt, ist ein recht junges Phänomen und wird von einem Großteil der Linken in der Regel immer noch mit offener Feindseligkeit begegnet, die sich oft bis zu Wahnvorstellungen über eine "antideutsche" Verschwörung zur Zerstörung der Linken steigert (wobei es vollkommen nebensächlich ist, ob der enttarnte Doppelagent sich tatsächlich selbst als "antideutsch" versteht, oder nicht). Umso erstaunlicher ist es, das bereits 1969 mit Jean Améry sich jemand, der sich "auf weiten Strecken" mit der radikalen Linken "verbunden" wusste, in seinem Aufastz "Der ehrbare Antisemitismus" an eine Kritik des linken Antisemitismus gewagt hatte. Und tatsächlich hätte besagter Text auch aus diesen Tagen stammen können, Amérys Analyse des linken Antisemitismus ist (leider) auch 43 Jahre später nocht aktuell. Dank Amérys Sprache und seiner intellektuellen Schärfe dürfte dies einer der besten Texte sein, die bisher jemals zu dieser Problematik verfasst worden sind. Amérys Apell am Ende seines Aufsatzes ist es sogar wert hier gesondert herausgestellt zu werden:
>>Der Augenblick einer Revision und neuen geistigen Selbstbestreitung der Linken ist gekommen; denn sie ist es, die dem Antisemitismus eine ehrlose dialektische Ehrbarkeit zurückgibt. Die Allianz des antisemitischen Spießer-Stammtisches mit den Barrikaden ist wider die Natur, Sünde wider den Geist, um in der vom Thema erzwungenen Terminologie zu bleiben. Leute wie der polnische General Moczar können sich die Umfälschung des kruden Antisemitismus zum aktuellen Anti-Israelismus gestatten: Die Linke muß redlicher sein. Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus. Wie sagte Sartre vor Jahr und Tag in seinen "Überlegungen zur Judenfrage": "Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden."<<
Jean Améry: Der ehrbare Antisemitismus
Wem Jean Améry kein Begriff ist, dem empfehle ich diesen Nachruf zu lesen.
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Jean Améry in Ehren, und Arendts "Rahel Varnhagen" könnte man auch lesen, die Distanz der Autorin zum Zionismus ebenfalls verstehen, thematisieren. Zielführender wäre die aktuelle Entwicklung, die Perspektive.
"Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" und wer nicht kritiklos jeglichem Handeln Israels Absolution erteilt ist Antisemit; mindestens. Der Holocaust wird in den Niederungen impliziter Verunglimpfungen und Diskreditierungen instrumentalisiert. Godwins Law in jeglicher Variation ist nicht nur auf der Stammtischebene das Credo dumpfer Kampfrhetorik. Die zunehmend weltweite Isolation dieser israelischen Politik einschließlich seiner aktuellen Regierung absolut ignorierend, die Reihen nur noch mit der Tea-Party und anderen, erkennbar obskuren Gestalten, eher rechten Parteien, Grüppchen, Blogs etc. schließend; dafür wird eine ernsthafte, mit vollem Recht als nicht zu leugnende, unter staatlichem Schutz stehende historische Wahrheit in den Niederungen persönlicher Auseinandersetzungen pervertiert, pulverisiert. Meiner (westdeutschen, zugegeben auch 68er) Sozialisation, in der ich die Ernsthaftigkeit der historischen Dimension gelernt und - zumindest meiner Meinung nach - auch verstanden habe, spricht diese schon sektenähnliche, manchmal auch entertainerhafte Behandlung des Themas (anderen gegenüber oft die allumfassende Zuschreibung niederer Eigenschaften) als lediglich rhetorisches Kampfvokabular absolut Hohn. Und eben genau aus dieser Perspektive, die Avi Primor in dem kürzlichen SZ-Interview benennt. Obskure Gestalten und Gruppen am rechten Rand Arm in Arm mit denen, deren historischer Opferstatus nicht verhindern kann, partiell zumindest zum Täter zu werden. Insofern und gar ein Vorteil der globalisierten, informierten Welt ist die simple Tatsache, dass die weit überwiegende Mehrheit der Menschen, der Staaten dies erkennt, zu differenzieren vermag. |
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"Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus"
Das unterstellt ja, dass jede, offenbar damals wie heute, schärfer formulierte Kritik an Israel eben nur ein verkappter Antisemitismus sei. Die Linke, um nicht jede Vergewisserung ihrer selbst aufzugeben, musste sich zwangsläufig "die Juden" als Verkörperung einer neuen Unterdrückermacht im Nahen Osten erwählen, da sich als augenscheinlichstes Merkmal, v.a. ob der militärischen Gewalt Israels, eine Assymetrie in den Machtverhältnissen gegenüber den Arabern aufzwang. Aber Améry schreibt: "Ich weiss so gut wie irgendwer und jedermann, daß Israel objektiv die unerfreuliche Rolle der Besatzungsmacht trägt. Alles zu justifizieren, was die diversen Regierungen Israels unternehmen, fällt mir nicht ein." Israel sei gezwungenermaßen Besatzer - mit allen damit verbundenen Erscheinungen. Wohlgemerkt: Es ist nicht einfach Besatzer, sondern es trage die "unerfreuliche Rolle" eines solchen! Was Améry versäumt, ist, vorzuschlagen, wie eine ehrbare Israel-Kritik für eine Linke aussehen könne. Er stiehlt sich gar aus einer solchen Erörterung heraus: Er war nie in Israel, spricht die Sprache nicht, die Kultur und Religion sei ihm fremd. Für eine Linke, zumal eine radikale, der sich, wie er bekennt, Améry selbst verbunden fühlt(e,) ist es aber ein Grundmerkmal, Besatzung und Vertreibung anzugreifen. Wenn er den Stimmungswandel in der Linken, vom Feiern der Pionierzeit Israels mit Kibbuz usw. zum offenen Angreifen der Besatzungsmacht und "Brückenkopfes des Imperialismus" als bloße Alibiveranstaltung der Linken geißelt, welche allein die Konstante eines latent ohnehin vorhandenen Antisemitismus in Europa zu bedienen wisse (und wolle), kann man ihn aber auch fragen: Wenn der Linke dem Antisemitismus eine "ehrlose dialektische Ehrbarkeit" zurückgibt - wie kann der Linke sich formulieren, ohne den Antisemitismus zu Ehren kommen zu lassen? Denn Améry behauptet, dass sich jeder Vorwurf der Linken gegenüber Israel letzen Endes auf die hinlänglichst bekannten Pauschalurteile über "den Juden" schlechthin reduzieren lasse. Wenn es seitens Linker ein Gedöns vom 'weltbeherrschenden und Finanzjuden' gegeben hat - das Zitieren einzelner reicht da nicht hin -, wäre die Forderung nach einer "Selbstbestreitung" der Linken sicher richtig. So, wie wir es auch heute kennen, macht Améry aber nicht viel mehr, als zu behaupten. Mit der allzu simplen Frontaufstellung 'vom Westen gehätschelte Militärmacht Israel' auf der einen und 'vertriebene, verarmte und von der Welt vernachlässigte Palästinenser' auf der anderen Seite, geht es freilich nicht. Freilich muss sich eine Linke hinterfragen, ob sie sich nicht reflexhaften Automatismen hingibt. Ich persönlich etwa bin aber wirklich ratlos, wie ich meiner Wut, und ja, auf die bestehe ich auch, gegenüber Israel Ausdruck geben kann, um mich nicht dem Verdacht zumindest latenten Antisemitismus auszusetzen. |
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Besser Realität, die UN und was aktuell geschied, - nicht so viel blabla.
In Sarajevo hatten wir auch keine Probleme gehabt bis irgendwelche Klugscheisser herumgequasselt hatten. Da haben wir (auch heute noch!!!) auf einem Quadratkilometer Moschee, Christliche und Jüdische Häuser und alle finden das toll. Seit Ihr hier in Deutschland auf einem anderen Planeten? |
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Wir hier in Deutschland sind vielleicht nicht auf einem anderen Planeten, aber pflegen eine gewisse Tradition im "Klugscheißen"; es gibt immer viel "blabla". :-)
Sind Sie aktuell in Sarajevo? |
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Nein, bin jetzt hier in Duisburg zu hause, - aber immer wieder sehr gern in dem was von "Heimat" übrig geblieben ist...Unser Land ist jetzt auch kaputt, gespalten, weil "Consultants" da ihr Unwesen treiben? Bitte hier nichts fragen sonst vergesse ich meine gute Ausbildung und werde politisch "unkorrekt".
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@ le sceptique & f.
Ich wiederhole mich zwar ungern, aber wenn andere es tun dann muß es eben sein: Améry hat den Begriff des „ehrbaren Antisemitismus“ nicht als theoretische Kategorie der politischen Analyse, sondern als – und ich meine das nicht negativ – polemischen Kampfbegriff in eine öffentliche Debatte geworfen, die sich aus einem aktuellen Gemenge, wie weltweite Studentenbewegung, 6-Tage-Krieg und der ewigen Sonderstellung Deutschlands nach dem Kriege speiste, um vor etwas zu warnen, dem sicher einige – dann vormals – Linke erlegen sind, aber dann ernsthaft nicht „ehrbarer“ Antisemitismus mehr genannt werden könnte, denn soewas gibt es ernsthaft nicht, für DIE LINKE insgesamt geltend schon gar nicht. Daraus jetzt eine Fundamentalanlyse über die letzten 40 Jahre auch nur deutscher Politikgeschichte auf der linken generieren zu wollen und die Argumentation Amérys, dass es eben keinen<7b> ehrbaren = linken Antisemitismus gäbe als Beweis für dessen Existenz zu nehmen, hat in diesem Forum schon einmal jemand versucht . Auf der Ebene agitierte die rechte Presse bis Springer schon immer. Der amérysche Gedanke ist im übrigen die genaue Reformulierung von Ihnen zitierten. Bebel zugeschriebenen Satzes: Ein Sozialismus der dummen Kerls ist nämlich kein Sozialismus, sondern Antisemitismus, ergo kann Antisemitismus nicht links sein. |
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Das Banale an der gesamten Entstehungsgeschichte vieler Konflikte wird am Ende ihrer Historie auch noch deutlich verkannt. Nicht diejenigen, die sich miteinander verstreiten, sind diejenigen, die den Streit herbeigeführt haben. Bei Marx gibt es den klugen Satz, dass sich die Menschen (oder die Menschheit, was weiß ich - ist in diesem Falle wohl das Gleiche ... ) immer nur die Fragen stellt, deren Antworten auch gegeben sind. Wenn man es zur Genüge und mit der nötigen Gelassenheit überdenkt, dann ist er im Recht und Zweifel sind unwissenschaftlich, dröge und nur Politik. Doch leider stellt sich heraus, dass alle Antworten und Aussagen überformt werden. Niemals erhält jemals einer oder eine eine klare Information zu dem, was im Weltgeschehen tatsächlich geschieht.
Mein aktuelles Lieblingsbeispiel ist der Geburtstagsbrief der Vorsitzenden der Linken an Fidel Castro. Selbstverständlich hat eine sozialistische Partei das Recht, an Castro und damit an die Republik von Che Guevara Grüße zu verschicken. Wenn eine linke Partei sozialistisch orientiert ist, dann tut sie das. Im Gegenteil halten sich andere Leute von anderen Parteien sich nicht damit auf, Barack Obama für sein KZ in Guantanamo unter Bann zu stellen. Heute gilt sogar der Angriff auf die Twintowers als größter anzunehmender terroristischer Anschlag. Selbstverständlich sollte in Washington und New York in jedem Jahr zuerst der Atombombenanschläge auf Hiroschima und Nagasaki gedacht werden. Es war die Regierung der USA, die den Befehl zu diesem Massenmord gab. Auf jeden Fall müssen diese Bombenabwürfe als Terrorakte gewertet werden. Nun kommen wir auf den Punkt: Bei der These des ehrbaren Antisemitismus geht es nicht darum, wer früher Pappe, Segev oder Zuckermann gelesen hat. Sondern beide Seiten des Streits haben sich nun endlich davon abzuwenden, dass es hier um einen Streit geht, bei dem man die eine oder die andere Partei ergreift. Das ist kein Spiel, in dem man sich für Blau oder Rot entscheidet. Die Wahl muss auf beide Akteure fallen, das ist der Punkt. Mehr brauchts dazu eigentlich nicht. |
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Sehr guter Kommentar!
Tatsächlich ist da wohl was dran, dass "wir" den Israel-Palästina-Konflikt auch für eigene Rechthabereien benutzen. Und so ist auch wahr, dass es häufig äußere Interessen sind, die potentielle Konfliktherde erst zu "heißen" Konflikten werden lassen. |
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Btw.
In einem anderen Beitrag hier von Lutz Herden zur gleichen Thematik, äußert sich der hiesige, erst seit einigen Tagen angemeldete Blogbetreiber in wissenden, umfangreichen Tiraden. Wie mir dabei doch Argumentationsmuster und Sprachmelodie bekannt vorkommen... |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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