Kritische Masse

Blog von Kritische Masse

07.11.2009 | 12:26

Zensur. Wo beginnt die Schere?

Heute beschäftigten mich zwei Themen.
Die von mir sehr geschätzte Mely Kiyak hat heute eine schöne Kolumne über finanziell absurde thematische Einschnitte beim WDR in der FR geschrieben (Der WDR plant Einschnitte bei migrantischen Themen). Ein echtes Derivat, das türkischsprachige Programm soll reduziert werden. Mehr „weiße“, deutsche, christliche Dominanz, statt migrantische Themen.

Auf Twitter und Facebook beginnt noch sehr langsam die Auseinandersetzung mit untransparenten Löschungen der Betreiber. Die ungehobelten Sitten, mit der Admins der Wikipedia Artikel aus „Relevanzgründen“ löschen, obwohl sie selbst dafür keine inhaltliche Kompetenz haben, werden wie schon lange nicht mehr endlich auch außerhalb der Wikipedia diskutiert. Um gerade die Fälle auf Twitter und Facebook besser dokumentieren zu können und eine intensivere Auseinandersetzung anzuregen, habe ich einen kleinen Aufruf gestartet:
Zensur bei Twitter, Facebook, Wikipedia & co. ?

Die Frage aber ist, wo beginnt die Zensur. Beginnt sie beim WDR, wenn sich hier die „Mann spricht deutsch“-Leitkultur gegen die Nischenprogramme türkischsprachiger  GEZ-Beitragszahlender_innen durchsetzt? Ich meine ja. Die Dominanz ausgrenzender Diskurse hat somit eine Zensurfunktion.
Unter Zensur stellen wir uns meistens einen autoritären Staat vor, der die Presse- und Medienfreiheit beschneidet oder abschafft. Das totalitär/marktradikale China zum Beispiel. Zensur wir zumeist mit einem Notstand begründet. Das Zensurwort heißt dann „Innere Sicherheit“. Doch in der heutigen BRD ist es vor allem das Familienministerium, das indiziert.

Bei Twitter und Co geht es aber gar nicht um einen Notstand oder um Staatsräson, wenn kritische Aktivist_innen behindert und gelöscht werden, während die Linkdrücker der Sexindustrie und die armen Schlucker der „Mach-Dein-Geld“ per Scheeballtaktik andere Leidensgenoss_innen  an die Kette legen.

Und was motiviert Hunderte von im Durschnitt 35-jährigen, „weißen“ und männlichen Admins bei der Wikipedia für explizit herrschendes Wissen („relevant ist kanonisiertes Wissen“), den Türsteher zu machen, und auf der anderen Seite sich vehement für das „Recht auf Darstellung“ z.B. von Waffen-SS-Devotionalien zu bestehen? (Vgl. Wikipedia inside)

Die Frage, wie und warum funktioniert Zensur auf so unterschiedlichen Ebenen, führt für mich notwendig zu einer Debatte um die gesellschaftlichen Normen. Genauer um die Frage, wie kommen sie zustande und wer bestimmt sie mit welchen Mitteln.

Dazu gehört dann eine kritische Betrachtung, was in dieser Gesellschaft alles als „normal“ gilt, obwohl es sich gegen demokratische, soziale - gegen menschliche Prinzipien wendet.

Fragen wir so: Sind Killerspiele „normal“ und „gesellschaftliche Norm“? Wie normal ist es dann, dass Autos und Pornos im Überschuss produziert werden, während Nahrung und Wasser für Milliarden von Menschen eine Mangelware sind. Was sind dann die wahren Killerspiele?

Stimmt. So stellen wir uns die Fragen im Alltag nicht. Wir kaufen ein, lesen Zeitung und Twittern, ohne uns zu fragen, was tatsächliche Killerspiele sind und wie herrschendes Wissen funktioniert. Und so ist der größte Zensor das „Wissen“, das uns beherrscht. Und bei dieser Bildung sollten wir öfters mal streiken, um diese Kontrolle zu verlieren.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 11.11.2009 um 19:36
Zensur oder aufgezwungene Wahrnehmung von künstlich geschaffenen "Realitäten"?

Kulturhistorisch erlebt die industrialisierte Welt eine zweite Kommunikations- und Medienrevolution, die an Bedeutung nur der Erfindung des Buchdrucks gleichkommt. Katholisch dominierte Staaten und auch das anglikanische England sahen ihre Realitäts- , Meinungs- , Wissens- und Machtmonopole stark gefährdet. Mit bis ins 17. Jahrhundert reichenden Druck - und Bücherverboten und zentralisierter Zensur konnten die langfristigen Konsequenzen dieser medialen Revolution nicht verhindert, ihre Monopole nicht gerettet werden.

Die darauf folgende Aufklärung führte zu medialer Manipulation ganzer Bevölkerungen führte politisch und wirtschaftlich zur Machtkonzentration, die den feudalen Strukturen der vor-gutenbergschen Medienrevolution im Mittelalter gleichkamen. In dieser Konstellation, in der wirtschaftliche, politische und meinungsbildende Gewalt durch Korruption und Lobbyismus in eine Hand fallen, er-etabliert sich ein neo-feudales System (Imperialismus, 2 Weltkriege usw).

So konnte z.B. 9/11 - die global grösste Gehirnwäsche der Postmoderne, in der historischen Situation nicht mehr von den korrumpierten Dienstleistern (Massenmedien) kontrolliert werden. Die gegenwärtigen Diskussionen über bezahlbare Inhalte im Internet sind nun der Beginn der Rückkehr zur traditionellen Rolle von Massenmedien, die Kontrolle über die "Realitäten", wie wir sie sehen sollen, zurück zu gewinnen. Die Zensur ist nicht so einfach zu beschreiben, sachichma
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