kukidenta

Blog von kukidenta

12.03.2009 | 20:49

Leipziger Buchmesse - schön voll, schön bunt, schön schön

"Die Leipziger Buchmesse ist heute mit einem Besucheransturm eröffnet worden." Mit diesem nüchternen Nachrichtensatz aus dem Radio verlasse ich am Nachmittag das Leipziger Messegelände.

Ja die Leseratten waren los. Und wie. Bereits um 10.00 Uhr schob sich die Meute aus Schulklassen, Senioren und Fachbesuchern durch die Hallen. Am Eingang trotten zwei Rentner vor mir her.
"Belletristik ist in Halle 3."
"Schön. Dann los ins Getümmel."
Die Beiden entschwinden in ihr Paradies, während ich mich erstmal treiben lasse. Hallo ZDF, Hallo 3Sat, Hallo ARTE, Hallo Deutschlandfunk, Hallo doofer MDR.

In der Glashalle, dem Schaltzentrum der Messe wurde bereits gelesen und vor allem diskutiert. Wie bescheuert sind denn einige Journalisten, die über Autoren lästern als wären es Tiere. So ähnlich schalt es vom ZDF Stand und ein wohl bekannter Autor (sein Name liegtmir  auf der Zunge) liess heftige Kritiken ab. Aha, der Schreiberling, das sonderbare Wesen. Alle lesen ihn, alle lieben ihn, nur der Journalist begreift ihn nicht. Kopfnicken und weiter.

Mein erstes Ziel ist Halle 5. Auf dem Weg dorthin treffe ich eine Bekannte.
"Hey was machst du denn hier?"
"Ja ich. Äh, einen Kaffeestand suchen und dann weitersehen."
Wir plaudern noch ein geraume Weile und so vergeht die erste Stunde, ohne dass ich nur einen einzigen Stand wirklich eingeatmet habe.
"Na dann, man sieht sich."

Also wieder rein in die vorwärtskriechende Raupe und den Freitag Stand entdeckt. Klein aber fein, ein Tisch ein MiniMac, ein Monitor und ab in Deutschlands grösste Redaktion. Schnell die neuesten Beiträge gecheckt und einer interessierten Freundin, die aus dem Nichts auftaucht, erkläre ich die Freitag Comunity und was ich eigentlich beim Freitag mache.
"Schöne Sache, schick mir mal den link."
"Ja mach ich."

Am Nachbarstand lädt die taz zum kostenlosen Kaffee. Tazpresso, lecker und fair - was willst du mehr. 
"Komm ich lad dich ein."
Während wir auf unseren Kaffee warten, macht man uns auf die Lesung von taz Redakteur Christian Füller aufmerksam. Eine passende Gelegenheit, um sich erstmal  wieder zu setzen und einen Einblick in die "Gute Schule" zu wagen. Als Vater einer dreijährigen Tochter muss ich mir langsam auch Gedanken machen, wie ich mein "krummes Holz gerade kriege". Mit der Axt, sprich Frontalunterricht oder mit unendlicher Freiheit und Förderung. Das Buch wird mir hoffentlich einige Fragen beantworten. Ein zwar kurzer aber durchaus gelungener Einstieg in die Bildungsdebatte.
Die zweite Stunde verstreicht und mit einem dankenden Händedruck verabschiede ich mich von Füller und wir marschierten weiter.

"Wo willst du jetzt eigentlich hin?"
"Ich weiss es nicht."
"Ok, dann komme ich mit."
Wir lassen Halle 5 hinter uns und klappern nun Halle 4 ab. Nach einer Weile hatte sie einen Stand entdeckt.
"Buchkunst?"
"Nicht mein Steckenpferd."
"Wir sehen uns später? Hast du meine Nummer?"
"Ja, aber ich bleibe nicht mehr lange."
Allein setzte ich meinen Rundgang fort, blätterte in antiken Büchern, Notenhefte von Kraftwerk, Kinderbücher, Bücher aus der Mongolei, Comics und DDR Geschichte.

Dann stehe ich am Stand von vorwärts und wenn erblicke ich? Wolfgang Thierse.
"Ja was macht der denn hier?"
Die Dame vom Stand klärt mich auf.
"In zehn Minuten gibt es eine Diskussion mit dem englischen Historiker und Autor des Buches "Die Mauer" Frederick Taylor und dem ehemaligen Bundestagspräsidenten."
"Na da bin ich richtig."
Geschichte, die auch mich prägte, vorgestellt von einem Historiker und einem Politiker. Es gibt wieder kostenlosen Kaffee und Saft und zack sind die jüngeren deutschen Geschehnisse zum Greifen nah. Der Moderator Jörg Hafkemeyer stellt beide als bewegliche Intelektuelle vor und die Zeitreise beginnt.

Ja als die Mauer gebaut wurde... . Vor allem das ältere Publikum hatte sich zahlreich eingefunden und das kollektive Bewusstsein wanderte zu den düsteren Begebenheiten der 60er Jahre. Beide schwelgen ausgiebig in Erinnerungen. Adenauers Brüder in der SBZ, Brandts kleine Schritte zur Verständigung. Thierse beschreibt in Ansätzen sein damaliges DDR Leben. Taylor schaut auf die DDR.  Eine Viertelstunde lang und schwupps fällt die Mauer und beschleunigt die deutsche Geschichte. Gorbatschow, Kohl, Thatcher und die Hoffnungen der Ossis. Die Mehrheit nickt. So muss es wohl gewesen sein. Bis dahin wurde noch kein Satz aus dem Buch vorgetragen. Egal, die Revolution kommt auch ohne Lesung aus.

Dann schweifen beide jedoch zu sehr ab und reden plötzlich über Brüssel und die Wirtschaftkrise. Thierse ist froh den Euro in der Tasche zu haben. Taylor will das britische Pfund behalten. Der Ausflug in die Wirtschaft verwirrt mich. Ich denke Mauer, Geschichte, Licht ins Dunkel. Im Studium habe ich mir fast jedes Semester ein Seminar zur DDR Geschichte rein gedrückt, die Mauer mehrmals auf und abgebaut. Und nun wollen mich zwei ältere Herren über die Wirtschaftskrise aufklären? No way. Nach einer halben Stunde verlasse ich enttäuscht den Stand. Es gibt keine zweite Chance. Dafür ist zu viel los und ich habe nur noch eine Stunde.
Später werden noch Hubertus Heil und Kanzlerkandidat Steinmeier am Stand ihr Stell dich ein geben. "Unsere Zukunft im Blick" -  Volle Power SPD - ohne mich.

Ich treffe meine Freundin wieder und wir suchen uns ein ruhiges Plätzchen. "Zum Glück ist heute Donnerstag. Ich will nicht wissen, was ab morgen hier abgeht."
Sie nickt, denn sie ist Buchmesseexpertin. Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es Richtung Ausgang und wir können uns noch ein kurzes Bild von randalierenden Schulkindern machen.

Die haben einen kompletten Stand verwüstet und alle Hausaufgaben- und Vokabelhefte geplündert. Die Damen fegen die Reste zusammen und ich greife mir ein Exemplar der Hausaufgabenhefte.
"Das ist ja schlimmer als wenn Aldi einen Volkscomputer raushaut."
Sie verstehen meinen Witz nicht wirklich, lächeln angespannt und wir gehen weiter. So einen Mist, schleppen die Kids also Kartonweise raus. Komische Jugend. Wenn ich jung wäre. Ich würde die Mangastände plündern. Oder den Stand der Bundeszentrale für politische Bildung. Aber so ein HA Heft? Gruselig aber lustig.

Ich spüre das Verlangen nach frischer Luft. Diese riesige Bücherei, der Traum vieler Lesernarren macht mich müde.
"Los komm, ist schon drei. Um vier müssen wir beim Kindergarten sein."
Auf dem Weg zum Ausgang bleiben wir noch kurz bei 3Sat hängen. Hier wird live gesendet.
"Willst du mal ins Fernsehen? Musst du nur deine Gesicht in die Kamera halten."
Wir trauen uns beide nicht.
Beim ZDF sitzt Roman Herzog und erzählt etwas, dass wir akustisch nicht verstehen.
"Mann ist der alt geworden."
"Jetzt aber raus hier."
Am Ausgang empfängt uns eine Dame mit Bauchladen.
"Greifen sie zu, es ist ihr Spruch des Tages."
Ich ziehe eine Karte, lese sie und muss grinsen. Der Spruch passt.

Die Welt hat genug für jedermann, aber nicht für jedermanns Gier. (Mahatma Gandhi)

Es ist schwer ein ausschweifendes Fazit zu meinem kurzem Besuch auf der Leipziger Buchmesse zu ziehen. Es war schön voll, schön bunt und stellenweise recht interessant. Was mir jedoch total fehlte war die Möglichkeit der Zerstreuung. Aber die sollte ich wohl nicht auf dieser Messe suchen. Dann eher bei den unzähligen Leipzig liest Veranstaltungen.

Doch für heute habe ich genug von Büchern und Literatur. Morgen geht es wie bereits gelobhudeldeit zu Boyle, the best ever. Und wer mir dort im Weg steht, selbst schuld. Auch ich kann ein Nerd sein, wenn ich will.

 
 
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