kukidenta

Blog von kukidenta

06.05.2009 | 11:16

VEB statt FDP

In Leipzig habe ich die ersten bekloppten Wahlplakate erspäht und ich muss feststellen, dass die FDP bezüglich der kommenden Stadtratswahl am 7. Juni gut vorlegt. Besser für Leipzig ist ihr Hauptanliegen.

Die Umsetzung ist ganz einfach. Am Schleussiger Weg grinsen mich die Pappschilder in gelb-blau an. Parken statt Knöllchen. Eine ernste Sache in der Heldenstadt. Das ergibt Wählergunst, denn selbst ich balle meine Fäuste, wenn ich das Auto mal wieder so idotensicher geparkt habe, dass selbst die Damen und Herren vom Ordnungsamt lachen müssten, wenn sie den Wisch verteilen.Doch wo bitte schön will mir die FDP denn eine Parkmöglichkeit hinzimmern? Um mich herum ist alles zugebaut oder schönster Auenwald. Also tabu. Ein Parkhaus habe ich vor der Nase und ich nutze es nicht. Kaum jemand stellt dort sein Auto ab  und so ist diese Parole nun wirklich nutzlos, selbst für Autofahrer wie mich. 

Sucht man auf der Website der FDP Leipzig nach Antworten bzw. weiterführende Schilderungen dieser Parole, dann wird man im aktuellen Wahlprogramm fündig.
Grundthese unter dem Absatz Mehr Parkplätze statt Knöllchenabzocke:

Alle brauchen ein Auto, weil die Arbeitgeber nach Flexibilität und Mobilität schreien. Aus diesem Zwang zum Auto wird dann schnell ein Bedürniss der Einwohner gebastelt und effiziente Park&Ride Systeme gefordert. Für die Innenstadt wohlgemerkt. Dabei gibt es dort genügend Parkmöglichkeiten. Damit kann die FDP also nicht punkten.

Aber zum Glück hat sie noch einen richtigen Heilsbringer. Mittelstand satt VEB. Das kann nur im Osten rumhängen. Will die FDP bewusst Angst schüren? Im Wahlprogramm findet sich dazu lediglich folgender banale Satz.

Die FDP setzt dabei in erster Linie auf die Unterstützung des Mittelstandes bei der Umsetzung von Innovation und dem Eingang von Forschungskooperationen.

Das ist völlig legitim, aber warum will sie die alten Geister heraufbeschwören? Wird bald alles verstaatlicht? Und wenn ja, gehört es dann dem Volk? Ich kann diesem platten Spruch nichts abgewinnen. Die Leute haben genug Schiss vor der Zukunft, da muss man als Partei nicht noch die Keule der Volkseigenen Betriebe rausholen. Das ist Mist und gehört verboten.

Ganze acht Prozent will Leipzigs FDP bei der Stadtratswahl einfahren. Fast doppelt soviel wie 2004. In meinen Wahlkreis (WK5) tritt dafür der 32- jährige Rechtsanwalt René Hobusch an.

Sein bubenhaftes Gesicht ziert das dritte Wahlplakat, das mir auf dem Weg zum Kindergarten begegnet. Drunter steht Besser für Leipzig. Besser nicht, denke ich und halte Ausschau nach noch blöderen Wahlkampfslogan der anderen Parteien. Bestimmt werde ich sie in nächster Zeit entdecken.

Obwohl Mittelstand satt VEB kaum noch zu toppen ist.

 
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Kommentare
Streifzug schrieb am 06.05.2009 um 12:05
Es ist meist recht interessant zu verfolgen wie so ein Spruch entsteht. Die FDP versucht mit allen Mitteln zu verschleiern dass sie eine Lobbytruppe ist. Sie täuscht die Unterstützung des Mittelstands vor. In Wahrheit nutzt ihre Politik dem Finanzsektor und den Konzernen und schadet dem Mittelstand. Das gilt es gezielt zu verschleiern.

In solch einer Situation entstehen diese Plakate. Ein denkbares Brainstorming könnte folgendermaßen aussehen:

Hmmm, langsam können wir nicht mehr vertuschen, dass unsere Politik hauptsächlich dem Finanzsektor und bestimmten Konzernen nutzt. Was tun?

Auf alle Fälle muss das Wort Mittelstand aufs Plakat.

Klar. Das ist gesetzt.

Den Leuten fällt doch irgend wann mal bald, auf dass wir dafür sind, marode Banken mit Steuergeldern zu stützen. Noch ein Problem.

Nun mal ganz ruhig Leute. Besinnen wir uns auf unsere bisher so erfolgreiche Verschleierungstaktik. Wir sind gegen Steuererhöhungen, gegen den Staat, für den Mittelstand. Daraus muss sich doch was machen lassen, was auf den Osten passt.

Staat, da fällt mir was ein. Die hatten doch lauter Staatsbetriebe.

Bingo. Super. Das ist es. Die wurden "Volkseigener Betrieb" genannt, VEB, wenn ich mich nicht irre.

Na also, ein perfektes Ablenkungs- und Tarnungsmanöver. Wie wäre es mit: FDP stärkt den Mittelstand. Kein zurück zu VEB.

Das ist zu ungelenk und zu lang.

Dann fassen wir es doch zusammen: FDP bedeutet Mittelstand statt VEB.

Super. Ob die das schlucken?

Kein Problem. Momentan lassen wir doch die DDR-Hasskampagne laufen. Dort wird parallel den Leuten die gute Erinnerung ausgetrieben.

[Dieser Text ist ein persönliches Werturteil.]
kukidenta schrieb am 08.05.2009 um 10:03
So sieht also ein Brainstorming bei den Liberalen aus. Danke für den Einblick:-)
merdeister schrieb am 06.05.2009 um 14:58
Da lobe ich mir die CDU:
Aachen im Herzen
Europa fest im Blick.

Das kann man als Kirchenlied oder als Bierzeltschlager singen.
Meinungsminister schrieb am 06.05.2009 um 22:56
Doch was sagt uns der CDU-Europaslogan "Wir in Europa." ? Bekommen wir geographischen Nachhilfeunterricht, oder gibt es tatsächlich nicht mehr zu sagen?
kukidenta schrieb am 08.05.2009 um 10:05
Der Spruch ist wirklich toll, ob als Kirchenlied oder Bierzeltschlager. Amen.
cori schrieb am 06.05.2009 um 22:51
"Mittelstand statt VEB" Das hätt auch von der NPD sein können, gruselig...
Mir ist ja klar, dass die FDP viel Wert auf Wirtschaftsliberalismus legt und bloß nicht zu viele Eingriffe, der Markt regelt sich von selbst. Nur in Zeit tiefer Wirtschaftskrise vielleicht nicht ganz klug mit solchen schwachsinnigen Plakaten auf Wählerjagd zu gehen.
Anna Dorothea schrieb am 07.05.2009 um 08:39
Lieber kukidenta;

wie wir ja wissen, ist sich die FDP für keinen Wahlslogan zu schade. Ich denke da nur an "Partei der Besserverdienenden". Insofern sind sie sich treu geblieben, "besser" kommt wieder vor. Besser nicht wählen, könnte man darauf sagen...

Das mit dem Parkproblem ist interessant. Nicht, dass wir das in HH nicht auch hätten. Was ist eigentlich in Leipzig mit dem "Öffentlichen Personennahverkehr"? Verstärkt darauf zu setzen könnte ja auch eine Lösung sein.

Die VEB aus der Mottenkiste zu holen - das ist schon dreist und dumm. Ist das nicht das Gleiche, nur mit umgekehrten Vorzeichen, was sonst immer der "Linken" vorgeworfen wird?

Herzlich, Anna
kukidenta schrieb am 08.05.2009 um 10:01
Liebe Anna,

der "Öffentliche Personennahverkehr" ist in Leipzig eigentlich ganz gut aufgestellt. Zwar werden Linien, die zur Peripherie der Stadt fahren bedauerlicherweise stark vernachlässig und einige davon in Zukunft bestimmt ganz eingestellt aber im Grossen und Ganzen kann ich nicht meckern, da ich glücklicherweise sehr zentrumsnah wohne. Daher komme per Bahn oder Bus schnell und problemlos von A nach B. Einen weiteren Ausbau des Steckennetzes bzw. eine bessere Taktung würde ich begrüssen, aber in Leipzig gilt wohl bei der Mehrheit die Devise: Mobilität ist nur mit dem Auto möglich.

Dass die "Linke" VEB statt Mittelstand propagiert kann ich für Leipzig nicht bestätigen. Ich denke soetwas würde denen nicht einfallen, da sie zu sehr in der Leipziger Politik involviert sind und wissen, das solche Sprüche schnell nach hinten losgehen können. Sollte eine Partei, dies der Linken vorwerfen, dann sind sie auch nicht gut beraten. Zwar ist im Wahlkampf alles möglich, aber gerade im Osten ist ein "Linke"- Bashing kontraproduktiv. Dafür ist die Partei zu stark.

Herzlich, Jörn
kay.kloetzer schrieb am 08.05.2009 um 11:17
Hinzu kommt, dass die Buchstaben VEB auf dem Plakat durchgestrichen sind. Also steht da eigentlich: Mittelstand statt kein VEB. Und da frag ich mich nun schon: Wenn die potenziellen Wähler für so blöd gehalten werden, für wie blöd sollen sie dann noch verkauft werden, um Gewinn zu machen?
kk
kukidenta schrieb am 08.05.2009 um 20:57
Das mit dem durchgestrichenen VEB habe ich erst für eine Laune der Natur gehalten, aber sie haben Recht. Das bekommt gleich eine Wendung. Nur wer sind denn jetzt die NICHTVEB-ler? Porsche, BMW, DHL?
erika.boehme schrieb am 20.05.2009 um 20:51
Sehe ich als alter Leipziger genauso.
Und als alter VEB-Direktor auch.
VEB Krankenhausbedarf Leipzig, Nikolaistraße 33-37 in 7010 Leipzig.
Suche diesbezüglich noch mein Forum...
DDR-Geschichte fern von jeder Propaganda!
Gruß
Wolfgang Anders
0160-96508787
Nos Nibor schrieb am 20.05.2009 um 21:44
Das mit den VEB kann auch nach hinten losgehen. Viele ehemalige DDR-Bürger verbinden mit ihrem Betrieb keineswegs negative Erinnerungen. Im Vergleich der Arbeitswelten damals und heute nach humanistischen Kriterien, dürfte der VEB weit vorn liegen. Vor Kurzem erst konnte ich mir anlässlich einer Familienfeier die Horrorgeschichten von Lohnabhängigen aus ihren Betrieben heute anhören. Existenzängste, auslaugender Druck, demütigende Hierarchien, ungerechte Behandlung und undemokratische Verhältnisse sind an der Tagesordnung. Die Geschichte mit der Kassiererin Emmelie aus Kaisers Kaffegeschäften ist nur die Spitze eines eiskalten Berges. " Mir steht's bis hier", verbunden mit der Handzeige bis wohin, erfuhr ich mehrmals.
Also könnte dieser Partei unfreiwillig durchaus ein Stückchen Selbstentlarvung passiert sein: .
Die FDP als Sachwalterin neoliberaler, nur auf betriebliche Effektivität ausgerichteter Arbeitsverhältnisse. Diese Partei an der Regierung wird alles daran setzen, die mühsam errungenen wirtschaftsdemokratischen Ansätze in den Betrieben wieder zurückzudrängen.
FDP statt VEB. Vielleicht haben sie das tatsächlich so gemeint?

(was an den VEB faul war, das steht auf einem ganz anderen Blatt und lässt sich kaum mit so einer dümmlichen Parole charakterisieren.)

Übrigends wären Wirtschaftsdemokratie und dass Verfassung und FDGO am Werkstor ihre Gültigkeit verlieren, echte Themen.
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