Krish

Blog von Krish

10.03.2010 | 19:52

Apologie der sozialen Netzwerke

In den letzten Monaten mehren sich die Beiträge in den Medien, die vor den „Gefahren“ der so genannten „sozialen Netzwerke“ (engl.: social networks) warnen. Mit teilweise stark einseitigen Darstellungen soll der naive Nutzer von Facebook, StudiVZ und Co. „geschockt“ und von seiner mangelnden Vorsicht überzeugt werden. Das Internet ist keine Oase des Guten, sondern ein Spiegel der Gesellschaft und genau wie in anderen Bereichen des täglichen Lebens muss man sich auch im globalen Netz kritisch und umsichtig bewegen. Doch sind diese Plattformen wirklich so bedenklich? Die social networks als Wolf im Schafspelz? Der Versuch einer Apologie der häufigsten Kritikpunkte.

Soziale Netzwerke zerstören die Privatsphäre

Wer ein Profil in einem sozialen Netzwerk anlegt öffnet sich potentiell der ganzen Welt. Zwar lassen sich über die Einstellungen gewisse Grenzen setzen, doch die Magie dieser Netzwerke liegt definitiv in dieser globalen Reichweite und der Möglichkeit Menschen auf dem gesamten Globus zu erreichen und kennenzulernen. Fotos vom Urlaub, Einträge der Freundin oder die Lieblingsmusik werden grenzenlos zugänglich. Eine Kontrolle ist kaum noch möglich. Social Networks als das Ende der Privatsphäre? Schaut man auf die Entwicklungen des vergangenen Jahrzehnts muss man dies in Frage stellen. Die Privatsphäre ist nicht aufgelöst, sondern sie hat sich radikal gewandelt. Doch dabei spielten soziale Netzwerke zunächst gar keine Rolle. Es waren Sendungen wie „Big Brother“ als Vorboten einer mittlerweile unüberschaubaren Masse von Formaten, die eine neue Form von voyeuristischem Bedürfnis und exhibitionistischen Neigungen einläuteten. Hunderte und tausende von Menschen präsentieren sich seitdem in nicht immer vorteilhafter Weise einem nationalen oder gar globalem Millionen-Publikum, ob als quäkende Loser vor Dieter Bohlen, Auswanderer und Rückkehrer, schwer erziehbare Jugendliche in Kalifornien oder in unzähligen weiteren Varianten... Dieses selbstdarstellerische Bedürfnis machte selbstverständlich nicht vor den Toren des Internets halt. Auch hier sehen wir überall die Zeugen eines neuen Verständnis von Privatsphäre. Am radikalsten vielleicht wenn hunderttausende (wenn nicht gar Millionen) Paare aller Altersklassen weltweit ihren eigenen Amateurporno für das Portal YouPorn drehen, aber die Medien sind vielfältig: beim jugendfreien großen Bruder YouTube beispielsweise, werden die privaten Erlebnisse von groß und klein im globalen Fernsehkanal ausgestrahlt und in Blogs und schließlich auch Profilen der social networks präsentieren wir unseren Urlaub, unsere Freizeit und uns selbst. Ist das bedenklich? Das muss jeder selbst beurteilen. Tatsache ist, dass der Wandel der Privatsphäre in keiner Weise ein Spezifikum sozialer Netzwerke ist. Wenn man das heutige Verhalten als bedenklich einstuft, muss man zu der Erkenntnis kommen, dass eine Art psychosomatischer Pandemie von Narzisso-Voyeurismus ausgebrochen ist – doch soziale Netzwerke sind – anders als oft dargestellt – nicht ihr „Erreger“.

Soziale Netzwerke erleichtern Kriminellen die „Arbeit“

Eine zweite Sorge der sich die Medien gerne bedienen ist die Kriminalität. Die Anonymität sozialer Netzwerke vereinfacht strafbare Handlungen. Das große Thema Pädophilie steht bei dieser Debatte oft im Zentrum. Ohne Frage bewegen sich im Internet auch Kriminelle und darunter auch Pädophile. Zweifelsohne ist es leicht in Chats und Netzwerken mit falschen Angaben Kinder zu täuschen. Letztlich ist dies aber nur die (eigentlich selbstverständliche) Feststellung, dass man das Internet nicht als rechtsfreien Raum verstehen darf und auch dort die Schutzinstrumente des Staates greifen müssen. Jahrelang hat man diese Thematik unterschätzt. Die Musikindustrie war eine der ersten die ihre Macht zur Durchsetzung der eigenen Rechte im Internet nutzte. Inzwischen ist auch die Polizei im Internet aktiv. Genau wie Pädophile im Netz nach Opfern suchen, sucht die Polizei im Netz nach ihnen. Das Internet erleichtert nicht nur Täuschung, sondern auch Fahndung seitens der Polizei. Je mehr das Internet an Bedeutung gewinnt, umso mehr muss der Staat auch in ausgebildetes Fachpersonal für Internetkriminalität investieren. Um Kinder vor Pädophilen und Verbrechern zu schützen, sperren wir sie nicht im Haus ein, sondern bringen ihnen bei, wie sie sich zu verhalten haben (nichts von Fremden annehmen; nicht in fremde Autos einsteigen; immer mindestens zu zweit oder dritt unterwegs,...). Auch bei sozialen Netzwerken kann die Konsequenz nicht sein, sie zu verteufeln, sondern wir müssen – vor allem auch in der Schule – Kindern und Jugendlichen beibringen, wie sie sich im Internet zu verhalten haben. Letzteres gilt übrigens ganz allgemein. Genau wie überall lauern auch im Internet Gefahren. Vor diesen kann man sich schützen, in dem man lernt das Medium vernünftig zu nutzen. Die hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich dennoch nicht, auch nicht im Internet und auch nicht in sozialen Netzwerken.

Soziale Netzwerke erschweren die Jobsuche

Ein drittes häufig und gerne vorgetragenes Szenario ist das des Arbeitgebers, der seine künftigen Angestellten vor der Einstellung im Internet „ausspioniert“ und auf Grundlage der dort erhaltenen Informationen entscheidet, wen er einstellt. Da auch jeder kluge Bewerber nach Informationen über seinen künftigen Arbeitgeber sucht um die Bewerbung eventuell passend auszurichten, wäre es geradezu überraschend, wenn Arbeitgeber nicht auch recherchieren würden. Doch besteht darin wirklich eine Gefahr? Zunächst sei daran erinnert, dass sehr viele Arbeitssuchende über persönliche Kontakte zu einer Stelle finden. Arbeitgeber tun sich also auch sonst leichter, Personen von denen sie sich ein konkreteres Bild machen können bzw. für die eine bekannte Person „bürgt“ einzustellen. Soziale Netzwerke können einen „persönlichen Kontakt“ simulieren. Das kann sich selbstverständlich negativ auswirken, wenn der Bewerber tatsächlich so unvorsichtig ist unvorteilhafte Bilder oder Informationen offen darzustellen. Mit etwas Cleverness kann so etwas aber leicht vermieden werden, denn alle gängigen Netzwerke bieten die Möglichkeit an, bestimmte Inhalte nur ausgewählten Personen zu zeigen. Bei kompromittierenden Inhalten sollte man diese Möglichkeiten stets nutzen – wenn sie denn überhaupt erst den Weg ins Internet finden müssen. Ähnlich wie man auch im täglichen Leben bei empfindlichen Dingen auf Diskretion bedacht ist. Denkbar ist im Übrigen auch eine positive Beeinflussung durch social networks: der künftige Arbeitgeber reist jeden Sommer nach Schweden und sie selbst haben drei Fotoalben vom Zelturlaub in Uppsala auf Facebook? Vielleicht ein Vorteil. Auch das sei unfair und nicht objektiv? Objektivität wird es bei Auswahlverfahren leider ohnehin nie geben. Zusammenfassend: soziale Netzwerke können bei der Jobsuche zum Nachteil werden, wenn man es nicht versteht sie korrekt zu nutzen. Einen Einfluss können sie auch sonst haben, aber von einem massiven Nachteil für den Arbeitssuchenden zu sprechen ist nüchtern betrachtet zu einseitig.

Soziale Netzwerke sind ein massives Datenschutzrisiko

Netzwerke verwalten Informationen von Millionen Benutzern, die für Unternehmen von enormen Wert sein können. Wie sicher diese Daten sind, ist zweifelhaft. Immer wieder hört man von „Datenklau“. Doch auch hier gilt, dass diese Gefahr kein Spezifikum des Internets oder gar sozialer Netzwerke ist. Hunderttausende kaufen tagtäglich mit Bonuskarten à la „Payback“ ein und füttern „Datenmonster“ mit Informationen und auch sonst hört man regelmäßig von neuen Datenschutzskandalen aus den unterschiedlichsten Branchen. Wichtig ist auch beim Datenschutz von staatlicher Seite dafür zu sorgen, dass das Internet kein rechtsfreier Raum wird. Und genaue wie über Bedenken bei Bonuskarten regelmäßig hingewiesen wird, muss man bei den sozialen Netzwerken überlegen, ob und in welcher Form man sie nutzt. Allerdings gilt das nicht nur für Facebook und Co., sondern allgemein. Der Datenschutz ist ein Anliegen, dass sich nicht auf social networks begrenzen lassen kann, sondern von allgemeiner Gültigkeit ist.

Fazit

Wenn man also nun nach genauerer Betrachtung von vier wichtigen Fragen zusammenfasst, so kann man festhalten, dass soziale Netzwerke nicht sicherer sind, als unser tägliches Leben in der Gesellschaft, aber auch nicht in überbordendem Maße neue Gefahren darstellen. Das Internet hat unser Leben und Zusammenleben revolutioniert. Wir müssen lernen damit umzugehen. Doch übermäßige Angst brauchen wir dabei nicht zu haben. Denn die häufig genannten „Gefahren“ sind nicht internetspezifisch und häufig mit verantwortungsvollem Umgang einzugrenzen. Einige, wie der Wandel der Privatsphäre, sind auch schlicht allgemeine Tendenzen und Entwicklungen der Gesellschaft, die man nicht in unmittelbaren Zusammenhang mit den Netzwerken setzen kann. Das Internet und die sozialen Netzwerke sind zuallererst eine Chance, die wir aber verantwortungsvoll gestalten müssen.

 

 

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 10.03.2010 um 21:04
neuerdings wird das Internet dem altbekannten Mikado- Prinzip unterworfen?
"Wer sich im Internet zuerst rührt, hat schon verloren".
Olay!,
aber was hat er, sie, es gewonnen?
"Wer nie den Baum des Internets erklettert, dem wächst auch kein Sinn für die Koordinierung seiner Fein- Motorik!, oder?

tschüss
JP
Krish
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15:08
WiKa hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:07
doimlinque hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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tlacuache hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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freiheitsliebender hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
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