Günter Wallraff zu Gast im Thalia Theater
Die Schweden nennen es „wallraffen“. Der Anglizismus nennt es „undercover.“ Günter Wallraff sagt einfach: „Ich spiele für mein Leben gern!“ Doch er meint es ernst, sein Spiel. Energie Cottbus gegen Dynamo Dresden – und er mittendrin. Mischt sich unter die Fans, fragt „Wer gewinnt heute?“ Die Antwort: „Du nicht.“ Denn Wallraff ist gerade schwarz. Unterwegs, den alltäglichen Rassismus in Deutschland aufzuspüren.Abgeschminkt und zu Gast im Thalia, ist das Publikum sofort auf seiner Seite. Wallraff beeindruckt durch seine zurückhaltende, aber bestimmte Art. Moderator Volker Panzer stellt ihn als „einen der zehn berühmtesten Bürger des Landes vor“. Seine Antwort: „Nö!“ Spontaner Applaus brandet auf, als Wallraff erzählt, wie er Geschäftsführer unter Druck setzt, deren Mitarbeiter sich verzweifelt an ihn wenden. Er droht mit Veröffentlichung, sollten sich die Verhältnisse nicht ändern. Dabei hat er inzwischen gar nicht mehr die Zeit, all das zu veröffentlichen, was ihn an geschilderten Missständen erreicht. Doch der Druck der Öffentlichkeit reicht häufig schon aus.
Verhältnisse verändern – durch Veröffentlichung, durch Anprangern. Und immer auf der Seite derjenigen , die am Rand stehen. „Ich fühle mich zu Menschen hingezogen, die nicht dazugehören“, sagt Wallraff. Und: Um Dinge entlarven zu können, müsse man Perspektiven wechseln. Und so wird Wallraff zum Obdachlosen, zum Türken, zum Afrikaner. Den unbedingten Willen, zu machen was er für richtig hält, bekam auch Volker Panzer zu spüren. Mitten in der Anfangsbefragung durch den anstrengend umfangreich formulierenden ZDF-Mann beschließt Wallraff: „Ich les jetzt mal was.“ Und dann liest er. Zwei Sätze, vielleicht drei. Schon erinnert er sich genauer, erzählt vom Drumherum, von seinen Mitarbeitern und von der Angst, als Schwarzer in einem Zug voll betrunkener Fußballfans aus Dresden zu stehen. Es ist eine junge, mutige Polizistin, die ihn schließlich vor rassistischer Gewalt rettet.
Doch er weiß auch, das Hamburger Publikum direkt anzusprechen. Zitiert rassistische Äußerungen, die folgenlos blieben. Von Roland Schill und Wolf Schneider, dem früheren Leiter der Hamburger Journalistenschule, heute: Henri-Nannen-Schule. Bei Schill murrt das Publikum. Eine offenbar noch nicht verheilte Wunde bei Hamburgs Bildungsbürgern. Die Szenen, die schließlich aus dem Film „Schwarz auf Weiß“ gezeigt werden, rufen eine Reaktion ganz besonders hervor: Ungläubiges Kopfschütteln. Gepaart mit Lachen. Ist Komik hier fehl am Platze? „Nein“, sagt Wallraff. Lachen sei in Ordnung, denn man lache über die Menschen. Es sei „entlarvendes Lachen.“
Woher kommt sein Drang, Unrecht zu entlarven, Missstände aufzudecken? „Das hab’ ich der Bundeswehr zu verdanken“, ist Wallraffs Antwort. Als er sich der dortigen Gehirnwäsche ausgesetzt sah, sei ihm klar geworden, dass er Dinge hinterfragen wolle, sie durchleuchten, die Gesellschaft durchleuchten. „Wallraffen“ eben.
Kritik keimt nur kurz auf, ganz am Ende, als zögerlich Fragen aus dem Publikum kommen. Wallraff zeigt Verständnis für die Kritik authentischer Autoren, doch sei es nicht seine Schuld, dass diese nicht die Aufmerksamkeit bekämen, die sie verdienten.
Ihm selbst ist die Aufmerksamkeit sicher. Nach dem Schlussapplaus strömt das Publikum zu seinem Signierstand. Selbst Springer-Blätter schrieben ja schon positiv über ihn, frohlockt er noch zu Beginn. Doch damit offenbart er auch eine große Angst: „Wenn ich einmal von der Bild gelobt werde, dann kann ich einpacken.“
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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