Während Badminton and Tischtennis gewissermaßen traditionelle chinesische Sportarten sind, hat sich Tennis als staatlich geförderte Sportart erst mit der Etablierung einer chinesischen Mittelschicht, nach der ökonomischen Öffnung durchgesetzt.
Die oft kolportierte Anekdote, in der die sechsjährige Li Na auf Anraten ihres Trainers die Eltern fragen soll, ob sie nicht vom Federball zum Tennis wechseln könne, ist bezeichnend für die Bedeutung des Sports noch vor 20 Jahren. Li Nas Mutter soll mit einer Gegenfrage reagiert haben: "Was ist denn Tennis?"
Für das staatliche Sportsystem Chinas ist Tennis allerdings eine Herausforderung. Die besonderen Stärken des Systems greifen dort, wo einige wenige Betreuer eine "Horde" von Talenten betreuen und sukzessive nach Veranlagung filtern kann - und damit bei Sportarten, deren Infrastruktur für eine hohe Anzahl von Sportlern ausreichend ist. Tennis ist ungefähr das Gegenteil dessen - platz- und materialintensiv und ohne individuelle Betreuung kaum zu bewältigen.
Dennoch gelang es zumindest den chinesischen Frauen, in Asien dominant zu werden. Mit dem Aufstieg in Richtung der Weltspitze in einem "Nobelsport" verstärkten sich allerdings auch die Turbulenzen im Betreuungssystem. Nicht nur sportlich war die Wahl der Trainer und sogar Doppelpartner eingeschränkt und der Tourplan v orgegeben, auch der Abschluss individueller Sponsorenverträge war untersagt.
Den aufbegehrenden Athletinnen sprangen allerdings einige wenige Funktionäre bei, die den Freiraum, den die nicht-chinesische Konkurrenz genoss, als möglicherweise entscheidenden Vorteil benannten. Sukzessive wurden Beschränkungen aufgeweicht - individuelle, nicht-chinesische Trainer sind heute eher die Regel denn die Ausnahme - bis dahin, dass das vielleicht größte Tennistalent Peng Shuai mit einer republikchinesischen Doppelpartnerin nicht nur die China Open gewann, sondern auch noch als beste chinesische Sportkombination nominiert wurden. Nicht zuletzt dürfen die Topathleten über ihre Preisgelder verfügen.
Bisher ist diese weitreichende Öffnung allerdings beschränkt auf ganze vier Tennisspielerinnen. Das "Davonfliegen" genannte, nun ein Jahr alte Programm ist zudem trotz der Erfolge weiter sehr umstritten. Sun Jinfang, Direktorin des chinesischen Tennisverbandes, beleuchtete in einer Bilanz vor allem die Misserfolge des Programms und schloss auch die Aufnahme weiterer Athleten vorerst aus.
Während dessen zogen in dieser Woche mit Zheng Jie und Li Na erstmals Chinesinnen ins Halbfinale der Australien Open ein. Suns skeptische Haltung könnte am Wochenende so von der Realität konterkarriert werden, falls die Sensation geschehen und Li nach Venus auch Serena Williams schlagen und Zheng andererseits die Rückkehrerin Justine Henin ausschalten können sollte - das erste rein chinesische Finale eines Grand Slams, noch dazu beim einzigen in der asia-pazifischen Hemisphäre wäre theoretisch möglich.
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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