Kritische Masse

Blog von Kritische Masse

16.09.2009 | 13:50

Quo vadis, Piraten? Nicht alles tun!

Der Vize der Piraten Andreas Popp wird von der antidemokratischen Jungen Freiheit für eine Interview erpresst. Das löst zum einen eine erfreuliche Diskussion um das Politische in der Partei der Piraten aus (Spreeblick). Gleichzeitig melden sich aus verschiedenen Lagern merkwürdige Stimmen, die das Interview und die völkischen Diskurspiraten der Jungen Freiheit verteidigen.

 

Befreiungsrufe von der falschen Seite

Den Auschwitz-Beschwigern (Ruoff: Verbiegen, Verdrängen, Beschweigen ) und Holocaust-„Tabu-Brechern“ der Jungen Freiheit - siehe den Habitus dieses Genres („Auschwitzkeule“, pc- und „Gutmenschenterror“ ... ), das sie mit der gesamten extremen Rechten einerseits und mit zahlreichen Stimmen in der Mitte der Gesellschaft gleichzeitig verbindet - wird vielstimmig eine Unbedenklichkeitsgarantie ausgestellt. Die Grundlage lieferten dazu schon immer zweifelhafte „Extremismus-Experten“ wie die CDU-Dr.-Macher-Opas (Jesse / Backes & Co.) und ihre Enkelnachwuchs vom Dresdener „Hannah Arend Institut für Totalitarismusforschung“ und die Diskurs-Freunde der Jungen Freiheit, die in ihrem Post-Querfront-Styl für „Mein-Kampf“-Lesekreise werben und dazu in der SPD eine Initiative gegen Rechts mit dem mehrdeutigen Namen „Endstation Rechts“ gegründet haben. Aussteiger sind hier natürlich an diesem Diskurs-Bahnhof der SPD herzlich willkommen. Einsteiger in die Junge Freiheit eben nicht minder. Sie waren die ersten, die sich in der Piraten-Diskussion mit einem Freibrief für die Junge Freiheit einmischten. Sie führen dazu an, wer schon alles der JF ein Interview gab. Sie reklamieren für die JF die "Freiheit des Andersdenkenden" ohne die Denke und die Diskurspolitik dieser Anderen überhaupt zu hinterfragen. (Ausführlich zu dieser DiskursPiraterie hier) Den Piraten reichte vielfach das Etikett SPD und "Endstation Rechts". Die Junge Freiheit versteht sich zusammen mit der INSTAPO (Ifs / Götz Kubitschek und Karlheinz Weißmann) als Organ der Neuen Rechten und Strategen im "Kulturkampf von rechts".

 

Aber wo stehen die Piraten und wohin gehen sie?

Bislang konnten sie glaubhaft vermitteln, dass es andere Wege gibt, Kinderpornographie zu stoppen, als die Einführung von Verboten und Zensur im Internet. Wird nun wie so oft, aus einem Streit um politische Inhalte durch den Wahlkampf ein Streit um Wählerstimmen? Sollten die Piraten besser eine politische Bewegung bleiben, die die gesamte Politik und Medien und den Wahn und das Lügenmärchen der Sicherheitsgesellschaft kritisch hinterfragt? Sind die Piraten noch glaubhaft, wenn sich ganze Fan-Scharen als unpolitische, technikgläubige und mittige Machbarkeitspolitiker outen? Ist das Internet schon „frei“, allein deshalb, wenn sich alles technisch Machbare umsetzen lässt?

Wer den Zweck der Verbote, von Zensur im Internet, den Versuch der Rückeroberung des Internets durch Staat und Markt politisch angehen will, der muss glaubhaft bleiben und über Inhalte reden. Stattdessen wird reflexhaft festgestellt, man sei weder links noch rechts. Rechts beginnt dort, wo man Auschwitz-Beschweigern als unbedenklich erklärt. Bildet Arbeitskreise, in denen über Kinderpornographie und Holocaust-Leugnern im Internet gearbeitet und diskutiert wird. Aber geht nicht allen eine Interview-Reputation.

Passen sich die Piraten ihren Gegnern an?

Sich als weder links noch rechts zu positionieren, ist ein Gebot seitens derjenigen, die aus ihrer Machtposition, aus Ausgrenzung und Unterdrückung heraus ungestört ihre Geschäfte machen wollen. Das ist eine verlogene Strategie. Die gemeinsame Basis aller Linken war schon immer eine kritische Analyse der Verhältnisse. Wenn die Verhältnisse im Internet nicht mehr analysiert werden, verlieren nicht nur die Argumente gegen Kinderpornographie ihre Glaubwürdigkeit. Ohne Analyse beteiligt man sich am Geschäft der Macht, reiht sich ein, im bunten Treiben der Ausgrenzungsgesellschaft. Welchen Anzug hätten sie den gern? Orange? Why not? Hauptsache der Anzug sitzt!

All zu zahlreich sind nun die Jungs im Trainingsanzug der Machtpolitik, die rund um die Piraten die „Freiheit“ der antidemokratischen Jungen Freiheit verteidigen. Mit dem Stolz der Facharbeiter degradieren sie alle kritischen Fragen nach Inhalten und Zielen einer präventiven Sicherheitsgesellschaft, die diese Bewegung als politische Bewegung ausgezeichnet haben.

Wessen Freiheit?

"Freiheit" - vom Widerstand gegen Überwachung, zur Worthülse, zum Türöffner und Zuhälter.

Wer nur noch die Mythen der Technik, eingewickelt in der Wortblase „Freiheit“ auf den Markt tragen möchte und zu Holocaust-Leugnern lieber schweigen oder zumindest nicht nachdenken möchte, der hat schon lange keine Argumente mehr gegen die Überwachung des Internets. Mit dieser Haltung werden diese Jungs nicht nur zu Türöffnern für die „Mein Kampf“-Lesekreise, sondern zu Zuhältern für alle Formen herrschender Ausgrenzung und Ausbeutung, zu deren schlimmsten Formen die Kinderpornographie gehört. Hier stellt sich die Frage, wollen die Piraten Zuhältern der Macht sein oder ihre Kritiker?

Was zeichnete die Erfolge der "freien" Internet-Bewegung aus?

Die wichtigsten Projekte im Internet entstanden aus einer Verweigerungshaltung gegenüber den herrschenden Normen und Werte von Staat und Markt. Nicht alles tun! Wir machen es selbst! Wissen und Kommunikation sind ein Bedürfnis aller Menschen und deshalb dürfen sie nicht eingeschränkt werden! Niemand sollte davon ausgegrenzt werden. „Freier Markt“, Nationen und ihre Staaten funktionieren jedoch nur durch eine mal größere oder kleinere Zahl von Ausgegrenzten. Sie brauchen Lizenzen und Verbote – Begrenzungen der Freiheit. Das sind Argumente, die jede Forderung nach Freiheit im Internet (und nicht nur dort) ihre Glaubwürdigkeit gegeben haben und zu riesigen Erfolgen geführt haben. Wer für „Freiheit“ kämpfen will, der kämpft nur glaubhaft, wenn er für die Freiheit aller kämpft und dabei zwischen diesen Zielen und den Zielen einer „Mein Kampf“-Freiheit unterscheiden kann. Dazu muss man nicht die Junge Freiheit abonnieren oder einen Mein-Kampf-Lesekreis fordern, sondern sie gründlich analysieren und aus den Analysen Konsequenzen ziehen: Keine Interviews für die Freiheit in den Medien, die Freiheit als eine Mogelpackung verkaufen!

Staaten und Nationen, Rechte und Neoliberale springen auf jeden Zug mit dem Namen „Freiheit“ auf. Für Milliarden Menschen war und ist noch heute das die Endstation ihrer Freiheit.

Piraten. Zieht die Notbremse! Bleibt Spielverderber! Seit ungehorsam! Macht nicht alles mit!

Wer für die Freiheit kämpft, kämpft für die Freiheit aller oder er wird zum Zuhälter von Unrecht, Ausgrenzung und Ausbeutung einer menschenverachtenden und antidemokratischen „Freiheit“. 

 

 

 

 
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Kommentare
jayne schrieb am 16.09.2009 um 16:51
Kritische Masse schreibt: "Sich als weder links noch rechts zu positionieren, ist ein Gebot seitens derjenigen, die aus ihrer Machtposition, aus Ausgrenzung und Unterdrückung heraus ungestört ihre Geschäfte machen wollen. Das ist eine verlogene Strategie. Die gemeinsame Basis aller Linken war schon immer eine kritische Analyse der Verhältnisse."
Und ich denke, dies ist der kern des ganzen. Möglicherweise bilden sich etliche der piratenparteifans auch ein, als erklärte unpolitische oder gar politikverächter politische verhältnisse ändern zu können ...
Kritische Masse schrieb am 16.09.2009 um 21:00
Da sind viele Techniker darunter. Freiheit ist was technisch möglich ist. Eine typische Männerkrankheit. - Jetzt reagieren sie so, als nähme man ihnen das Spielzeug weg. Politik ist kein Spiel.
mh schrieb am 16.09.2009 um 21:08
sinnvoll agieren und sich nicht für die eine oder andere seite zu entscheiden, da diese ohnehin nur den jeweiligen ideologien erliegen, ist wesentlich richtiger.

mfg
mh
Deaktivierter Nutzer schrieb am 16.09.2009 um 17:14
Fragen, die gestellt werden müssen.

Die Piraten vertreten derzeit einen kleinen Ausschnitt des Themenspektrums politischer Liberalität, für den mal die Liberalen zuständig zu sein vorgaben, bevor sie offen neo- und nationalliberal wurden. Sie, die Piraten, sollten sich den "Weder rechts noch links"-Grünen anschließen oder das Modell einer Doppelpartei nach CDU/CSU-Muster ausprobieren. Vielleicht sind sie ja nach der BTW für die 'großen' Grünen satisfaktionsfähig.

"Die gemeinsame Basis aller Linken war schon immer eine kritische Analyse der Verhältnisse." - Leider gibt es diverse besonders 'wahre' Linke, die ihre Aufgabe eher darin sehen, ihre Ideologeme gegen die der anderen (nicht so richtig) Linken durchzusetzen.

Das sind dann eben keine Linken? Finde ich auch.
Kritische Masse schrieb am 16.09.2009 um 20:57
Keine kritische Analyse zu haben, ist Glauben, Religion, Propaganda, Ideologie ... - für mich keine Basis um links zu sein. - Das wichtige ist, nie mit der Analyse aufzuhören. Wer stehen bleibt, klammert sich an Mythen und kann über Fehler nicht mehr diskutieren. Das passiert gerade bei vielen Piraten im Wahlkampfrauch. Leider.
Titta schrieb am 16.09.2009 um 21:02
In den Mythen der Menschheit stecken aber sehr viel Leben und Erfahrung. Es war das Mittel, wie früher Wissen weitergegeben wurde. Das heutige Wissen beschränkt sich leider oftmals zu sehr auf das reine Faktenwissen, was alleine für sich auch nur eine Form von Beschränktheit darstellt.
Rogue schrieb am 17.09.2009 um 12:19
Jetzt erscheint auch noch der Bundesvorsitzende der Piratenpartei Jens Seipenbusch mit Antworten zu einem Fragenkatalog in der 'Jungen Freiheit'.

Gefunden bei Ballmann:
ballmann.wordpress.com/2009/09/16/und-noch-ein-leichtmatrose/

Das Stichwort 'Versehen' trifft es irgendwann nicht mehr ganz.
Kritische Masse schrieb am 17.09.2009 um 17:24
Piraten verraten ihre Basisdemokratie und Glaubwürdigkeit. Die Piraten-Prommis öffnen mit ihrem Stelldichein bei der Jungen Freiheit den rechten Diskurspiraten die Tür.
kritischemedientagemuenster.blogsport.de/2009/09/17/piraten-verraten-ihre-basisdemokratie-und-glaubwuerdigkeit/
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