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Als ich zwölf Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir von einer Stadt, die damals für mich den Mittelpunkt der Erde darstellte, in ein Dorf. Ich musste auf eine neue Schule, hatte zunächst keine Freunde und wusste seit dem, dass ich mehr brauche, als schöne Wälder und klare Bäche, um glücklich zu werden. Nach dem Abitur zog ich aus. Sofort. Nach einem kurzen, einjährigen Zwischenstopp in Köln, bin ich nun in Berlin und erzähle aus der Sicht des Dorfjungen, den ich wohl nicht vollends aus mir rausbekommen werde. Ich laufe mit großen Augen durch eine große Stadt und staune.
Die U-Bahn in Berlin ist gelb bis orange. Während alle Berliner sehr viel Zeit darauf verwenden, über den Öffentlichen Personennahverkehr in ihrer Stadt zu meckern, stöhnen, streiten, bin ich froh, dass ich von A nach B komme. Das ist nicht selbstverständlich, meine lieben Freunde.
Ich bin der Junge, der mit funkelnden Augen in der U-Bahn sitzt, denn bei mir in Kreuzberg fährt die Untergrundbahn, paradoxerweise nicht unter dem Grund, sondern darüber. So ist es jeden Tag wie auf einer Safari, bei der ich mich durch den Großstadtdschungel bewege, beobachte und von der seltsamen Hässlichkeit Berlins erstaunt bin, die auf seltsame Weise doch wahnsinnig charmant ist. Während auf dem Lande viele Menschen aufgrund von mangelnden Möglichkeiten sich abzulenken das typische Feierabendprogramm, "Ein Bierchen und ein wenig Günter Jauch", beinahe täglich vollziehen, brauche ich nur in die U-Bahn zu steigen, und schon ist meine Laune gerettet. Das ist quasi wie Fernsehen. Alle erzählen immer davon, dass die Berliner kalt sind und es hier so anonym ist. Dabei würde ich eher "stark alkoholisiert" und "offen" als passende Adjektive für die Bewohner dieser Stadt verwenden. Das meine ich ganz und gar nicht negativ. Da sitzt man dann und findet sich wieder zwischen einem Obdachlosen, zwei lustigen Roma, die verrückte Musik machen, die Menschen sprechen türkisch, russisch, spanisch. Es riecht nach Bier und aus dem Fenster sieht man die vollgesprayten Häuser. Mein Liebling ist der Astronaut, den ich "Juri Gagarin" getauft habe. Viele nutzen die Zeit in der U-Bahn um zu lesen, auf ihrem Handy peinliche SMS an die Lebensabschnittsgefährten zu verschicken, aber ich beobachte viel lieber.
Man kann so viele Menschen beobachten, die meisten interessant, einige interessant, weil sie so gar nicht interessant sind. Egal wie schlecht deine Laune war, du wirst vollgedröhnt mit Leben und Eindrücken, dass du es gar nicht mehr schaffst, über deine schlechte Laune von zuvor nachzudenken.
Als ich mich vor einer Woche auf dem Weg nach Hause befand, und auf die U-Bahn am Schlesischen Tor wartete, kam auf ein mal eine große Menschenmenge, mit großen Boxen, aus welchen laut Musik dröhnte. Während ich lange auf die U-Bahn warten musste, hatte ich ständig ein Grinsen auf dem Gesicht, weil mir klar wurde, das so was nur in Berlin möglich ist, und sich viele Berliner dessen gar nicht bewusst sind. Wisst ihr eigentlich, wie wahnsinnig langweilig andere Teile der Bundesrepublik sind? Da tanzten auf ein mal ganz viele Menschen auf den lauten Bass, der aus den Boxen dröhnte, an einer U-Bahnhaltestelle. Die Leute, die offensichtlich nicht zu der Meute gehörten waren weder genervt, noch schien es sie auf irgend eine Art und Weise zu stören, sie standen einfach da, unterhielten sich weiter, während der Dorfjunge grinste und hoffte, dass er niemals so übersättigt sein würde, von dem schier maßlosen Angebot des berliner Nachtlebens.
Meine Zuneigung zu den Berliner Mitbürgern zeigt sich auch in der Tatsache, dass ich sogar bereit bin meinen Sitzplatz, den ich zuvor unter Blutvergießen erkämpft habe einer sympathischen, zahnlosen Oma zu überlassen, die mich nicht mal vorwurfsvoll anschauen muss. Bei der Masse der Menschen, die im Rest der Republik allgemein als unhöflich und kalt gelten, falle ich durch meine sehr mütterliche Art bestimmt auf. Gebt mir noch ein halbes Jahr, und ich bin bekannt als die „Mutter Theresa der Berliner U-Bahn“. Ich arbeite auch schon stark an der Planung einer Tour, in der ich U-Bahnen in ganz Deutschland und Europa mit meiner Anwesenheit bereichern werde. Auch ein Merchandise-Shop ist geplant, wie auch ein Parfum. Wobei, würde man den Geruch, den die Menschen in der U-Bahn verbreiten, in einen schicken Flakon stecken; gut enden würde dies sicherlich nicht!
Ich hoffe ich verliere nicht meine Begeisterung für diese Stadt, in der es so viel zu Entdecken gibt. Sie ist so gar nicht schön, aber wie eine Goldgrube voller interessanter Leute und Geschichten. So freue ich mich jedes mal, wenn ich den Obdachlosen sehe, der täglich, mit einem Bier in der rechten Hand versucht, mir ein Ticket für einen Euro anzudrehen. Er steht jeden Tag vor der U-Bahnhaltestelle und ich bin mir nicht sicher, ob das, was er dort macht, ganz legal ist. Solange das so bleibt, weiß ich allerdings, dass Berlin noch in Ordnung ist.
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So schön 'beobachten' und staunen kann man überall, wo es anders ist, als man's gewohnt ist, also auch, wenn man als Großstadtpflanze auf's Land kommt. Allerdings fällt man da mehr auf. :)
Gucke schön weiter! |
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Berlin, Berlin...
Na, dann pass mal auf, dass Du nicht irgendwann schon am Eingang der U-Bahnstation von Berliner Omas umzingelt wirst, die dann alle wie zufällig da stehen, wenn Du Dich hinsetzt. Wenn die sich dann allerdings mit ihren Hantaschen verprügeln, weil sie sich nicht einig sind, wer zuerst da war... ...hm...ja dann hast Du wieder was zu gucken;-) Echt gern gelesen! |
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Haha, Danke! Ich werde auf mich aufpassen! ;)
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Gern gelesen,
vielen Dank! |
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"...zwei lustige Roma, die verrückte Musik machen...
freue ich mich jedes mal, wenn ich den Obdachlosen sehe..." Wahrlich - noch viel Euphorie! Mir fällt es in dieser Stadt schon um einiges schwerer, unter den Musikanten noch "lustige Roma" zu entdecken; geschweige denn, mich über Obdachlose zu freuen. Aber ich will Dir jetzt nicht die Laune versauen und danke für den Artikel! Selbst bin ich wohl gegenüber Berlin in einer Art Hassliebe gefangen, die mich stets am Schwanken hält. Neben nahezu allem, was Du nennst, schätze ich vor allem auch die Pluralität in Berlin - hoffen wir, dass die noch 'ne Weile hält - und dass es so viel Grün gibt. Und: Im SOmmer ist Berlin am besten! |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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