kroelle

...sie zu verändern

15.08.2009 | 23:27

Die Guten ins Töpfchen

Der nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hat gestern in einem Interview mit dem Deutschlandfunk angeregt, das in seinem Bundesland praktizierte Stipendiensystem für Studierende auf die ganze Bundesrepublik auszuweiten. Ziel des schwarz-gelben Konzeptes ist, die Quote der durch Stipendien geförderten Studierenden auf zehn Prozent zu erhöhen.

Mag der Plan auf den ersten Blick vollkommen begrüßenswert erscheinen, so ist er doch mit großer Vorsicht zu genießen. Da wären zunächst einmal die Quellen der Stipedien zu erwähnen: Die Hälfte soll durch die öffentliche Hand, die andere durch Private aufgebracht werden. Das heißt im Klartext, die Wirtschaft soll in die Bildung investieren. Denn so oft Pinkwart auch die Möglichkeit für Stiftung und Bürger erwähnt, in dieses Stipendienprogramm einzusteigen - diese werden, wenn überhaupt, nur einen unerheblichen Teil beitragen können. Spätestens hier sollten die Alarmglocken schrillen: Der Staat zieht sich langsam aus der Verantwortung für die Lernenden zurück. Gleichzeitig gewinnt die Wirtschaft mehr und mehr Einfluss im Bereich des universitären Lernens und Forschens. Das geht zu Lasten angeblich "unnützer" Fachbereiche wie der Geisteswissenschaften. Ein akademisches Studium verkommt damit immer mehr zu einer Arbeitnehmerformung nach den Vorgaben der Unternehmen.

Punkt zwei: Mit dem Konzept aus NRW wird einmal mehr eine unselige Elitenkultur befruchtet. Statt Bildung für alle wird auf Konkurrenz gesetzt. Nach dem Motto "Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen" fördert das Stipendiensystem die, die über die besten "Fähigkeiten" verfügen, wie auch immer dies definiert sein mag. Pinkwart beteuert zwar, dass die Förderung "unabhängig vom Einkommen und der Herkunft der Eltern" gewährt werden soll. Doch seien wir ehrlich: letztlich werden sich die durchsetzen, die das Geld für den Besuch eines Auswahlseminars aufbringen können und die von den Eltern schon die Verhaltensweisen anerzogen bekommen haben, die es braucht, um sich im Auswahlgespräch gut darstellen zu können usw.

Problem Numero drei: Diese "Stipendienkultur [...], die andernorts längst üblich ist" (Pinkwart) öffnet ein willkommenes Hintertürchen für Studiengebühren. Warum sollte der Staat auf dieses Einnahmequelle noch verzichten, wenn doch (prinzipiell) jeder gefördert werden kann? Übersehen wird, dass dabei wie gesagt wieder nur diejenigen profitieren, die sich im Konkurrenzkampf durchgesetzt haben und eine wirtschaftskonformene Lebensplanung vorweisen.

Pinkwarts Vorstoß offenbart den neuen Umgang mit Bildung in diesem Land. Bildung ist schon längst kein Menschenrecht mehr, Bildung muss hart erkämpft werden und verlangt Anpassung. Dass der Staat der erste Verantwortliche hierfür ist, interessiert offenbar nicht mehr. Die Bologna-Reform ist nur das prominenteste, der vorliegende Vorschlag ein weiteres Beispiel für den langsamen Niedergang eines großen Bildungsideals, auf das man in Deutschland einmal stolz war. Man kann nur hoffen, dass Studierende, SchülerInnen, Lehrende und alle anderen vernünftig Denkenden Front machen gegen den Prozess der allgemeinen Ökonomisierung, Privatisierung - kurzum: Neoliberalisierung von Bildung. Es geht um nichts geringeres als unsere Zukunft.

 
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kroelle
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